PD Daily 

So kommen wir weg von der Wegwerfwirtschaft

Die Menschheit verbraucht mehr als 100 Milliarden Tonnen Rohstoffe pro Jahr. Nur 8,6% davon sind wiederverwertetes Material. Warum vor allem die Regierungen die Macht haben, daran etwas zu ändern.

28. Januar 2020  2 Minuten

Die Zahl ist unglaublich groß: Mehr als 100 Milliarden Tonnen (100 Gigatonnen) Rohstoffe verbrauchte die weltweite Wirtschaft zuletzt innerhalb eines Jahres. Ein Versuch, die Zahl in Relation zu setzen: Das ist das 50-fache Gewicht der bebauten Fläche Berlins – inklusive aller vom Menschen produzierten Gegenstände. Die Rechnung ist allerdings sehr vereinfacht und kann nur als grobe Veranschaulichung dienen. Der Geologe Reinhold Leinfelder von der Freien Universität Berlin hatte 2017 für eine deutsche Boulevardzeitung das Gewicht der gesamten bebauten Fläche Berlins, mit allem, was von Menschenhand geschaffen wurde, die sogenannte Technosphäre, grob berechnet und war dabei auf 2 Milliarden Tonnen gekommen – ohne Menschen. Das bedeutet, die aktuelle jährliche Ressourcenausbeutung der Menschheit beträgt etwa die 50-fache Masse der bebauten Fläche Berlins.

Die gigantische Zahl hat der Thinktank Circle Economy Der Thinktank »Circle Economy« ist eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in Amsterdam. »Circle Economy« arbeitet nach eigenen Angaben mit Unternehmen, Städten und Regierungen zusammen, um sie als Partner in Richtung Kreislaufwirtschaft zu führen. Dafür nimmt er auch Spenden von Philanthropen und Unternehmen an. »Circle Economy« möchte die Ideen von Wohlstand und Nachhaltigkeit verbinden. Gründer Robert-Jan van Ogtrop war mehrere Jahre Chef großer niederländischer Unternehmen, bis er sich mit der Kreislaufwirtschaft auseinandergesetzt und »Circle Economy« gegründet hat. Wer »Circle Economy« finanziell unterstützt, gibt die Organisation nicht an. Der »Circular Gap Report« aber wird von der zugehörigen »Circularity Gap Reporting Initiative« erstellt. Partner sind hier unter anderem der WWF, »Philips«, UNDP und die Universität Oxford. errechnet, der sich der Verbreitung der Kreislaufwirtschaft Die Kreislaufwirtschaft ist ein System, das darauf abzielt, möglichst wenig Ressourcen zu verschwenden bzw. zu verbrauchen. Es sollen möglichst geschlossene Kreisläufe geschaffen werden. Das heißt: Es sollten möglichst wenig Energie und Rohstoffe verbraucht und dabei auch möglichst keine Emissionen und Abfall produziert werden. Produkte sind langlebig konzipiert, Reparaturen so einfach wie möglich gemacht. Wiederverwendung und Wiederaufwertung von Rohstoffen und Produkten ist zentral. Recycling ist das am wenigsten attraktive Mittel, weil es meist bedeutet, dass aus Abfall ein minderwertigeres Produkt hergestellt wird, als es das Ausgangsprodukt war. Stattdessen sollen Rohstoffe und Bauteile möglichst unverändert wiederverwendet werden. verschrieben hat. Kreislaufwirtschaft, auch Hier erklärt Jana Kreisl die Kreislaufwirtschaft im Comic »Cradle to Cradle« genannt, bedeutet: Möglichst keinen Abfall und keine Emissionen produzieren, stattdessen möglichst viele Rohstoffe und sonstiges Material wiederverwenden, ohne im klassischen Sinn recyceln zu müssen. Zum Weltwirtschaftsform in Davos hat die Gruppe Lies hier den kompletten Report (englisch, 2020, PDF) den »Circularity Gap Report 2020« veröffentlicht, der demonstrieren will, wie viel bzw. wie wenig Material in den Produktionskreislauf zurückfindet. Die Antwort: lächerlich wenig.

Unter den gut 100 Milliarden Tonnen befinden sich gerade einmal 8,6% wiederverwendetes Material. Das ist ein kleinerer Anteil als noch vor 2 Jahren, als der Bericht zum ersten Mal erschien. Allerdings verbleibt gut 1/2 der Rohstoffe in Produkten, die lang- und mittelfristig halten, wie Häuser, Autos, Waschmaschinen. Für eine genauere Aufschlüsselung sieh dir die Abbildung weiter unten an. Und das, obwohl die Gesamtmenge des erneut genutzten Materials gestiegen ist. Das Problem: Am Ende wird zwar mehr Material wiederverwendet, aber gleichzeitig werden auch deutlich mehr neue Rohstoffe verbraucht. Der Mehrverbrauch übersteigt die erzielte Verbesserung – der sogenannte »Rebound-Effekt« tritt ein.

Die Abbildung zeichnet grob nach, welche Materialien in welche Bereiche der Wirtschaft fließen. Sie zeigt auch, dass die Emissionen nur einen Teil des Nachhaltigkeitsproblems der Menschheit darstellen. – Quelle: circle economy copyright

In der Diskussion um die Klimakrise geht es also um viel mehr als nur um die Vermeidung von CO2-Austoß. Wie Wirtschaft funktioniert, muss neu gedacht werden: »Das Ziel des Pariser Abkommens, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad oberhalb des vorindustriellen Niveaus zu begrenzen, kann nur durch eine Kreislaufwirtschaft erreicht werden«, heißt es im Bericht.

Dennoch gibt es laut des Reports von Circle Economy Grund zur Hoffnung. Immer mehr Länder würden sich zum Ziel einer Kreislaufwirtschaft bekennen. Und auch der sogenannte »Green Deal«, Der Ende 2019 von der EU-Kommission vorgestellte Plan eines »Green Deal« soll die EU bis 2050 klimaneutral machen und zugleich zu mehr Arbeit und sozialer Sicherheit führen. Im Deal enthalten ist auch das Ziel, die europäische Wirtschaft kreislauforientiert zu gestalten. Es soll etwa 25 Jahren dauern, um alle Produkte entsprechend umzustellen. mit dem die EU bis 2050 unter anderem klimaneutral werden will, Papier zum »Green Deal« der EU (englisch, 2019, PDF) enthalte wichtige Schritte hin zu einer ressourcenschonenderen Wirtschaft.

Die Staaten seien gefragt, hier die nötigen Standards zu setzen. Die Autoren und Autorinnen betonen, es sei wichtig, dass alle Länder Daten erheben und miteinander austauschen, um genau analysieren zu können, ob Materialkreisläufe geschlossen werden und wo Verbesserungspotenziale liegen. Eine Art Koalition der Willigen aus Regierungen, Unternehmen und NGOs solle sich zudem zusammenfinden und ihre Expertise teilen. Das klingt überraschend einfach, ist es aber nicht. Denn bisher hat sich eine solche Koalition der Willigen nicht gebildet. Gerade das Weltwirtschaftsforum in Davos, das genau diese Entscheidungsträger zusammenbringt, kam bislang nicht über gute Worte in Klima- und Ressourcenfragen hinaus. Lukrativer als der bisherige Weg müsste die Weltrettung wohl in erster Linie sein, damit die Idee einer solchen Koalition Strahlkraft entwickelt.

Staaten und Wirtschaftsräume sind gefordert, mit Gesetzen und Verpflichtungen den nötigen Druck zu erzeugen, um Unternehmen in die Kreislaufwirtschaft zu bewegen und die alte überkommene Wirtschaftslogik aus Rohstoffausbeutung, Produktion, Nutzung und anschließendem Wegwerfen ohne weiteren Nutzen zu durchbrechen.

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Titelbild: Martijn Baudoin - CC0

von Benjamin Fuchs 

Jeder weiß: Unsere Arbeitswelt verändert sich radikal und rasend schnell. Nicht nur bei uns vor der Haustür, sondern auch anderorts. Wie können wir diese Veränderungen positiv gestalten und welche Anreize braucht es dafür? Genau darum geht es Benjamin, der erst Philosophie und Politikwissenschaft studiert hat, dann mehr als 5 Jahre als Journalist in Brasilien lebte und 2018 zurück nach Deutschland gekommen ist. Es gibt viel zu tun – also: An die Arbeit!

Themen:  Nachhaltigkeit   Klima   Konsum  

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