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Gastautorin: Ute Scheub

Riace oder: Rezept für eine gelebte Utopie mit Geflüchteten

6. Juli 2016

Zutaten: 1 halbverlassenes Dorf, 1 visionärer Bürgermeister, 1 ordentliche Portion Mut und Zeit, 1 Prise Staatsknete, viele Geflüchtete

»Riace paese dell'accoglienza - Willkommensdorf Riace« steht auf einem Torbogen an der Piazza, stilisierte Bilder zeigen Menschen aus Afrika. Was im tiefsten Kalabrien Kalabrien ist die Stiefelspitze des italienischen Festlandes. Im südlichsten Teil der Halbinsel leben knapp 2 Millionen Menschen. Die Haupterwerbsquelle sind die Land- und Forstwirtschaft. als Gegenmodell zur Festung Europa geschaffen wurde, nennen manche das »Wunder von Riace«.

Woraus besteht dieses Wunder? Riace war bis vor kurzem so gottverlassen wie Dutzende andere Dörfer in Süditalien: Der Ortskern war verfallen, der Putz bröckelte, Fensterläden klapperten. Mehr als die Hälfte der einst 3.000 Einwohner war auf der Suche nach Arbeit woandershin gezogen. Domenico Lucano aber blieb. Im Jahre 1998 fuhr der damalige Chemielehrer am Meer entlang und sah, wie ein überladenes Segelboot mit 218 kurdischen Männern, Frauen und Kindern auf den Strand von Riace Marina zusteuerte. Er habe in diesem Moment »eine Art Berufung« empfunden, berichtete er später.

Die Geflüchteten, schoss es ihm durch den Kopf, könnten doch die leeren Häuser renovieren und bewohnen. Zusammen mit Freunden gründete er den gemeinnützigen Verein »Città Futura«, Stadt der Zukunft. Die Eigentümer eines alten Palazzos stellten dem Verein das leerstehende Gebäude für 1 Euro Jahresmiete zur Verfügung. Fördermittel dienten dazu, ihn notdürftig herzurichten.

Vom parteilosen Bürgermeister-Kandidaten auf die Forbes 50-Liste

Dann ging’s los. Männliche Geflüchtete setzten Häuser und zerfallene Terrassen instand, weibliche arbeiteten in der wiedereröffneten Glasbläserei, Stickerei, Weberei oder Töpferei. Heute ist Città Futura der größte Arbeitgeber im Dorf. Flüchtlingskinder füllen die einst von Schließung bedrohte Dorfschule mit neuem Leben. Die kleine Gemeinde Die Angaben zur Einwohnerzahl sind unterschiedlich: Auf der Website von Riace ist von 1.726 (ohne Datum) die Rede, das italienische Statistikamt führt 2.238 Einwohner (Januar 2016). beherbergt eine schwankende Zahl von 300 bis 500 Schutzsuchenden aus Syrien, Senegal, Türkei, Irak, Somalia, Eritrea oder Afghanistan – ein Ausländeranteil, der den von Rom bei weitem übersteigt. In Rom liegt der Anteil von Immigranten laut der letzten Erhebung des nationalen Büros für Statistik (ISTAT) bei ca. 9,5%.

Domenico Lucano im Kreis »seiner« Geflüchteten vor einer Wandzeichnung gegen die heimische Mafia. – Quelle: Göpf Berweger

Domenico Lucano, den alle nur »Mimmo« nennen, kandidierte 2004 als parteiloser Bürgermeister und schraubte ein Schild an seine Tür: »Ich empfange zu jeder Tageszeit.« Zweimal wurde er seitdem wiedergewählt. In der Tat, »Mimmo« ist jederzeit ansprechbar, persönlich oder übers Handy. Das Ding klingelt ohne Pause, auch wenn er im Ausland unterwegs ist. Und das ist inzwischen oft der Fall, denn viele wollen jetzt wissen, wie er das hinbekam mit dem »Willkommensdorf« und überhäufen ihn mit Preisen.

Beim »World Mayor Award 2010« – der jährlichen Preisverleihung für den weltweit besten Bürgermeister – kam er auf Bericht zur erfolgreichen Platzierung bei den World Mayor Awards 2010 Platz 3, die US-Zeitschrift Fortune zählte ihn zu den »50 wichtigsten Personen, Er belegte 2016 Platz 40, vor Melinda Gates die die Welt verändern« und die Schweizer »Stiftung für Freiheit und Menschenrechte« zeichnete ihn als Portrait des Bürgermeisters zur Preisverleihung »europäischen Pionier im Umgang mit Schutzsuchenden« aus. Der Ruhm scheint dem 58-Jährigen nicht zu Kopf gestiegen zu sein, im persönlichen Umgang wirkt er eher scheu und zurückhaltend.

Eigene Dorf-Währung erinnert an Gandhi und Martin Luther King

Solange das Anerkennungsverfahren läuft, zahlt der italienische Staat Geflüchteten eine kleine Summe. Im Vergleich zu den Auffanglagern in der Region Der Freitag über die Versorgung in Riace (55 Euro pro Tag laut italienischem Roten Kreuz) koste die Unterbringung von Geflüchteten in Riace nur die Hälfte, sagt Domenico Lucano. Als Grund nennt er den schnellen Anschluss, den die Geflüchteten in Riace erfahren. Ankommende erhalten von der Gemeinde einen kleinen monatlichen Lohn für ihre Arbeit. Wohnung, Strom und Essen sind gratis. An die 70 Jobs hat »Mimmos« neue Dorfökonomie geschaffen. Leerstehende Läden beherbergen heute Werkstätten, Geflüchtete schaffen Umsatz in Ortsgeschäften, die jahrelang geschlossene Pizzeria eröffnete wieder.

Weil das Staatsgeld so oft verspätet aus Rom eintraf, kreierte der Bürgermeister in seiner Not sogar eine eigene Dorfwährung, den »Bonus« – die Köpfe von Gandhi, Che Guevara und Martin Luther King schmücken Die Scheine können von den Geschäftsleuten in Euros umgetauscht werden, erklärt die Berliner Zeitung die Scheine. Geflüchtete konnten damit lokale Waren und Dienstleistungen bezahlen. Nebeneffekt: Das Geld bleibt im Dorf, die lokale Wirtschaft wird unterstützt.

Fussball ist in Riace völkerverbindend. – Quelle: Göpf Berweger

Ein weiteres Geheimnis von Riace sind die Tandems – und dabei geht es nicht um Fahrräder. Einheimische und Neuankömmlinge arbeiten meist in Zweierteams; sie lernen sich dadurch kennen und schätzen. Die genossenschaftliche Müllabfuhr besteht aus 2 Männern aus Riace, 2 Geflüchteten und 14 Eseln (wobei nicht sicher ist, ob die Esel über ihre Rechte als Genossen aufgeklärt wurden). »Kein Benzin, kein Gestank, kein Krach und Reparaturen sind bei den Tieren auch nicht nötig«, weiß Der schweizer Zeitpunkt-Autor Michael Braun im Gespräch mit dem Bürgermeister und Geflüchteten Daniel aus Ghana der mit seinem Eselskarren Abfall einsammelt.

Die Afghanin Tahira, mit ihren Kindern vor den Taliban geflohen, arbeitet in der Stickerei Seite an Seite mit der einheimischen Caterina. Besser habe sie es nicht treffen können, sagt sie. In der Töpferei stellen die italienische Kunstabsolventin Lorena und der afghanische Geflüchtete Issa Keramik her. Lorena ist dankbar, durch diese Arbeit in Riace bleiben zu können. In der Glaswerkstatt fertigen Arogo aus Eritrea und Irene aus Riace zusammen Glaskunstwerke an. »Früher wäre ich weggegangen, gezwungenermaßen, jetzt habe auch ich hier Arbeit«, sagt Irene.

3 Zutaten für die gelebte Utopie

Was also macht das Wunder von Riace aus?

  1. Die Überzeugung des Bürgermeisters, dass Willkommenskultur zum ökonomischen Nutzen beider Seiten verlaufen sollte – so kommt fremdenfeindlicher Neid gar nicht erst auf.
  2. Die Arbeits-Tandems, die Geflüchtete und Einheimische einander kennen und schätzen lernen lassen.
  3. Das gegenseitige Bestärken und Starkmachen. Domenico Lucano beschreibt es so: »Die Geflüchteten sind wichtig für uns. Durch sie haben wir wieder Lust bekommen, neu anzufangen. Dieser Neubeginn bedeutet, dass wir uns auf unsere eigenen Traditionen und Wurzeln besinnen. Wurzeln, die nun dafür sorgen, dass die Menschen in Riace bleiben, um gemeinsam an der neuen Hoffnung zu arbeiten.«

Die kleine Gemeinde Riace liegt in Kalibrien, der Stiefelspitze Italiens. – Quelle: Göpf Berweger

Aber nicht alles ist rosig: Die Mafia, die in den nahen Orangenplantagen Immigranten für Hungerlöhne schuften lässt, hält nicht viel von dieser Hoffnung. Eine angstfreie und emanzipierte Bevölkerung ist für sie ein Albtraum. Im Jahr 2009 wurde die Tür des Bürgermeisters durchschossen, Unbekannte vergifteten seine Hunde. »Wir machen einfach weiter«, sagt der Bürgermeister dazu. Denn wenn man sich zum Schweigen bringen lasse, dann bedeute das, im Inneren zu sterben. Angst hat er nach eigenem Bekunden nicht. Europa indes sieht er »auf einem Weg in eine völlig neue Barbarei.« Dem will der Bürgermeister die Vision eines anderen, besseren Europas ganz praktisch entgegenstellen: eine Stadt und Stätte der Zukunft, Città Futura.

Besonders für strukturschwache Orte ist Riace ein Modell. Oft wird suggeriert, dass Geflüchtete Sollte die Integration in den Arbeitsmarkt völlig scheitern, könnten Kosten von bis zu 400 Milliarden entstehen. Bei gelungener Integration könnte es zu einem deutlichen Plus kommen. Milliarden Euro kosten und der Kuchen kleiner wird, wenn wir ihn mit ihnen teilen müssen. Doch Riace zeigt: Der Kuchen kann auch größer werden. Die Schutzsuchenden dort wollen arbeiten.

Riace könnte also Vorbild in den österreichischen Alpen, in verlassenen Orten Ostdeutschlands und in Schweizer Bergdörfern sein. Neuankömmlinge könnten beim Aufbau der kaputten Infrastruktur helfen, Parks instand setzen, Lebensmittel produzieren und verkaufen, die lokale Ökonomie reanimieren. Wie lässt sich ein solcher Wandel beginnen? In Riace hat ein Mann den Stein ins Rollen gebracht. Das sollte woanders auch möglich sein. Wir brauchen das Engagement mutiger Menschen vor Ort, die Ängstliche mitziehen und Fremdenfeinden keinen Raum lassen.

Ute Scheub ist Gründungsmitglied der taz, arbeitet seit fast 2 Jahrzehnten als freie Journalistin, ist Autorin von 17 Büchern und Anhängerin des Konstruktiven Journalismus.

Titelbild: Megan Murray - CC0

 

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