Warum wir jetzt (doch) gendern

Wir wollen in Zukunft auf gendersensible Sprache achten. Das sind unsere Gründe.

6. Februar 2020  7 Minuten

Liebe Leser, liebe Leserinnen und Leser, liebe Leser:innen …

Wann immer das Thema Gendern auf den Tisch kommt, teilt sich die Welt scheinbar in 2 Lager. Die einen argumentieren, dass gendergerechte Sprache wichtig und richtig sei, die anderen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Auch bei Perspective Daily entbrannten hitzige Diskussionen, nachdem sich die Redaktion dafür entschieden hatte, künftig stärker auf eine gendersensible Schreibe zu achten. Wir danken euch für den offenen und kontroversen Austausch! Mit diesem Artikel wollen wir unsere Beweggründe darlegen und um mehr Dialog und Verständnis werben.

Deshalb taugte unsere erste Lösung nicht viel

Was ist Gendern überhaupt?

»Gendern« hat sich als Begriff für die Praxis eingebürgert, Wörter zu ändern, die ein bestimmtes Geschlecht anzeigen oder suggerieren, und damit deutlich zu machen, dass damit alle Geschlechter gemeint sind – aus Redakteuren werden Redakteur:innen, jedenfalls dann, wenn die Geschlechteridentitäten der betreffenden Personen nicht bekannt sind.

Jeder kann eine private Meinung zum Gendern haben oder das Thema ignorieren. Doch ein journalistisches Medium kommt nicht darum herum, sich zu positionieren, das war von Anfang an klar. Die Genderdebatte begleitet Perspective Daily seit 4 Jahren. Bevor die Website im Juni 2016 online ging, lernte sich das Team bei seinem allerersten Retreat in einem Yoga-Zentrum kennen. Auf Meditationskissen sitzend und grünstichigen Latte schlürfend, war eigentlich die perfekte Ausgangslage geschaffen, um eine entspannte Diskussion zum zukünftigen Aufbau der Website zu führen. Bis das Thema Gendern auf die Yogamatte kam.

Hier passierte im Team etwas, was in solchen Diskussionen eigentlich immer passiert. Auf der einen Seite sitzen diejenigen, die gendersensible Sprache als Selbstverständlichkeit ansehen, auf der anderen Seite jene, die das nicht tun. Dazwischen befindet sich meist eine schweigende Mehrheit, die sich vielleicht einfach noch nicht näher mit dem Thema beschäftigt hat. Am Ende einer leidenschaftlichen Diskussion wurde die Entscheidung vertagt – in diesem Fall eher »verjährt«. Dennoch war sofort der Wille da, sich zusammen mit den Mitgliedern darüber auszutauschen und selbst als Team dazuzulernen.

Wir entschieden uns dazu, dem Gendern einen eigenen Artikel zu widmen, in dem unsere Mitglieder selbst erleben konnten, wie Geschlechterformen in Texten das Lesen beeinflussen.

Oh, Mann*Frau! Wie sag ich’s nur?Weiterlesen

Ansonsten einigten wir uns auf einen (wie wir damals fanden klügeren) Sonderweg: Ohne Sternchen, Unterstriche oder Doppelpunkte in Texte einzubauen, sollten mehr weibliche Perspektiven für mehr Geschlechtergerechtigkeit sorgen. Wir nahmen uns vor, intensiver nach weiblichen Expertinnen und Protagonistinnen zu suchen und ihnen mehr Raum zu geben. Außerdem sollten alternierende Geschlechtsbezeichnungen, also das Abwechseln von männlichen und weiblichen Formen innerhalb eines Textes, zum Nachdenken anregen … eigentlich.

In der Praxis taugte diese Lösung kaum. Die zielgerichtete Suche nach Expertinnen und Protagonistinnen fiel bei manchen Themen schwerer als bei anderen und dann doch manchmal dem redaktionellen Zeitdruck zum Opfer. Und das alternierende Gendern verwirrte nur und führte regelmäßig zu Missverständnissen und Nachfragen. Geschlechtergerechter wurde die Welt durch unsere Lösung sicher nicht.

War das wirklich die bestmögliche Lösung für ein Online-Magazin, das in die Zukunft schauen und gesellschaftliche Veränderungen publizistisch begleiten, kommentieren und auch selbst anstoßen will?

Wohl kaum.

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Deshalb liest du jetzt häufiger den Doppelpunkt

4 Jahre sind eine lange Zeit für ein Online-Magazin. Gendergerechte Sprache wurde selbstverständlicher und im Alltag präsenter. In Interviews fiel auf, dass auch unsere Gesprächspartner:innen immer öfter geschlechtersensibel sprachen oder schrieben. Und auch Gastautor:innen reichten Texte ein, die gegendert waren. Einigen Redaktionsmitgliedern tat es zunehmend weh, das mit Rücksicht auf unsere bisherige Regelung anpassen zu müssen.

Die Diskussion um geschlechtersensible Sprache riss jedenfalls auch intern nie ab – sei es bei redaktionellen Texten oder bei Stellenausschreibungen, insbesondere seit Oktober 2017.

Damals hatte das Bundesverfassungsgericht festgestellt: Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 10. Oktober 2017 »Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG schützt auch Menschen, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen, vor Diskriminierungen wegen ihres Geschlechts.«

Seitdem geben die meisten Unternehmen die Zusätze m/w/d – für männlich, weiblich, divers – an, wenn sie eine Position neu besetzen wollen, um nicht gegen das Antidiskriminierungsgesetz zu verstoßen.

Das zeigt: Es geht bei der Diskussion also nicht nur um Männer und Frauen. Selbstverständlich wollen wir mit unseren Artikeln, Kommentaren und Reportagen auch Menschen ansprechen, die sich nicht in diesem binären Schema Ein binäres Geschlechtssystem geht davon aus, dass es nur 2 Geschlechter gibt, nämlich männlich und weiblich. Wer sich aber weder ausschließlich als Mann oder Frau fühlt, identifiziert sich als nicht-binär. wiederfinden. Das haben wir mit unserer Sprache bislang unzureichend abgebildet.

Abhilfe schafft (zum Beispiel) das sogenannte Gendersternchen, das inzwischen in vielen Redaktionen, Hier sind einige Beispiele für Statements von Redaktionen, die sich um eine gendersensible Sprache bemühen: netzpolitik.org, linked.in, ze.tt Das »Redaktionsnetzwerk Deutschland« über die Einführung des Gendersternchens beim Streaming-Dienst »Spotify« Unternehmen und auch von Ämtern und Verwaltungen verwendet wird. Im Dezember 2019 empfahl beispielsweise die Hansestadt Lübeck ihren Mitarbeiter:innen die Verwendung des Genderdoppelpunkts. Mehr über das Wie und Warum kannst du in diesem Leitfaden (Download) nachlesen. Wir experimentieren nun mit dem Doppelpunkt, der dieselbe Funktion erfüllen soll, die Worte optisch aber weniger auseinanderreißt.

Egal ob Sternchen oder Doppelpunkt – beide Varianten rufen kritische Stimmen auf den Plan, die meist für den Beibehalt des generischen Maskulinums argumentieren. So positionieren wir uns dazu:

  • 1. »Gegenderte Sprache sorgt nur für Streit und verhärtet die Fronten.« Ganz ehrlich: Tatsächlich war es in Teilen auch Furcht vor dem Konflikt, die bei Perspective Daily dafür sorgte, dass wir uns erst jetzt dafür entschieden haben, eine inklusivere und geschlechtergerechte Sprache zu verwenden. Für ein Online-Magazin, das sich durch Mitglieder finanziert, ist es ein Risiko, einen Richtungswechsel wie diesen zu vollziehen. Und tatsächlich haben einige von euch kritisch kommentiert oder E-Mails geschrieben (wobei die positiven Reaktionen bislang die Mehrzahl bilden). Doch Konfliktscheu ist fehl am Platz, wenn es um Gleichstellung und das Sichtbarmachen von Minderheiten geht.
  • 2. »Gegenderte Sprache gefällt mir einfach nicht.« Jeder Mensch hat geschmackliche Präferenzen, klar. Auch manche von uns, die wir mit der deutschen Sprache arbeiten, rollen heute noch mit den Augen, wenn sie Foto ohne »Ph« oder Wörter mit Dreifachvokalen wie »Kaffeeernte« lesen – also die Änderungen der deutschen Rechtschreibreform von 1996. Eine emotionale Beziehung zu Sprache ist völlig normal, Sprache hat viel mit Identität zu tun. Doch wenn ein Sternchen oder ein Doppelpunkt persönlich nicht gefallen, auf der anderen Seite aber dafür sorgen, dass sich auf einmal mehr Menschen miteinbezogen und mitgemeint fühlen – was wiegt dann schwerer? Dazu kommt: Wie wir sprechen und schreiben, ist eine Sache der Gewohnheit. Hier erklärt Maren Urner, wie Gewohnheiten entstehen – und wie wir sie ändern können Und Gewohnheiten können wir ändern.

  • 3. »Ich fühle mich bevormundet, wenn ich Texte mit Sternchen oder Doppelpunkten lesen soll.« Niemand fühlt sich gern bevormundet. Deshalb wollen wir auch niemanden dazu zwingen, fortan geschlechtersensibel zu schreiben oder zu sprechen – oder dies auf eine bestimmte Art und Weise zu tun. Das gilt auch redaktionsintern. Deshalb werden die Autorinnen und Autoren bei Perspective Daily jeweils selbst bestimmen, wie sie in ihren Texten damit umgehen. Wir glauben nicht daran, dass Journalismus objektiv sein kann, unsere subjektive Wahrnehmung der Welt prägt all unsere Texte – von der Auswahl der Quellen bis hin zu den Fragen an unsere Interviewpartner:innen. Doch wir glauben an einen Journalismus mit Haltung, der die Position der Autor:innen transparent macht, damit die Leser:innen wissen, mit wem sie es zu tun haben und wie sie Artikel einordnen können. Die Entscheidung für gendersensible Formulierungen ist ein Teil davon.

  • 4. »Gegenderte Sprache ändert nichts an strukturellen Ungleichheiten, konzentrieren wir uns doch lieber auf das Wesentliche!« Die Gender-Pay-Gap verschwindet nicht automatisch, wenn wir ein »:in« an den Programmierer hängen. Empirische Forschungen liefern aber Hinweise darauf, wie sehr Sprache Weltbilder prägt. Efrén O. Perez und Margit Tavits: »Language Influences Public Attitudes Toward Gender Equality« (englisch, 2018, PDF) So wurden in einer Studie 1.200 Personen zu geschlechtsbezogenen Vorurteilen befragt – und zwar auf Russisch und Estnisch. Im Estnischen spielt die Zuweisung des Geschlechts eine geringere Rolle als im Russischen und tatsächlich äußerten Personen, die auf Estnisch interviewt wurden, weniger geschlechtsbezogene Vorurteile. Die Wissenschaftler:innen verglichen weiter insgesamt 90 Länder, mit dem Ergebnis, dass Menschen, Hier gibt es einen Überblick zu empirischen Forschungsansätzen zum Thema gendergerechte Sprache deren Muttersprache weniger Geschlechterzuweisungen vornimmt, auch weniger Vorurteile äußern.

  • 5. »Das generische Maskulinum ist nicht ungerecht! Die deutsche Sprache funktioniert nun mal so – und es sind doch alle mitgemeint.« Das stimmt so nicht, denn meist waren tatsächlich nur Männer gemeint, bis sich auch Frauen das Recht erkämpften, Ärztinnen, Pilotinnen oder wählende Bürgerinnen zu werden. Und schließlich: Sprache ist, was wir daraus machen. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich sowohl Schriften, Alphabete, Sprachen und Sprechweisen kontinuierlich angepasst und weiterentwickelt. Niemand klopft heute noch Hieroglyphen in Steine. Warum sollte auf einmal damit Schluss sein? Als Magazin, das sich insbesondere die Frage »Wie kann es weitergehen?« auf die Fahnen geschrieben hat, wollen wir Sprache und damit einhergehende Machtstrukturen sowie Deutungsmuster nicht ausklammern, wenn wir über Antworten nachdenken.

Der Doppelpunkt soll uns dabei helfen. Im besten Fall denken wir als Autorinnen und Autoren beim Schreiben mehr und aktiver darüber nach, wann wir überhaupt das Geschlecht markieren müssen oder ob auch neutrale Formulierungen möglich sind. Vielleicht wird es zu Beginn ein bisschen holprig. Denn auch wir haben nicht die perfekte Lösung und lernen ständig dazu.

Wir wollen Texte schreiben, die ihr gern lest, deren Inhalte euch inspirieren und Diskussionen anstoßen. Vielleicht ist es also gar nicht so schlimm, ab und zu über ein Wort oder eine Formulierung zu stolpern. Im besten Fall setzt es einen Denkprozess in Gang: Wer ist hier eigentlich gemeint? Welche Bilder habe ich im Kopf? Und warum stört mich dieser verflixte Doppelpunkt wirklich?

Sprache verändert sich mit der Gesellschaft. Und wir treten mit unserem Journalismus für eine diverse und inklusive Gesellschaft ein, die niemanden außen vor lässt.

Mit Illustrationen von Tobias Kaiser für Perspective Daily

von Katharina Wiegmann 

Als Politikwissenschaftlerin und Philosophin interessiert sich Katharina dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie hat da ein paar Fragen: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist.


von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

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