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3 Fakten über den Klimawandel in Afrika, die du kennen solltest

So verstehst du besser, was auf dem Kontinent gerade passiert. Und wie wir helfen könnten.

31. Januar 2020  4 Minuten

Wer viel über den Klimawandel liest, der stolpert früher oder später über diesen Satz: »Afrika hat am wenigsten zum Klimawandel beigetragen, wird aber am meisten unter ihm leiden«. Das ist richtig – steckt den afrikanischen Kontinent und seine Bewohner aber, wie so oft, in eine undefinierte Opferrolle.

Zeit, sich ein wenig näher mit den Ursachen, Folgen und Lösungen des Klimawandels auf dem Kontinent südlich des Mittelmeeres auseinanderzusetzen. Hier sind 3 Fakten, nach denen du den Klimawandel in Afrika besser verstehst.

1. Afrika emittiert mehr CO2, als wir annehmen – und das kommt von den tropischen Wäldern

Wer nach Statistiken zu Afrikas CO2-Emissionen sucht, der findet meist folgende Zahlen: Im Durchschnitt setzt ein Afrikaner nur 0,9 Tonnen CO2 im Jahr frei, wobei die Unterschiede zwischen afrikanischen Ländern erheblich sind. Die Spannbreite reicht von weniger als 0,1 Tonnen CO2 pro Person in Burundi und Somalia bis zu 5,4 Tonnen CO2 auf den Seychellen. Libyen hatte 2014 sogar höhere Emissionen als Deutschland, infolge des dortigen Bürgerkriegs dürften diese aber inzwischen deutlich niedriger liegen. Die Weltbank bietet Statistiken für jedes Land und jede Region der Welt (englisch) Das sind um Längen weniger als die 8,9 Tonnen des durchschnittlichen Deutschen oder die astronomischen 16,5 Tonnen, die ein durchschnittlicher US-Amerikaner im Jahr produziert.

Das wirkt auf den ersten Blick so, als ginge von Afrika keine Gefahr durch Treibhausgase aus. Doch so einfach ist es nicht.

Denn diese Zahlen berücksichtigen ausschließlich Emissionen durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Öl und die Zementherstellung. In Gegenden mit tropischen Wäldern gibt es aber noch eine andere wichtige Quelle von CO2: Feuchtgebiete. Neben CO2 gibt es viele weitere Gase, die in der Atmosphäre einen Treibhauseffekt entwickeln können. Methan zum Beispiel erhitzt die Erde ebenfalls und sogar um ein Vielfaches stärker pro Tonne emittiertem Gas als CO2. In der Klimawandeldebatte rechnet man der Einfachheit halber aber alle anderen Gase in CO2-Äquivalente um. Hier wird »CO2« und »Treibhausgas« darum synonym verwendet.

Genauso wie in den Mooren und Permafrostböden im Norden lagern in den Böden tropischer Wälder gigantische Mengen Treibhausgase. Weil diese Böden durch ständigen Regen immer nass sind, werden diese Gase nicht freigesetzt – glaubte man bis vor Kurzem jedenfalls. Tatsächlich kam eine Forschergruppe um den Professor für quantitative Erdbeobachtung Paul Palmer an der Universität Edinburgh erst kürzlich zu dem Ergebnis, »Carbonbrief« hat eine gute Zusammenfassung der Studie veröffentlicht (englisch) dass von tropischen Wäldern in Afrika im Jahr 2016 mehr CO2 freigesetzt wurde, als die USA in derselben Zeit insgesamt emittiert hat.

Die Gründe dafür waren Landnutzungsveränderungen, also Rodung und Trockenlegung der Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung, aber auch der Klimawandel selbst. Denn 2016 war ein ausgesprochen warmes Jahr in den Tropen. Besonders in Westafrika und Äthiopien sorgte die Kombination dieser Faktoren dafür, dass aus den Böden erheblich mehr CO2 freigesetzt wurde, als die tropischen Wälder im selben Jahr aufnehmen konnten. 6 Milliarden Tonnen mehr, um genau zu sein. Zur Einordnung dieser Forschungsergebnisse ist wichtig, dass sich dadurch die 2016 gemessene Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre nicht verändert hat. Es wurde also insgesamt global nicht mehr CO2 ausgestoßen. Stattdessen wurde eine andere Emissionsquelle überschätzt, die Emissionen aus afrikanischen Wäldern dagegen übersehen. Insofern ändert das nicht die Einschätzung des bisherigen Klimawandels – kann aber sehr wohl Einfluss auf die Modelle zur Berechnung zukünftiger Veränderungen haben.

Das relativiert zwar nicht die Verantwortung für den Klimawandel, die zuallererst immer noch bei den Industrienationen des Nordens und zunehmend den Schwellenländern in Asien liegt. Aber es zeigt, dass Afrika als Emittent von Treibhausgasen ernst genommen werden muss.

So kann es weitergehen: Afrika braucht gänzlich andere Lösungen beim Kampf gegen den Klimawandel als etwa Deutschland. Insbesondere das Modell der industriellen Landwirtschaft, das zwangsläufig zu einer Degradation der Böden führt, kann nicht auf Afrika übertragen werden. Klimaschutz in Afrika heißt damit auch, alternative Landwirtschaft zu entwickeln und zu finanzieren. Denn die Bevölkerung Afrikas wächst weiter und muss in Zukunft ernährt werden.

2. In Afrika sind Heuschreckenplagen die Vorreiter der Klima-Apokalypse

Unter diesen katastrophalen Folgen der Erderwärmung stellt man sich in der Regel langanhaltende Dürren oder sintflutartige Regenfälle und Stürme vor. Beides tritt auf dem afrikanischen Kontinent als Folge des Klimawandels inzwischen auch häufiger auf. Doch eine andere gravierende Folge kennen wir in Europa nicht, die vor allem in Ostafrika die Nahrungsversorgung von Millionen Menschen bedroht: Heuschrecken.

Sie leben normalerweise als Einzelgänger und fallen kaum negativ auf. Wenn aber nach einer längeren Trockenheit besonders viel Regen fällt, dann kann das bei einigen Spezies, wie der Wüstenheuschrecke, drastische Veränderungen des Verhaltens hervorrufen. Die Tiere schließen sich millionenweise zu Schwärmen zusammen, die den Himmel über einer Großstadt verdunkeln können und auf der Suche nach Nahrung bis zu 150 Kilometer am Tag fliegen. Unter diesen Bedingungen explodiert auch die Nachwuchsrate der Heuschrecken, sodass sich ihre Zahl innerhalb von 3 Monaten ver-20-fachen kann. Solche Heuschreckenplagen können die landwirtschaftliche Produktion ganzer Länder ruinieren – und zwar auf Dauer. Alles, was man schon immer über die Biologie und Bekämpfung von Wüstenheuschrecken wissen wollte, hat die FAO in einer Publikationsreihe zusammengefasst (englisch) Die Heuschreckenplage in den 50er- und 60er-Jahren dauerte 13 Jahre und betraf mehrere Dutzend Länder.

Die Zahl der Wüstenheuschrecken, die derzeit die Felder Ostafrikas unsicher machen, ist jetzt schon rekordverdächtig. In Kenia gibt es so viele Heuschrecken wie zuletzt vor 70 Jahren. Äthiopien und Somalia erleben ihre größte Plage seit 25 Jahren. Uganda, der Südsudan, der Sudan, Ägypten, Saudi-Arabien und der Jemen könnten in den nächsten Monaten in ähnlichem Ausmaß betroffen sein, denn dort überall bieten sich den Heuschrecken durch aktuell starke Regenfälle ideale Bedingungen. Ausgelöst wurde dieser Starkregen durch den »Indischer-Ozean-Dipol«. Dieses Klimaphänomen, bei dem der indische Ozean abwechselnd im Osten und Westen warm und kalt wird, tritt natürlich auf, wird durch den Klimawandel aber immer extremer. Er ist auch für die enorme Trockenheit und die Buschbrände in Australien verantwortlich.

So kann es weitergehen: Heuschreckenplagen lassen sich verhindern, auch wenn das Wetter nicht mitspielt. Jungtiere und Schwärme können mit chemischen Insektenvernichtungsmitteln oder Pilzsporen aus der Luft bekämpft werden. Das funktioniert, ist aber teuer und in Bürgerkriegsländern wie Somalia, dem Südsudan oder dem Jemen schwierig. Die Presseerklärung der FAO (englisch) Wenn die Food and Agriculture Organization (FAO) jetzt 70 Millionen Dollar zur Eindämmung der Heuschreckenplage in Ostafrika fordert, dann sind das Anpassungskosten an den Klimawandel, auch wenn Heuschrecken und Klima auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Detaillierte Informationen zur Klimafinanzierung bietet eine Initiative mehrerer großer deutscher Hilfsorganisationen Die gute Nachricht ist, dass viel Geld hier tatsächlich auch viel hilft.

3. Migration, das Notventil des Klimawandels

Viele Afrikaner sind außerordentlich mobil, gezwungenermaßen. Anders als in Europa bieten die meisten afrikanische Staaten ihren Bürgern keinen leistungsfähigen Sozialstaat. Saisonale Migration mit Viehherden gehört für viele Volksgruppen zum kulturellen Erbe, und während der Kolonialzeit wurden in vielen Ländern Hunderttausende Menschen zwangsweise umgesiedelt. Da liegt es für viele Afrikaner nahe, sich bei Armut oder im Katastrophenfall auf den Weg in die nächste größere Stadt oder ins nächste Land zu machen, wo die Aussichten besser sind.

Und der Klimawandel verschlechtert diese Aussichten nun in vielen Ländern wie Mosambik, Äthiopien oder Mali dramatisch: Dieser Beitrag des »Brooking Institute« bietet einen guten Überblick (englisch) Plötzlich eintretende Umweltkatastrophen wie Überschwemmungen, schleichende Bodenunfruchtbarkeit und steigender Meeresspiegel.

Die Weltbank geht davon aus, dass bis zum Jahr 2050 mehr als 143 Millionen Menschen durch den Klimawandel ihr Zuhause verlieren, ein großer Teil davon in Afrika. Der Bericht »Migration and Climate Change« (englisch) Die Internationale Organisation für Migration rechnet sogar mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen.

Für die wenigsten afrikanischen Migranten heißt das Ziel Europa. Aber auch innerhalb Afrikas wird stärkere Migration zwangsläufig zu Spannungen führen, denn gleichzeitig wächst auch die Bevölkerung der meisten Länder. Besonders der Druck auf die Großstädte des Kontinents wird weiter zunehmen. Schon jetzt lebt mehr als jeder zweite Afrikaner in einer Stadt.

So kann es weitergehen: Migration hat sich für Afrikaner immer wieder als außerordentlich effektiver Weg erwiesen, um aus Armut und aus Notlagen zu kommen. Und eben weil diese Lösung auf dem Kontinent so stark verwurzelt ist, muss Europa bei der Migrationspolitik umdenken – ganz verhindern lässt sie sich sowieso nicht. Besonders durch die Folgen des Klimawandels wird es zukünftig mehr Migration geben, und zwar sowohl innerhalb Afrikas als auch nach Europa. Dabei könnte Europa viel tun, um Migration für alle Beteiligten so erfolgreich wie möglich zu machen: viel stärkere Investitionen in städtische Entwicklung vor Ort und günstigere Möglichkeiten für Rücküberweisungen in die Heimatländer zum Beispiel. Aber auch die Eröffnung legaler und sicherer Migrationswege nach Europa.

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Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Peter Dörrie 

Es kann arrogant wirken, als Wohlstandskind die Frage zu stellen, warum es auf der Welt immer noch Krieg und Armut gibt. Zu einfach entsteht der Eindruck, man habe selbst alle Antworten parat. Als Entwicklungs-, Friedens- und Konfliktforscher findet Peter die Frage dennoch wichtig. Denn er geht immer davon aus, dass es mehr als eine Wahrheit gibt und die eigene am wenigsten zählt. Sein besonderes Interesse gilt Afrika. In 12 Ländern des Kontinents hat er bereits recherchiert.

Themen:  Klima   Afrika  

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