Essay 

Ich habe 2 Wochen auf Nachrichten verzichtet. Das ist dabei rausgekommen

Je mehr News ich konsumierte, desto schlechter fühlte ich mich. Ich wollte wissen: Wie sieht Medienkonsum aus, der mich weiterbringt? Diese 10 Lektionen habe ich bei meinem Experiment gelernt.

9. Dezember 2019  16 Minuten

Eine Woche nach dem Beginn meiner selbst auferlegten Nachrichtensperre habe ich mich gefragt, ob ich eigentlich ein Problem habe. 6 Tage hatte ich da bereits sämtliche News in der Zeitung, im Radio, im Fernsehen und in den sozialen Medien gemieden. Der verflixte siebte Tag war nicht nur der Tag, an dem ich rückfällig wurde. Ich fragte mich auch: Warum mache ich das alles hier überhaupt?

Die einfache Antwort ist: Ich tat es, weil die Redaktion mein Vorhaben abgesegnet hatte, eine Weile auf Nachrichten zu verzichten, und nun einen Artikel erwartete. Die etwas längere Antwort ist unbequemer: Ich musste dieses Experiment machen, weil ich gemerkt habe, dass es nicht gut für mich ist, ständig online zu sein und mich mit Nachrichten zu beschäftigen. Ich musste herausfinden, ob es sich lohnt, ständig über alles informiert zu sein.

Die Frage »Warum das alles?« war also eigentlich geklärt, auch wenn ich in den 14 Tagen immer mal wieder an dem Sinn meines Tuns zweifelte. Doch was war mit der anderen Frage, der Frage, ob ich ein Problem hatte?

Phase 1: Die Selbstdiagnose

Oh ja, das hatte ich. Ich verbrachte schlicht zu viel Zeit damit, die tagesaktuelle Berichterstattung zu verfolgen. Und nicht nur das, sondern auch die Diskurse, die in den sozialen Medien darum entstanden. Ich sah all die Updates, Zwischenstände, Eilmeldungen, Tweets, Threads, Memes, Klarstellungen, Kritiken, Kommentare, Aufrufe, Empfehlungen und Empörungen, die gleichzeitig auf meine digitalen Geräte drangen und meine Aufmerksamkeit banden. Ich tat das, nur um zu überprüfen, ob etwas davon nicht vielleicht wichtig sein könnte. Ob ich vielleicht etwas verpasste. Ich lebte mit dem ständigen Gefühl, vielleicht eine wichtige Information zu versäumen. Dafür gibt es einen Fachbegriff: »Fear of missing out«.

Titelbild: Roman Kraft - CC0

von Stefan Boes 

Kennst du auch das Gefühl, 1.000 Dinge tun zu wollen – oder zu müssen? Wie nutzt du die Zeit, die du hast? Stefan geht aus soziologischer Perspektive der Frage nach, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann – und wie wir Zeit gestalten können, ohne immer nur hinterherzurennen. Dazu gehört auch die Frage, wie die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben gelingen kann.

Themen:  Journalismus   Internet   Gesellschaft  

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