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Die Zeit ist reif für das Grundeinkommen. Was du jetzt darüber wissen musst

Große Krisen bieten die Chance für große Veränderungen. Hier sind 5 Thesen, wie ein gerechtes Grundeinkommen gelingen kann.

27. April 2020  10 Minuten

Vielleicht ist die Zeit jetzt gekommen. Während sich die Bundesregierung mit Hilfen in Milliardenhöhe gegen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie stemmt, denken viele über eine ganz andere Lösung nach: Warum nicht allen Menschen direkt Geld zukommen lassen? Oder anders ausgedrückt: ein bedingungsloses Grundeinkommen in Coronazeiten für alle!

Genau das fordert zum Beispiel die Modedesignerin Tonia Merz. Fast eine halbe Million Menschen Unmittelbar vor Veröffentlichung dieses Artikels haben rund 460.000 Menschen die Petition unterzeichnet. Stand: 25.04.2020 haben die von ihr auf der Plattform change.org gestartete Hier findest du die Petition von Tonia Merz Petition unterzeichnet.

Die Überlegung dahinter ist: Wenn der Staat so unvorstellbar viel Geld in die Hand nimmt, dafür aber Millionen von Anträgen per Hand bearbeiten muss und am Ende doch nicht alle in wirtschaftliche Not geratenen Menschen erreicht – wäre es dann nicht viel einfacher, ihnen gleich ein Grundeinkommen auszuzahlen?

Corona verleiht dieser Idee neuen Auftrieb. Dass sogar Papst Franziskus laut über die Einführung eines Grundeinkommens nachdenkt, »Vielleicht ist jetzt die richtige Zeit, über ein universales Grundeinkommen nachzudenken, das die wichtigen und unersetzlichen Aufgaben anerkennt«, schrieb der Papst am Ostersonntag in einem Brief, der sich vor allem an berufstätige Menschen richtet, die von der Coronakrise wirtschaftlich hart getroffen wurden. Viele dieser Menschen lebten »ohne jede Form von rechtlichen Garantien, die sie schützen«, schreibt Franziskus. Ein Grundeinkommen würde ihm zufolge ein Einkommen darstellen, »das den ebenso menschlichen wie christlichen Leitsatz dauerhaft Wirklichkeit werden lassen kann: Kein Arbeiter ohne Rechte.« beweist, dass das Thema endgültig In diesem Brief äußert sich Papst Franziskus zum Grundeinkommen (2020) im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist.

Natürlich gibt es verschiedene Ansichten darüber, wann der richtige Zeitpunkt für einen Praxistest gekommen ist und welches Modell am besten funktioniert. Daher muss jetzt geklärt werden, was ein Grundeinkommen eigentlich leisten soll – und was nicht.

In 5 Thesen versuchen wir, Antworten darauf zu finden.

1. Ein Grundeinkommen muss die Welt gerechter machen, nicht Ungerechtigkeit zementieren

Die Bundesrepublik ist nicht nur ein demokratischer Bundesstaat, in dem sich die besten Argumente durchsetzen sollen. Sie ist auch ein sozialer Bundesstaat, da kennt das Grundgesetz keine Diskussionen. Laut Bundesverfassungsgericht ist dieser Staat damit dazu verpflichtet, sich um einen Wie der deutsche Sozialstaat organisiert ist, beschreibt die »Bundeszentrale für politische Bildung« ausführlich (2012) »erträglichen Ausgleich der widerstreitenden Interessen und um die Herstellung erträglicher Lebensbedingungen für alle zu bemühen«, oder anders gesagt: soziale Gerechtigkeit herzustellen.

Was aber nun als »gerecht« empfunden wird, kann sich je nach Perspektive gewaltig unterscheiden und beschäftigt Philosoph:innen bereits seit vielen Jahrhunderten. Im Kontext des Sozialstaates Hier kannst du Hofmanns komplette Zusammenfassung des Sozialstaatsprinzips finden (2014, PDF) macht der Rechtswissenschaftler und Völkerrechtler Rainer Hofmann einen Definitionsvorschlag, der den meisten Menschen als kleinster gemeinsamer Nenner dienen könnte:

Unter sozialer Gerechtigkeit ist ein Verteilungsprinzip zu verstehen, welches jeder Bevölkerungsgruppe die Möglichkeit einer wirtschaftlichen und kulturellen Existenz auf angemessenem Niveau gewährleisten soll. – Rainer Hofmann, Rechtswissenschaftler

Oder provokanter gesagt: Dass in Deutschland niemand verhungern muss und (zumindest theoretisch) ein Recht auf ein Dach über dem Kopf hat, reicht nicht. Auch Hartz IV reicht dafür nicht, was schon allein an der Existenz von fast Hier geht es zur Website der deutschen Tafeln 1.000 Tafeln in Deutschland deutlich wird. Erst recht nicht, wenn die Sätze für das Existenzminimum sogar noch gekürzt werden können. Erst im November 2019 bestätigte das Bundesverfassungsgericht, dass Hartz IV in seiner jetzigen Form Der »Tagesspiegel« berichtet über die Entscheidung des BVerfG (2019) rein juristisch nicht verfassungskonform ist.

Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen unabhängig von Einkommen und Vermögen nach dem Gießkannenprinzip wirklich gerechter ist, steht auf einem anderen Blatt. Der Armutsforscher Christoph Butterwegge beschreibt es so:

Milliardären denselben Geldbetrag wie Müllwerkern und Multijobberinnen zu zahlen, verfehlt das Ziel einer ›austeilenden Gerechtigkeit‹ (Aristoteles), weil die sozialen Gegensätze nicht beseitigt, sondern zementiert würden. – Christoph Butterwegge, Armutsforscher

Daher darf eine derart mächtige wie revolutionäre Idee wie ein Grundeinkommen weder in Warum wir in Deutschland mehr Gleichheit beim Wohlstand brauchen, zeigt Chris Vielhaus in diesem Artikel Deutschland noch sonst irgendwo auf der Hier gibt »Oxfam« einen Überblick über das Ausmaß globaler Ungleichheit (englisch) Welt das gewaltige Problem der wachsenden Ungleichheiten außer Acht lassen.

Genau an diesem Punkt verbirgt sich die Chance eines Grundeinkommens für Demokratie und soziale Gerechtigkeit: Umverteilung von oben nach unten (mehr dazu in These 4) durch ein Grundeinkommen, das sich an den individuellen Lebensverhältnissen orientiert, heißt dann nämlich auch: Machtumverteilung von Wenigen hin zu Vielen. Das wäre ein Schritt hin zu einer Demokratie, in der alle Menschen theoretisch die gleichen Chancen haben.

2. Wir brauchen einen Systemwechsel

Wenn alle, die ein Grundeinkommen beziehen, jeden Monat den gleichen Betrag auf ihr Konto überwiesen bekommen, ohne etwas Bestimmtes dafür tun zu müssen, ist man dem Ziel der Chancengleichheit schon ein ganzes Stück nähergekommen. Heute sind wir davon noch weit entfernt, Hier kommentiert Stefan Boes, warum wir den Wert systemrelevanter Arbeit neu bestimmen müssen das hat die Coronakrise noch einmal in aller Deutlichkeit gezeigt.

Viele der Berufe, die sich als unverzichtbar für das Gemeinwohl erwiesen haben, finden sich am Ende der Gehaltsrangliste. Menschen, die in der Pflege, an der Supermarktkasse, im Frisörgeschäft oder im Gütertransport arbeiten, gehören in Deutschland Im »Gehaltsatlas 2019« erfährst du mehr über die Bezahlung in verschiedenen Berufen (PDF) zu den am schlechtesten bezahlten Berufen. Viele Beschäftigte in diesen Berufen Die »Süddeutsche Zeitung« berichtet hier über Pflegekräfte, die staatliche Leistungen in Anspruch nehmen (2020) müssen ihr Gehalt sogar mit staatlichen Leistungen aufstocken. Mit einem Grundeinkommen könnte man ihnen diese Erniedrigung ersparen.

Das ist die grundlegende Idee: Aus Empfänger:innen von Sozialleistungen werden mündige Bürger:innen

Auch das wäre ein wichtiger Beitrag des Grundeinkommens. Es könnte einen Systemwechsel einläuten, der gerade in Deutschland notwendig ist. Seit Jahren wird das Arbeitslosengeld II, das 2005 aus der bisherigen Arbeitslosenhilfe und der Sozialhilfe hervorgegangen ist, nur »Hartz IV« genannt. Der Begriff steht für ein bürokratisches System, das Menschen zu sozial schwachen Bedürftigen macht, deren Privatleben bis ins Detail durchleuchtet wird, und das am Ende trotzdem zu Armut führt.

Ein Grundeinkommen bietet die Chance, Wie stark Arbeitslose benachteiligt werden, erfährst du in diesem Artikel von Benjamin Fuchs das Stigma von Hartz IV und Langzeitarbeitslosigkeit aufzuheben. Dafür müsste es so unbürokratisch wie möglich und an so wenige Bedingungen wie möglich geknüpft sein. Das ist die grundlegende Idee: Aus Empfänger:innen von Sozialleistungen werden mündige Bürger:innen, die ein Stück weit unabhängig von Arbeitseinkommen und streng regulierten Staatshilfen werden.

Zwar sollte niemand ein solches Modell als Alternative zum Erwerbseinkommen begreifen, jedenfalls nicht bei einem monatlichen Betrag von 1.000 Euro. Es sollte überhaupt nicht darum gehen, Arbeit abzuschaffen, wie zum Beispiel Hier äußert sich Jutta Allmendinger zum Thema Grundeinkommen auch die Soziologin Jutta Allmendinger betont:

Wenn man fragt, was den Menschen wichtig ist, auch in Zukunft, dann ist das die Erwerbsarbeit. Sie ist das Zentrum unseres sozialen Sicherungssystems. Und es ist bei Weitem nicht nur das Geld. – Jutta Allmendinger, Präsidentin des »Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung«

Doch ein Grundeinkommen schafft Sicherheit, gerade dann, wenn es zu Brüchen in der Biografie kommt. Dann bietet es eine finanzielle Grundsicherung für alle, ganz ohne bürokratische und soziale Hürden. Dieser Wunsch nach Sicherheit wird in einer sich rasant verändernden Arbeitswelt immer größer werden.

3. Ein Grundeinkommen darf unseren Wohlfahrtsstaat nicht abschaffen

Wir dürfen uns aber keinen Illusionen hingeben: Zwar würde ein Grundeinkommen bis zu einem gewissen Grad zusätzliche finanzielle Sicherheit spenden. Gegen Schicksalsschläge wie schwere Krankheit, Unfälle oder Pflegebedürftigkeit vermag es uns jedoch nicht zu schützen, selbst wenn es höher als 1.000 Euro ausfällt.

Um uns gegen diese individuellen Lebensrisiken abzusichern, wurden in Deutschland und einigen anderen Ländern der Welt über viele Jahrzehnte hinweg komplexe Sozialversicherungssysteme entwickelt, in deren Zentrum der Gedanke der Solidarität steht. Erkranken wir schwer, zum Beispiel an Krebs, steht die Gemeinschaft der Sozialversicherten für uns ein, und die teure Behandlung, die kein Grundeinkommen je finanzieren könnte, wird aus den Beiträgen aller bezahlt. Ein System, um das wir trotz Reformbedarfs von vielen Ländern aus aller Welt beneidet werden, wie zum Beispiel in diesem Bericht des US-amerikanischen Nachrichtensenders CNBC:

(Video leider nur auf Englisch abrufbar)

Daran wird deutlich: Ein Grundeinkommen birgt die Gefahr, als neoliberales Trojanisches Pferd das Grundprinzip der Solidarität von Wohlfahrtsstaaten zu unterminieren. Oder anders gesagt: Unter dem Deckmantel eines sozialen Fortschritts könnte sich auch ein »schlanker Staat« und »mehr Eigenverantwortung« verbergen. Genau diesen Schritt enthalten einige Hier kannst du einen Blick in Straubhaars Buch »Radikal gerecht: Wie das bedingungslose Grundeinkommen den Sozialstaat revolutioniert« werfen Modelle wie etwa das des Schweizer Ökonomen Thomas Straubhaar, die einen radikalen Umbau des veralteten Sozialstaates vorantreiben wollen.

Im Sinne einer offenen Diskussion soll das aber nicht bedeuten, dass ein solches Modell pauschal untauglich ist: In Ländern wie den USA, in denen es traditionell keine gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherungssysteme gibt, könnte ein solches Modell für viele Millionen Menschen ein großer Fortschritt sein, die sich keine private Versicherung leisten können.

Dabei wird deutlich: Das eine Modell für alle Länder kann es nicht geben, da die jeweiligen Startbedingungen sehr unterschiedlich sein können.

Was jedoch überall gleich ist: Irgendwo muss das Geld herkommen. Die gute Nachricht ist, dass es auf der Welt genug davon gibt.

4. Ein Grundeinkommen ist finanzierbar

Wohl jeder ist sich im Klaren darüber, dass ein Grundeinkommen – unabhängig von Bedingungen und Höhe – zunächst einmal ein finanzieller Kraftakt ist. Wollte man ein Grundeinkommen ohne Bedingungen in Höhe von 1.000 Euro Was für die meisten Befürworter:innen ein Mindestbetrag ist. für alle 83 Millionen Bundesbürger:innen zahlen, würde das pro Jahr mit über einer Billion Euro zu Buche schlagen. Diese Dimension ist ein weiterer Grund dafür, genau zu überlegen, ob es wirklich Gratisgeld für alle braucht.

Gleichzeitig bietet aber gerade die Coronakrise auch 2 interessante Denkanstöße dafür, dass das Argument der Unfinanzierbarkeit nicht haltbar ist:

  1. Die eilig verabschiedeten finanziellen Nothilfen machen deutlich, dass das Argument, es sei kein Geld da, so nicht haltbar ist: Insgesamt 1,2 Billionen Euro mobilisierte allein Deutschland innerhalb der vergangenen Wochen – Stand April, weitere Aufstockungen nicht ausgeschlossen. Diese riesige Summe wird zwar nicht unmittelbar ausgegeben, sie umfasst auch staatliche Bürgschaften und Kredite. Trotzdem geben die Maßnahmen einen Eindruck davon, welche finanziellen Mittel bewegt werden können, In diesem »Spiegel«-Artikel kannst du nachlesen, wo das Geld in der Krise herkommt (2020) wenn der politische Wille vorhanden ist.

    Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Grundeinkommen auf Pump auf Dauer eine gute Idee wäre. Es zeigt aber zumindest die möglichen Handlungsspielräume für einen Start in ein Grundeinkommen – zumal das Gratisgeld nicht weg wäre: Im besten Fall würde es wie eine Han Langeslag zeigt, dass Geld gesund macht Investition in die Gesundheit, Weiterbildung und in die Kauflaune der eigenen Bürger:innen wirken.

  2. In Krisenzeiten wächst die Offenheit für die Umverteilung und Solidarität, wie der Hier geht es zum »Zeit«-Interview mit Moritz Schularick (2020, Paywall) Wirtschaftshistoriker Moritz Schularick im Interview mit der Zeit anhand des sogenannten Lastenausgleichs nach dem Zweiten Weltkrieg erläutert: »Im Prinzip war das eine einmalige Abgabe in Höhe von 50% auf alle Vermögen, zahlbar in 1/4-jährlichen Raten über einen Zeitraum von 30 Jahren. Es gab zwar Freibeträge für kleine Vermögen, aber die waren nicht besonders hoch.« Die lange Zahlungsfrist habe dafür gesorgt, dass die Abgabe nicht auf einen Schlag zu entrichten war. »Umgerechnet auf ein Jahr, entsprach das einer Hier zeigt Chris Vielhaus, wie die Vermögenssteuer in Deutschland still und heimlich beerdigt wurde Vermögenssteuer von rund 2%. Das konnte in aller Regel aus den Kapitalerträgen bezahlt werden, die Substanz wurde nicht angegriffen«, so Schularick.

    Auch über die Coronakrise hinaus könnte eine progressive Vermögenssteuer, wie sie der französische Ökonom Thomas Piketty bereits vor der Pandemie Hier findest du Pikettys aktuelles Buch in seinem aktuellen Buch »Kapital und Ideologie« vorschlägt, Pikettys zentrale Forderungen hat der »Tagesspiegel« hier zusammengefasst (2019) für die dauerhafte Finanzierung eines Grundeinkommens dienen. Viele Befürworter:innen eines Grundeinkommens können sich auch eine Finanztransaktionssteuer Mit der Finanztransaktionssteuer kann eine Form der Umsatzsteuer auf den Handel von Wertpapieren erhoben werden. Für ihre Umsetzung gibt es verschiedene Konzepte: Der Vorschlag von Olaf Scholz (SPD) etwa sieht unter anderem eine Versteuerung aller Aktienkäufe (nicht aber der -verkäufe) von Großunternehmen um 0,2% vor. Eine Umsetzung auf europäischer Ebene wird in Folge der Finanzkrise von 2008/09 bereits seit Jahren intensiv diskutiert. Die Befürworter:innen versprechen sich davon nicht nur Steuereinnahmen, sondern dass auch weniger besonders risikoreiche Spekulationsgeschäfte an den Börsen abgeschlossen werden. In Deutschland sollen die Einnahmen ab 2021 die kürzlich beschlossene Grundrente finanzieren. als Im Interview argumentiert der Philosoph Richard David Precht für eine solche Finanzierung (2019) eine tragende Säule vorstellen.

Ob Coronalastenausgleich, Vermögens- oder Finanztransaktionssteuer: Wir müssen einen Schritt wagen weg von einer Psychologie des Mangels hin zu einer Der Sozialpsychologe und Vordenker des Grundeinkommens Erich Fromm machte diese Forderung schon in den 60ern zur Bedingung für das Gelingen eines Grundeinkommens (PDF) Psychologie des Überflusses. Denn Reichtum ist auf der Welt zur Genüge vorhanden, die Frage ist nur, wie wir ihn verteilen.

5. Ein Grundeinkommen bezahlt unsichtbare Arbeit

Realistische Möglichkeiten, ein Grundeinkommen zu finanzieren, gibt es also. Die Coronahilfen der Bundesregierung haben gezeigt, welche Möglichkeiten der deutsche Sozialstaat hat. Dass sie nötig geworden sind, zeigt auch, wie verwundbar unser wachstumsorientiertes Wirtschaftssystem ist – und wie wichtig die Suche nach Alternativen ist. Nach neuen politischen Ideen, In diesem Artikel stellt Benjamin Fuchs die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie vor die viel stärker das Gemeinwohl im Blick haben.

Von den Menschen in systemrelevanten Berufen war hier bereits die Rede. Sie sind gerade besonders sichtbar und werden es hoffentlich auch nach der Krise bleiben. Es gibt aber auch Arbeit, die weiterhin unsichtbar ist. Geleistet wird sie von der Schwiegertochter, die zu Hause als Altenpflegerin einspringt. Oder von der Mutter, die in Teilzeit wechselt, um die Kinder zu betreuen und sich um den Haushalt zu kümmern. Wer wirklich wissen will, wer den Laden am Laufen hält, sollte in die Küchen und Kinderzimmer der Republik schauen und nicht in die Vorstandsetagen.

Arbeit ist nicht nur das, was zu wirtschaftlicher Wertschöpfung beiträgt

Die Geschlechtsform ist übrigens bewusst gewählt. Denn nicht nur in den systemrelevanten Berufen arbeiten vorwiegend Frauen. Nach einer Untersuchung des »Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung« sind mehr als 70% der in systemrelevanten Berufen Beschäftigten Frauen. Die Berufsgruppen hingegen, die als Männerberufe klassifiziert werden, nämlich solche mit weniger als 30% Frauenanteil, machen nur einen kleinen Teil der systemrelevanten Berufe aus. Auch Care-Arbeit wird mit großer Mehrheit von Frauen geleistet. Die Organisation »Oxfam« hat berechnet, dass Mädchen und Frauen weltweit täglich mehr als 12 Milliarden Stunden unbezahlter Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit verrichten. Das dringt jetzt langsam ins öffentliche Bewusstsein. Wer pflegt, betreut und erzieht, erhält zwar auch Leistungen vom Staat: Elterngeld, Rentenanwartschaften oder Leistungen aus der Pflegekasse. Doch das sind temporäre oder unzureichende Kompensationsleistungen. Care-Arbeit selbst bleibt weiter unbezahlt und wird so weiterhin nicht als »richtige« Arbeit verstanden.

Die Einführung eines Grundeinkommens würde den Einstieg in die Finanzierung von Care-Arbeit bedeuten. Und könnte damit zu einem neuen Verständnis von Arbeit beitragen. Denn Arbeit ist nicht nur das, was unmittelbar zu wirtschaftlicher Wertschöpfung beiträgt.

Das Grundeinkommen könnte somit den Weg weisen hin zu einer Gesellschaft, die Pflege, Betreuung, Die Idee des »atmenden Lebenslaufs« verfolgt ähnliche Ziele. Stefan Boes stellt sie hier vor aber auch Phasen von Weiterbildung, sozialem Engagement und anderen Auszeiten finanziell absichert und damit aufwertet. Es wäre der Weg hin zu einer sorgenden Gemeinschaft.

Am Ende geht es um Menschen, nicht um Ideologien

Natürlich gibt es nicht nur eine einzige Vorstellung davon, wie ein Grundeinkommen gestaltet sein sollte. Auch die Frage, ob es nicht doch einige Bedingungen geben darf, sollte nicht aus dogmatischen Gründen verneint, sondern breit diskutiert werden. »Deliberation« lautet das Fachwort dafür, wenn die besten Argumente in einem öffentlichen Austausch zu Entscheidungen führen. Dieser Prozess steht noch ganz am Anfang. In interessierten Kreisen wird die Idee eines Grundeinkommens selbstverständlich schon seit mindestens 20 Jahren geführt. Die zugrunde liegende Idee ist sogar noch wesentlich älter. So forderte der Sozialphilosoph Thomas Paine schon Ende des 18. Jahrhunderts, »dass alle Individuen, arme wie reiche, […] auf den Titel einer Entschädigung oder einer Ausgleichung wegen eines ihnen von der Natur zustehenden Eigentums an der Natur ein gleiches Recht haben, unabhängig von dem Eigentum, das sie selbst hervorgebracht, oder durch Erbschaft, oder auf jede andere Art erworben haben mögen.« Anders ausgedrückt: Jede:r hat das Recht auf ein eigenes Stück Land, um sich und die eigene Familie selbst versorgen zu können. Damit begründete er zwar nicht direkt die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Aber hier wurzelt die Idee eines allgemeinen und gleichen Rechtsanspruchs auf Eigentum.

Es wäre falsch, sich frühzeitig auf einen feststehenden Begriff oder ein alternativloses Konzept festzulegen, das man dann gut findet oder ablehnt. Wichtig ist, dass wir bei der Diskussion um ein mögliches Grundeinkommen Grautöne zulassen. Das heißt, wir sollten uns zunächst einmal von dem Gedanken verabschieden, dass es nur ein mögliches Modell gibt.

Bevor wir uns vom alten verabschieden, sollten wir uns sehr genau überlegen, wie das neue aussehen soll. Die Idee eines Grundeinkommens ist aber zu vielversprechend, In diesem Text von Sebastian Fobbe liest du, wie sich die Parteien zum Grundeinkommen positionieren um sie nicht ernsthaft politisch zu diskutieren. Der Zeitpunkt dafür könnte nicht besser sein.

Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Chris Vielhaus 

Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit hat wenig Reibungspotenzial: Wer würde schon ernsthaft behaupten, für weniger Gerechtigkeit zu sein? Chris zeigt, wie das konkreter geht. Dafür hat er erst Politik und Geschichte studiert und dann als Berater gearbeitet. Er macht die Bremsklötze ausfindig, die bei der Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit und Bildung im Weg liegen – und räumt sie aus dem Weg!


von Stefan Boes 

Kennst du auch das Gefühl, 1.000 Dinge tun zu wollen – oder zu müssen? Wie nutzt du die Zeit, die du hast? Stefan geht aus soziologischer Perspektive der Frage nach, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann – und wie wir Zeit gestalten können, ohne immer nur hinterherzurennen. Dazu gehört auch die Frage, wie die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben gelingen kann.

Themen:  Gerechtigkeit   Geld   Arbeit  

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