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Die Wissenschaft steckt in der Krise. So kommt sie wieder heraus

Gerade in Zeiten von Corona ist eine offene Wissenschaft wichtiger denn je. Doch was, wenn manche Studien gar keine überprüfbaren Fakten produzieren?

8. Juni 2020  12 Minuten

57 Millionen Aufrufe – Amy Cuddys Vortrag über »Power Posing« ist »Your body language may shape who you are« (englisch, 2012) bis heute der zweitmeist gesehene TED-Talk aller Zeiten. Darin vermittelt die Sozialpsychologin einen scheinbar genialen Life-Hack, wie nahezu jeder sich durch 2 Minuten selbstbewusste Körperhaltung vor einer Herausforderung stärken und damit mehr Leistung erbringen könne.

Während des TED-Talks berichtet Cuddy von ihren eigenen Gefühlen der Hilflosigkeit nach einem schweren Autounfall in ihrer Jugend. Unsere Autorin Lara Malberger fragt sich: Habe ich das »Imposter-Syndrom«? Sie erzählt von ihren Selbstzweifeln und der Befürchtung, an einer Hochschule nichts verloren zu haben. Es wird still im Saal. Dann setzt sie zu ihrem großen Finale an: Wenn du dich das nächste Mal machtlos fühlst, sich alles in dir zusammenzieht und du eigentlich nur noch weglaufen möchtest: »Tu so, dann wirst du so! – »Fake it ’til you become it.« Power-Posing kann dein Leben verändern.« Unter tosendem Applaus verlässt sie die Bühne.

Amy Cuddys »TED-Talk« ist mittlerweile weltberühmt. – Quelle: Ted

»Power Posing: Brief Nonverbal Displays Affect Neuroendocrine Levels and Risk Tolerance« (englisch, 2010, PDF) Grundlage der vielversprechenden Methode ist eine Studie aus dem Jahr 2010, in der Amy Cuddy untersucht, wie Körperhaltungen sich auf Psyche und Körper auswirken. Die wissenschaftliche Sensation: »Power Poses« sorgen für einen Anstieg des Dominanzhormons Testosteron und einen Abfall des Stresshormons Cortisol. Die »Machtgefühle«, die sich bei den Proband:innen nach 2 Minuten »Power Posing« einstellen, seien körperlich nachweisbar, schlussfolgert Cuddy.

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Das überzeugt: Job-Bewerber:innen, Profisportler:innen und Ein Körperspracheexperte darüber, warum Sajid Javid (und andere Konservative) so bizarr viel »Power Posing« nutzen (englisch, 2018) selbst Berufspolitiker:innen adaptierten Cuddys Methode in der Hoffnung, bei ihren Auftritten besser zu performen.

Nach ihrem TED-Talk im Jahr 2012 wird Cuddy zum gefragten Medienstar, bekommt Anfragen für öffentliche Auftritte und veröffentlicht 2015 ihren Bestseller »Dein Körper spricht für dich« von Amy Cuddy »Dein Körper spricht für dich«. Google listet heute 114.000 Einträge – »Power Posing« hat sich verselbstständigt. Doch die Medienaufmerksamkeit und Cuddys überzeugende Performance beim TED-Talk machen ihre Behauptungen nicht zwangsläufig wahr.

Als die schwedische Verhaltensökonomin Eva Ranehill im Jahr 2015 versucht, Cuddys Studie mit mehr Probanden und einem besseren Versuchsaufbau zu wiederholen, kommt sie »Assessing the Robustness of Power Posing: No Effect on Hormones and Risk Tolerance in a Large Sample of Men and Women« (englisch, 2015, PDF) nicht zu vergleichbaren Ergebnissen. Genauer gesagt: Sie findet überhaupt keinen Effekt der hochgelobten selbstbewussten Körperhaltungen.

Da haben wir den Salat: 2 Forscherinnen und 2 wissenschaftliche Studien, die etwas genau Gegenteiliges aussagen. Ist »Power Posing« nun wirksam oder nur heiße Luft – und welcher Forschung ist überhaupt noch zu trauen?

Das Replikationsproblem

Viele Menschen verlassen sich heute unkritisch auf Aussagen der Wissenschaft. »Laut einer wissenschaftlichen Studie …« ist vertrauenserweckend und eine Lieblingsformulierung der Nachrichtenmedien. Kein Wunder, denn Wissenschaft basiert im Kern auf eindeutigen und vor allem überprüfbaren Ergebnissen. Das Konzept dazu nennt sich »Replikation«, »Die Replizierbarkeit ist eine Anforderung innerhalb des quantitativen wissenschaftlichen Ansatzes und bedeutet, dass eine Untersuchung unter denselben Bedingungen unter Anwendung derselben Methode wiederholt werden kann und dann auch dieselben Ergebnisse gefunden werden.« (Stangl, 2020) also die Kontrolle von bisherigen Forschungsresultaten durch Wiederholung.

Genau das hat die schwedische Verhaltensökonomin Eva Ranehill getan – mit einem breiteren Versuchsaufbau (200 zu Cuddys 42 Probanden) und der Verblindung ihrer Versuchsleiter:innen. Bei einer Doppelblindstudie wie der von Eva Ranehill wissen weder die Proband:innen noch die Versuchsleiter:innen über die Hintergründe der Studie Bescheid und führen lediglich die ihnen gegebenen Instruktionen aus. Dieses Vorgehen soll die unterbewusste Beeinflussung der Proband:innen durch die Versuchsleiter:innen verhindern (Rosenthal-Effekt). Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse von Cuddys Studie mehr als zweifelhaft.

Das ist peinlich für die Forscherin, keine Frage. Doch »Power Posing« ist bei Weitem nicht das einzige wissenschaftliche Ergebnis, das sich als nicht wiederholbar erweist. Im selben Jahr, in dem Eva Ranehill Hier findest du alle Replikationen des Replikationsprojekts (englisch) die Wirksamkeit der »Power Poses« infrage stellt, untersuchen 270 Psycholog:innen Eine Einschätzung der Reproduzierbarkeit von psychologischen Studien (englisch, 2015) 100 erstklassige Studien – und können nicht einmal die Hälfte davon replizieren. Hast du beispielsweise davon gehört, dass

All diese psychologischen Studien schlugen ein wie eine Bombe, wurden 1000-fach zitiert und waren wegweisend für die Psychologie. Keine dieser Studien konnte repliziert werden. Fehlgeschlagene Replikationen: 1. Lächeln macht glücklich 2. Willenskraft als Ressource 3. Altersstereotype Wörter

Die Psychologie steckt also anscheinend in der Krise – und nicht nur sie. In vielen Sozialwissenschaften, der Ökonomie und sogar in der medizinischen Forschung häufen sich Studien, die dabei scheitern, dieselben Ergebnisse wie ältere Studien zu erzielen.

Was aber bedeutet eine Replikationsquote von weniger als 50% für die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft – und wie konnte es dazu kommen?

In der Wissenschaft gilt: »Veröffentliche oder geh unter«

Die Idee von Wissenschaft, die mit viel Zeit und selbstkritischer Überprüfung präzise Erkenntnisse gewinnt, ist nett – aber längst nicht mehr zeitgemäß. Der heutige Wissenschaftsbetrieb ist vollkommen ökonomisiert: Wer in der Wissenschaft einen guten Job landen will, fühlt sich vom System dazu getrieben, in kürzester Zeit so viel wie möglich zu publizieren. »Veröffentliche oder geh unter« lautet eine gängige Redewendung unter Forscher:innen.

Denn die meisten Wissenschaftler:innen stranden nach ihrer Doktorarbeit erst einmal Stefan Boes erklärt, warum dein Job sicherer ist, als du denkst in unsicheren Einkommensverhältnissen und befristeten 3-Jahres-Verträgen – dazu in den USA oftmals mit hohen Studienschulden. Um eine sichere Festanstellung zu erhalten, müssen Ergebnisse her. Wer eine Hochschulprofessur oder Karriere in der Wissenschaft will, braucht eine Publikation in renommierten Zeitschriften wie etwa Nature, Cell oder Science. Und wie jedes Medium kämpfen auch wissenschaftliche Zeitschriften um die Aufmerksamkeit ihrer Leserschaft.

Timo Röttger forscht an menschlicher Sprache und deren Verarbeitung. Darüber hinaus arbeitet er daran, die Qualität von wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn und dessen Kommunikation zu verbessern. – Quelle: Timo Röttger copyright

Das Ergebnis: Forscher:innen werden geradezu dazu verleitet, starke Behauptungen aufzustellen. Das denkt auch Timo Röttger. Er ist Psycholinguist und arbeitet an Lösungen, die den Wissenschaftsbetrieb transparenter und kollaborativer machen sollen. »Generalisierende, aber eventuell falsche Aussagen werden mehr belohnt als adäquate, eingeschränkte Aussagen«, analysiert er das Problem in der Wissenschaft. Anstatt die Unsicherheiten zu kommunizieren, die jedes wissenschaftliche Ergebnis mit sich bringt, werden die Resultate aufgebauscht und simplifiziert.

Zusätzlich gibt es kaum Anreize für Forscher:innen, Zeit für aufwendige Replikationen anderer Studienergebnisse zu verschwenden. Wer hat schon Lust dazu, 10 Jahre alte Studien auszugraben und auf ihre Richtigkeit zu überprüfen? Das ist weder aufregend noch hilft es der Karriere.

Das Resultat laut Röttger: Eine Flut neuer Publikationen mit Unsicherheiten steht einer verschwindend geringen Anzahl an Überprüfungen gegenüber. In Zahlen ausgedrückt: Auf 500 publizierte psychologische Studien kommt »Replications in Psychology Research: How Often Do They Really Occur?« (englisch, 2012) nur eine direkte Replikation. Dabei sind Replikationen ein unverzichtbarer Teil der wissenschaftlichen Methode.

Doch es gibt sie noch, die Forscher:innen, die sich der Sicherung von Ergebnissen und der Untersuchung bis ins kleinste Detail verschrieben haben. Schließlich geht es um nichts weniger als den Ruf der Wissenschaft.

Fragwürdige Forschungspraktiken

Einige dieser Überprüfer von Ergebnissen sind Uri Simonsohn, Joe Simmons und Leif Nelson. Sie untersuchten nach der missglückten Replikation die »Power Posing«-Studie von Amy Cuddy und veröffentlichten die Ergebnisse auf ihrer Website Data Colada. Der provokante Titel »Power Posing: »Power Posing: Eine Neubewertung der Beweise hinter dem berühmtesten ›TED-Talk‹« (englisch, 2015) Eine Neubewertung der Beweise hinter dem berühmtesten TED-Talk« mutet gegenüber dem Inhalt noch harmlos an. Dieser ist vernichtend – und kann uns allen beibringen, wo die Fehler und Schwächen schlechter Wissenschaft liegen.

In ihrer Untersuchung verglich das Data-Colada-Team die Studien von Amy Cuddy und die Replikationsstudie von Eva Ranehill.

  • ######## Studienteilnehmer:innen: Während die Replikationsstudie 200 Proband:innen untersuchte, waren es in Cuddys Studie lediglich 42. Diese wurden noch einmal in 2 Gruppen unterteilt: »High-Power Poses« (zum Beispiel zurückgelehnt auf einem Stuhl) und »Low-Power Poses« (zum Beispiel mit verschränkten Armen). Laut Cuddys Studie sorgen »High-Power Poses« für einen Anstieg des Dominanzhormons Testosteron und einen Abfall des Stresshormons Cortisol. »Low-Power Poses« bewirken das genaue Gegenteil. Das macht lediglich 21 Proband:innen pro Gruppe. Das Problem ist: Je kleiner die Anzahl der Studienteilnehmer:innen, desto größer ist das Risiko, dass die Ergebnisse durch zufällige Unterschiede zwischen den Versuchsteilnehmer:innen beeinflusst werden. Wenn die Proband:innen der »High-Power Poses«-Gruppe rein zufällig mehr Frauen, mehr Chefs oder generell selbstbewusster waren als die Proband:innen der »Low-Power Poses«-Gruppe, wird das Ergebnis verfälscht. Je größer beide Gruppen, desto unwahrscheinlicher sind solche zufälligen Unterschiede. Nach den Berechnungen von Data Colada hätte Cuddys Studie mindestens 100 Teilnehmer:innen untersuchen müssen, um ein verlässliches Ergebnis zu erzielen.
  • ######## p-Hacking: Cuddy untersuchte die Studienteilnehmer:innen stückchenweise und überprüfte dabei immer wieder die Wirkung. Dabei füllten die Proband:innen einen Fragebogen aus, darunter auch verschiedene Machtfragen. Am Ende konzentrierte Cuddy die Studie nur auf die Fragen, die funktionierten, um einen Effekt zu belegen. Diese zweifelhafte Praxis nennt sich p-Hacking. Vereinfacht gesagt überprüfen Forscher:innen nicht spezielle Fragestellungen mit einem Versuchsaufbau, sondern erheben möglichst viele Daten, in denen sie dann signifikante Ergebnisse suchen. Sobald das Ergebnis signifikant ist, wird das Datensammeln beendet. In der Psychologie gilt eine Studie dann als signifikant, wenn sie einen p-Wert von weniger als 0,05 erreicht. Der p-Wert einer Studie gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit man sich irren würde, wenn man die aufgestellte Alternativhypothese akzeptiert. Um die Hypothese annehmen zu können, sollte diese Irrtumswahrscheinlichkeit möglichst klein sein. Übersetzt bedeutet dies für einen p-Wert von 0,05: Wenn wir das Experiment 20-mal durchführen, bekommen wir 19-mal ein richtig-positives und einmal ein falsch-positives Ergebnis. In einem von 20 Fällen finden wir also rein zufällig einen Effekt, obwohl in Wirklichkeit keiner da ist. Ein signifikantes Ergebnis hat also eine Sicherheit von 95%. In einer Messung der Prävalenz fragwürdiger Forschungspraktiken mit Anreizen zur Wahrheitsfindung (englisch, 2012, PDF) anonymen Umfrage unter 2.000 Psycholog:innen gaben über die Hälfte zu, p-Hacking bereits einmal benutzt zu haben, etwa um auch ein unerwartetes Ergebnis im Nachhinein als Hypothese zu verkaufen.

Nach der Analyse von Data Colada wurden Cuddy nicht nur fragwürdige Forschungspraktiken, sondern sogar absichtlicher Betrug In einer Metastudie von 2009 gaben 2% aller befragten Wissenschaftler:innen zu, mindestens einmal in ihrem Leben bewusst Daten gefälscht zu haben. 14% gaben außerdem an, andere Wissenschaftler:innen zu kennen, die dies tun. vorgeworfen. Selbst Cuddys Co-Autorin, Dana Carey, ließ verlauten, Dana Careys Position zu »Power Poses« (englisch, 2015, PDF) sie »glaube nicht, dass die Power-Posing-Effekte wahr sind.«

Amy Cuddy wurde daraufhin mit Anfeindungen und Beleidigungen überschüttet. Um das Haus irgendwie vor dem Einsturz zu bewahren, nahm sie höflich Stellung zu der Data-Colada-Kritik und holte zu einem letzten Schlag aus. Ein Ass hatte sie nämlich noch im Ärmel.

Was, wenn andere Studien nicht zum selben Ergebnis kommen? – Quelle: Annie Spratt CC0

Das Aktenschrankproblem

Als Antwort auf den Data-Colada-Bericht listete Amy Cuddy alle veröffentlichten Studien, die je zum Thema »Power Posing« erschienen waren: eindrucksvolle 33 Stück. Nun sollte man meinen, dass 33 Studien, die einen positiven »Power Posing«-Effekt zeigen, als Beweise für Cuddys vollmundige Behauptungen während ihres TED-Talks ausreichen würden.

Tatsache ist: Sie tun es nicht.

Denn sie alle sind ja davon getrieben, positive Resultate zu publizieren. Die unbekannte Zahl an Studien aber, die zeigen, dass es keinen Effekt gibt – sogenannte Nullresultate – verschwinden im Aktenschrank der jeweiligen Forschungsteams. Sie werden nie veröffentlicht. Das Resultat relativiert Amy Cuddys Verteidigung: 80% aller publizierten Studien sind »positive« Ergebnisse – also Negative Ergebnisse verschwinden aus den meisten Disziplinen und Ländern (englisch, 2012, PDF) Ergebnisse, die einen Effekt nachweisen. Das weiß auch Timo Röttger:

Wir haben eine Inflation von positiven Resultaten. Und was noch schlimmer ist: Der Publikationsdruck sorgt dafür, dass falsch-positive Studien viel häufiger veröffentlicht werden als Studien, die Nullresultate zeigen. – Timo Röttger

Überspitzt formuliert: Während Tausende korrekter Analysen in staubigen Aktenschränken vermodern, erregen gerade die fehlerhaften, falsch-positiven Studien die größte mediale Aufmerksamkeit.

Die gute Nachricht: Die findigen Statistiker von Data Colada haben auch für dieses Problem eine Lösung parat: Hier erfährst du mehr über die mathematischen Hintergründe von p-Kurven (englisch, 2014, PDF) sogenannte p-Kurven. Wir ersparen uns die zugrundeliegende Mathematik Je niedriger der p-Wert, desto niedriger ist die Wahrscheinlichkeit, die Forschungshypothese fälschlicherweise anzunehmen. Vergleichen wir nun alle publizierten Studien zu einem Thema, würden viele niedrige p-Werte auf einen wahren Effekt hindeuten. Wenn der Großteil der Studien allerdings p-Werte knapp unter 0,05 hat, ist es wahrscheinlich, dass »p-Hacking« im Spiel war oder die Ergebnisse zu unsicher sind. und kommen stattdessen direkt zum ernüchternden Ergebnis: »Die p-Kurve zeigt an, dass ›Power Posing‹ entweder insgesamt keinen Effekt hat oder der Effekt zu klein ist, als dass die vorhandenen [33] Proben ihn sinnvoll hätten untersuchen können.«

Cuddys wissenschaftliche Karriere stand vor dem Zusammenbruch. Doch Aufgeben kam für sie nicht infrage. Sie ließ sich 2 Jahre Zeit, betrieb Recherchen und stellte Analysen an, bis sie Umfassendere Forschungen über posturales Feedback enthüllen einen klaren Beweiswert für »Power-Posing«-Effekte (englisch, 2017) im November 2017 mit ihrer eigenen p-Kurven-Analyse Data Colada gegenübertrat. Ihr deutlich bescheideneres, aber faktischeres Ergebnis: »Power Poses haben einen Effekt auf die subjektiv empfunden ›Machtgefühle‹«.

Auch Cuddy gibt schlussendlich zu, dass die hormonellen Effekte nicht nachweisbar sind. 11 neue Studien legen außerdem nahe, dass »11 neue Studien legen nahe: ›Power Poses‹ funktionieren nicht« schreibt »Science Daily« (englisch, 2017) diese »Machtgefühle« keinen Effekt auf das Verhalten – beispielsweise während eines Job-Interviews – haben.

So erkennst du schlechte Forschung besser

In ihrem TED-Talk porträtierte Cuddy »Power Posing« als Allheilmittel: »Teilen Sie [diese Wissenschaft] mit den Menschen … die keine Ressourcen, keine Technologie, keinen Status und keine Macht haben … [Power Posing] kann die Ergebnisse ihres Lebens maßgeblich verändern.«

Doch so funktioniert Wissenschaft nicht. Wenn eine wissenschaftliche Studie zu gut klingt, um wahr zu sein, ist sie es wahrscheinlich auch nicht. Nichtsdestotrotz gibt Cuddys Studie uns die Gelegenheit, Warnsignale schlechter Wissenschaft bereits auf Sichtweite zu erkennen:

  1. ######## Wenige Studienteilnehmer:innen: Damit eine Stichprobe repräsentativ ist, sollte sie die breite Bevölkerung repräsentieren. Die genaue Anzahl an benötigten Studienteilnehmer:innen hängt im Einzelfall von der Fachdisziplin ab, doch generell gilt: Je mehr, desto besser.
  2. ######## Spielraum für kognitive Verzerrungen: Selbstberichte von Proband:innen, keine Verblindung der Versuchsteilnehmer:innen oder fehlende Kontrollgruppen – all das macht eine Studie anfällig für unterbewusste Beeinflussungen und Voreingenommenheit.
  3. ######## Verwechslung Wissenschaft genauer erklären? Aber ja! Unsere Gründerin Maren Urner hat es anhand von Pornos getan von Kausalität und Korrelation: Während Kausalität ein klares Ursache-Wirkung-Prinzip hat, meint Korrelation lediglich, dass 2 Dinge zur selben Zeit geschehen: Beispielsweise nehmen mächtige Menschen häufig »Power Poses« ein, aber »Power Poses« machen deshalb nicht zwangsläufig mächtig.
  4. ######## Übertriebene Ansprüche auf der Grundlage einzelner Studien: Wissenschaftliche Errungenschaften sind fast immer das Ergebnis einer Vielzahl von Studien. Fehlen diese oder existieren widersprüchliche Replikationen, ist dies ein Indiz dafür, dass die Originalstudie fehlerhaft sein könnte.
  5. ######## Publikationen in zweifelhaften Zeitschriften: Auch renommierte Zeitschriften können schlechte Studien publizieren. Doch je angesehener eine Zeitschrift ist, desto mehr achtet sie auf die Qualität ihrer Publikationen – zum Beispiel durch Peer-Review Beim Peer-Review senden Zeitschriften die eingereichten Studien vor der Veröffentlichung an unabhängige Gutachter:innen, die auf dem gleichen Fachgebiet tätig sind wie die Studienautor:innen. oder indem sie sich dazu verpflichtet, widersprüchliche Replikationen ebenfalls zu veröffentlichen.

Schlechte Wissenschaft zu erkennen ist eine Sache. Wichtiger ist jedoch, erst gar keine zu betreiben. Dazu muss der Wissenschaftsbetrieb allerdings verändert werden; und zwar so, dass Forscher:innen für gute Wissenschaft belohnt und für schlechte bestraft werden. Die Frage ist nun:

Was muss passieren, damit Wissenschaft wieder das wird, was sie einst war – die beste Methode, die die Menschheit bisher auf ihrer Suche nach Erkenntnis gefunden hat?

Steckt die Wissenschaft wirklich in einer Krise?

P-Kurven, Replikationen – all das hört sich aufwendig und kompliziert an. Doch genau so muss überzeugende Wissenschaft funktionieren: Hypothesen ausreichend kritisch zu prüfen, bis sie entweder zerbrechen oder als Arbeitshypothesen standhalten, auf deren Grundlage weitergeforscht werden kann. Nur weil das System falsche Anreize bietet und einige schlechte Forschungen für Wirbel sorgen, heißt das also nicht, dass an der wissenschaftlichen Methode selbst zu zweifeln ist.

Wissenschaft kann Fakten und verlässliche Ergebnisse produzieren. Doch damit dies besser funktioniert und schlechte Forschung ausgesiebt wird, bevor sie Wellen schlägt, ist es unverzichtbar, genügend Replikationen zu sammeln. Und genau das passiert gerade: Seit 2015 hat der Wissenschaftsbetrieb einen Veränderungsprozess eingeleitet.

»Ich mag den Begriff der Krise nicht«, meint auch Timo Röttger zum Abschluss unseres Gesprächs. »Ich glaube, es ist einfach eine Chance für uns, unser Verhalten zu verändern und zu einer besseren Version von uns selbst zu werden; daher schaue ich der Zukunft der Wissenschaft optimistisch entgegen. In den letzten 5–10 Jahren ist viel passiert, und allen wird langsam klar: Die Revolution ist hier! Sie kommt angerollt und wir können uns nicht mehr vor ihr verstecken.«

Dabei verweist Röttger auf neue Strategien, um Forschung transparenter und besser zu machen:

  • ######## Präregistrierung: Bei der Präregistrierung werden bereits vor dem Sammeln der Daten alle Analyseschritte bis ins kleinste Detail festgelegt und öffentlich gemacht. Eine nachträgliche Manipulation der Daten (p-Hacking) wird dadurch für jeden offensichtlich, der Präregistrierung und Originalstudie miteinander vergleicht. Bereits mehr als 70 Zeitschriften nutzen heute schon sogenannte »Open Science Badges« (englisch) »Open Science«-Kennzeichen, die transparente Praktiken verifizieren und so Anreize für Wissenschaftler:innen schaffen, ihre Forschung öffentlich zu machen.
  • ######## Registered Reports: Einen Schritt weiter gehen wissenschaftliche Zeitschriften, die sich dazu verpflichten, bereits nach dem Sichten der Präregistrierung – und damit vor dem Sammeln der Daten – eine Studie zu veröffentlichen. Der Vorteil davon ist: Die Veröffentlichung der Studie ist nicht an die Resultate gebunden, sondern nur an die Forschungsfrage. Open-Science-Herausforderungen, -Vorteile und -Tipps zu Beginn der Karriere und darüber hinaus (englisch, 2019) Erste Untersuchungen zeigen, dass dadurch sehr viel mehr Nullresultatstudien publiziert werden und nicht mehr in Aktenschränken versauern.

Als »Registered Reports« publizierte Studien veröffentlichen weit mehr Nullresultate als herkömmliche Studien. –

Die Replikationskrise hat der Wissenschaft einen Schuss vor den Bug gegeben und sie reagieren lassen. Praktiken wie Präregistrierung, transparente Daten oder p-Kurven-Analyse werden zum neuen Standard, an dem sich Forschung messen lassen muss.

Nicht zuletzt die Coronakrise und »Die Zeit« berichtet über die aktuelle Heinsberg-Kontroverse (2020) die aktuelle Diskussion um die Heinsberg-Studie machen deutlich, dass fragwürdige Forschungspraktiken nach wie vor existieren. Doch die Krise und die verzweifelte Suche nach einem Impfstoff zeigen auch, wie wichtig eine transparente und kollaborative Wissenschaft sein kann – und wie dringend sie gerade gebraucht wird.

Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Niklas Bub 

Nach 4 Jahren Medizinstudium kennt Niklas Bub sowohl die Stärken als auch die Schwächen des deutschen Gesundheitssystems. Er geht medizinischen Problemen auf den Grund und sucht nach wirkungsvollen Lösungen, die bisher nur wenig bekannt sind. Im Zeitraum März–Mai 2018 unterstützte er die Redaktion als Praktikant und arbeitet seitdem als Gastautor für »Perspective Daily«.

Themen:  Populismus   Psychologie  

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