So geht Wirtschaft, die mehr als nur den Profit im Kopf hat

Diese Idee finden in Berlin nicht nur Grüne gut: die Gemeinwohl-Ökonomie. Entsteht hier die Wirtschaft der Zukunft?

27. November 2019  10 Minuten

Die Nachrichten dazu klangen vor Kurzem so, als seien wir nur knapp einer gewaltigen Naturkatastrophe entkommen. Als hätte ein Hurrikan Deutschland im letzten Moment doch noch verschont. Als sei eine Sturmflut ausgeblieben. Vorbeigeschrammt ist Deutschland in Wirklichkeit aber an der Rezession. Eine Rezession bezeichnet einen wirtschaftlichen Abschwung. Volkswirte machen es daran fest, dass das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in mindestens 2 aufeinanderfolgenden Quartalen (Vierteljahren) schrumpft. Im zweiten Quartal 2019 hatte es bereits ein Minus beim Bruttoinlandsprodukt gegeben. Nun bekommen wir doch noch ein kleines Wachstümchen hin: 0,1% wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Das Bruttoinlandsprodukt misst die Produktion von Waren und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft. im dritten Quartal 2019 wachsen, nachdem im Quartal zuvor das BIP geschrumpft war. »Na, zum Glück«, denken viele reflexhaft. Ist ja etwas Gutes: Arbeitsplätze bleiben erhalten, toll! Oder? Im zweiten Moment kommen dann aber Zweifel.

Ist eine Rezession nicht vielleicht sogar das, was wir dringend bräuchten? Weniger Produktion, weniger Abgase, weniger Müll? Denn: Trotz Fridays for Future und Extinction Rebellion hat sich in Summe doch bisher nichts verbessert. Der »Earth Overshoot Day« Der »Earth Overshoot Day« bezeichnet den Tag des Jahres, ab dem die Menschen mehr natürliche Ressourcen verbrauchen als die Erde ihnen zur Verfügung stellt. Der Begriff geht auf eine Kampagne der Organisation »Global Footprint Network« zurück. Der Tag verschiebt sich jährlich ein Stück nach vorne. 2018 war er noch am 1. August. war am 29. Juli, seitdem leben wir ressourcenmäßig auf Pump. Diesen Tag werden wir jedes Jahr ein bisschen früher erreichen, wenn sich nichts ändert. Das Umweltbundesamt zum Verpackungsmüll in Deutschland (2019) Plastikmüll produziert der Bundesbürger auch mehr als je zuvor: 226,5 Kilo pro Jahr pro Kopf. Und der CO2-Ausstoß sinkt in Deutschland viel zu langsam, weltweit steigt er sogar. Das Pariser Klimaschutzabkommen ist für die Weltgemeinschaft offenbar eher gut gemeinter Rat als Handlungsmaxime.

Nicht nur Vertretern der Postwachstumsökonomie »Postwachstumsökonomie« bezeichnet eine Wirtschaft, die ihren Wohlstand nicht über ein Wachstum des BIP definiert. Postwachstum geht mit geringerem Konsum und dem teilweisen Rückbau von Industrie einher. In einer Postwachstumsökonomie ist neben Konsumverzicht auch möglichst lokale Selbstversorgung wichtig. Ideen von nachhaltigem oder qualitativem Wachstum lehnen Vertreterinnen der Postwachstumsökonomie ab. Auch die Gemeinwohl-Ökonomie ist für sie zu stark am konventionellen Wirtschaftsmodell orientiert. dämmert so langsam, dass alles damit zusammenhängt, wie wir wirtschaften. Denn wenn die Wirtschaft immer weiter wachsen soll, dann steigt trotz aller Effizienzgewinne der Industrie auch der Ressourcenverbrauch. Wo also ist der Ausweg aus diesem Hamsterrad? Vor Kurzem hat die Co-Vorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, einen Vorschlag in diese Richtung gemacht: Han Langeslag darüber, warum das BIP die besten Zeiten hinter sich hat Wir sollten weg vom BIP, das nicht den wahren Wohlstand einer Gesellschaft messen könne.

Chris Vielhaus übder das »Wellbeing-Budget« in Neuseeland Neuseeland, Schottland und Island zeigen bereits, dass es möglich ist, die Alleinherrschaft des Bruttoinlandsprodukts aufzuweichen. »Kontrast« über die Staaten der Wohlfahrtswirtschaft (2019) Dazu haben sie eine Ländergruppe gegründet, die sich für eine »Wohlfahrtswirtschaft« einsetzt. Faktoren wie psychische Gesundheit, Zugang zu Wohnraum und Gleichberechtigung von Frau und Mann fließen künftig in die Wohlstandsmessung ein. Klingt gut, aber reicht das aus für ein Umdenken in der Wirtschaft?

Neue Wirtschaft = neue Gesellschaft

Eine damit zusammenhängende Idee, die derzeit nicht nur bei den Grünen, sondern in Berlin auch jenseits von Parteigrenzen kursiert, ist die der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Annalena Baerbock schlug gleich auch noch vor, die Deutsche Bahn solle neben ihrer normalen Finanzbilanz eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen lassen, testweise. Und zwar basierend auf den Ideen der Gemeinwohl-Ökonomie, einer offenen sozialen Bewegung, die um das Jahr 2010 aus dem österreichischen Attac-Umfeld »Attac« ist eine globalisierungskritische NGO, die ihren Ursprung in Frankreich hat. »Attac« bedeutet übersetzt »Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürgerinnen«. Die Organisation hat weltweit 90.000 Mitglieder in 50 Ländern. hervorging. Eine zentrale Figur der Bewegung ist Christian Felber, Mitbegründer von Attac Österreich. Er ist so etwas wie der Vordenker der Gemeinwohl-Ökonomie, hat die Idee in Büchern ausgearbeitet. Die GWÖ ist nicht nur ein Ansatz, um die Wirtschaft neu zu ordnen – es geht auch um mehr direkte Demokratie, das wird im Gespräch mit ihm schnell klar. Felber und seine Mitstreiterinnen entwerfen letztlich den Vorschlag für eine neue Gesellschaft. Zentral dafür ist die Frage: Wie misst man das Gemeinwohl und worin besteht es?

Ein rationaler Zugang wäre, zu messen, was uns wirklich wichtig ist: dass wir gesund sind, gut ernährt sind, gut schlafen, dass unsere Beziehungen von hoher Qualität und Stabilität sind, dass wir gebildet sind und demokratisch partizipieren dürfen, dass wir Frieden haben, die Umwelt intakt ist, dass die Bienen summen und die Geschlechter gleichgestellt sind. Dann haben wir Gewissheit, wie es uns geht. Und umgekehrt aber alles Negative, was das Bruttoinlandsprodukt steigen lässt, vom Verkehrsunfall bis zur Umweltzerstörung, das ist natürlich nicht drin. – Christian Felber, Autor und Wissenschaftler

Was das Gemeinwohl ist, sollen die Bürgerinnen und Bürger eines Landes letztlich selbst demokratisch bestimmen. In seinem Buch zur GWÖ orientiert sich Felber an klassischen Grundwerten und -rechten: Menschenwürde, Vertrauen, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung. Daraus sollen etwa 20 konkrete Kennzahlen Wie das Gemeinwohl-Produkt aussieht, aus welchen Werten es sich zusammensetzt, sollen die Bürgerinnen und Bürger eines Landes selbst bestimmen dürfen, explizit nicht das Parlament. Das kann in jedem Land unterschiedlich aussehen. Christian Felber argumentiert, dass die basalen Bedürfnisse der Menschen überall recht ähnlich seien und große Abweichungen nicht zu erwarten sind, vorausgesetzt, die Menschen selbst dürften das Gemeinwohl-Produkt bestimmen. abgeleitet werden, die ein Gemeinwohl-Produkt bestimmen. Je höher der Wert, desto besser geht es den Menschen.

Wirtschaft, die auf dem Kopf steht

Warum das Gemeinwohl zentral sein soll, leitet die Bewegung aus der griechischen Antike her.

Christian Felber ist einer der Entwickler des Konzeptes der Gemeinwohl-Ökonomie. – Quelle: Robert Gortana copyright

»Geolino« erklärt kurz und bündig, wer Aristoteles war »Aristoteles hat die ›oikonomia‹, in der das Geld nur ein Mittel und das Gemeinwohl das Ziel ist, von ihrem Gegenteil unterschieden«, sagt Felber. »Das ist die ›chrematistike‹, bei der Mehrung von Geld und Kapital das Ziel ist. Wirtschaftlicher Erfolg wird hier nur an der Mehrung von Geld und Kapital gemessen. Aber das ist eben keine Ökonomie, es ist Kapitalismus oder nach Aristoteles ›chrematistike‹. Wir werden zu einer politischen Ökonomie, einer sozialen, einer ethischen und einer ökologischen Ökonomie zurückkehren. Das ist ja mein Vorschlag, eine ganzheitliche Ökonomik, die alle ihre Kontexte wieder entdeckt und dadurch zu einer gesunden Wirtschaftswissenschaft wird.« Dass das Wirtschaftsverständnis heutzutage ein anderes ist, schreibt Felber einer ökonomischen Strömung namens Neoklassik zu, die 1870 begründet wurde und die bis heute die Wirtschaftswissenschaft beherrscht. Zentral ist die Vorstellung, dass der Mensch ein »Homo oeconomicus« sei, der immer rational entscheide nach dem, was ihm am meisten nützt – der Mensch als rationaler Egoist also. Die Neoklassik habe die Ökonomie von ihrer politischen Bedeutung getrennt, Demokratie, ethische und ökologische Fragen beiseitegelegt und sich zu einer Quasi-Naturwissenschaft erklärt, in der unveränderliche Kräfte wirken.

Geld darf also nur Mittel zur Erreichung des wirklichen Ziels sein: des Gemeinwohls. Das sei auch in vielen Verfassungen niedergeschrieben. Auch im Grundgesetz, dort heißt es:

Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. – Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Art. 14, Abs. 2

Die Argumentation der Gemeinwohl-Bewegung ist, dass die Wirtschaft so aber nicht funktioniere. Ziel des aktuell vorherrschenden Wirtschaftens sei der Profit, das Gemeinwohl jedoch höchstens willkommene Nebensache. Die Wirtschaft steht sozusagen derzeit auf dem Kopf. Christian Felber demonstriert das auch gern mal körperlich. Klingt absurd? Bei Vorträgen baut er dazu öfter einen Kopfstand ein und hört dabei nicht einmal auf zu sprechen. Die Wirtschaft müsse wieder auf die Füße gestellt werden – und die Lösung dazu soll die GWÖ sein. Szenenapplaus hat er dabei sicher. Tanzaufführung zur Gemeinwohl-Ökonomie Und für jemanden, der die GWÖ sogar als moderne Tanzaufführung im Repertoire hat, ist ein Kopfstand natürlich immer machbar.

Große Vision, umgesetzt in kleinen Schritten

Dieses Umdenken beginnt sehr pragmatisch dort, wo es die meisten Berührungspunkte von normalen Bürgern, Politik und Wirtschaft gibt: in den Gemeinden und Städten. Hier ist Mitwirkung meist recht leicht möglich. Nicht ein revolutionärer Umsturz von politischer Seite soll den Wandel bringen, sondern gezielte wirtschaftliche Anreize. Unternehmen müssten in die Pflicht genommen werden, sogenannte »Gemeinwohl-Bilanzen« zu erstellen. Wer nach dieser Bewertung dem Gemeinwohl dient, soll auch etwas davon haben.

»Die Gemeinwohl-Ökonomie wächst organisch von unten nach oben. Das heißt, wir beginnen bei der kommunalen Wirtschaftsförderung. Diese wird auf das Ergebnis der Gemeinwohl-Bilanzen der Unternehmen ausgerichtet. Dann erhalten nicht mehr die billigsten Dumper und Externalisierer den Zuschlag bei öffentlichen Ausschreibungen, sondern die menschen- und klimafreundlichsten«, sagt Christian Felber.

Die Gemeinwohl-Bilanz ist das Herzstück der Gesellschaftsvision. Unternehmen, aber auch Kommunen und Bildungseinrichtungen sollen so eine Bilanz erstellen. Welchen Stellenwert haben Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung in der Firma oder der Stadt in diesem Konzept? Werden die Werte gegenüber Lieferanten, Mitarbeitern, Kunden und dem gesellschaftlichen Umfeld eingehalten?

Hier findest du das Arbeitsbuch zur Gemeinwohl-Bilanz (2017, PDF) Wie das konkret funktioniert, hat die Gemeinwohl-Bewegung in einem 114-seitigen Handbuch festgehalten, das immer wieder Updates erhält. Obwohl die Mechanismen zur Belohnung der Besten noch nicht existieren, machen Unternehmen bereits mit: Mehr als 2.000 Firmen weltweit unterstützen die Idee der GWÖ, etwa 400 haben bereits eine Bilanz erstellt. Mit dabei sind vor allem kleinere Unternehmen wie Bäckereien oder Schreinereien. Aber auch größere Unternehmen wie der Outdoorartikelhersteller Vaude machen mit. Konzerne halten sich noch zurück.

So sieht die sogenannte Matrix aus, die verdeutlicht, welche Kriterien für die Gemeinwohl-Bilanz derzeit angelegt werden. – Quelle: Gemeinwohl Ökonomie CC0

Wie so ein Gemeinwohl-Bericht aussehen kann, siehst du hier am Beispiel von Greenpeace.

Auf einer Skala von −3.600 bis 1.000 kommen die Umweltschützer auf 653 Punkte. Ein Unternehmen kann bei der Bilanz auch negative Punktzahlen erreichen. Verletzung von Menschenrechten, Verstöße gegen Umweltauflagen oder das Arbeiten mit geplantem Verschleiß von Produkten können bis zu 200 Minuspunkte einbringen. Das erreichen der Null als Bilanzsumme entspricht einem neutralen Ergebnis. Unternehmen, die derzeit schon mitmachen, sehen die Gemeinwohl-Bilanz eher als Teil ihrer Corporate Social Responsibility (CSR), Corporate Social Responsibility beschreibt den freiwilligen Einsatz eines Unternehmens für eine nachhaltigere Entwicklung der Wirtschaft. Dabei kann es um Umwelt, Sozialthemen oder Ähnliches gehen. Meist dienen die Maßnahmen auch dazu, dem Unternehmen ein besseres Image zu verleihen. Kritiker bezeichnen CSR oft als Greenwashing. also ihres Engagements für Nachhaltigkeit, das über die gesetzlichen Pflichten hinausgeht. Klar, damit kann man sich bereits jetzt schmücken – und eines Tages, wie in der Vision angelegt, sollen dann tatsächlich auch Steuererleichterungen oder Bevorzugungen bei öffentlichen Aufträgen winken.

Kapitalismus an die Kette legen

Die Gemeinwohl-Bewegung möchte aber nicht auf der Unternehmensebene stecken bleiben, sondern die gesamte Gesellschaft verändern. Laut Felber liegt das größte Problem ohnehin dort, wo Spitzenpolitik auf Unternehmen und Medien trifft. Interview über fehlende Transparenz zu Lobbyisten in Ministerien (2019) Dort, wo Minister in Lobbyjobs wechseln, Konzernlenker in der Politik landen und wo externe Mitarbeiter aus der Wirtschaft freien Zugang zu Ministerien haben. Dort, wo große Medienunternehmen enge Kontakte in diese Kreise pflegen und oft auch eigene politische Interessen haben. Manch einer denkt da vermutlich schnell an die Berliner Hauptstadtblase, in der manchmal Grenzen verschwimmen. Wer hier dabei ist, hat deutlich mehr Möglichkeiten, zu bestimmen, was im Land passiert, als die normale Wählerin.

»Die Demokratie ist infolge dieser Bedingungen und Entwicklungen in einer progressiven Krise. Wenn wir die ökonomischen Ungleichheiten, Lobbyismus und Medienkonzentration unangetastet lassen und Demokratie auf ein Wahlkreuz für eine Partei alle 4 oder 5 Jahre reduzieren, dann wandelt sie sich schleichend in die berühmte Postdemokratie«, Der Begriff »Postdemokratie« beschreibt einen Zustand, in dem immer mehr private und partikulare Interessengruppen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Zwischen die Wahlen tritt also ein weiterer handlungsbestimmender Faktor. Vor allem Menschen und Unternehmen mit guter finanzieller Ausstattung können so Politik mitbestimmen. Das Gewicht der einzelnen Wählerinnen wird so entwertet. Geprägt wurde der Begriff vom Politikwisschaftler Colin Crouch. sagt Christian Felber.

Eine Veranstaltung des Vereins zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie in Salzburg im Mai 2019. – Quelle: Foto Flausen copyright

Deswegen will die GWÖ mehr Möglichkeiten zur direkten Einflussnahme der Bürger schaffen. Sogenannte Themenkonvente erarbeiten zu Beginn grobe Richtschnüre für das Parlament, etwa in den Bereichen Wirtschaft, Demokratie oder Bildung. Die Konvente werden gewählt oder per Los zusammengestellt und sollen den Startimpuls geben. Sie gehen danach wieder auseinander. Auch anschließend soll jeder Bürger noch Gesetze auf den Weg bringen können. Ein 3-stufiges Modell ebnet den Weg von einer Idee über das Bürgerbegehren bis zum Gesetz per Volksabstimmung.

Auch bei Unternehmen gibt es Eingriffe: Während Christian Felber bei kleinen Unternehmen keine Gefahr einer gefährlichen Geld- und Machtkonzentration sieht, möchte er größere Unternehmen demokratisieren. Los geht es bei einer Belegschaft von mehr als 250 Personen. Belegschaft und Gesellschaft bekommen laut seiner Idee Mitspracherechte, und zwar umso mehr, je größer das Unternehmen ist. Als Illustration sei an dieser Stelle nur die höchste Stufe genannt: Ab 5.000 Mitarbeiterinnen werden Entscheidungen zu jeweils 1/5 an Eigentümerinnen, Belegschaft, Kundinnen, Gender-Beauftragte und Umwelt-Anwältinnen übergeben. Die Mehrheit der Unternehmen würde diese Regelung jedoch nicht treffen: 89% der deutschen Unternehmen sind zu klein. Die wenigen großen Unternehmen machen knapp die Hälfte des Gesamtumsatzes der deutschen Wirtschaft aus, was deren Einflussmöglichkeiten unterstreicht. Laut Statistischem Bundesamt hatten 2017 89% der Unternehmen in Deutschland eine Belegschaft von 10 Personen oder weniger. Nur 0,43% der Unternehmen hatten mehr als 250 Mitarbeiter. Hier sollen dann eben auch gesellschaftliche Gruppen mitreden und den Kurs des Unternehmens mitbestimmen.

Abgesehen davon sollen auch Spitzengehälter gedeckelt werden und einem bestimmten Vielfachen des Mindestlohns entsprechen, das Privatvermögen insgesamt soll ebenso begrenzt werden wie Erbschaften. Wo der Deckel wäre, würde der Wirtschaftskonvent entscheiden. Daran, dass es Privateigentum gibt und dass auch Unternehmen in privatem Besitz sein können, ändert sich im Prinzip nichts. Die GWÖ will nicht den Kapitalismus an sich abschaffen – sie will ihn einfangen und an die Kette legen.

Kritik an der Gemeinwohl-Ökonomie

Und hier gibt es fundamentale Kritikpunkte vor allem von denjenigen, die diese unbegrenzte Freiheit des Einzelnen als wichtigstes Gut ansehen. Randolf Rodenstock, der früher den Brillenhersteller Rodenstock geleitet hat und nun Vorsitzender des unternehmer- und wirtschaftsnahen Thinktanks Roman-Herzog-Institut ist, attestierte der Gemeinwohl-Ökonomie einen »harten sozialistischen Kern«. Randolf Rodenstock schreibt im »Focus« über die GWÖ (2015) Sie setze auf Lenkung und Kontrolle statt auf die »Freiheit des Individuums«.

Das Buch »Gemeinwohl-Ökonomie« erschien erstmals im Jahr 2010. Felbers neues Buch »This is not Economy« setzt sich mit der Wirtschaftswissenschaft auseinander. – Quelle: Christian Felber copyright
Die Wirtschaftskammer Österreich kritisierte in einer ausführlichen Stellungnahme, das Gemeinwohl könne nicht für alle bestimmt werden. Jeder solle selbst entscheiden können, was für ihn Wohlstand und Lebensqualität seien. Durch die Begrenzung von Einkommen fehlten Leistungsanreize, Unternehmer würden keine hohen Risiken mehr eingehen. Auch die Idee eines Wirtschaftskonventes lehnt die Kammer ab. Es sei nicht sichergestellt, dass die Teilnehmer nicht doch nur ihren Eigeninteressen folgten. Die Wirtschaftskammer Österreich zur GWÖ (2013, PDF) Fazit: Bei einer Einführung der GWÖ würden große Unternehmen ins Ausland abwandern. Eine soziale Marktwirtschaft sei vorzuziehen.

Diese Ansicht geht mit einer stark liberal oder neoliberal geprägten Weltsicht einher, nach der ein Staat möglichst keinen Einfluss auf die Wirtschaft ausüben soll und das Individuum und dessen Freiheit als zentral gelten. Der Einzelne gilt als gesteuert von Eigeninteressen und Konkurrenzdenken. Es prallen hier also 2 grundsätzlich unterschiedliche Weltbilder aufeinander.

Timo Meynhardt und Andreas Fröhlich über die Gemeinwohl-Bilanz (2017) Wirtschaftspsychologe Timo Meynhardt von der Universität St. Gallen hat das Instrument der Gemeinwohl-Bilanz auf Nutzen und Perspektiven aus Unternehmenssicht überprüft. Er sieht wichtige Impulse, bemängelt aber, dass der Gemeinwohl-Begriff, der hinter der Bilanz stehe, bisher nicht demokratisch legitimiert, sondern von der GWÖ-Bewegung bestimmt sei. Er sieht die Bilanz als Maßnahme im Rahmen von Corporate Social Responsibility, dem freiwilligen Beitrag eines Unternehmens zur nachhaltigen Entwicklung der Wirtschaft.

Für Ökonom Niko Paech, einen bekannten Vertreter der Postwachstumsökonomie, funktioniert das Konzept nicht. Niko Paech im Interview über die GWÖ (2014) Er hält es für wirkungslos bis kontraproduktiv, weil es bequeme Lösungen suggeriere, Unternehmen zum Greenwashing einlade und Konsumenten von der Eigenverantwortung entbinde.

Eine Zukunftsvision nimmt Fahrt auf

Trotz allem wächst die GWÖ-Bewegung – vielleicht, weil jeder recht einfach mitmachen kann. Mehr als 6.000 Privatpersonen unterstützen den Verein laut Website des Vereins zur Förderung der GWÖ Website der Bewegung. Die Idee schwärmt in die Welt: »Der Spiegel« über die GWÖ-Pioniere in Südtirol (2016) Der Südtiroler Vinschgau ist eine sogenannte Gemeinwohl-Region, die aus 4 Gemeinden besteht, und an der Universität von Valencia gibt es seit Juni 2017 einen Lehrstuhl für Gemeinwohl-Ökonomie. Der Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Union hat der EU-Kommission empfohlen, Ausschussempfehlung zur GWÖ (2015) die Idee der GWÖ im EU-Recht zu verankern. Es sei möglich, sie innerhalb marktwirtschaftlicher Prinzipien zu verwirklichen. Der Koalitionsvertrag von Grün-Schwarz in Baden-Württemberg (PDF) In Deutschland hat Grün-Schwarz in Baden-Württemberg eine Förderung der GWÖ bereits in den Koalitionsvertrag geschrieben.

Christian Felber ist überzeugt davon, dass die Wirtschaft vor einem fundamentalen Wandel steht, vor allem mit Blick auf die großen Herausforderungen der Menschheit durch den Klimawandel. Die offene Frage ist, ob seine Idee den Sprung zum Wirtschaftssystem schafft. Es ist ebenso gut möglich, dass sie in einem freiwilligen Bilanzierungssystem für interessierte Unternehmen und Gemeinden stecken bleibt und politische Handlungen inspiriert, aber nicht verbindlich wird. Die größte Überzeugungsarbeit muss Felber wohl weiter in den Vorstandsetagen der großen Konzerne, bei liberalen Mittelständlern und den konservativeren Parteien leisten. Und wahrscheinlich wird er dafür auch noch den ein oder anderen Kopfstand vollbringen und danach sicher auf beiden Beinen landen müssen.

Titelbild: Daniel Funes Fuentes - CC0

von Benjamin Fuchs 

Jeder weiß: Unsere Arbeitswelt verändert sich radikal und rasend schnell. Nicht nur bei uns vor der Haustür, sondern auch anderorts. Wie können wir diese Veränderungen positiv gestalten und welche Anreize braucht es dafür? Genau darum geht es Benjamin, der erst Philosophie und Politikwissenschaft studiert hat, dann mehr als 5 Jahre als Journalist in Brasilien lebte und 2018 zurück nach Deutschland gekommen ist. Es gibt viel zu tun – also: An die Arbeit!

Themen:  Nachhaltigkeit   Gerechtigkeit   Geld  

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