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Reportage 

Deshalb flüchtete Isa doch nicht nach Deutschland

Vor einem Jahr erzählte mir Isa, dass er aus dem Libanon nach Deutschland flüchten will – wegen der Bomben und Kämpfe in seiner Stadt. Aber etwas hat ihn davon abgehalten.

18. November 2016  8 Minuten

»Ich will nicht sterben«, sagt Isa. Isa ist ein Pseudonym, das ich dem jungen Mann für meine erste Reportage über ihn bei jetzt.de der Süddeutschen gegeben habe. Daher habe ich mich entschlossen, ihn in diesem Folgeartikel mit demselben Namen zu benennen, um weiterhin seine Identität zu schützen. Andere Jugendliche in Tripoli, die ich nicht im Zusammenhang mit der Flucht nach Europa interviewt habe, konnte ich mit ihrer Zustimmung unter vollem Namen zitieren. Er geht zwischen Schiffswracks auf das dunkelblaue Meer zu, das vor dem Hafen wogt. Die See ist ruhig, das Wasser schwappt ans Ufer zu seinen Füßen. Nichts hier erklärt die Angst, die dem jungen Mann in sein kindlich rundes Gesicht geschrieben steht.

Was fürchtet der 24-Jährige so sehr? Es sind die Scharfschützen in dem Nachbarviertel, die ihn jederzeit wieder ins Visier nehmen könnten; das Risiko, noch einen geliebten Menschen zu verlieren, wie seinen 12-jährigen Cousin, der auf offener Straße erschossen wurde. Deshalb will Isa über das Meer Richtung Deutschland. Vielleicht. Denn erst vor ein paar Tagen hat er gehört, dass 2 seiner Freunde bei der Überfahrt nach Griechenland ertrunken seien. Die Gefahr sitzt Isa nicht nur im Nacken, sie lauert auch vor ihm auf dem Meer.

Während der Straßenkämpfe verübten Attentäter auch zahlreiche Bombenanschläge in den Vierteln. – Quelle: dpa / Adel Karroum copyright

Der Hass der anderen

Isa wächst in einen Konflikt auf. Keine 30 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, bekämpfen sich auch im Libanon bis vor 2 Jahren Alawiten auf Seiten des Assad-Regimes Die Alawiten gehören zur schiitischen Strömung des Islams. Die größten alawitischen Gemeinden leben in der Türkei, Syrien und im Libanon. In Syrien sollen laut Schätzungen 2 Millionen Alawiten leben. Auch Bashar al-Assad und viele Führungspersonen im syrischen Regime sind Alawiten, wodurch sich im Syrienkrieg auch ein konfessioneller Konflikt entfaltete. Die syrischen Rebellen und darunter die radikal islamistischen Kämpfer sind größtenteils Sunniten. und Sunniten, die die syrische Opposition unterstützen. Sie sind die Bewohner zweier Nachbarviertel in Tripoli, der zweitgrößten Stadt im Libanon. Der Konflikt zwischen den sunnitischen Bewohnern des Viertels Bab al-Tabbaneh und den Schiiten in Jabal Mohsen besteht seit dem 15-jährigen libanesischen Bürgerkrieg, der 1990 endete. Seitdem kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen. Finanziert wurde das Blutvergießen von allerhand Politikern, die die religiös motivierten Unruhen für ihre Kampagnen nutzen. Es ist ein offenes Geheimnis in Tripoli, dass die Kämpfer und Waffen aus politischen Kreisen bezahlt werden. Entsprechend wenige Belege gibt es für die Finanzierung des Konflikts. Die libanesische Zeitung »Al-Akhbar« hatte Milizen in Tripoli dazu befragt, und auch anonyme politische Quellen bestätigten, dass Politiker ihre Interessen und Lakaien in den Straßen Tripolis schützen wollen.