PD Daily 

Warum Frauen besser wissen, wie man ein Unternehmen aufbaut

Unternehmerinnen haben es schwer, Investoren zu finden. Dabei sind von Frauen gegründete Start-ups häufig rentabler. Woran das liegt und was jetzt zu tun ist.

3. Dezember 2019  4 Minuten

Als die US-amerikanische Unternehmerin Janica Alvarez im Jahr 2013 versuchte, Mittel für die Gründung ihres Start-ups Naya Health einzuwerben, hatte sie große Schwierigkeiten, von den potenziellen Investoren ernstgenommen zu werden. Sie hatte ein Produkt entwickelt, worauf viele Mütter nach der Geburt ihres Kindes angewiesen sind: Milchpumpen. In den USA dominiert, ebenso wie in Deutschland, die Firma Medela den Milchpumpen-Markt. Janica Alvarez war der Ansicht, dass das Produkt nicht gut genug war. Also wollte sie ein besseres schaffen. Die Milchpumpen von Naya Health sollten effizienter, leiser und angenehmer in der Anwendung sein als die Medela -Version. Es handelte sich um ein innovatives Produkt, das den Bedürfnissen einer großen Zielgruppe entspricht – und zwar offensichtlich besser als das den Markt dominierende Produkt. Allerbeste Voraussetzungen also, um zu gründen.

Doch die Investoren waren nicht interessiert. Die britische Autorin und Aktivistin Caroline Criado-Perez berichtet in ihrem Buch »Unsichtbare Frauen« von dem Fall. Janica Alvarez sei in Investorenmeetings auf Männer gestoßen, die nach dem Produkt googelten, auf Pornoseiten landeten und dumme Sprüche klopften. Die Männer seien zu angewidert gewesen, um die Milchpumpe überhaupt in die Hand zu nehmen. Sie erkannten die Bedeutung des Produkts einfach nicht. So scheiterte Naya Health , weil es nicht gelang, genügend Kapital aufzutreiben.

In diesem Artikel von Katharina Wiegmann erfährst du mehr über Caroline Criado-Perez’ Buch »Unsichtbare Frauen«:

Investoren zweifeln, dass Frauen mit Geld umgehen können

Das Beispiel von Janica Alvarez ist keine Ausnahme. Eine Hier findest du die Untersuchung (englisch, 2019, PDF) aktuelle Untersuchung der Boston Consulting Group (BCG) zeigt, wie stark die Gründerszene männlich dominiert ist und wie schwer es Gründerinnen haben, ihre Geschäftsideen zu finanzieren. Ausgerechnet die Gründerszene, in der sich Entrepreneurs und Start-ups gern fortschrittlich und gesellschaftsverbessernd präsentieren, bestätigt die verbreitete Sicht, dass Erfindergeist und wirtschaftliche Innovationskraft Angelegenheiten von Männern sind. Um die Behauptung zu überprüfen, ob Innovationskraft und wirtschaftswissenschaftliche Exzellenz meist mit Männern in Verbindung gebracht wird, empfehle ich eine Google-Suche. Wer dort »berühmte Ökonomen«, »berühmte Erfinder« oder »berühmte Unternehmer« eingibt, bekommt fast ausschließlich Männer angezeigt. Auch ein Blick auf die Nobelpreisträger lohnt sich. Es handelt sich meist um Männer mittleren oder höheren Alters. Der Frauenanteil inklusive dem Wirtschaftsnobelpreis liegt bei 5,7%. Ebenfalls vielsagend: Die 10 reichsten Menschen der Welt – allesamt Wirtschaftsmanager – sind Männer. Diese Beispiele sind natürlich nur die besonders offensichtlichen Erkennungszeichen einer Wirtschaft, die männliche Machtstrukturen reproduziert.

Nur 4% aller Start-ups in Deutschland werden laut der BCG-Untersuchung von Frauen gegründet. Deutschland liegt mit diesem Ergebnis hinter Großbritannien (8% weiblich) und Frankreich (5% weiblich), die allerdings auch nicht deutlich besser dastehen. 10% der Start-ups sind gemischt und in 86% der Firmen sind die Gründer ausschließlich männlich. Die Unternehmensberatung wertete für die im September 2019 erschienene Studie Personal-, Unternehmens- und Finanzierungsdaten seit 2008 von über 15.000 Start-ups aus Deutschland, Frankreich sowie Großbritannien und von deren mehr als 27.500 Gründerinnen und Gründern aus. Der Hier findest du den »Female Founders Monitor« (2019, PDF) »Female Founders Monitor 2019« kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die Studie zur Bedeutung von Frauen für Start-up-Gründungen berücksichtigt 1.547 Start-ups. Von den insgesamt 3.747 Gründern sind 15,1% Frauen und 84,9% Männer.

»Männer geben Männern Geld. Diesen Mechanismus müssen wir durchbrechen«, sagt BCG-Geschäftsführerin Katharina Hefter. Die Veränderungsdynamik in der Geschlechtervielfalt deutscher Gründerteams gehe gegen Null. »Wenn wir das nicht ändern, verschließen wir nicht nur Frauen die Tür in die Zukunft, wir verzichten auch auf ein großes unternehmerisches Potenzial.« Diese Bestandsaufnahme ist traurig für eine Branche, die für »disruptive Innovation« steht, also für die Zerschlagung und Ablösung bestehender Märkte. Die Einsicht, dass Disruption auch in den Organisationsstrukturen notwendig ist, hat sich in der Gründerszene noch nicht durchgesetzt. Allerdings liegt die Ursache für die Chancenungleichheit nicht nur in der Wie Unternehmen vielfältiger werden können, erkläre ich in diesem Text fehlenden Diversität von Gründerteams.

Ein zentraler Grund, warum so wenige Frauen ein Unternehmen gründen, ist, dass sie weniger Förderung von Investoren erhalten. Es gibt natürlich noch andere Ursachen. Weitere Hürden liegen in politischen und rechtlichen Strukturen, etwa im Sozialversicherungs- und Steuersystem, das in Deutschland immer noch auf den männlichen Familienernährer zugeschnitten ist und Frauen nicht dazu ermuntert, eigene Geschäftsideen umzusetzen. Die Rede ist in diesem Zusammenhang auch vom sogenannten »Confidence Gap«. Damit ist gemeint, dass Investoren ein geringeres Vertrauen in die wirtschaftlichen und innovativen Fähigkeiten von Frauen haben.

Die BCG-Studie hat ermittelt, dass rein weibliche Start-ups in Deutschland eine 18% geringere Chance haben, nach der Gründung Investorengelder zu akquirieren. Geht es um die Suche nach einem Hauptinvestor für ihr neues Unternehmen, haben Frauen hierzulande sogar eine 25% geringere Erfolgswahrscheinlichkeit. »Diese Ungleichbehandlung zieht sich durch sämtliche Phasen der Gründungsfinanzierung«, heißt es in der BCG-Studie. So haben rein weibliche Start-ups eine 40% geringere Chance, in der wichtigen zweiten Finanzierungsrunde das Firmenwachstum mit Fremdmitteln zu sichern. In der dritten Runde ist die Erfolgswahrscheinlichkeit sogar 90% geringer.

Darum sind Frauen die besseren Gründer

Wie unsinnig es ist, dass männlich geführte Start-ups einfacher an Geld kommen, zeigt auch BGC: »Why Women-Owned Startups Are a Better Bet« (englisch, 2018) eine andere Untersuchung. Die Organisation Mass Challenge , die junge Unternehmerinnen und Unternehmer unterstützt, hat herausgefunden, dass von Frauen gegründete Start-ups im Schnitt deutlich rentabler sind. Die Datengrundlage dafür waren 1.500 Start-ups, die von Mass Challenge begleitet wurden. Frauen erzielten demnach für jeden investierten US-Dollar mehr als doppelt so hohe Einnahmen.

Das Geld der Investoren ist Bestes Beispiel dafür ist der gescheiterte Börsengang von »WeWork«, über den ich hier schreibe bei Frauen also besser aufgehoben. Ein Grund dafür könnte sein, dass Frauen laut »Female Founders Monitor« einen größeren Wert auf die Stabilität des Unternehmens legen. Eine erfolgreiche Gründung wird aber häufig mit dem Fokus auf schnelles Wachstum assoziiert und weniger mit nachhaltigem Erfolg des Unternehmens. Das führt dazu, dass Frauen deutlich weniger Kapital für ihre Gründungen erhalten. Analog zum »Gender Pay Gap«, dem geschlechtsbedingten Gehaltsunterschied, spricht die Organisation Mass Challenge von einem »Gender Investment Gap«.

Darauf zu warten, dass Investoren umdenken und die Hürden für Gründerinnen nach und nach von selbst verschwinden, wird nicht reichen. Solange Männer ihr Geld an andere Männer verteilen, kommt es darauf an, dass die Zielgruppe der Gründerinnen stärker fokussiert und gefördert wird. Das ist auch deshalb so wichtig, weil Frauen nicht nur aus ökonomischen Interessen gründen, sondern Warum Männer die Welt nicht retten werden, liest du in diesem Artikel von Katharina Wiegmann häufiger als Männer von gesellschaftlichen und sozialen Motiven angetrieben sind. Sie sehen in ökologischen und sozialen Herausforderungen viel stärker sich öffnende Marktchancen, wie es im »Female Founders Monitor« heißt.

Dieses Potenzial wird von den Investoren noch zu häufig verkannt. Damit sich bald etwas bewegt, braucht es eine ganze Reihe von Maßnahmen: etwa bundesweite und kommunale Förderprogramme und Netzwerke, Coworking-Spaces für Frauen, Gründerinnen- und Unternehmerinnenzentren. Regelmäßige regionale Veranstaltungen können helfen, Gründerinnen zusammenzubringen. Die Founders Foundation , Hier erfährst du mehr über die Founders Foundation eine der größten europäischen Start-up-Talentschmieden, veranstaltet zum Beispiel regelmäßig sogenannte »Female Founders Meetups«. Konkretere Hilfe zur Existenzgründung leistet das Berliner Frauennetzwerk Goldrausch . Hier findest du die Website des Vereins »Goldrausch« Der Verein vergibt Mikrokredite an Gründerinnen und Unternehmerinnen. Frauen geben Frauen Geld, dort ist der Mechanismus also durchbrochen.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Stefan Boes 

Kennst du auch das Gefühl, 1.000 Dinge tun zu wollen – oder zu müssen? Wie nutzt du die Zeit, die du hast? Stefan geht aus soziologischer Perspektive der Frage nach, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann – und wie wir Zeit gestalten können, ohne immer nur hinterherzurennen. Dazu gehört auch die Frage, wie die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben gelingen kann.

Themen:  Gerechtigkeit   Geld   Arbeit  

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich