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PD Daily 

Wenn du glaubst, dass dich dein Smartphone abhört, solltest du diesen Text lesen

Ein neues Armband kann Mikrofone in der Umgebung blocken. Dabei liegt die Gefahr ganz woanders.

28. Februar 2020  4 Minuten

Ich schaue verwundert auf mein Smartphone-Display, auf dem sich Mallorcas Urlaubssonne spiegelt. Bei einer Suchanfrage erhalte ich Werbung auf Spanisch. Dabei habe ich keine Einstellungen verändert. Auch das GPS ist ausgeschaltet. Woher also weiß mein Smartphone, dass ich mich gerade nicht in Deutschland befinde?

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Als ich mich umschaue, entdecke ich eine Gruppe Mallorquiner:innen, die sich in der Landessprache Spanisch unterhalten – wahrscheinlich schon eine ganze Weile. Das bringt mich zu einem bestimmten Verdacht: Vielleicht hat mein Smartphone mitgelauscht, die Sprache erkannt und auf meinen Urlaub geschlossen. Aber tragen wir wirklich lauschende Spione mit uns herum, die jedes Wort auswerten?

Das Armband gegen den großen Lauschangriff

Was mir auf Mallorca passiert ist, ist kein Einzelfall. Immer wieder berichten Menschen in Internetforen davon, plötzlich Werbeangebote von Produkten zu erhalten, über die sie erst Dieser Artikel von Journalist Sam Nichols begann mit einem ähnlichen persönlichen Vorfall (englisch, 2018) vor Kurzem gesprochen hatten. Immer lag ein Smartphone in der Nähe oder ein intelligenter Lautsprecher wie Amazons Echo Dot, die man mit Sprache aktivieren und bedienen kann.

Und diese Geräte hören in gewisser Weise tatsächlich mit, denn sie müssen Aktivierungsphrasen der Spracheingabe in der Umgebung erkennen: »Alexa« (für Echo Dot), »Hey Google« (für Android-Suchmasken) oder »Hey Siri« (für iPhones). Damit das reibungslos funktioniert, ist eine gute Spracherkennung schon eingebaut. Die könnte theoretisch ganze Gespräche mitschneiden und an einen Server zur Auswertung senden, BBC News fasst einige der Berichte mit einer eigenen Recherche zusammen (englisch, 2018) wie ein technisches Experiment von BBC News bereits 2018 bewies. Doch technische Machbarkeit beweist noch keinen Lauschangriff.

Immerhin sind 55% der US-Amerikaner:innen laut einer Umfrage des US-Unternehmens Nixplay »Forbes« berichtet über die Umfrage von »Nixplay« zum Verdacht spionierender Smartphones (englisch, 2019) mittlerweile davon überzeugt, dass dies längst Praxis ist und die eigenen Geräte sie ausspitzeln – um Werbeangebote maßzuschneidern.

In dieser Überzeugung spielt sicher auch eine Verunsicherung mit, »The Guardian« analysiert Edward Snowdens Enthüllungen (englisch, 2013) die Edward Snowden 2013 mit seinen Enthüllungen über die modernen Abhörfähigkeiten von Geheimdiensten auslöste. Diese konnten schon damals Mikrofone und Kameras von Smartphones gezielt anzapfen. Das können sie auch heute noch. Die Technik von Behörden wie der NSA ist sehr ausgefeilt und kein Smartphone-Sicherheitspaket der Welt kann verhindern, wenn sie darauf zugreifen wollen. Oder um es mit Edward Snowden zu sagen: »Wenn du dein Smartphone wirklich sicher machen willst, dann zerstöre Kamera und Mikrofon.« Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit für einen durchschnittlichen deutschen Bundesbürger recht gering, ins Fadenkreuz der NSA zu geraten, weshalb diese Überlegungen nur am Rande eine Rolle spielen.

Außerdem gaben Mitarbeiter:innen von Amazon im Jahr 2019 zu, dass sie anonymisierte Die Anonymisierung solcher Stichproben ist bei Weitem nicht genug. Denn auch wenn eine IP-Adresse des Lautsprechers anonymisiert wird, lässt sich aus dem Gesagten und persönlichen Informationen viel ableiten und Personen nahezu eindeutig identifizieren. Stichproben von durch Echo-Lautsprechern aufgezeichneten Gesprächen angehört hatten. »The Independent« berichtet über »Amazons« Enthüllungen zu mitgehörten Stichproben von »Echo« und »Alexa« (englisch, 2019) Dabei ging es jedoch nach Angaben von Amazon ausschließlich um Arbeit zur Verbesserung der Spracherkennung.

Kein Wunder, dass sich auch die Wissenschaft längst mit Anti-Abhör-Maßnahmen beschäftigt. Eine davon ist das »Mic Jammer«-Armband von Forscher:innen der Universität von Chicago.

Es nutzt eine Schwachstelle in modernen Mikrofonen und blockiert deren Spracherkennung mit Ultraschall-Lärm, den das Armband in alle Richtungen aussendet. Auch die Forschungsgruppe Die Forscher des »Mic Jammer«-Armbandes erklären ihr Projekt (englisch, 2020) bezieht sich auf die Sorgen der Abhörung:

Es ist wichtig, Tools zu entwickeln, die Benutzer vor möglichen Kompromissen oder Missbrauch von Mikrofonen im Zeitalter sprachbasierter Smart-Geräte schützen. – Yuxin Chen, Ph.D.-Student im Bereich Computerwissenschaften an der Universität von Chicago

Bis aus dem Forschungsprojekt ein serienreifer Mikrofon-Blocker wird, dürfte aber noch einige Zeit vergehen. Die »New York Times« berichten über das »Mic Jammer«-Armband (englisch, 2020) Investoren haben jedoch bereits Interesse angemeldet. Mit Privatsphäre lässt sich heute fraglos Geld verdienen.

Doch müssen wir uns so lange wirklich Sorgen um unsere Mikrofone machen?

Darüber solltest du dir wirklich Sorgen machen!

Persönliche Erlebnisse, die auf Werbung nach Mitlauschen schließen lassen, sind längst noch keine Beweise. Dahinter dürfte eher der Zufall stecken. Und die Idee vom »Lauschangriff« ist so überzeugend, weil das menschliche Gehirn außergewöhnliche Zufälle kaum akzeptieren kann und David J. Hands Buch »The Improbability Principle« erklärt, wie wir uns Zufälle erklären (englisch, 2015) ständig nach Erklärungen sucht.

Wissenschaftliche Forschung zum Thema Dauerspionage per Mikrofon Die BBC arbeitete mit Cybersicherheitsexperten zusammen und fand keine Hinweise auf Mikrofonspionage durch Apps (englisch, 2019) belegt vor allem eins: Ein Forschungsüberblick zu »Mobile Eavesdropping« (englisch, 2019) Das Fehlen von handfesten Beweisen.

Das ist nur logisch, denn Unternehmen wie Google, Apple oder Facebook haben gar kein Interesse daran, ständig mitzulauschen. Einerseits ist die öffentliche Aufmerksamkeit und Sorge hoch und die Aufdeckung einer großangelegten Geheimoperation wäre ein globales PR-Desaster für die Unternehmen, »Amazons« Pressesprecherin gibt »The Guardian« Auskunft über Sicherheitsbedenken und darüber, was Mikrofone aufzeichnen (englisch, 2019) die ja beteuern, dies nicht zu tun.

Andererseits bekommen sie schon alles von uns, was sie brauchen: Was wir online suchen, shoppen und lesen, welche WLAN-Netzwerke wir nutzen, wo wir uns befinden und wohin wir uns bewegen, welche Cookies wir akzeptieren, welche Smartphones (regelmäßig) in unserer Nähe sind – aus all diesen Informationen lassen sich heutzutage mithilfe spezialisierter Algorithmen genug Schlüsse ziehen, die absolut ausreichend für Werbetreibende sind.

Das ist wahrscheinlich auch die Antwort auf meine Spanisch-Werbung auf Mallorca. Ein möglicher Weg, wie mein Suchdienst an meinen Standort kam: Auch mit ausgeschaltetem GPS verbindet sich das Smartphone über einen genau lokalisierbaren Funkturm, um mobile Daten zu senden und zu empfangen.

Vielleicht sollten wir uns also weniger Sorgen um die Mikrofone in unseren Geräten machen und mehr um die Informationen, die wir durch unsere Smartphones sowieso freiwillig auf allen Kanälen senden. Und was wir den Unternehmen erlauben, mit diesen Informationen zu tun. Das steht zwar meist alles in den Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinien glasklar drin. Diese Studie untersuchte, wie viele Menschen Nutzungsbedingungen überhaupt lasen (englisch, 2018) Doch eine Studie ergab: 74% aller Nutzer:innen bestätigen diese gewöhnlicherweise, ohne nur einen Blick hineinzuwerfen. Und 98% derer, die sie immerhin überflogen, verpassten wichtige Details: So akzeptierten fast alle Teilnehmenden mit den für die Studie extra erstellten, fiktiven Nutzungsbedingungen doch tatsächlich, das erstgeborene Kind als Bezahlung herzugeben.

Bei einer solchen Sorglosigkeit braucht kein Unternehmen der Welt auch noch heimlich ein Mikrofon.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Mit Illustrationen von Tobias Kaiser für Perspective Daily

von Dirk Walbrühl 

Dirk ist ein Internetbewohner der ersten Generation. Ihn faszinieren die Möglichkeiten und die noch junge Kultur der digitalen Welt, mit all ihren Fallstricken. Als Germanist ist er sich sicher: Was wir heute posten und chatten, formt das, was wir morgen sein werden. Die Schnittstellen zu unserer Zukunft sind online.

Themen:  Psychologie   Internet   Technik  

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