Sprechen Sie Körper?

Zwischen Smartphone, Computer und Telefon vergessen wir leicht unser wichtigstes Kommunikationsgerät: den eigenen Körper. Dabei kommt es bei unterschiedlichen Körpersprachen häufig zu Missverständnissen, gerade zwischen verschiedenen Kulturen. Deshalb gilt auch hier: Pass auf, was du sagst!

4. Juli 2016  9 Minuten

Montagmorgen, Bahnhof Bielefeld. Ich stehe am Bahnsteig und warte vor der Zugtür, während andere Fahrgäste aussteigen. Eine alte, schwache Frau streckt ihre zitternde Hand aus dem Zug und bittet um Hilfe beim Ausstieg. Ein junger Mann, der Hautfarbe und Sprache nach afrikanischer Herkunft, bemerkt die Geste, dreht sich um und ergreift ihre Hand, die Dame bedankt sich bei ihm. In einer anderen Sprache sagt er so etwas wie »Keine Ursache«, klopft ihr zweimal auf die Schulter und lässt seine Hand sogar einen Moment dort liegen.

Eine bemerkenswerte Szene – aber nicht, weil sie ein wunderbares Beispiel für interkulturelle Hilfsbereitschaft ist. Die körperliche Geste des jungen Mannes, die ich sonst eher unter Jugendlichen vor dem Kino erwarte, kommt mir unangemessen vor, für ihn scheint sie selbstverständlich zu sein. Eine so direkte Berührung mit einer fremden, deutlich älteren Frau ist für mich befremdlich. Nicht, weil sie unfreundlich oder herablassend gewesen wäre, sondern weil sie nicht in mein Schema sozialer Interaktion passt.

Ich frage mich: Wenn uns Sprache verbindet, kann uns Körpersprache entzweien? Machen es uns kulturelle Unterschiede in der Körpersprache schwerer, einander zu verstehen?

Zum Reden haben wir nur den Mund – für unsere Körpersprache alles andere

Gehen wir einen Schritt zurück und schauen, wie Körpersprache eigentlich funktioniert. Körpersprache ist komplex. Wir nutzen eine Vielzahl an Körperteilen, um zu kommunizieren: Mund, Augen und Hände, aber auch Füße und Schultern. Körpersprache – oder nonverbale Kommunikation – umfasst alle Kommunikationswege mit Ausnahme des gesprochenen Wortes: Gestik, Mimik, der Abstand, mit dem wir einander gegenüberstehen, die Richtung, in die wir blicken oder unsere Schultern drehen – all das vermittelt unserem Gegenüber Botschaften. Der Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick stellte diesbezüglich die These auf: »Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.« Manchmal absichtlich, oft unbeabsichtigt. Auch die Parasprache Der Tonfall, die Lautstärke, die Länge unserer Sprechpausen und die Geschwindigkeit, mit der wir reden, sind wichtige Hinweise für unseren Gesprächspartner, zum Beispiel bei der Interpretation von Ironie oder Sarkasmus. All diese an Sprechlaute gebundenen Kommunikationsmittel fasst man unter dem Begriff Parasprache zusammen. Auch wenn sie im Prinzip verbal sind, zählt man sie doch zur nonverbalen Kommunikation. zählt zur nonverbalen Kommunikation.

Wenn uns Sprache verbindet, kann uns Körpersprache entzweien?

Mit unserer Körpersprache vermitteln wir unsere Einstellung gegenüber unserem Gesprächspartner und unseren emotionalen Zustand. Zeigen wir uns feindlich oder zurückhaltend? Sind wir gut gelaunt oder geht es uns schlecht? Auch das Verhältnis zwischen unserem sozialen Status und dem des Gegenübers drücken wir mit unserem Körper aus.

Körpersprache spielt für uns nach wie vor eine entscheidende Rolle: Auch in unserer stark verschriftlichten Gesellschaft schließen wir Geschäfte noch immer gern von Angesicht zu Angesicht ab. Nicht umsonst gibt es eine ganze Branche, die sich damit beschäftigt, Geschäftsleuten, Politikern und Führungspersönlichkeiten eine glaubwürdige Körpersprache zu vermitteln. Und gerade weil es so viele verschiedene Ausdrucksformen gibt, ist entscheidend, dass wir die Regeln der Körpersprache Wann ist ein Lachen freundschaftlich, wann schadenfroh? Unter welchen Umständen darf ich einen Freund berühren, wann einen Fremden – und wo? Der Einsatz von Körpersprache gehorcht einem komplexen Regelwerk, das wir zunächst erlernen müssen. beherrschen.

Unsere Prägung auf die Körpersprache unserer Spezies und Kultur ist so stark, dass wir sogar in Fotos von Tieren – wie dem »Selfie« dieses Affen – menschliche Mimik zu erkennen glauben. – CC Mark

Zurück zum Bahnhof: War die Berührung des jungen Mannes an der Schulter der Dame in dieser Situation passend? Warum hätte es nicht auch ein freundschaftlicher Klaps auf den Hintern sein können, wie er zwischen amerikanischen Football-Spielern üblich ist?

Unser soziales Umfeld lehrt uns diese Regeln. Wie bei der gesprochenen Sprache schauen wir sie von unseren Mitmenschen ab, testen sie aus, lernen aus Fehlern. Und genau wie bei der Sprache gibt es Unterschiede zwischen Subkulturen. Jugendliche vor der Schule gehen anders miteinander um als Politiker im Bundestag. Wir können diese unterschiedlichen »Dialekte« erlernen und haben für die meisten Situationen das passende Körpersprache-Vokabular parat.

Anders sieht es allerdings bei Ländergrenzen und damit Kulturgrenzen aus: Fremde Sprachen erlernen wir in Sprachkursen, um fremde Körpersprachen dagegen bemühen wir uns selten gezielt. Denn Körpersprache läuft zu einem guten Teil Studie zur Frage, ob sich Probanden ihres gezielten Einsatzes von Körpersprache bewusst sind (englisch, 1995) unbewusst ab. Oft fällt uns noch nicht einmal auf, welche Signale wir einsetzen, um eine Botschaft zu senden. Missverständnisse können hier schon bei kleinen Gesten aufkommen.

Finger ist nicht gleich Finger

18. August 1996. Die Eröffnungssitzung des Parlaments von Bangladesch gerät für einen Moment außer Kontrolle, als Minister A. S. M. Abdur Rab seine Hand mit einem abgespreizten Finger in die Luft streckt. Parlamentarier werfen ihm vor, mit der Geste nicht nur das Parlament, sondern das ganze Land entehrt zu haben und fordern eine New York Times-Artikel zu Gesten in fremden Kulturen (englisch) öffentliche Entschuldigung. Die Geste, die uns beim Lesen dieser Zeilen in den Sinn kommt, ist der gestreckte Mittelfinger à la Effenberg. Bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA zeigte der Nationalspieler Stefan Effenberg den deutschen Fans den Stinkefinger, nachdem sie ihn bei seiner Auswechslung ausgepfiffen hatten. Der Finger, den der Minister dem Parlament zeigte, war allerdings der Daumen, sehr ähnlich unserer »Daumen hoch«-Geste – in Bangladesch eine schwere Beleidigung. Auch wenn sich der Minister in jenem Moment über die Wirkung seiner Geste klar gewesen sein dürfte, können wir uns gut vorstellen, wie wir im Urlaub in Bangladesch mit der vermeintlich harmlosen Geste für Unmut sorgen. Das Buch »Gestures – The DO’s and TABOOS of Body Language Around the World« von Roger E. Axtell beschreibt 2 weitere (allerdings unbelegte) Anekdoten aus dem politischen Alltag: Ein amerikanischer Gouverneur reiste als Handelsvertreter nach Japan und hielt dort vor japanischen Funktionären eine Präsentation. Danach war er sichtlich aufgebracht. Er beschwerte sich bei seiner Delegation: Niemand habe ihm gesagt, wie sehr die Japaner von seiner Präsentation gelangweilt gewesen seien! Einige der Funktionäre seien sogar eingeschlafen! Ihm wurde daraufhin erklärt, dass ein Schließen der Augen unter Japanern ein Zeichen von Konzentration und Aufmerksamkeit gegenüber dem Sprecher sei. Was er als Langeweile, gar Schlaf angesehen hatte, war ein Zeichen von Respekt gewesen. 1995 trafen sich der US Kongressabgeordnete Bill Richardson und der Diktator Saddam Hussein zu einer Verhandlung. Richardson schüttelte Hussein die Hand, setzte sich und kreuzte die Beine – woraufhin Hussein sich abrupt erhob und den Raum verließ. Richardson hatte, ohne es zu bemerken, die Schuhsohlen auf sein Gegenüber gerichtet, was in einigen arabischen Ländern als schwere Beleidigung aufgefasst wird.

Nicht immer sind Gesten international so eindeutig wie wir meinen. Diese vier Gesten zum Beispiel unterscheiden sich stark in ihrer Bedeutung, je nachdem, wo wir uns auf dem Globus befinden. Oben links: O.K. bzw. »Gefällt mir« (USA), 1, Anhalter, O.K. (Deutschland), Beleidigung (Nigeria, Australien), 5 (Japan). Oben rechts: O.K (USA), weibliche Genitalien (Brasilien), 0 bzw. ohne Wert (Frankreich), Münzgeld (Japan). Unten links: »Gestohlene Nase« (Deutschland), Schutz vor Bösem (Brasilien), Beleidigung (Griechenland, Türkei), Nichts bzw. Nein (Jugoslawien). Unten rechts: »Du spinnst« (Deutschland), »Wir telefonieren« (Argentinien). – Quelle: Perspective Daily

Missverständnisse durch spezifische, sehr symbolische Gesten wie diese lassen sich leicht aufklären. Der gestreckte Daumen ist dank Facebook inzwischen rund um die Welt bekannt. Andere Aspekte der Körpersprache sind in ihrer Wirkung weniger auffällig, können aber ebenso schnell missverstanden werden. Dazu gehört zum Beispiel der körperliche Abstand.

Sicherheitsabstand einhalten

In einer Studie zum räumlichen Gesprächsverhalten von Engländern, Franzosen und Niederländern (englisch, 1991) wissenschaftlichen Studie von 1991 filmten 3 Kommunikations-Wissenschaftler heimlich mehr als 250 Unterhaltungen in Cafés und an öffentlichen Plätzen, um zu vermessen, wie nah beieinander die Gesprächspartner während der Unterhaltung stehen oder sitzen. Um mögliche kulturelle Unterschiede zu beobachten, filmten sie in 11 Städten in den Niederlanden, Frankreich und England, stets abseits von touristischen Zentren.

Die Studie ist Teil der Proxemik, Proxemik ist die Wissenschaft vom körperlichen Abstand. Sie untersucht unter anderem, wie nahe Menschen sich unter bestimmten Bedingungen kommen und welche Emotionen gewisse Abstände auslösen. einer in den 1960er- und 1970er-Jahren aufstrebenden Wissenschaft, die sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, wie nahe wir uns in Gesprächen kommen. Es gab Theorien, die besagten, dass einige Kulturen – sogenannte Kontaktkulturen – sich in Gesprächen deutlich näherkämen als andere, sich öfter berührten und einen direkteren Blickkontakt halten würden.

Mit unserer Körpersprache vermitteln wir unsere Einstellung gegenüber unserem Gesprächspartner und unseren emotionalen Zustand.

Die Hypothese der Wissenschaftler ließ sich nicht bestätigten: Keine der Kulturen schien generell, in allen sozialen Situationen zu einem näheren oder größeren Abstand zu neigen. Entscheidender war der soziale Rahmen der Unterhaltung: Unterhielten sich 2 Freunde oder hatten 2 Kolleginnen eine geschäftliche Besprechung? Hier wiederum griff der kulturelle Einfluss, denn in derselben Situation bevorzugten verschiedene Kulturen unterschiedliche Abstände. Obwohl die Forscher also ihre These von einer Kontaktkultur nicht bestätigen konnten, zeigten sie doch, dass wir in bestimmten Situationen bestimmte Gesprächs-Distanzen bevorzugen – abhängig von unserer kulturellen Prägung.

Die Folgen dieser ungeschriebenen Gesetze sind nicht zu übersehen. Wir reagieren sehr empfindlich auf »falsche« Gesprächsabstände, fühlen uns bedroht oder belästigt, wenn uns jemand zu nahe kommt oder halten es für unhöflich und kalt, wenn sich jemand – wortwörtlich – von uns distanziert. So können Besuche bei fremden Kulturen, deren Gesprächsabstände wir nicht kennen, schnell zu Missverständnissen führen. Das gilt nicht nur für Abstände, sondern auch für Blickkontakte. Frauen, die schon einmal in arabischen Ländern unterwegs waren, werden vielleicht bemerkt haben, dass viele Gesprächspartner den direkten Blickkontakt vermeiden und stattdessen auf den Boden oder in eine andere Richtung schauen. Was uns als geradezu unverschämtes Verhalten erscheint, drückt in ihrer Kultur Respekt gegenüber unverschleierten Frauen aus. Auch ein respektvolles Wegschauen gegenüber Ranghöheren gilt in vielen Kulturen als angebracht.

Na gut, könnten wir sagen, ein solches Missverständnis lässt sich ja sprachlich schnell beheben, schließlich vermitteln wir die wirklich wichtigen Inhalte ohnehin über unsere Worte. Wenn wir unserem Gegenüber also sagen, dass wir ihn schätzen, sollte er doch in der Lage sein, dies auch so wahrzunehmen, oder?

Auch hier sprechen die Forschungs-Ergebnisse dagegen: Wir lassen uns in Gesprächen viel stärker von nonverbalen als von verbalen Botschaften leiten. Der Sozialpsychologe John Michael Argyle von der Universität Oxford hat das in einer Studie herausgefunden: Er und seine Kollegen zeigten Studierenden Filme, auf denen sie von einer jungen Frau in wenigen Sätzen angesprochen wurden. Dabei vermischte die Frau verschiedene körpersprachliche Signale mit unterschiedlichen verbalen Botschaften. Mal eine freundliche Körpersprache mit netten Worten, mal unfreundliche Körpersprache mit unfreundlichen Aussagen und mal Aussagen in Kombination mit gegensätzlicher Körpersprache. Die Frage, ob die Frau ihnen freundlich erschienen sei, beantworteten die Probanden vor allem in Abhängigkeit von der Körpersprache. Passte diese nicht zu den verbalen Aussagen, folgten sie in ihrer Einschätzung eher der Körpersprache als ihren Worten. Außerdem wurde die Frau in diesen Fällen als verwirrend und unaufrichtig eingeschätzt. Stimmen die beiden Ebenen – verbal und nonverbal – nicht überein, bewerten wir unser Gegenüber als verwirrend und unaufrichtig. Erschwerend kommt hinzu, dass uns häufig nicht bewusst ist, dass es kulturelle Unterschiede in der Körpersprache gibt Spricht unser Gesprächspartner eine andere Sprache, erkennen wir schnell, dass wir unsere Kommunikation umstellen müssen, denn wir verstehen kein Wort. Bei der Körpersprache ist es anders: Die Gesten sind oft gleich, nur ihre Bedeutung ist eine andere. – wir werten die »falsche« Geste also schnell negativ. Hilft Aufklärung? Sollten wir alle einen Körper-Sprachkurs machen, bevor wir ins Flugzeug steigen?

Die wichtigste Zutat: Aufmerksamkeit

Eine Hilft interkulturelles Körpersprachetraining dem Dialog mit arabischen Gästen? (1971) Studie aus England lässt darauf hoffen, dass sich auch mit wenig Aufwand schon viel erreichen lässt: 15 Minuten Training reichten aus, um englischen Gastgebern das Wichtigste über die Körpersprache ihrer arabischen Gäste Der arabische Kulturraum besteht aus Ländern in Nordafrika und der Arabischen Halbinsel. Obwohl der Begriff oft verwendet wird, wird er unterschiedlich ausgelegt. Mögliche Kriterien können die gemeinsame arabische Sprache, eine gemeinsame Kultur oder die Mitgliedschaft in der Arabischen Liga sein. Innerhalb der arabischen Welt gibt es je nach Herkunftsland kulturelle Unterschiede. Leider fehlen in der Studie Details zur Herkunft der »Araber«. zu vermitteln. Der Experimental-Psychologe Peter Collett von der Universität Oxford prüfte dies 1971 im Rahmen eines Experiments mit 25 Engländern. Sie hatten eine Viertelstunde Zeit, um folgende 8 Regeln zur Körpersprache ihrer arabischen Gäste zu studieren:

  1. Wenn du deinem arabischen Partner vorgestellt wirst, stehe auf und schüttele seine Hand, während du den Kopf leicht senkst. Nicke und lächle und schaue ihm dabei in die Augen.
  2. Sobald ihr euch beide gesetzt habt, zieh deinen Stuhl näher zu dem Araber hin, so dass du seine Brust mit einem ausgestreckten Arm berühren könntest. Nimm nicht die übliche, größere Entfernung ein, die wir meist gegenüber Fremden einnehmen.
  3. Araber sitzen einander frontal gegenüber, nicht seitlich versetzt, wie wir es oft tun.
  4. Auch wenn es dir zunächst komisch vorkommen mag, ist es wichtig, dem Araber ständig in die Augen zu sehen, während du mit ihm redest. Vermeide es unbedingt, den Blick abzuwenden, da Araber sich wohler fühlen, wenn gegenseitiger Blickkontakt besteht.
  5. In unserer Kultur drückt ein Lächeln für gewöhnlich Freundschaft aus. Das Lächeln als Zeichen für Freundschaft ist in der arabischen Kultur jedoch deutlich wichtiger. Versuche also, in angebrachten Momenten zu lächeln.
  6. Zeige dem Araber zu keinem Zeitpunkt deine Fußsohlen, denn in der arabischen Kultur ist dies eine Beleidigung, die in etwa bedeutet: »Du bist so viel wert wie der Dreck unter meinen Füßen.«
  7. Araber bevorzugen einen warmen und offenen Austausch. Sie bevorzugen außerdem personalisierte statt abstrakte Diskussionen von Themen. Genauer gesagt können abgewogene und überdachte Antworten ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit beleidigen. Wenn du also freiheraus sprichst (ohne zu beleidigen oder unnötig zu widersprechen) und eine freundliche und höfliche Haltung zeigst, wird er sich wohler fühlen.
  8. Wenn das Experiment vorbei ist, steh auf, schüttele dem Araber die Hand, dann gehe zur Tür. Erlaube ihm, den Raum als Erster zu verlassen, indem du ihm die Tür öffnest und ihn an der Schulter berührst (wie du es auch bei einem Freund tun würdest), während der hindurchgeht. Sprich im Gang weiter mit ihm, bis der Versuchsleiter euch unterbricht. Dann schüttele erneut seine Hand. Während ihr im Gang seid, steh dem Araber sehr nah.

Das Ergebnis: Die Araber empfanden die geschulten Gesprächspartner als deutlich vertrauenswürdiger und freundlicher, hatten das Gefühl, von ihnen besser verstanden zu werden und würden sie lieber als Freunde gewinnen. Um zu testen, ob die beschriebenen Verhaltensweisen einfach nur generell freundlicher wirkten (also unabhängig von der Kultur), wurde dasselbe Experiment mit englischen Gästen wiederholt. Hier gab es keinen Unterschied zwischen der geschulten und der ungeschulten Versuchspersonen-Gruppe. Es gibt also Hoffnung!

Doch auch wenn einfache Tipps schon eine große Wirkung haben können, den kompletten »Code« einer anderen Kultur zu erlernen, braucht Zeit und vor allem: Aufmerksamkeit. Wenn uns klar wird, welch wichtigen Anteil die Körpersprache bei unserer Kommunikation ausmacht, ist der erste Schritt getan. So schaffen wir nicht nur ein angenehmeres Gesprächsklima, sondern verstehen auch die Eigenheiten anderer Kulturen besser. Denn selbst wenn wir große Teile des »Codes« erlernt haben, bewahrt uns dieses Wissen nicht vor neuen sozialen Situationen, deren Schemata wir noch nicht verinnerlicht haben. Doch genau das macht die fremden Kulturen reizvoll und interessant. Auch ohne Stinkefinger stehen noch genügend Fettnäpfchen bereit.

Titelbild: Peter Wiegel

von Bernhard Eickenberg 

Der promovierte Physikochemiker Bernhard sucht stets nach dem Neuen, dem Innovativen. Seine stete Frage: »Wie kann es besser werden?« treibt ihn nach vorne. Er schreibt sowohl über technologische Innovationen als auch über die generellen Grundlagen von Innovation und Kreativität im täglichen (Arbeits-)Leben.

Bernhard gehört zum Gründungs-Team von Perspective Daily und war bis Juli 2016 Stammautor.

Themen:  Psychologie   Gesellschaft  

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