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Gastautorin: Nele Spandick

Vollkommen verwirrt? So wählst du das Richtige

7. November 2016

Morgen also ist es soweit: die USA wählen. Endlich. Geprägt von Skandalen und Vorwürfen, war der Wahlkampf vor allem eins: emotional. Aber Gefühle vermitteln nicht unbedingt, welcher Kandidat unsere Interessen tatsächlich vertritt. Versuchen wir es also mal anders: Ein Crashkurs in Sachen Logik!

Donald Trump stützt sich auf das blau leuchtende Pult. Seine Rivalin Hillary Clinton steht neben ihm. Sie spricht nicht mit ihm, sondern in die Kamera. Beide werden umrahmt von Auszügen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Über ihnen thront ein Weißkopfseeadler, das Wappentier der USA. In seinem Schnabel trägt er ein Band mit dem Schriftzug »Für immer die Einigkeit und die Verfassung«. Auf Englisch: »The Union and the Constitution forever«. Selbst die Kleidung der beiden Kontrahenten scheint auf die Farben der amerikanischen Flagge abgestimmt zu sein.

Thomas Oppermann: »Ich finde es unerträglich, dass die Bundeskanzlerin die Entscheidung getroffen hat, dass ein akademischer Hochstapler und Lügner weiter dem Kabinett angehören darf.« – Quelle: Gerd Aschoff CC BY-SA
Im September dieses Jahres verfolgen 84 Millionen US-Amerikaner die 1. von insgesamt Auf dem YouTube-Kanal von NBC News kann man alle Debatten sehen (englisch) 3 Präsidentschaftsdebatten im Fernsehen. In Hempstead nahe New York geht es für beide Kandidaten darum, die Zuschauer und Wähler von sich als nächster Präsidentin oder nächstem Präsidenten zu überzeugen. Die Emotionen kochen hoch; Argumente fliegen hin und her. Dabei bleibt die Logik oftmals auf der Strecke. Manche Zuschauer sind verwirrt: Wer vertritt eigentlich meine Interessen? Und wie kann ich das herausfinden?

Indem wir auf eine wertvolle Verbündete setzen: die Logik. Sie hilft uns dabei, Argumente zu entwirren und Schlussfolgerungen zu überprüfen – und das sogar dann, wenn einzelne Inhalte nicht überprüfbar sind. Natürlich sind die Fakten für die eigene Urteilsbildung auch erheblich. Es gibt einige Angebote für Fakten-Checks der Präsidentschaftsdebatten. Eins davon ist von npr. Dafür müssen wir jedoch bereit sein, auch unsere eigenen, häufig vorschnellen Schlüsse zu hinterfragen. Das geht mit der Logik an unserer Seite. Diese 3 typischen Argumentationsfehler zeigen, wie:

»Du bist doof und deshalb hast du unrecht!«

Zurück zur 1. Präsidentschaftsdebatte im September. Thema Steuern. Hillary Clinton kritisiert Donald Trumps Steuersenkungs-Pläne: Auf Englisch: »But when I look at what you have proposed, you have what is called now the ›Trump loophole‹, because it would so advantage you and the business you do.«

Aber wenn ich mir so anschaue, was du vorschlägst, dann könnte man das als »Trump-Schlupfloch« bezeichnen, weil es dich und deine Geschäfte sehr bevorzugen würde. – Hillary Clinton

Was sagt sie da eigentlich? Durch die Brille der Logik betrachtet, macht Clinton 2 Annahmen und kommt zu folgender Schlussfolgerung:

Annahme 1: Trump möchte die Steuern senken.

Annahme 2: Trump würde von Steuersenkungen profitieren.

Schlussfolgerung: Trumps Steuersenkungs-Pläne sind schlecht.

Die beiden Annahmen sind korrekt: Trump möchte die Steuern senken und In der Washington Post wird beschrieben, weshalb Trumps Unternehmen von seinen Steuerplänen profitieren würden (englisch) würde von diesen Senkungen profitieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Schlussfolgerung ebenfalls wahr sein muss. Anders formuliert:

Anton Hofreiter: »Weil die Kennzeichnungspflicht eingeführt wurde und die Verbraucher bewusst wählen konnten, gibt es am Eierstand inzwischen keine Eier aus Käfighaltung mehr zu kaufen.« – Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung CC BY-SA
Die Wahrheit der Annahmen garantiert nicht die Wahrheit der Schlussfolgerung. – Die Logik

Das Argument ist also ungültig und der Zuschauer ergänzt in Gedanken den Zusammenhang, den Clinton nur andeutet:

Implizite Annahme 3: Wenn Trump von etwas profitiert und es dann selbst vorschlägt, kann das für alle anderen nicht gut sein.

Ist diese Annahme korrekt? Hätte Clinton ihre implizite Andeutung explizit geäußert, hätten ihr sicher viele Zuschauer widersprochen. Denn sie setzt sich nicht mit den Inhalten ihres Rivalen auseinander, sondern argumentiert gegen ihn als Person. Der Argumentationsfehler wird in der Logik als »Ad Hominem« bezeichnet: Clinton benutzt einen persönlichen Angriff, um die Position ihres Gegners schlechtzumachen.

Damit ist sie nicht allein. Ein paar Beispiele, die dir vielleicht bekannt vorkommen:

»In China ist ein Sack Reis umgefallen, natürlich hast du Zahnschmerzen!«

Ring frei für Runde 2 in der Präsidentschaftsdebatte. Wie sieht es bei Clintons politischem Gegner aus? Auch er verwirrt den Zuschauer mit seinen Argumenten: Auf Englisch: »In a place like Chicago, where thousands of people have been killed, […], in fact, almost 4.000 have been killed since Barack Obama became president.«

In einer Stadt wie Chicago, in der innerhalb der letzten Jahre Tausende Menschen umgebracht wurden, […] tatsächlich wurden fast 4.000 Menschen umgebracht, seitdem Barack Obama Präsident ist. – Donald Trump

Was meint die Logik zu dieser Argumentation?

Annahme 1: In den letzten Jahren wurden in Chicago 4.000 Menschen umgebracht.

Annahme 2: In den letzten Jahren war Barack Obama Präsident.

Frauke Petry: »Ist Ihnen nach der Welle an Straftaten und sexuellen Übergriffen Deutschland nun ›weltoffen und bunt‹ genug, Frau Merkel?« – Quelle: Michael Lucan CC BY-SA
Trump stellt diese Aussagen in den Raum, ohne eine konkrete Schlussfolgerung zu ziehen. Die muss der Zuhörer selbst ziehen und ist dazu gezwungen. Denn ohne sie ergäben beide Sätze gemeinsam keinen Sinn:

Implizite Schlussfolgerung: Durch Obamas Präsidentschaft wurden in den letzten Jahren 4.000 Menschen umgebracht. Obama ist für die Mordrate in Chicago verantwortlich.

Würdest du der Schlussfolgerung zustimmen? Wahrscheinlich nicht. Das Problem ist zu komplex; das weiß vermutlich auch Trump. Er vertraut darauf, dass die Zuschauer den Zusammenhang vermuten und Obama die Schuld geben. Da Obama Demokrat ist, greift der Republikaner damit automatisch auch die Politik seiner Rivalin Clinton an.

Weil B zeitgleich zu A passiert, wird A als Grund für B angenommen. Das ist unzulässig. – Die Logik

Der hier vorliegende Argumentationsfehler heißt »cum hoc, ergo propter hoc«: Das heißt übersetzt aus dem Lateinischen: Mit etwas, also deswegen. Korrelation Korrelation bezeichnet eine Beziehung zwischen 2 Ereignissen oder Tatsachen. Diese muss aber keine Ursache-Wirkung-Beziehung sein, sondern kann (wie in diesem Fehlschluss) auch eine zeitliche Abfolge ohne Kausalzusammenhang sein. bedeutet nicht Kausalität. Obama war zwar de facto Präsident der USA, während 4.000 Menschen in Chicago umgebracht wurden. Das heißt aber nicht, dass er die Schuld daran trägt.

Auf dieser Homepage sind absurde Korrelationen aufgelistet, denen absolut keine Kausalität nachgewiesen werden kann (englisch) Auch dieser Fehler findet sich nicht nur im US-amerikanischen Wahlkampf:

  • Eine Amokläuferin hat vor ihrer Tat Ego-Shooter-Spiele Also Computerspiele, in denen der Spieler aus der Ich-Perspektive Gegner mit Waffen bekämpft. gespielt. Einige Politiker sehen die Dirk Walbrühl geht auf diese vermeintliche Kausalität in seinem Text über »Gaming« ein Schuld in den Videospielen.

  • Eine Partei wird in die Regierung gewählt und die Arbeitslosenrate sinkt. Im nächsten Wahlkampf schmückt sich die Partei damit.

  • In der Zeitung liest jemand von »Flüchtlingsströmen«, die nach Deutschland kommen. Kurz darauf verliert er seinen Job. Nun macht die Person die Geflüchteten für den Jobverlust verantwortlich.

»Ich habe doch letzte Woche schon aufgeräumt. Soll ich das jetzt etwa jeden Tag machen?«

Auch in der 3. Präsidentschaftsdebatte werden wir fündig: Trump greift Clinton mit einem Argument direkt an: Auf Englisch: »She wants to go to a single-payer plan, which would be a disaster.«

Sie will ein Single-Payer-System einführen, was ein Desaster wäre. – Donald Trump

In einem Single-Payer-System kommt der Staat mit einer gesetzlichen Einheitskasse, finanziert aus Steuergeldern, für alle Kosten im Gesundheitswesen auf. Es wird zum Beispiel in Taiwan und Kanada genutzt. In Deutschland gibt es stattdessen gesetzliche und private Krankenkassen; in den USA wurde unter Barack Obama erst vor kurzem überhaupt eine gesetzliche Krankenversicherung eingeführt Durch den Affordable Care Act (»Obamacare«) wird die Krankenversicherung der US-amerikanischen Bürger durch private und öffentliche Krankenkasse abgedeckt. – auch diese ist kein Single-Payer-System.

Manfred Spitzer: »Medieninstitute machen meist schlechte Studien, weil sie oft von der Computerindustrie bezahlt werden. Die muss man nicht ernst nehmen.« – Quelle: Udo Grimmberg CC BY-SA
Interessant, aber was möchte Trump damit aussagen? Die Logik sieht sein Argument so:

Annahme 1: Das Single-Payer-System ist ein Desaster.

Annahme 2: Hillary Clinton als Präsidentin wird ein Single-Payer-System einführen.

Implizite Schlussfolgerung: Clinton sollte nicht Präsidentin werden.

Die Schlussfolgerung ist korrekt, die Logik ist zufrieden. Doch nun mischen sich ihre Freunde ein, die Fakten. Sie machen auf eine wichtige Tatsache aufmerksam:

In diesem Artikel wird Trumps Statement über Clintons Pläne auf inhaltlicher Ebene geprüft und für falsch erklärt (englisch) Clinton ist überhaupt nicht für das Single-Payer-System. – Die Fakten

Die Logik hat nicht bedacht, dass eine gültige Argumentation allein kein stichhaltiges Argument ausmacht. Dazu müssen alle Annahmen wahr sein (»Triftigkeit«). Auch das ist ein typischer Argumentationsfehler. In diesem Fall nutzt Trump einen sogenannten »Strohmann«: Der Begriff des Strohmanns geht auf Strohpuppen zurück, die lange Zeit als Gegner im Fechttraining genutzt wurden. Er argumentiert nicht gegen die tatsächliche Position Clintons, sondern gegen eine von ihm abgewandelte Behauptung. Seine Version – der »Strohmann« – ist für ihn leichter zu kritisieren. Da er dabei keinen Logik-Fehler macht, klingt sein Argument plausibler, als es eigentlich ist. Nur mithilfe eines Faktenchecks können wir den Fehler entlarven. Tatsächlich wollte ich hier ursprünglich ein Beispiel nennen, in dem Clinton Trump vorwirft, er würde den Klimawandel für einen Schwindel der Chinesen halten. Es stellte sich in der Recherche jedoch heraus, dass Trump diese Position tatsächlich vertritt.

Der »Strohmann« ist sehr beliebt und begegnet uns auch an anderer Stelle:

  • Jemand wirft einem Feministen vor, er würde andere Männer hassen.

  • In einer Rede am Knox College in Galesburg sagte Barack Obama 2013: »Wenn ihr meint, Bildung sei teuer, wartet ab, wie viel uns Ignoranz im 21. Jahrhundert kosten wird.« Nur weil jemand Bildung für teuer hält, heißt das nicht, dass er keine Bildung mehr haben möchte und somit Ignoranz fördert.

  • Einer Fußballspielerin, die die Nationalhymne nicht mitsingt, wird vorgeworfen, dass sie Deutschland nicht möge.

Fassen wir also zusammen: Die Logik – und auch die Fakten – sind von einigen Argumenten im Präsidentschaftswahlkampf nicht begeistert. Fairerweise bleibt zu sagen, dass kaum jemand in der Lage ist, ohne Fehlschlüsse zu argumentieren. Wir haben uns daran auch in unserer Sprache gewöhnt.

Können wir also keiner Aussage mehr trauen?

Doch, das können wir. – Die Logik

Es ist durchaus möglich, dass eine Schlussfolgerung wahr ist, obwohl das Argument nicht logisch ist. Es ist wichtig, genau das im Blick zu behalten, wenn wir Argumente auswerten.

Doch wir brauchen die Logik auch, um uns und unseren Standpunkt besser zu verstehen. Um herauszufinden, wer auf politischer Ebene unsere Interessen vertritt, müssen wir zunächst verstehen, welche Interessen wir selbst haben. Das ist tatsächlich nicht immer offensichtlich und erfordert eine weitere Zutat: sich selbst zu hinterfragen. Um das zu ermöglichen, müssen wir eine logische Diskussion zulassen, die weniger emotional aufgeladenen ist.

Wie uns die Logik hilft, herauszufinden, wer unsere Interessen vertritt

Clinton, Trump und Co. wissen, dass sie bei den Zuschauern, Zuhörern und Lesern – also uns – besser ankommen, wenn sie mit Bildern und Wie Emotionen und Rationalität zusammenhängen, erklärt Han Langeslag in diesem Artikel Emotionen arbeiten. Wie würden sich die US-Wähler entscheiden, wenn sie die Logik als Verbündete hätten? Würden sie von den Kandidaten einfordern, logisch zu argumentieren und auf Inhalte zu setzen?

Thilo Sarrazin: »Mauern und Zäune sind doch gar nicht schlecht, wenn man Grenzen kontrollieren will. […] Überall in der Welt haben sich Zivilisationen und Kulturen, die materiell fortgeschritten waren, gegenüber ungeregelter Einwanderung geschützt« – Quelle: Lesekreis CC0
Dann müsste Donald Trump die Pläne zur Krankenversicherung direkt kritisieren, um Hillary Clinton als Kandidatin zu disqualifizieren. Clinton müsste sich mit den Steuerkürzungsplänen von Trump auseinandersetzen, ohne ihren Kontrahenten als Person anzugreifen. Und die Zuschauer? Die könnten dann einfacher nachvollziehen, welcher Kandidat ihre Interessen vertritt.

Hand aufs Herz: Nikola Schmidt führte ein Interview mit Andranik Tangian, der eine Wahlmethode entwickelt hat, die Wahlen sachlicher gestalten soll Wahlkämpfe waren schon immer emotional. Statt politischer Fragen rücken häufig die Kleidung, der Gesundheitszustand und die Familie der Kandidaten in den Vordergrund. So berichtet Spiegel Online über die Reaktionen auf einen Schwächeanfall von Hillary Clinton. Die Bild unterzieht das Kanzlerduell 2013 einem »Stylecheck«. Und die Welt berichtet von einem Zwischenruf des SPD-Staatsministers Michael Roth in der Debatte um die Eheschließung Homosexueller, in der er auf Angela Merkels Kinderlosigkeit hinweist. Der aktuelle amerikanische Wahlkampf sticht aber heraus. Immer häufiger fällt das Wort des In seinem Artikel für den Cicero beschäftigt sich Constantin Wißmann mit dem Begriff »postfaktisch« »postfaktischen Zeitalters«. Argumentationsfehler spielen dabei eine wichtige Rolle. Denn die implizierten Fehlschlüsse bedienen Vorurteile und funktionieren über Juliane Metzker schreibt hier über Fremdbilder Bilder in unseren Köpfen. Bilder, derer wir uns häufig nicht bewusst sind, und die wir nicht hinterfragen. Nur wenn sich die Entscheidungsträger – und das sind vor Wahlen wir alle – darüber bewusstwerden, können wir diese Fehlschlüsse aufdecken.

2017 steht in Deutschland die Bundestagswahl an.

Nele Spandick studiert »Philosophy and Economics« an der Universität Bayreuth; von Mitte September – Ende November 2016 hat sie ein Praktikum bei Perspective Daily gemacht.

dpa/newscon/Yin Bogu - copyright

 

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