Reportage 

Wohin mit dem deutschen Atommüll?

Bis 2031 soll er gefunden sein: der Ort, an dem Deutschlands Atommüll für Million Jahre sicher lagern kann. Doch obwohl alle mitbestimmen dürfen, interessiert sich heute kaum noch jemand dafür. Woran liegt das?

13. Januar 2020  11 Minuten

Tausende Behälter mit Atommüll unter deiner Stadt. Klingt nach Science-Fiction? Könnte aber wahr werden. Denn derzeit wird in Deutschland der Ort gesucht, an dem unser hochradioaktiver Müll am sichersten aufgehoben ist. Und theoretisch könnte das eben auch in 500 Meter Tiefe unter deinem Haus sein.

1.900 Behälter mit 27.000 Kubikmetern Ganz grob überschlagen entspricht das dem Volumen von 500 Hallenbad-Becken. hochradioaktiver Abfälle – das ist das, was nach rund 60 Jahren Kernenergie in diesem Land übrig bleibt. Offiziell steigt Deutschland zwar aus der Atomkraft aus, wenn Ende 2022 die letzten 3 Atomkraftwerke vom Netz gehen. Doch der Müll wird noch für eine Million Jahre So lange dauert es konservativen wissenschaftlichen Berechnungen zufolge, bis die radioaktiven Stoffe so zerfallen sind, dass sie nicht mehr stärker strahlen als natürliches Urangestein. gefährlich bleiben. Bis 2031 soll feststehen, wo er für diese unfassbare Zeitspanne am sichersten gelagert werden kann.

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Atommüll ist besonderer Müll, weil er strahlt. Wir können diese Strahlung nicht sehen oder fühlen, aber sie kann sehr schädlich sein. Je nachdem, wie stark die Strahlenbelastung ist, unterscheidet man in schwach-, mittel- und hochradioaktive Abfälle. Hochradioaktive Abfälle, meist verbrauchte Brennelemente aus Kernkraftwerken, machen nur einen geringen Anteil des deutschen Atommülls aus. Dafür sind sie besonders »aktiv«, das heißt, beim Zerfall der Stoffe entsteht besonders viel Strahlung und auch Wärme. Sie werden daher in speziellen Behältern, den Castoren, aufbewahrt, die die Strahlung abschirmen. Das Krasse ist: Einige der hochradioaktiven Stoffe bleiben für mehr als eine Million Jahre aktiv. So lange soll daher auch das Endlager halten.

Eine Mammut-Aufgabe für Deutschland

Die Suche nach einem Atommüll-Endlager ist eine beispiellose Aufgabe, die über politische Lager und das Denken in Legislaturperioden hinausgeht. Die Entscheidung, die wir treffen, wird möglicherweise unsere Demokratie überdauern. In jedem Fall wird sie viele nachfolgende Generationen betreffen. Wie genau die Suche ablaufen soll, wurde 2013 im Hier geht es zum kompletten Gesetzestext Standortauswahlgesetz festgeschrieben. Dieses Gesetz sieht ein Verfahren vor, das es so noch nicht gegeben hat in Deutschland. Die hohen Ansprüche stehen direkt im ersten Paragrafen: partizipativ, wissenschaftsbasiert, transparent, selbsthinterfragend und lernend.

Mit dem Standortauswahlverfahren soll in einem partizipativen, wissenschaftsbasierten, transparenten, selbsthinterfragenden und lernenden Verfahren für die im Inland verursachten hochradioaktiven Abfälle ein Standort mit der bestmöglichen Sicherheit für eine Anlage zur Endlagerung nach § 9a Absatz 3 Satz 1 des Atomgesetzes in der Bundesrepublik Deutschland ermittelt werden. – § 1 (2) Standortauswahlgesetz

Ob das Verfahren diesen Ansprüchen gerecht wird, wird sich im Laufe der kommenden Jahre zeigen. Fest steht: Es wird Betroffene geben. Irgendeine Kommune wird es treffen.

Um am Ende eine möglichst große Akzeptanz für die Entscheidung zu erlangen, muss das Verfahren die Bevölkerung von vornherein miteinbeziehen. Und darin liegt momentan die größte Herausforderung.

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Leonie Sontheimer 

Leonie Sontheimer sammelte bereits als 12-jährige Unterschriften gegen Walfang. Während ihres Studiums der Philosophie und Biologie kam sie vom Umweltschutz zur Postwachstumsbewegegung. Als Journalistin schreibt sie über die beiden wichtigsten Transformationen unserer Zeit: die digitale und die sozial-ökologische. Das Handwerk dazu hat sie an der Deutschen Journalistenschule in München gelernt.

Themen:  Energie   Deutschland   Demokratie  

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