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Interview 

Was der Coronawortschatz über unsere Demokratie verrät

Wecken Begriffe wie »Maskenpflicht« oder »Kontaktsperre« bei dir inneren Widerstand? Diskursforscherin Ruth Wodak erklärt, woran das liegt.

13. Mai 2020  12 Minuten

Es ist schon erstaunlich, wie viel wir in den letzten Wochen gelernt haben. Dazu gehört allerlei Banales, wie das Ansetzen von Sauerteig, Praktisches, wie Hier erklärt dir Stefan Boes, wie du »Zoom«-Meetings durchstehst Benimmregeln für Videokonferenzen – und potenziell Bahnbrechendes, wie die Erkenntnis, dass der Markt eben nicht alles regelt.

Zu all den Veränderungen gesellen sich ein komplett neues Vokabular und Repertoire an Fachbegriffen: Aktuell wird über die »Reproduktionszahl« diskutiert, wir fragen uns, wie lange »Social Distancing« noch nötig ist, ob die »Maskenpflicht« nützt, oder wie Wie geht es den Menschen, für die das Virus auf verschiedene Arten besonders gefährlich ist? Wir haben ihnen zugehört »Risikogruppen« am besten geschützt werden können.

Das »Leibniz-Institut für Deutsche Sprache« führt eine Liste der Wortneuschöpfungen – hier kannst du sie einsehen Was verrät das »Wörterbuch der Pandemie« über unseren Umgang mit der aktuellen Herausforderung? Über Konfliktlinien, die schon vorhanden sind oder gerade aufbrechen? Wie sickern neue Begriffe überhaupt in den Sprachgebrauch ein – und welche politischen Strategien stecken dahinter?

Mich interessiert, was Ruth Wodak dazu zu sagen hat. Sprache und Politik sind das Fachgebiet der emeritierten Professorin für Diskursforschung. Wodak ist das, was man »Public Intellectual« nennt, eine Wissenschaftlerin, Lies dazu Ruth Wodaks Dankesrede zum Erhalt des Lebenswerk-Preises: »Geht’s den Frauen gut, geht’s uns allen gut« die sich mit Haltung in die öffentliche Debatte einmischt. Sie hat zu Identitäts- und Vergangenheitspolitik Hier erklären Dirk Walbrühl und ich, warum wir bei »Perspective Daily« gendern sowie zu Genderthemen geforscht, zu Migration und Vorurteilen. Einem breiteren Publikum ist sie durch ihr 2016 erschienenes Buch »Politik mit der Angst« bekannt, in dem sie durchleuchtet, Interview mit Ruth Wodak im »Soziologiemagazin« (PDF) wie Rechtspopulisten die Grenzen des Sagbaren in ihrem Interesse verschieben.

Ich rufe Ruth Wodak an, die den Skype-Call in Woche 7 der Ausgangssperre (auch so ein Wort!) in Österreich zwischen meterhohen Bücherregalen entgegennimmt.

Ruth Wodak

Ruth Wodak wurde in London geboren und wuchs dreisprachig in Belgrad auf. Sie studierte in Wien Slawistik, osteuropäische Geschichte und Sprachwissenschaft und lehrte als Professorin für Angewandte Linguistik und Diskursforschung in Wien und Lancaster. Wodak erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihre Arbeit, unter anderem den vom österreichischen Frauenministerium vergebenen Lebenswerk-Preis.

Bildquelle: privat
»Risikogruppen«, »Social Distancing«, »Reproduktionszahl« – innerhalb kürzester Zeit haben wir uns ein neues Vokabular angeeignet. Welchen Eintrag aus dem Wörterbuch der Pandemie finden Sie besonders bemerkenswert?
Ruth Wodak: Ein Begriff, den ich zuvor nicht kannte, war die »Herdenimmunität«. Die »Herdenimmunität« bezeichnet einen indirekten Schutz vor Krankheitserregern, der dann entsteht, wenn ein Großteil der Bevölkerung gegen eine infektiöse Krankheit immun ist, etwa weil diese bereits durchgestanden ist oder weil im großen Stil geimpft wurde. Immune Menschen können sich selbst nicht mehr anstecken – und somit auch niemanden mehr infizieren. Dadurch entsteht eine kollektive Immunität der gesamten Bevölkerung gegenüber den entsprechenden Erregern. Auch Menschen, die noch nicht immun sind, werden passiv von der sie umgebenden immunen »Herde« geschützt, weil diese die Erreger nicht zu ihnen weiterträgt. Dieser kollektive Schutz ist vor allem für die sogenannten Risikogruppen wichtig, die sich leichter mit einer Krankheit anstecken können, schwerer erkranken würden oder noch nicht geimpft werden können, weil sie beispielsweise zu jung sind. Weil es noch keinen Impfstoff gibt, könnte eine Herdenimmunität in der jetzigen Coronapandemie nur entstehen, wenn sich nach und nach ein Großteil der Bevölkerung mit dem Virus infiziert. Angesichts hoher Sterberaten und einer drohenden Überforderung des Gesundheitssystems wäre ein solches Vorgehen allerdings sehr riskant und ist als politische Strategie deshalb umstritten. Ein Begriff, der recht seltsame Konnotationen zulässt. Werden wir nun plötzlich alle wie Tiere wahrgenommen? Inwieweit stimmt der Vergleich zwischen Mensch und Tier, Masse und Herde? Die »Herdenimmunität« ist sehr schnell und unerklärt in die »Corona-Umgangssprache« eingedrungen und vermittelt ein relativ negatives Bild, obwohl sie etwas Positives bedeutet.

Wir alle übernehmen gerade Fachbegriffe der Virologen, Immunologen und Epidemiologen, die Wissenschaft hat insgesamt an Relevanz gewonnen. Es scheint, dass die Wissenschaftsfeindlichkeit der letzten Jahre in den Hintergrund getreten ist. Die Politik nimmt die Wissenschaft endlich wieder ernst.
Was ist Ihnen in der politischen Kommunikation besonders aufgefallen?
Ruth Wodak: Eine starke Kriegsmetaphorik: Wie es in den USA den War on Terror und den War on Drugs gab, so erleben wir jetzt den War on Virus. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron hat gesagt: »Wir befinden uns im Krieg«. Unglaublich martialisch, als ob ein Virus ein Heer mit Gewehren wäre, das in unser Land einfällt und uns bedroht. Die Angstmetaphorik ist ebenfalls sehr stark präsent. Die Tageszeitung »Der Standard« berichtet über Leaks von Protokollen aus der »Taskforce Corona« unter Kurz In Österreich hat sich gezeigt, dass Angstbilder bewusst von der Politik geschürt wurden, um »das Volk« dazu zu bringen, den Maßnahmen brav zu folgen. Body Politics »Body Politics« bezieht sich auf die Idee, der Staat funktioniere wie ein menschlicher Körper. Diese Metapher wurde vor allem in der Antike und im Mittelalter verwendet, um die hierarchische Organisation der Gesellschaft zu rechtfertigen: Nur, wenn alle an ihrem Platz blieben und die ihnen zugewiesenen Aufgaben erfüllten, sei der gesellschaftliche Körper »gesund«. Seit dem 17. Jahrhundert wird der Staat nicht mehr als Körper, sondern vor allem als vertragliches Konstrukt verstanden, in dem sich alle als gleichwertige Bürger:innen begegnen. Dieses Verständnis kritisieren Feminist:innen heute in einer neuen Interpretation von »Body Politics«: Welchen Körper ein Mensch besitzt, beeinflusst, welchen Formen von Diskriminierung er ausgesetzt sein wird. Damit ist auch in der liberalen Demokratie der Körper politisch und relevant für gesellschaftliche Hierarchien, allerdings in einem anderen Sinn als in der antiken Definition. sind derart zumindest in Österreich ebenfalls stark betont worden – die Nation als Körper, der von etwas befallen wird, den man schützen muss. Das ist die österreichische Variante, die insgesamt einen hierarchischen Top-down-Kommunikationsstil aufweist. In meiner Wahrnehmung im Gegensatz zu Deutschland. Frau Merkel hat sachlich und reflektierend darüber gesprochen, wie schwer ihr demokratische Einschränkungen gefallen sind, während diese Bedenken in Österreich von Regierungsseite nicht vorhanden waren.
»Die Politik nimmt die Wissenschaft endlich wieder ernst.« – Illustration: Mirella Kahnert
In Deutschland empfinde ich die politische Kommunikation während der Pandemie als sehr technokratisch. Steckt dahinter eine bewusste Strategie?
Ruth Wodak: Jeder Politiker, jede Politikerin handelt strategisch. Politik ist geplant, Äußerungen sind wohlvorbereitet, es gibt jede Menge Spindoktoren und -doktorinnen, die sich überlegen, wann eine Pressekonferenz angesetzt, und wie das, was man jetzt für notwendig hält, vermittelt wird: Nimmt man einen Experten oder eine Expertin zur Hilfe, auf welche Autoritäten beruft man sich, wie legitimiert man die Maßnahmen – das sind immer bewusste strategische Entscheidungen. Die müssen wohldurchdacht werden, auch wenn die Politik unter hohem Druck steht.
Welche Strategie fährt Angela Merkel?
Frau Merkel ist durchaus nicht nur bürokratisch, sie spricht auch Emotionen an, aber ohne Pathos. Sie nimmt schon länger die Rolle der »Mutter der Nation« ein, aber wenn man bei diesem Bild der »Nation als Familie« bleibt, das George Lakoff und andere analysiert haben, Der US-amerikanische Linguist George Lakoff erforscht seit den 60er-Jahren, wie Sprache menschliches Denken prägt. Eine seiner Hauptthesen lautet, dass metaphorische Beschreibungen sich maßgeblich auf die Wahrnehmung und damit auch auf das Verhalten derer auswirken, die sie verwenden. So setzten sowohl Konservative als auch Liberale den Staat mit der Familie gleich – zögen aus diesem Bild aber unterschiedliche Konsequenzen für ihr politisches Programm. Konservative gehen laut Lakoff von einem strengen »Vater Staat« aus, der seine bürgerlichen Kinder disziplinieren und beschützen muss. Dagegen sei die liberale Familienmetapher von staatlicher Fürsorge geprägt, die den Bürger:innen ihre freie Entfaltung ermöglichen soll. Ruth Wodak empfiehlt an dieser Stelle Lakoffs Buch »Don't Think of an Elephant! Know Your Values and Frame the Debate« (2004). werden wir alle als »die Kinder« im Dialog als reif genug angesehen, die Situation zu verstehen. Sie spricht mit einer gewissen Wärme und Emotion und nicht nur im abgehackten und komplizierten Bürokratenjargon. Angela Merkels Fernsehansprache vom 18. März kannst du dir hier ansehen Wenn Angela Merkel sagt, es sei ihr noch nie etwas so schwergefallen wie diese Maßnahmen, die die Demokratie einschränken, so ist dies eine sehr persönliche Äußerung, mit der sie zugibt, dass sie emotional berührt und betroffen ist. Mich hat das auch berührt.

Gute Zeiten für »starke Führer«?

Auf der anderen Seite stehen die »starken Männer« wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder oder der österreichische Kanzler Sebastian Kurz, die sich in der Krise als Führungsperson oder, um in Ihrem Bild zu bleiben, als Vaterfigur inszenieren. Was sagt der Sprachgebrauch dieser Männer über ihr Verständnis von Politik und Gesellschaft aus?
Ruth Wodak: Soweit ich das in den Nachrichten verfolgt habe, kommuniziert Söder relativ sachlich und sagt: Wir müssen das jetzt machen, es gibt eine äußere Notwendigkeit. Sebastian Kurz hat wesentlich stärker mit Emotionen gespielt und immer wieder betont, dass Österreich besser mit der Krise umgeht als alle anderen. Und er verkörpert Österreich. Er setzt sich mit der Nation gleich und zieht immer wieder Vergleiche: Schauen Sie mal, was da in Italien und Spanien los ist! Allerdings hat er nicht Griechenland, Norwegen oder Neuseeland als Vergleichsobjekte herangezogen, die ebenfalls erfolgreich das Virus bekämpfen.

Er hat starke Bedrohungsszenarien aufgebaut: Jeder werde in seiner Familie eine Person an das Virus verlieren. Da wurde große Angst geschürt.

Die Metaphorik in Österreich war auch eine stark christlich beeinflusste. Auffallend war etwa, dass Sebastian Kurz von einer »Auferstehung« Österreichs nach Ostern gesprochen hat. Das hat mich sehr verwundert, denn Österreich ist ja genauso divers wie andere europäische Länder, wo Menschen leben, die anderen Religionen angehören oder auch Atheisten sind, und es leben auch nicht nur Menschen mit österreichischer Staatsbürgerschaft hier. Es wurde ein Bild des messianischen Retters Kurz inszeniert, der immer das Richtige weiß und macht. Der Bezug auf ein Wir, auf ein Miteinander oder auf die Expert:innen Ich dachte, ich weiß, wie Demokratie funktioniert. Bis zu diesem Experiment und auf demokratische Prozesse war oft nicht vorhanden.
»Es wurde ein Bild des messianischen Retters Kurz inszeniert, der immer das Richtige weiß und macht.« –
In Österreich wurde zur Krisenbewältigung das »Team Österreich« beschworen. Hatte das auch ein ausschließendes Moment, indem deutlich wurde, wer dazugehört und wer nicht?
Ruth Wodak: Kurz richtete sich zunächst an die »Österreicherinnen und Österreicher«, also an die Menschen, die eine Staatsbürgerschaft haben. Dabei wissen wir ja, dass sehr viele Menschen bei uns wohnen, arbeiten, Steuern zahlen – gerade in den sogenannten systemrelevanten Berufen –, die keine österreichischen Staatsbürger sind. Das »Wir« war der »Volkskörper«, der geschützt werden und in den ja niemand von außen eindringen soll.

Daher trat der Widerspruch zutage, einerseits die Grenzen zu schließen und keine Asylwerber:innen mehr ins Land zu lassen, also auch die Asylverfahren auszusetzen, gleichzeitig aber Züge und Flugzeuge in Bewegung zu setzen, Im Magazin »analyse & kritik« berichtet eine Polin über ihre Erlebnisse als Spargelstecherin in Deutschland um Erntehelfer:innen oder Pflegepersonal aus anderen Ländern nach Österreich zu bringen.
Ein Großteil der Österreicher:innen ist mit Sebastian Kurz zufrieden. In Umfragen während der Pandemie erreichte er Rekordwerte.
Ruth Wodak: Dass die Umfragewerte dieser Führerpersönlichkeiten so hoch sind, finde ich nicht erstaunlich. Eine Regierung müsste schon sehr große Fehler machen, damit sich ihre Bevölkerung in einer solchen Krise nicht um sie schart. Wenn ein Regierungschef jeden Tag in Pressekonferenzen, Talkshows und anderen Formaten omnipräsent ist, dann ist es klar, dass er das Bild der Krisenbewältigung verkörpert.

In Österreich wurden die Expert:innen nicht so prominent wie in Deutschland, Schweden oder anderen Ländern. Der Gesundheitsminister der Grünen ist ausreichend auf inhaltliche Fragen eingegangen, seine Popularität ist stark gestiegen. Daher wurde er nicht mehr allein zu den Pressekonferenzen vorgelassen, sondern war nurmehr flankiert vom Innenminister und von Kanzler Kurz zu sehen, sie traten als Trio auf.

Auf der Bühne stand dann rechts der Bundeskanzler, der das erste und das letzte Wort hatte und seine Omnikompetenz wiederholt betont hat.
In den USA und anderen Ländern wird von den Regierungen darüber gesprochen, wer Schuld an der Pandemie trägt. Trump spricht vom »Chinese Virus«, in der Türkei bekräftigte Präsident Erdoğan die Aussage eines religiösen Funktionärs, Hier berichtet die »Deutsche Welle« über den Fall (2020) Homosexualität und Ehelosigkeit seien für den Ausbruch des Virus mitverantwortlich. Was bringt diesen Regierungen das »Blame Game« und warum verzichten andere drauf?
Ruth Wodak: Das gehört zur diskursiven Konstruktion von Führungskompetenz, Angst und Hoffnung zu verbreiten. Der jeweils arbiträr definierte Sündenbock gehört zu diesem Muster. Es gibt Evidenz dafür, dass die meisten Infizierten in Österreich und viele europaweit aus Ischgl gekommen sind. In Ischgl wurden viel zu spät Maßnahmen ergriffen. Es sind Fehler passiert. Daher kann die österreichische Regierung nicht im Blame Game mitspielen.

Der ungarische Premierminister Viktor Orbán hat natürlich, wie zu erwarten war, sofort George Soros die Schuld gegeben, bei ihm ist immer die sogenannte jüdische Weltverschwörung schuld. Und natürlich sogenannte Illegale, Migranten. Im »Spiegel« berichtet Keno Verseck über stigmatisierende Sondermaßnahmen gegen Roma In der Slowakei sind es die Roma.
Dort, wo Rechtspopulisten nicht an der Macht sind, tun sie sich gerade ziemlich schwer. In Italien ist es um den ehemaligen Innenminister Matteo Salvini sehr still geworden, in Deutschland verliert die AfD an Zustimmung. Dabei spielen in dieser Krise viele Faktoren eine Rolle, die Rechtspopulisten sonst Auftrieb verschaffen: die Angst vor materiellem Verlust, ein Unbehagen an der Globalisierung, das Besinnen aufs Nationale. Eigentlich ist das für diese Parteien doch ein Traumszenario!
Ruth Wodak: Ja, aber nur dann, wenn sie an der Macht sind. Das sieht man bei Erdoğan, Trump und Johnson. Auch die ÖVP in Österreich könnte man zumindest teilweise als rechtspopulistisch bezeichnen. Wenn sich die Rechtspopulisten aber noch in der Opposition befinden – wie die AfD in Deutschland oder Vox in Spanien –, haben sie derzeit nichts zu sagen.
Sie scheinen sich gar nicht sonderlich zu bemühen.
Ruth Wodak: Weil sie gerade nicht den »Fremden« die Schuld geben können! Die Law-and-Order-Politik, die Grenzschließungen, die sich Parteien wie die AfD wünschen, das wird ohnehin gerade durchgeführt. Aber nicht wegen fremder Menschen, sondern wegen einer Krankheit. Hier beschreibt Natascha Strobl, wie Rechtsextreme Verschwörungstheorien für sich nutzen Obwohl Verschwörungstheorien mancherorts als simple Erklärungsmuster wieder hochkommen. Rechtspopulisten haben in einer solchen Situation keine Erklärungsmuster anzubieten, wenn sie in der Opposition sind. Corona stärkt die Autokraten. Hier schreibt Benjamin Fuchs, wie wir die Abwehrkräfte der Demokratie stärken können Wenn sie am Ruder sind, wie Viktor Orbán in Ungarn, treten die üblichen Muster hervor; oder es gibt eine Mischung, wie in Österreich, wo zwar eine Law-and-Order-Rhetorik herrscht, aber auch Expertenmeinungen gehört werden. Man kann eben keine Mauern gegen Viren errichten. Man braucht die Wissenschaft.

»Es ist schwierig, einen autoritativen Diskurs zu finden, der für alle funktioniert«

Ich verspüre ein Unbehagen bei manchen der neuen Begrifflichkeiten. Dazu gehört die »Kontaktsperre«, aber auch die »Maskenpflicht«. Mit meinem Unbehagen bin ich nicht allein. Meinen Sie, dass daraus eine neue Art der gesellschaftlichen Polarisierung entstehen könnte?
Ruth Wodak: Da kommen wir wieder zur Vater-Mutter-Metaphorik. Wenn ich mir den Diskurs in Schweden oder Neuseeland anschaue, in denen Maßnahmen nicht so drastisch mit Pathos durchgesetzt wurden – da gab es von der Wissenschaft begründete Empfehlungen. Die Regierung begreift Bürger:innen als Dialogpartner. Wenn sie sagt: Ich empfehle dir aus den folgenden Gründen eine Maske zu tragen, dann habe ich nichts dagegen.

Sagt die Regierung aber: Du musst, ansonsten bist du nicht brav und wirst bestraft – ohne klare evidenzbasierte Erklärungen –, dann werden wir als völlig unselbstständige und unverantwortliche Kinder angesprochen, denen man Grenzen setzen muss. Da entsteht natürlich ein Unbehagen bei vielen. Andere freuen sich aber auch über diese Art der Kommunikation, dann müssen sie selbst nicht nachdenken.
Viele Menschen fühlen sich bevormundet, wenn die Politik ihnen diktiert, wie sie sich verhalten sollen. Andere haben damit kein Problem. –
Wie sieht eine Kommunikationsstrategie aus, die für beide Gruppen funktioniert?
Ruth Wodak: Ich denke, das ist ein Dilemma. In Schweden sieht man ja auch, dass die Empfehlungen nicht genug befolgt wurden und die Regierung dann »strenger« sein muss. »Streng«, das ist schon wieder ein Begriff, der mit Eltern verbunden wird. Es ist sehr schwierig, einen sinnvollen autoritativen (und nicht autoritären!) Diskurs zu finden, der genügend erklärt, aber auch klar Grenzen setzt und Akzeptanz genießt. Die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Diana Baumrind unterschied im Bereich der Kindererziehung zwischen einem autoritären, autoritativen, permissiven und einem ablehnend-vernachlässigenden Stil. Während autoritäre Eltern unbedingten Gehorsam verlangen, richtet autoritative Erziehung zwar klare Erwartungen an das Kind, begründet diese aber in einem offenen Kommunikationsprozess, der auf Verständnis und das Fördern von Selbstständigkeit abzielt.

Wahrscheinlich müssen Regierungen eine Bandbreite an Strategien für Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen und Einstellungen nutzen. Ich glaube nicht, dass es ein Rezept für alle gibt. Aber wenn nur mit Angst kommuniziert wird, wie jetzt in Österreich, führt es vorhersehbar Ist Polarisierung immer etwas Schlechtes? In diesem Text schreibe ich darüber, wie guter Streit die Gesellschaft bereichern kann zu einer Polarisierung. Das sehen wir schon.

Das kann dann dazu führen, dass die Maßnahmen zu schnell gelockert werden, weil der Druck sehr groß ist.

»Plötzlich geschehen Dinge, die die neoliberale Finanzwelt durchschütteln«

Anfang April haben Sie in einem Kommentar für den österreichischen »Standard« darüber nachgedacht, Lies hier Ruth Wodaks Kommentar »Message Control in der Krise« (2020) ob die Renaissance von Begriffen wie der gerade viel beschworenen »Solidarität« auf ein Ende des Neoliberalismus hindeuten könnte. Glauben Sie, das wird tatsächlich einen nachhaltigen Einfluss haben?
Ruth Wodak: Die Macht des Marktes wurde gebrochen. Ich finde das einen sehr interessanten Aspekt dieser Krise. In Österreich haben die Gewerkschaften wieder eine Stimme bekommen. In den Berufen, die jetzt als systemrelevant gelten, werden die geringsten Gehälter gezahlt. Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass mehr Privat, weniger Staat nicht immer funktioniert. Der Staat muss jetzt funktionieren, viel Geld bereitstellen. Das neoliberale Modell bricht ein.

Wenn man einer Gruppe mal eine Stimme gibt, wird sie nicht so schnell wieder schweigen. In Österreich hat man unter Türkis-Blau die Gewerkschaften eigentlich nicht mehr zu Wort kommen lassen. In der türkis-blauen Regierung koalierte die konservative Österreichische Volkspartei (ÖVP) von Kanzler Sebastian Kurz mit der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ); sie amtierte von der Nationalratswahl 2017 bis zur Ibiza-Affäre 2019. Traditionsgemäß war die Farbe der ÖVP stets Schwarz – bis Sebastian Kurz den Vorsitz übernahm und die Partei als Zeichen des Neuanfangs in Türkis kleidete. Die FPÖ trägt wie andere rechtspopulistische Parteien in Europa die Farbe Blau. Genauer gesagt: Kornblumenblau. In diesem Artikel der »Taz« wird erklärt, warum sich Europas Rechte gern mit der Blume schmückt. Jetzt sind sie sehr wichtig geworden, ihre Vertreter sind in den Medien präsent, sie geben Interviews, tragen Beschlüsse mit, geben Empfehlungen ab. Warum du zumindest einmal darüber nachdenken solltest, einer Gewerkschaft beizutreten, erkläre ich dir hier Man braucht sie.

Plötzlich geschehen Dinge, die die neoliberale Finanzwelt durchschütteln.

Und eine Sache ist mir noch wichtig: die Genderperspektive.
Was ist Ihnen in dieser Hinsicht aufgefallen?
Ruth Wodak: Ich hoffe, dass die Frauen als Hauptträgerinnen der Krise nicht die Verliererinnen sein werden. Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, trifft es ja immer Frauen zuerst.
Im öffentlichen Diskurs sind Frauen gerade wenig präsent. Zumindest in Deutschland waren die meisten der befragten Experten männlich. Wie haben Sie das in Österreich wahrgenommen?
Ruth Wodak: Die Frauenministerin der aktuellen Regierung war eigentlich angetreten, um die muslimischen Frauen zu »befreien«, und musste sich dann gezwungenermaßen damit auseinandersetzen, dass die häusliche Gewalt in allen Familien angestiegen ist und es in dieser Situation Aufmerksamkeit und Geld braucht.

Auch die Situation von Alleinerziehenden, die sich im Homeoffice um ihre Kinder kümmern müssen, vielleicht in Kurzarbeit sind oder gar keinen Job mehr haben, wird deutlich. Es wird sehr viel gemacht werden müssen, damit die Frauen nicht zurückbleiben. Dabei sind sie diejenigen, die hauptsächlich in den systemrelevanten Berufen arbeiten, bei sehr niedrigen Gehältern. Die haben nichts davon, wenn ihnen applaudiert wird – sie brauchen einfach höhere Gehälter.

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Katharina Wiegmann 
Als Politikwissenschaftlerin interessiert sich Katharina dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie fragt sich: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist.
Themen:  Populismus   Politik   Demokratie  

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