Pest und Corona: Es gibt Geschichten, die heute nicht anders sind als im Jahr 1348

Ein sehr altes Buch aus Italien, das entstand, als dort der Schwarze Tod wütete, ist gerade wieder brandaktuell. Doch statt Grauenhaftem finden sich darin erbauliche, tragische und erotische Geschichten.

6. Mai 2020  10 Minuten

Als ich meine 4 1/2 Kilo schwere Heute ist das Buch auch ein paar Gewichtsklassen darunter zu finden Decameron-Ausgabe aus dem Jahr 1909, einen braun gebundenen Wälzer mit gelbweißen, handgeschnittenen Seiten aus dickem Papier, von Rom nach Berlin schleppte, hätte ich mir nicht träumen lassen, jemals eine ähnliche Zeit zu erleben wie jene, in der dieses Meisterwerk von Giovanni Boccaccio entstand.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich eines Tages penibel darauf achten würde, um jeden Menschen, der mir auf der Straße begegnet, einen 2 Meter weiten Bogen zu machen. Dass ich jemals versuchen würde, nur die nötigsten Türklinken und sonst nichts zu berühren, was andere berührt haben könnten. Dass ich alles desinfizieren würde, was ich von draußen mit nach Hause nehme: Verpackungen, Lebensmittel, alles. Oder dass ich mir die Hände so lange waschen würde, bis die Haut so aussieht, als würde sie gleich abfallen. Noch vor einem halben Jahr hätte ich solche Verhaltensweisen für klare Anzeichen einer schweren Neurose gehalten, und ich wäre mir sicher gewesen, dass eine derartige meiner geselligen Natur immer erspart bleiben würde.

Der italienische Schriftsteller Giovanni Boccaccio schrieb sein Decameron Die Schreibweise »Decamerone« ist übrigens ein gewöhnlicher, aber unverzeihlicher Fehler. zwischen 1348 und 1352. Der Titel setzt sich aus den griechischen Wörtern δέκα (deka, 10) und ἡμέρα (hemera, Tag) zusammen – es ist also ein 10-Tage-Werk. Anlass dazu gab dem Florentiner Dichter und Humanisten Boccaccio die Pest, die zu der Zeit in Europa wütete. Zwischen 1347 und 1353 raffte sie 25 Millionen Europäer dahin. Vom »großen Sterben« sprachen die Zeitgenossen; im 16. Jahrhundert benannten dänische Chronisten die Pestpandemie jener Jahre in den »Schwarzen Tod« um.

Der Schwarze Tod war aus Zentralasien entlang der Seidenstraße bis Kaffa am Schwarzen Meer gereist und an Bord genuesischer Schiffe nach Italien gelangt. Messina auf Sizilien, Venedig, Genua, Lucca und Pisa waren seine ersten europäischen Etappen. Kurz darauf breitete er sich in Neapel und Florenz aus; dann zog er weiter nach Mittel- und Nordeuropa. Boccaccio erlebte die Pandemie in Florenz, wo die Pest im Frühjahr 1348 ausbrach. Bis 1352 tötete sie in der Stadt und im Umland 100.000 Menschen.

Die Pest wütete nicht nur im Mittelalter: Das 1720 entstandene Gemälde von Michel Serre veranschaulicht die Folgen eines erneuten Pestausbruchs in Marseille. – Quelle: wikicommons / Michel Serre

Das ist zumindest die Zahl, die Boccaccio im Prolog (nach seiner Einteilung der erste Tag) des Decamerons angibt. Da zeichnet er das Bild eines von der Pest verwüsteten Florenz: Mitten im Inferno einer Stadtlandschaft, in der sich Leichen in den Straßen anhäufen, von Geschwülsten entstellte Landstreicher durch die Gassen schleichen und Verwesungsdunst über allem wabert, treffen 7 junge Frauen und 3 junge Männer, allesamt Angehörige der Florentiner Oberschicht, in der Kirche zur Heiligen Maria Novella zusammen. Sie besprechen die Lage und entscheiden, der Plage aufs Land zu entfliehen, verlassen Florenz und richten sich in einer hübschen Villa mit einem bezaubernden Garten ein.

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Aureliana Sorrento 

Aureliana Sorrento lebt als freie Journalistin in Berlin. Sie arbeitet vor allem als Feature-Autorin für Deutschlandfunk, SWR, SRF und WDR.

Themen:  Gesellschaft  

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