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In Deutschland warten Menschen monatelang auf psychologische Hilfe. Was sich ändern muss

Psychische Erkrankungen nehmen in den letzten Jahren zu, die Versorgung kommt kaum hinterher. Was jetzt passieren muss, damit alle schnell die Hilfe bekommen, die sie brauchen – auch in Zeiten von Corona.

16. März 2020  12 Minuten

»Irgendwann hatte ich Gedanken, die schlimme Folgen für mein Leben gehabt hätten«, sagt Philipp F. Um die Identität von Philipp F. zu schützen, wurde sein Name geändert. Seine wahre Identität ist der Redaktion bekannt. Dunkle Gedanken, so sagt er, ja, auch Suizidgedanken. Als Letztere ihm zum ersten Mal kamen, war das ein Wendepunkt für den 27-Jährigen, der, wie er später erfahren sollte, an einer Borderline-Störung leidet. Die Borderline-Störung ist eine psychische Erkrankung, die laut ICD-10 zu den emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen zählt. Demnach zeichnet sie sich dadurch aus, dass Betroffene Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen ausagieren, verbunden mit unvorhersehbarer und launenhafter Stimmung. Es besteht zudem eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen, insbesondere wenn impulsive Handlungen durchkreuzt oder behindert werden. Die Borderline-Erkrankung kennzeichnen außerdem Störungen des Selbstbildes, der Ziele und der inneren Präferenzen; ein chronisches Gefühl von Leere; intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstzerstörerischem Verhalten mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.

Irgendwie schaffte er es, zu seinem Arzt zu fahren und auszusprechen, was er lange nicht zu denken gewagt hatte: »Ich brauche Hilfe!« Es habe in diesem Moment Klick gemacht, sagt er heute im Interview.

Der Arzt handelt schnell: Mit dem Taxi schickt er Philipp F. in eine psychiatrische Klinik. 10 Wochen Notfallintervention. »Nach der Zeit in der Klinik ging es mir viel besser, ich dachte: Jetzt bekomme ich mein Leben in den Griff«, sagt er. Vor der Entlassung fragte man ihn, ob er selbst eine Therapeutin oder einen Therapeuten suche werde. Klar, sagte er, so schwer könne das ja nicht sein.

Aus der Klinik entlassen rief er einige Nummern an, die man ihm in der Klinik gegeben hatte. Nach 4 Ansagen, dass er sich auf über ein halbes Jahr Wartezeit einstellen könne, dachte er, er werde es auch schon so irgendwie schaffen. Er ging wieder zur Schule, um sein Abi nachzumachen, ganz allein, ohne Hilfe.

Ein Fehler. »Ich verfiel schnell wieder in alte Verhaltensmuster, kiffte zu viel, nahm meine Medikamente nicht, schaffte es nicht mehr zur Schule und zur Arbeit, konnte meine Rechnungen nicht mehr bezahlen«, sagt er. Eine neue Abwärtsspirale setzte sich in Gang.