Der Alltag geht weiter: Was Taiwan gerade richtig macht

Unser Gastautor lebt derzeit in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans. Er erlebt und schildert ein Land, das gut auf die Pandemie vorbereitet war, effektiv reagiert hat – aber auch tief ins Leben seiner Bürger:innen eingreift.

29. April 2020  10 Minuten

Taipeh, Taiwan, 27. April 2020

Ich laufe über den Universitätscampus in der Nähe unseres Wohnortes und versuche die Gruppen von Studierenden zu meiden, die gerade in den Unterricht rennen. Nach dem Frühstück in »Omas Bäckerei« kann ich nicht widerstehen und kaufe noch einen Vanilleplunder für später. Ich nehme die U-Bahn zu Ikea auf der anderen Seite der Stadt, wo ich mich mit meiner Frau zum Mittagessen in einer Nudelbar treffe. Der Bus nach Hause ist voller Kinder, die von der Schule zurückkommen. Heute Abend treffen wir uns mit Freund:innen in einer nahe gelegenen Trattoria zum Abendessen – das Tiramisu dort ist besonders gut.

Eigentlich sollte ich in diesen Wochen in Berlin sein, um Einen Auszug aus »Globaler Klimanotstand: Warum unser demokratisches System an seine Grenzen stößt« kannst du hier lesen ein neues Buch vorzustellen. Aber meine Reise wurde abgesagt, weil Deutschland wegen des Coronavirus geschlossen ist. Trotz meiner Bestürzung darüber bin ich sehr froh, dass ich nun zu Hause bin, in Taiwan. Denn hier bin ich sicher.

Das Leben in Taiwan

Wenn wir mit Familie und Freund:innen sprechen, die zu Hause in Deutschland, Österreich und dem Vereinigten Königreich gefangen sind, fragen wir uns manchmal, ob wir auf mysteriöse Weise in ein Paralleluniversum versetzt wurden. Hier in Taiwan, wo wir gerade leben, hat die Regierung seit fast 4 Monaten mit dem Coronavirus zu kämpfen. Dennoch liegen bei 23 Millionen Menschen Aktuelle Zahlen zur weltweiten Ausbreitung findest du in den interaktiven Karten des »Johns Hopkins Coronavirus Resource Centers« (2020) nur 429 (Stand 27. April) bekannte Fälle vor. Nur 6 Menschen sind der Krankheit bisher erlegen. Vor knapp 2 Wochen wurden auf einem taiwanesischen Militärschiff 30 neue Fälle entdeckt. Inzwischen scheint das Problem jedoch wieder unter Kontrolle zu sein: Seit dem 24. April gab es keine registrierte Neuinfektion.

In Taiwan gibt es kaum Coronafälle

Registrierte Coronainfizierte pro 100.000 Einwohner in Taiwan, Deutschland und Italien

Quelle: Taiwan CDC, Protezione Civile and Robert Koch-Institut

In Europa ist nicht viel über Taiwan bekannt. Geografisch gesehen ist es eine 400 Kilometer lange und 150 Kilometer breite Insel, etwas mehr als 100 Kilometer vor der Küste Chinas, mit tropischen Wäldern, über 3.500 Metern hohen Berggipfeln und einer zerklüfteten Pazifikküste. Taiwan hat eine demokratisch gewählte Regierung und ist einer der wenigen Orte in Asien, wo Ob nicht statt einer »Ehe für alle« eine »Ehe für niemanden« zeitgemäßer wäre, diskutiert Katharina Wiegmann in diesem Kommentar die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt ist. Die Präsidentin, Tsai Ing-wen, wurde kürzlich mit deutlicher Mehrheit in ihre 2. Amtszeit wiedergewählt.

Restaurants sind in Taiwan weiter geöffnet – dank umfassender Maßnahmen bleibt viel Alltag erhalten. – Quelle: Mike Jewell copyright

Der Lebensstandard hier ist mit dem in Nordeuropa vergleichbar. In diesem Beitrag stellt Felix Austen einen neuen Fahrplan auf, mit dem die Bahn zukunftsfähiger werden könnte Die Hochgeschwindigkeitszüge fahren pünktlich, die Straßen sind sauber und die Menschen sind so warmherzig wie gastfreundlich. Das Essen ist hervorragend und lässt sich als Mischung aus dem Besten aus China und Japan sowie Einflüssen aus Deutschland und Italien beschreiben. Auch kulturell ist Taiwan weit entwickelt, mit einem hohen Bildungsstandard in der Bevölkerung und einer ausgeprägten Kunstszene, die es mit der europäischen aufnehmen kann. Du kennst vielleicht nicht viele taiwanesische Firmen, aber dein alltägliches Leben ist mit ziemlicher Sicherheit von deren Spitzentechnologien abhängig. Und ja, sogar der taiwanesische Whisky ist preisgekrönt, was für einen Schotten wie mich eine nicht unbedeutende Attraktion darstellt.

Natürlich gibt es auch hier große politische Probleme, da Taiwan von der großen Mehrheit der anderen Nationen nicht offiziell als Land anerkannt wird. Da China das demokratische Taiwan als Teil der Volksrepublik betrachtet, unterhalten insgesamt nur 15 Länder diplomatische Beziehungen zu dem Inselstaat. Auch in Deutschland gibt es nur eine inoffizielle taiwanische Vertretung. Dass sich daran etwas ändert, ist momentan nicht wahrscheinlich – erst kürzlich hat die Bundesregierung ihre Ein-China-Politik bestärkt. Aber das hat keinen Einfluss auf unser tägliches Leben hier.

Taiwan hat gute Voraussetzungen für den Kampf gegen Corona

Dann ist da das Virus, bei dessen Bekämpfung Taiwan die Welt anführt. Mit seinen engen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Verbindungen zum chinesischen Festland und dem stetigen Strom hin- und herreisender Menschen wäre zu erwarten gewesen, dass Taiwan von Covid-19 schwer getroffen würde. Mehr über den Umgang der WHO mit Taiwan liest du in diesem Beitrag der »Tagesschau« Zumal das Land vom Zugang zu WHO-Informationen ausgeschlossen ist und im Gesundheitswesen weniger Personal pro Kopf hat als viele andere entwickelte Länder.

Doch das Leben hier wird durch die aktuelle Situation kaum unbeeinflusst. Es gibt keine Ausgangsperre und abgesehen von der Schließung weniger Fitnessstudios, Bibliotheken und Nachtclubs ist kaum ein Unterschied im Leben der Menschen zu erkennen. Die Geschäfte sind nach wie vor gut ausgestattet, auch wenn die Auswahl an Toilettenpapiermarken etwas eingeschränkt ist. In der Liste der betroffenen Länder liegt Taiwan derzeit irgendwo zwischen Malta und Mali. Mit 1/4 der Anzahl der Fälle in Island – obwohl Taiwan eine 100-fach größere Bevölkerung hat.

Titelbild: Maxton - copyright

von Graeme Maxton 

Graeme Maxton war bis Mai 2018 Generalsekretär des »Club of Rome«, einer Organisation mit Fachleuten aus mehr als 30 Ländern, die sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit einsetzt. Er ist Co-Autor des Bestsellers »Ein Prozent ist genug« und Autor des Buches »Change«. Sein neuestes Buch »Globaler Klimanotstand« erschien 2020 in Zusammenarbeit mit Perspective Daily.

Graeme Maxton was the Secretary General of the Club of Rome until May 2018, a global network of renowned independent thinkers dedicated to addressing the challenges facing humanity. Graeme Maxton and Jorgen Randers are the authors of »Reinventing Prosperity«, published by Greystone, October 2016, and »Ein Prozent ist genug«, published by oekom. He is also the author of »Change«. His latest book »Globaler Klimanotstand« was released in 2020.

Themen:  Politik   Gesundheit  

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