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Auch dein Lieblingsladen leidet gerade. So kannst du helfen

In vielen Städten haben Projekte schon Zehntausende Euro eingesammelt. Per Gutscheinverkauf sollen Aktionen wie »Rette deinen Lieblingsladen«, »Helfen.Berlin« und andere die Zeit überbrücken, bis der Staat einspringt.

24. März 2020  3 Minuten

Ungewissheit begleitet Christoph Steinle, seitdem er vor wenigen Tagen die Türen schließen musste. Er betreibt in Augsburg mehrere Cafés und Bars und beschäftigt etwa 100 Menschen, von der Vollzeitangestellten bis zur Aushilfe. Zuletzt hat er im Oktober 2019 das »Yard« eröffnet, einen Coffeeshop in der Innenstadt. Jetzt schlägt er sich mit dem Papierkram herum, der das Überleben seiner Lokale sichern soll. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen Kurzarbeitergeld Während der Kurzarbeit springt die Bundesagentur für Arbeit für Unternehmer:innen ein und übernimmt 60% der Lohnkosten, in Sonderfällen bis zu 67%. Die Maßnahme ist dafür gedacht, in schwierigen Zeiten Arbeitsplätze zu sichern. Oft wird sie bei schlechter Auftragslage in Großbetrieben genutzt, zum Beispiel in der Automobilindustrie. Während der Coronakrise soll es helfen, Betriebe zu entlasten, die unverschuldet wenig oder überhaupt keine Einnahmen haben. Es ist Teil des Soforthilfepakets, das Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Bundesfinanzminister Olaf Scholz geschnürt haben, um einen Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern. Die Zahlung ist zunächst auf 12 Monate begrenzt. Für Kurzarbeiter:innen sind die Einnahmen zwar hilfreich, bedeuten aber einen deutlichen Einschnitt beim Einkommen. Vor allem in Berufen, die relativ niedrig entlohnt werden, kann auch das zum existenziellen Problem werden. und Das Bundesland Bayern hat bereits Soforthilfen für Kleingewerbe eingeführt. Hier kommst du zur Website die bayerische Regierung hat erste Soforthilfen bereitgestellt. Steinle sagt, in der Realität helfe das alles nur für einen sehr begrenzten Zeitraum. »Wir haben keine Einnahmen, aber die Fixkosten wie Mieten und Strom laufen alle weiter. Wir arbeiten im Alltag mit sehr geringen Gewinnmargen und haben deswegen einfach keine Rücklagen, die für mehrere Monate reichen.« Dazu kommen bei ihm wie auch bei anderen Gastronomen die privaten Lebenshaltungskosten.

Unternehmerinnen und Unternehmer wie Christoph Steinle möchten Virgil Mischok und seine beiden Brüder jetzt unterstützen.

Gutscheine gegen die Coronaflaute

Sie betreiben zusammen eine Softwareentwicklungsfirma. »Mittags sind wir oft zum Essen in die Innenstadt gegangen und kennen deswegen viele Gastronomen. Uns hat sehr beschäftigt, dass jetzt viele um ihre Existenz kämpfen. Für uns Augsburger sind das besondere Orte«. Mehrere Beschäftigte der Agentur haben in wenigen Tagen »Rette deinen Lieblingsladen« an den Start gebracht. Hier kommst du zur Website der Aktion »Rette deinen Lieblingsladen« Auf der Website schildern Unternehmerinnen und Unternehmer ihre Lage, Kund:innen können Gutscheine kaufen, die sie dann, nach der hoffentlich gut überstandenen Krise, in ihrem Geschäft einlösen dürfen.

Mit dabei sind bereits mehr als 20 Geschäfte, darunter Bars und Restaurants, aber auch ein Hutgeschäft mit mehr als 200-jähriger Geschichte, ein Weinladen und ein Schuhgeschäft. Täglich kommen neue hinzu. 7% des Gutscheinbetrags bleiben bei Mischok, davon bezahlt er die Gebühren des Zahlungsdienstleisters Paypal und federt die laufenden Kosten, die durch den Betrieb der Website entstehen, zumindest ein wenig ab. Geld mit der Aktion zu verdienen sei absolut nicht das Ziel, sagt Virgil Mischok, vielmehr ein Helfen im Rahmen der Möglichkeiten, die sie haben. »Rette deinen Lieblingsladen« zahlt die Einnahmen einmal pro Woche an die teilnehmenden Geschäfte aus. In der ersten Woche kamen fast 10.000 Euro zusammen. »Wir wissen, dass wir die Unternehmen damit nicht im Alleingang retten können, aber vielleicht hilft es, die Zeit zu überbrücken, bis genug staatliche Hilfe da ist«, sagt Virgil Mischok.

Auch Berlin unterstützt Lieblingsläden

Ein ganz ähnliches Hilfsprojekt läuft seit wenigen Tagen auch in der Hauptstadt. Bei Hier kommst du zur Website der Aktion von »Helfen.Berlin« »Helfen.Berlin« kann jede:r den eigenen Lieblingsladen mit einem Gutscheinkauf unterstützen. Seit Freitag ist die Aktion online. »Wir sind total überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Berliner. In den ersten 48 Stunden sind Gutscheine für mehr als 30.000 Euro gekauft worden«, sagt der Unternehmer Karsten Kossatz, der das Projekt mit Kooperationspartner:innen innerhalb weniger Tage aufgebaut hat. »Helfen.Berlin« nimmt bei der Aktion selbst kein Geld ein. Alle Firmen, die sich beteiligen, arbeiten ehrenamtlich. Beim Kauf eines Gutscheins werden die Gebühren des Zahlungsdienstleisters auf den Gutscheinbetrag aufgeschlagen. Der volle ausgewählte Betrag kommt beim jeweiligen Laden an. Mehr als 600 Kneipen, Co-Working-Spaces und verschiedene Geschäfte aus dem Einzelhandel machen bereits mit. Auch »Helfen.Berlin« zahlt einmal pro Woche aus. »Es geht darum, den Unternehmen so schnell wie möglich zu helfen«, sagt Karsten Kossack.

Beide Aktionen, in Augsburg wie in Berlin, haften nicht, wenn die Betriebe in der Krise doch für immer schließen müssen. Ein bisschen Selbstlosigkeit schwingt aber wahrscheinlich ohnehin bei den meisten Käuferinnen und Käufern mit. Nicht wenige Geschäfte werden sich außerdem freuen, wenn nach der Krise vielleicht nur ein Teil des Gutscheins eingelöst wird. Die Initiative »Kiezretter« plant lokale Geschäfte zu unterstützen Auch in vielen anderen Städten sind ähnliche Aktionen wie diese in Arbeit.

So kannst du in deiner Stadt helfen

Wer spontan seinem Lieblingscafé oder seiner Stammkneipe helfen möchte, es dafür aber noch keine Plattform gibt, kann Hier kommst du zur Website von »Better Place« zum Beispiel bei »Betterplace.me« aktiv werden und Künstler:innen und Kleinunternehmer:innen mit Crowdfunding-Aktionen unterstützen. Hier kommst du zur Website des »Bla« Das »Bla«, eine alteingesessene Bonner Punkrock-Bar, setzt dagegen auf den eigenen Onlineshop, in dem es T-Shirts und andere Kleidung zu kaufen gibt. Neu im Sortiment: ein (vorerst) virtuelles Bier inklusive Glas mit dem Logo der Bar, beides kann nach der Wiedereröffnung abgeholt werden. Und auch der Buchhandel braucht jetzt Hilfe: In vielen Städten Hier findest du mehr als 600 kleinere Buchhandlungen, die entweder Bücher verschicken oder Abholung anbieten bieten kleinere Geschäfte schon länger die Möglichkeit für Onlinebestellungen an und manche liefern jetzt sogar kostenlos, So geht die Wuppertaler Traditionsbuchhandlung Müller-Nettesheim mit der Zwangsschließung um um dem großen Konkurrenten Amazon die Stirn zu bieten.

Es gibt viele Wege, deine Lieblingsorte zu unterstützen – und manchmal hilft schon ein Anruf bei den Betroffenen, um eine kleine Aktion loszutreten.

Update 30. März:

Es hat sich einiges getan, seit der Artikel erschienen ist. Inzwischen konnte »Rette deinen Lieblingsladen« mehr als 20.000 Euro auszahlen, mehr als 90 Läden machen mit. »Helfen.Berlin« konnte schon mehr als 250.000 Euro einsammeln, 1600 Geschäfte sind auf der Plattform registriert.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Benjamin Fuchs 

Jeder weiß: Unsere Arbeitswelt verändert sich radikal und rasend schnell. Nicht nur bei uns vor der Haustür, sondern auch anderorts. Wie können wir diese Veränderungen positiv gestalten und welche Anreize braucht es dafür? Genau darum geht es Benjamin, der erst Philosophie und Politikwissenschaft studiert hat, dann mehr als 5 Jahre als Journalist in Brasilien lebte und 2018 zurück nach Deutschland gekommen ist. Es gibt viel zu tun – also: An die Arbeit!

Themen:  Konsum   Gesellschaft   Deutschland  

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