Baue dir deine Zukunft selbst – mit diesen 4 Schritten!

Unsere Autorin hat den Lockdown in Italien erlebt. Hier ist ihre Anleitung zur Do-it-yourself-Utopie aus der Quarantäne.

30. April 2020  10 Minuten

Am Mittwoch, dem 11. März 2020, verkündet der italienische Minister­präsident Giuseppe Conte den Lockdown für das ganze Land: die Sperrung aller Bars und Restaurants, die Schließung von Fabriken und Büros, die Ausgangssperre. Kurz: die Aussetzung des gesamten öffentlichen Lebens. Contes letzter Satz zur Notwendigkeit der Maßnahmen klingt noch lange in mir nach: Hier kannst du dir die gesamte Ansprache von Giuseppe Conte anschauen (italienisch, 2020) »per correre più veloci domani.« Auf Deutsch: Um morgen noch schneller zu rennen. Es gibt also ein Morgen, eine Zeit nach der Krise, eine Zukunft. Aber in welche Richtung werden wir rennen? Und wer gibt sie vor?

Der Kampf um die Zukunft

Die Zukunft ist ein stark umkämpftes Feld – oder vielmehr die Vorstellung von der Zukunft. Sie beeinflusst, welchen Lauf die Geschichte dann tatsächlich nimmt. So fanden Erfindungen aus Science-Fiction-Filmen schon ihren Weg in die Dieser Artikel aus der »Zeit« nimmt dich mit in doch nicht ganz so futuristische Laboratorien in Japan (2020) Laboratorien und Köpfe von ganz realen Wissenschaftler:innen. Ein gängiges Beispiel dafür ist der Film Minority Report , in dem Tom Cruise im Jahr 2002 die Hier findest du noch jede Menge anderer Techfantasien aus dem Film, die heute Realität sind (englisch, 2017) Touch-Interaktionen für die Smartphones von heute vorausnimmt. Was für futuristische Technologien gilt, gilt auch für Zukunftsbilder von Gesellschaft sowie der Beziehung von Mensch und Umwelt, Wirtschaft und Wertesystemen. Die Vorstellung von der Zukunft kommt einer Kompassnadel gleich, in deren Richtung die Gegenwart rennt.

Der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte bei seiner Fernsehansprache, während der er den Lockdown des ganzen Landes verkündete. – Quelle: Governo Italiano public domain

Der Kampf um die Vormacht der Zukunftsdeutung für die Zeit nach der Coronakrise ist längst in vollem Gange. Das Netz ist gefüllt mit Pro­phe­zeiungen und Voraussagen, wie es mit der Welt nach der Pandemie weitergeht. Hier berichtet Felix Austen über 4 Post-Corona-Zukunftsszenarien Expert:innen aus Zukunftsforschung, Soziologie, Wirtschaft und natürlich Politik – sie alle treffen Voraussagen, sehen sich in ihren bisherigen Annahmen bestätigt oder lehnen sich mit Deutungen, Analysen und Szenarien aus dem Fenster.

Nur eine Krise – wirklich oder wahrgenommen – produziert echten Wandel. Wenn die Krise eintritt, hängen die Reaktionen darauf von den Ideen ab, die verfügbar sind. – Milton Friedman

Ich will Der selbsternannte Futurist Stuart Candy fragt in seinem »TED«-Talk: »Über wessen Zukunft sprechen wir hier?« (englisch, 2014) das Nachdenken über die Zukunft nicht mehr nur den anderen überlassen. Ich will mitreden, mitmachen, mitgestalten.

Du auch? Dann findest du im Folgenden eine Anleitung zur In diesem Artikel plädiert Dirk Walbrühl für die Wiederentdeckung von Utopien Do-it-yourself-Utopie aus der italienischen Quarantäne.

In welcher Zukunft willst du leben? Eine Anleitung zur Do-it-yourself-Utopie

Ausprobiert habe ich das Ganze mit einer Gruppe von Freund:innen aus ganz Italien, von Mailand bis Palermo. Über die letzten 6 Wochen haben wir in mehrstündigen Skype -Gesprächen bei einem Glas Wein Utopien jongliert.

7 Freund:innen, 1 Thema, viele Perspektiven: Wir haben uns in »Skype«-Sessions auf den Weg in die Utopie(n) gemacht. – Quelle: Hanna Rasper copyright

Und das war unser Fahrplan.

1. Los geht es: Im Hier und Jetzt

Wer Zukunft gestalten möchte, sollte mit der Gegenwart anfangen. Zuerst haben wir diskutiert, welche konkreten Veränderungen wir während der Quarantäne ausmachen.

Dazu eignen sich die folgenden Fragen, über die du nachdenken kannst, wenn du dich auch auf dem Weg in die Do-it-yourself-Utopie machen möchtest:

Ein Hilfsmittel, um den Blick auf die Gegenwart zu schärfen, ist das auf den Harvard-Professor Francis Aguilar zurückgehende STEEP- oder PESTEL-Modell. Die Buchstaben der Akronyme stehen für Social, Technological, Economic, Environmental, Political und Legal (auf Deutsch: sozial, tech­no­lo­gisch, ökonomisch, auf die Umwelt bezogen, politisch und juristisch).

Knöpfe dir nun also eine der Veränderungen vor, die dir aus deiner Qua­ran­tä­ne­war­te aufgefallen ist, und betrachte sie nacheinander aus diesen verschiedenen Blickwinkeln.

In unserem Skype -Experiment haben wir uns über die Stille der italienischen Lies hier ein Interview mit dem Populismusforscher Cas Mudde Rechtspopulisten gewundert: Die sonst omnipräsenten selbstgedrehten Videos des Vorsitzenden der rechten LEGA-Partei Matteo Salvini tauchten kaum noch auf. So viel zur politischen Dimension.

Als ich mit Freund:innen gesprochen habe, waren wir alle ziemlich besorgt, wie es mit den Populisten weitergeht. In Bezug […] darauf, wie diese Leute die Situation ausnutzen würden. Aber eigentlich passiert überhaupt nichts, zumindest noch nicht. Das überrascht mich. – Lisa, Palermo

Ökonomisch – aber auch in Bezug auf die Umwelt – hat sich in unserem Alltag vor allem das Einkaufen verändert. Wir entdecken die Ist Bio-Essen besser? Die Antwort gibt Felix Austen in diesem Artikel Vorzüge der lokalen Bioläden, schreiben Listen, um tatsächlich nur einmal die Woche den Einkauf zu erledigen, und, auch das: Wir stapeln wesentlich Felix Franz hat in Indien die Weltmeister im Mülltrennen kennengelernt – lies hier seine Reportage mehr Verpackungsmüll in unseren Küchen.

Was ich auch bei anderen Freund:innen sehe […] ist, dass die Menschen heimeliger werden. Man fängt an, eine andere Beziehung zum Essen zu haben. Alle backen und kochen und kaufen nicht die Fertiggerichte, an die man sonst so gewöhnt ist, wenn man nur schnell im Supermarkt was holt. Jetzt gibt es hausgemachte Ravioli, alle backen Kuchen, ich habe gestern Muffins gemacht. Ich habe Brot gebacken. Ich habe noch nie Brot gebacken! – Fanny, Mailand

Ungläubig schauen wir dem Ölpreis beim Fallen zu und betroffen blicken wir auf gesellschaftliche Ungleichheiten, die jetzt brutal zum Ausdruck kommen: im Schulwesen, im Pflegesystem und den Ist die Zeit reif für ein Grundeinkommen? Stefan Boes und Chris Vielhaus haben 5 Thesen, wie ein gerechtes Grundeinkommen gelingen kann unterschiedlichen wirtschaftlichen Existenzgrundlagen.

Wohin führt uns all das? Das erforschen wir im nächsten Schritt auf dem Weg zur Do-it-yourself-Utopie.

2. Ab in die Zukunft: Utopien und Dystopien »extrapolieren«

Jetzt werden die beobachteten Veränderungen »extrapoliert«, das heißt über das momentane Faktenwissen hinaus weitergesponnen.

Die entscheidende Frage in diesem Schritt lautet: Was wäre, wenn die Zukunft so wird, wie du sie dir vorstellst?

Vielleicht hilft dir hier zunächst ein Abstecher in die Dystopie und du möchtest dich zuerst fragen: Was, wenn nur das Schlechteste bleibt – und nach der Krise vor der Krise ist?

Den meisten Menschen liegt kritisches und dystopisches Denken näher als das Fantastische und Utopische. In einem Interview mit »Deutschlandfunk Kultur« in der Reihe »Zukunft denken. 500 Jahre Utopia« erklärt der Kulturwissenschaftler Thomas Macho: »Cesare Pavese, der große italienische Dichter und Schriftsteller, hat einmal eine Notiz in seinem Tagebuch geschrieben, es gebe einen seltsamen Kontrast: Wir könnten uns alles Böse und Schlechte mit wunderbarer Fantasiekraft vorstellen, während wir im Alltag davon nur sehr wenig praktizieren, während umgekehrt wir im Alltag sehr oft gute Dinge tun, aber unsere Fantasie nicht mitnehmen. Es gibt sozusagen keine Fantasie in Bezug auf das Gute […]. Tatsächlich kann es auch helfen, den dys­to­pischen Gedanken einen inneren Parkplatz zu geben, um sie loslassen zu können (oder falls du sie irgendwann für deinen ersten Science-Fiction-Roman brauchst).

Doch nun ab in die Utopie.

Es gibt nicht die eine Zukunft, sondern jede Menge möglicher Zukünfte. Und je weiter wir blicken, desto mehr tut sich auf. – Illustration: Mirella Kahnert

Beim Extrapolieren kannst du darüber nachdenken, wie genau die Welt aussehen könnte, in der die Probleme tatsächlich gelöst werden, die durch Corona ans Tageslicht kamen: zum Beispiel die Wie geht es denen, die sich um uns kümmern? 8 Systemrelevante erzählen Abhängigkeit des Pflege­systems von Personal aus osteuropäischen Nachbarländern, der sich öffnende Hier beschreibt Dirk Walbrühl, wie Corona das Klassenzimmer ins Netz verlagert digitale Graben zwischen Schüler:innen aus unterschiedlich privilegierten Elternhäusern oder die vielen prekären wirtschaftlichen Existenzen, die so wenige Rücklagen haben, dass sie schon nach wenigen Wochen vor der Insolvenz stehen.

Was wäre also, wenn die positiven Veränderungen überdauern: der Gesang der Vögel in den autoberuhigten Städten, die Renaissance des Naherholungs­urlaubs ohne Flugreisen, die Wertschätzung tiefer sozialer Beziehungen?

Hier sind noch mehr Fragen, die du in deinem Workshop für Do-it-yourself-Utopien diskutieren kannst:

In einem unserer Workshops hat sich unsere Skype -Gruppe das Thema »Konsum der Zukunft« vorgenommen.

Und das ist unsere Post-Corona-Utopie: An die Stelle des schnellen Konsums ist das Selbermachen getreten. Gemeinsam Kleidung nähen, Seife machen oder auch Programmieren bleiben soziale Ereignisse, die das Zusammenleben prägen. Komplexe Produkte, die wir nicht ohne Weiteres selbst herstellen können, werden nicht mehr in langen Produktions- und Lieferketten quer über den Erdball manövriert, sondern regional, aber dezentral und modular. Manchmal dauert dann vielleicht eine Lieferung länger, aber unsere so organisierten vernetzten Dörfer Wir sind nicht die Einzigen, die diese Utopie umtreibt. Das Zukunftslabor »FUTURIUM« in Berlin beschreibt in seiner Zukunftsbox zum Thema Städte den Trend »vernetzte Dörfer« so: »Wir leben in Dörfern von bis zu 500 Menschen. Benachbarte Dörfer sind durch regen Austausch von landwirtschaftlichen Produkten wie Getreide, Milch und Fleisch miteinander vernetzt. Jedes Dorf besteht aus vielen gemeinschaftlichen Häusern, in denen mehrere Generationen zusammenleben. Die Bedürfnisse der Gemeinschaft sind wichtiger als persönliche Wünsche. Wir teilen uns Küche, Bad, Garten, Spielzimmer und den Acker. Unser Leben ist strikt nach einem Gemeinschaftsplan organisiert. Darin legen wir fest, wer wann kocht, putzt oder auf die Kinder aufpasst. Unser Geld verdienen wir mit Landwirtschaft und durch den Verkauf unserer Produkte über das Internet. […] In Krisenzeiten können sich unsere Dörfer nicht mehr selbst versorgen, zum Beispiel wenn eine Ernte ausfällt. Die gegenseitige Hilfe und die Zusammenarbeit mit anderen Dörfern wird dann umso wichtiger.« Hier kannst du dir einen Teil der Ausstellung aus dem »FUTURIUM« online ansehen. reagieren wesentlich robuster auf Krisen auf dem Weltmarkt.

Wie überzeugen wir die anderen von unserer Vision?

3. Genug geträumt: Utopien greifbar machen

Utopien reißen erst dann jemanden mit, wenn sie greifbar und erfahrbar werden. Das geht auf unterschiedliche Art und Weise. Du kannst sie entweder mit detailliertem Storytelling zum Leben erwecken oder in Form von Zukunfts­objekten in die Realität holen. Die Disziplinen »Spekulatives Design« und »Design Fiction« verwenden oft narrative Objekte, die als Ausdruck eines Zukunftsszenarios funktionieren. Dabei wird nicht das gesamte Szenario beschrieben, sondern der Gegenstand soll nur bruchstückhaft Geschichten dieser anderen Welt erzählen und den Rest der Vorstellungskraft seinem Publikum überlassen. Objekte sind besonders wirkungsvoll, um eine Diskussion zu eröffnen, da sie – wortwörtlich – eine greifbare Interaktion mit der Zukunft erlauben. Ein Musterbeispiel hierfür ist das Projekt »99¢ Futures« des New Yorker Studios »Extrapolation Factory«: Objekte aus anderen Zukünften wurden für 99 Cent im Supermarkt angeboten – hier kannst du sie ansehen.

Oder du knüpfst einen Faden zwischen Utopie und Gegenwart, mithilfe des sogenannten Backcasting , »Backcasting« könnte man als Fachwort dafür bezeichnen, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Mit »Backcasting« als Planungswerkzeug extrapoliert man nicht Trends der Gegenwart in die Zukunft, sondern geht von einer wünschenswerten Zukunft aus, die man erreichen möchte. Von dort aus nähert man sich rückwärts der Gegenwart an – durch die Verortung bestimmter Schritte, Politiken und Ereignisse. Die Grundlagen der Methode gehen auf die Universität Waterloo und den Professor John B. Robinson zurück. einem Planungswerkzeug, mit dem du rück­wärts, aus der Utopie heraus, die einzelnen Schritte identifizierst, die auf dem Weg dorthin nötig waren: politische Entscheidungen, bestimmte Ereignisse, Verschiebungen im Handeln und Denken.

Wie machst du aus deiner Utopie eine Einladung für andere, dir dorthin zu folgen?

Dabei helfen dir vielleicht die folgenden Beispielfragen:

Eine gute Übung ist das Schreiben von Postkarten. Postkarten sind Kurz­berichte von persönlichen Erfahrungen, die Freund:innen, Familie, Lieb­haber:innen oder Bekannte an anderen Orten gemacht haben. Du kannst ihnen schreiben, was auf der Postkarte zu sehen ist, welche Sehens­wür­dig­keiten du schon besichtigt hast – und was dein persönliches Highlight war.

Doch das war es noch nicht. Der letzte Schritt auf dem Weg in die Do-it-yourself-Utopie ist besonders wichtig.

4. Die Dystopie liegt im Detail

Denn vielleicht gehst du davon aus, dass doch eigentlich Einigkeit über die groben Züge einer utopischen Zukunft herrschen sollte: eine gesunde Umwelt, niemand muss mehr hungern, jeder hat ein Recht auf sein persönliches Glück.

Sobald du aber beginnst, die Details deiner neuen Welt auszumalen, wirst du feststellen, dass es sehr wohl Gegenstimmen und andere Meinungen dazu gibt, was eigentlich wünschenswert ist und was nicht. Die Utopien der einen sind die Dystopien der anderen. Auch deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Zukunftswünsche formulieren.

Eine weitere Sache, die mir bei unseren Workshops gefallen hat, war, dass ich sehen konnte, wie wir unter verschiedenen Gesichtspunkten den gleichen Dingen Bedeutung beimessen. So hat jeder von uns ein Thema zur Sprache gebracht, das auch mir vorschwebte, aber aus einer anderen Perspektive. Und es wurden einige Wörter verwendet, um Dystopie zu definieren, die für mich manchmal gar nicht so dystopisch sind, und ich vermute mal, auch umgekehrt. – Ettore, Palermo

Selbst in dem kleinen Kreis aus Freund:innen beim Schmieden der Zukunft über Skype beschreibt der eine mit glänzenden Augen die neue spirituelle Community in selbstgenähten Hosen, während sich beim anderen ein Knoten im Magen bildet beim Gedanken an den New-Age-Hippie-Muff und ständige soziale Eingebundenheit.

Gut ist, dass wir uns nicht auf eine große Utopie einigen müssen. Dass die eine große Idee gefährlich werden kann, zeigen die totalitären Regime der Ver­gan­gen­heit.

Um eine gute Zukunft für möglichst viele zu kreieren, sind 2 Eigenschaften wesentlich: Katharina Wiegmann dachte, sie weiß, wie Demokratie funktioniert. Bis zu diesem Experiment Sie muss plural und demokratisch sein.

Deshalb brauchen wir viele Post-Pandemie-Zukünfte, viele Do-it-yourself-Utopien.

Wie sieht deine aus?

Titelbild: Annette von Stahl - CC BY

von Hanna Rasper 
Die Frage nach dem »Was wäre, wenn« zieht sich durch Hannas Arbeit als Designerin für soziale Innovation und kreative Strategie. Im Spagat zwischen Berlin und Palermo treiben sie Themen von der Energiewende bis zur Tiefenökologie, von urbaner Mobilität bis zum Grundeinkommen um. Hanna ist sture Zugfahrerin und betreibt einen Wurmkompost.
Themen:  Nachhaltigkeit   Konsum   Aktivismus  

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