Wie aus einer radikalen Idee die einflussreichste Ideologie unserer Zeit wurde

Der Neoliberalismus hat unser aller Leben verändert. Dieser Mann wollte es so.

1. Juli 2020  11 Minuten

Klimakrise, Polarisierung und die massive Spaltung zwischen Arm und Reich. Wer jung ist, mag diese »Großen 3« der globalen Probleme für Naturgesetze halten. Doch die Welt war nicht immer so.

Der große Widerspruch unserer Zeit scheint darin zu bestehen, dass es Maren Urner über unseren »Negativity Bias« noch nie so vielen Menschen so gut ging wie heute, während wir gleichzeitig Gefahr laufen, alles zu verspielen.

Wie konnte es dazu kommen?

Wer über brennende Regenwälder, Ausbeutung und elitäre Machtstrukturen diskutiert, wird früher oder später auf ein Wort stoßen, das – häufig schwammig verwendet – zum Kampfbegriff geworden ist: Neoliberalismus .

Die einen sind sich sicher, dass dieses »System« die Menschheit zu einmaligem Wohlstand geführt hat. Für die anderen ist er die Ideologie, die uns an den Rand der Katastrophe gebracht hat.

Aber was macht ihn eigentlich genau aus, diesen Neoliberalismus? Wo kommt er her? Und, falls wir ihn wieder loswerden können – wie?

Wie viele große Ideen entstand auch der Neoliberalismus nicht im luftleeren Raum. Vielmehr flossen viele kleine Gedankenbäche im Laufe der Jahre zu einem großen Strom zusammen, der unsere jüngere Vergangenheit mitgerissen hat und uns nun verunsichert umhertreiben lässt.

Um den Neoliberalismus zu verstehen und Antworten auf unsere Fragen zu finden, schwimmen wir den Strom der Geschichte flussaufwärts.

Dieser Text ist der erste Teil einer kleinen Geschichte des Neoliberalismus. Teil 2 erscheint in der kommenden Woche und wird dann gemeinsam mit diesem Artikel als ein ganzes, längeres Stück zu lesen sein.

Prolog: Die Krise, die dem Neoliberalismus den Weg bereitete

Es ist ein Donnerstag im September des Jahres 1929, der zu einem Wendepunkt der Weltgeschichte werden sollte. An diesem Tag begannen die Kurse an der New Yorker Börse in der Wall Street zu fallen – und sie würden die nächsten 3 Jahre weiter sinken.

Die Zeiten des Booms, die die Vereinigten Staaten in nur wenigen Jahrzehnten zur größten Volkswirtschaft der Welt hatten wachsen lassen, waren gezählt. Innerhalb kürzester Zeit weitete sich die »Große Depression« der USA wie ein Lauffeuer über den Globus aus und riss die gesamte Weltwirtschaft in eine Krise, die Millionen von Menschen in Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit zurückließ.

Die große Depression stürzte Millionen Menschen in Armut und Arbeitslosigkeit. Hier stehen Männer vor einer Suppenküche für eine Gratismahlzeit an. – Quelle: wikipedia commons gemeinfrei

Ein idealer Nährboden für politischen Extremismus, der vor allem in Europa, aber auch in den USA Faschistische Bewegungen und Parteien waren in nahezu allen europäischen Ländern und auch in den USA zu beobachten, etwa die »British Union of Fascists« im Vereinigten Königreich (gegründet 1935), das »Mouvement Franciste« in Frankreich (gegründet 1933) oder der »Amerikadeutsche Bund« in den USA (gegründet 1933). viele Menschen in die Fänge von Faschist:innen trieb. Doch nicht alle fielen auf ihre einfachen »Lösungen« und billigen Sündenböcke herein.

Parallel zur Machtergreifung der Nationalsozialist:innen in Deutschland bot die von den Demokraten geführte Regierung um den Präsidenten Franklin D. Roosevelt den Menschen in den USA ein anderes Narrativ an: umfassende Wirtschafts- und Sozialreformen statt Nationalismus und politischem Totalitarismus.

Felix Austen stellt 3 Modelle für einen modernen »Green New Deal« vor Der »New Deal« kam einer Revolution gleich: Arbeitslose und Arme wurden nun staatlich unterstützt, die Finanzmärkte reguliert und Sozialversicherungssysteme etabliert. All dies waren staatliche Einmischungen, die wenige Jahre zuvor noch als Eingriff in den freien Markt gebrandmarkt wurden.

Der gedankliche Vater dieser Neuverteilung der Karten zwischen Arm und Reich war der einflussreiche britische Ökonom John Maynard Keynes. Keynes wurde 1883 in Cambridge geboren. Der Mathematiker und Ökonom gilt als führender Theoretiker der Volkswirtschaftslehre des 20. Jahrhunderts. Er starb 1946 in Tilton bei Firle in East Sussex, Großbritannien. Seine Philosophie in Kurzform: Der Staat sollte als starker Manager in die Wirtschaft eingreifen und durch politische Maßnahmen und Regulierung das instabile kapitalistische System stabilisieren (Keynesianismus oder auch »embedded liberalism« genannt), Ebenso unterhaltsam wie lehrreich: politische Ökonomie in Rapform anstatt den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen und der »unsichtbaren Hand« des freien Marktes das Steuer zu übergeben.

In diesem Video werden die Kernelemente des Keynesianismus anschaulich erklärt:

Der Keynesianismus mit der starken Rolle des Staates ist in den USA das Ding der Zeit – und funktionierte für eine große Zahl von Menschen hervorragend. Jedenfalls für mehr Menschen als das System des klassischen Liberalismus, das zuvor vorherrschte. Klar muss jedoch auch sein: In der Geschichte der Menschheit seit der Sesshaftwerdung gingen großer Wohlstand und der Luxus Einzelner stets mit der Ausbeutung vieler einher.

Doch eine kleine Gruppe vermögens- und einflussreicher Männer sah die Sache grundlegend anders …

Erster Akt: Die Ursprünge einer Ideologie

Während die maßgeblich von Keynes erdachten innovativen Maßnahmen des »New Deals« helfen, die Vereinigten Staaten nach und nach aus der Negativspirale der Großen Depression zu befreien, arbeitet ein junger Mann Anfang 30 auf der anderen Seite des Atlantiks in London an einem gegensätzlichen Modell. Sein Name: Friedrich August von Hayek.

Friedrich August von Hayek

* 8. Mai 1899 in Wien, † 23. März 1992 in Freiburg. Hayek gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Zu seinen Anhängern zählten u. a. US-Präsident Ronald Reagan, UK-Premierministerin Margaret Thatcher und der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard.

Bildquelle: public domain

Der 1899 im Kaiserreich Österreich-Ungarn geborene Hayek besuchte bereits während seiner Studienzeit in Wien lieber Seminare zu Volkswirtschaft und Psychologie als zu den Fächern Staats- und Rechtswissenschaft, in denen er promovierte. Im Jahr 1931, nur 2 Jahre bevor die Nazis erst in Deutschland und wenig später auch in Österreich die Macht übernehmen, wird er an die renommierte London School of Economics berufen.

Dort macht er sich bis Ende der 30er-Jahre mit Thesen zu Konjunktur und politischer Ökonomie einen Namen, bis die Universität aufgrund der wochenlang anhaltenden Bombardierung der Nazis (»The Blitz«) evakuiert werden muss. 100 Kilometer weiter nördlich, im beschaulichen Cambridge, setzt er seine Arbeit fort – an der Universität, an der auch ein gewisser John Maynard Keynes seit 1920 lebt und lehrt.

Hayek trifft auf ein grundlegend anderes Verständnis von Politik und Ökonomie, an dem er sich künftig abarbeiten wird und dem er seine eigenen Thesen entgegenstellt. Sie blicken beide auf dieselben Probleme der Zeit – und kommen doch zu völlig gegensätzlichen Interpretationen des Geschehens.

Die zu dieser Zeit vorherrschende Sichtweise wird maßgeblich vom ebenfalls einflussreichen Ökonomen William Beveridge vertreten. Kurz gefasst lautet sie so: Der Faschismus in Deutschland, Italien und Spanien ist eine Reaktion auf die Ungerechtigkeit und Ungleichheit, die die unregulierte, kapitalistische Wirtschaftspolitik verursacht hat. Steigt die Unzufriedenheit der Menschen, unterstützen die Reichen und Einflussreichen im Zweifel eher den Faschismus als den Sozialismus, um ihren Stand und ihr Vermögen zu bewahren.

So hatten etwa viele vermögende Großindustrielle bereits früh Hitler unterstützt und später in Nazideutschland ihren Reichtum erhalten, wenn nicht gar vergrößert. Die Liste der Unternehmen, die vom NS-Regime profitiert und teils sogar Zwangsarbeiter:innen eingesetzt haben, ist lang. Darunter ist etwa die Familie Quandt, deren Mitglieder noch heute zu den reichsten Deutschen gehören und die größten Anteilseigner:innen am Autobauer BMW sind. Weitere Unternehmen, die vom NS-Regime profitierten: Daimler-Benz, Thyssen-Krupp, Bertelsmann, Dr. Oetker, Siemens, Lufthansa, Hugo Boss und viele mehr.

Hayek bestreitet das nicht explizit, sieht im Sozialismus jedoch auch keine Alternative zur Organisation von Gesellschaft und Wirtschaft. Ganz im Gegenteil: Hayek ist sich sicher, dass der Sozialismus, den er mit der staatlichen Planwirtschaft gleichsetzt, alle Errungenschaften der westlichen Welt zerstören würde.

Zweiter Akt: Der Neoliberalismus als Rebellion

In den 40er-Jahren wird Hayek mehr und mehr zum Rebellen: Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenoss:innen sieht er die Wurzel der beispiellosen Verwüstungen durch Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg nicht in der Ungerechtigkeit, die durch den ungezügelten Kapitalismus hervorgerufen worden war und so den Aufstieg der Faschist:innen ermöglicht hatte.

Für ihn haben Faschismus und Sozialismus sogar denselben üblen Keim: eine zu große Macht des Staates gegenüber seinen Bürger:innen, die sich in erster Linie durch staatliche Eingriffe in den freien Markt zeige. So würde der freie wirtschaftliche Wettbewerb zerstört, in dem Hayek das einzig effiziente Organisationsprinzip einer komplexen Welt sieht.

Mit dieser Grundthese, die er in seinem wichtigsten Werk mit dem bezeichnenden Titel The Road to Serfdom (Der Weg zur Knechtschaft) vertritt, sollte Hayek den Grundstein für den Neoliberalismus legen. Als das Buch 1944 veröffentlicht wird, steht Nazideutschland kurz vor der totalen Niederlage.

Hayeks Buch »The Road to Serfdom« wurde zum Bestseller, vor allem in den USA. Es wurde in 20 Sprachen übersetzt und verkaufte sich über 2 Millionen Mal. – gemeinfrei

Doch wo die Anhänger:innen von Keynes’ Modell des starken Staates nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 die Chancen für den gut geplanten Wiederaufbau sehen, sieht Hayek nur die Gefahr neuer totalitärer Regime.

Dass der Keynesianismus zu diesem Zeitpunkt mit dem »New Deal« bereits seit 12 Jahren erfolgreich die Geschicke der USA bestimmt, ändert wenig an seiner Meinung.

Dritter Akt: Ideologen mit langem Atem – die »Mont-Pèlerin-Gesellschaft«

Hayek muss erleben, wie Keynes’ Modell nach den positiven Erfahrungen in den USA auch im Nachkriegseuropa enorm an Popularität gewinnt. Grund genug für ihn, eine koordinierte Rebellion zu planen – die ihren Anfang im Schatten eines Berges in der Schweiz nehmen sollte: dem Mont Pèlerin.

Stabilität, soziale Sicherung – und vor allen Dingen: Frieden. Diese Ziele stehen für die meisten Menschen Ende der 40er-Jahre nach fast 2 Jahrzehnten globaler Wirtschaftskrisen und Kriege an oberster Stelle. Und mit Keynes’ »New Deal« liegt die Schablone parat, mit der das gelingen kann.

So die Theorie.

Denn ungeachtet des Geschehenen findet auch Hayek durch den Erfolg von The Road to Serfdom Anhänger:innen auf der ganzen Welt. Besonders in den USA findet sein Buch reißenden Absatz – und Hayek einflussreiche (und finanzstarke) Gleichgesinnte.

Im Jahr 1947 lädt er schließlich die 36 einflussreichsten Sympathisanten Einige der auch heute noch bekannten Teilnehmer waren die Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman und Frank Knight sowie der Philosoph Karl Popper. zu einem Treffen in einem unscheinbaren Dorf nahe des Genfer Sees ein. Unter ihnen sind auch 2 Deutsche: Walter Eucken und Wilhelm Röpke, beide Berater des späteren Bundeswirtschaftsministers und Bundeskanzlers Ludwig Erhard. Erhard selbst sollte dem ausgewählten Kreis erst später beitreten.

Die Gruppe von Gleichgesinnten gründet in der Schweiz die nach der nahe gelegenen Bergkette benannte Mont-Pèlerin-Gesellschaft (MPG). Ihr Ziel: die Welt für immer zu verändern. Und zwar indem sie den Neo liberalismus, wie sie ihn fortan nennen, Der Entwurf der Zielsetzung ist hier einsehbar zum absoluten Prinzip wirtschaftlicher und sozialer Organisation machen.

Mitglieder der MPG (von links nach rechts): bei der Gründung, Hayek im hohen Alter, der Südafrikaner Leon Louw als Sprecher bei einem MPG-Treffen im Jahr 2002 – gemeinfrei

Eine gigantische Aufgabe also für einen kleinen Thinktank Auf Deutsch häufig »Denkfabrik« genannt. Der »Duden« liefert hier eine gute Definition: »Einrichtung, Institution besonders im Bereich von Wirtschaft und Politik, in der ein großer Stab von Fachleuten [verschiedener Gebiete] über wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Probleme nachdenkt, Lösungsvorschläge erarbeitet, neue Ideen zu Konzepten weiterentwickelt, die dann [von Unternehmen, Politiker:innen] in die Praxis umgesetzt werden sollen.« mit nur 37 Gründungsmitgliedern, wie Hayek schon von Beginn an weiß:

»Es braucht in der Regel eine Generation oder sogar mehr[, bis sich neue Ideen etablieren]. Das ist der Grund, warum unser heutiges Denken als so machtlos erscheint, um die Ereignisse zu beeinflussen.«

Diese Feststellung ist aber noch lange kein Grund für Hayek und seine Mitstreiter, nichts zu unternehmen. Im Gegenteil: Die Mitglieder der MPG wissen genau, dass sie strategisch und ausdauernd vorgehen müssen, um ihre Ziele zu erreichen. So notiert Hayek, dass »viel gut gemeinter Aufwand für politische Bildung und Propaganda reine Verschwendung [sei], Hier findest du die Einführung »The Cambridge Companion to Hayek« (englisch, 2007, PDF) da er nur auf kurzfristige Effekte« abziele.

Vergebene Mühen also, mit denen Hayek und seine Mitstreiter sich nicht lange aufhalten wollen. Sie haben etwas anderes im Sinn.

Vierter Akt: Eine Ideologie von null an aufbauen

Alle 2 Jahre sollten sich die Mitglieder der wachsenden Mont-Pèlerin-Gesellschaft fortan treffen, an wechselnden Orten, überall auf der Welt. Hier geht es zur Website der MPG Geheim ist das Ganze nicht, auch wenn die Gesellschaft nicht aktiv das Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit sucht.

In den 50er- und 60er-Jahren wächst im Schatten des dominanten Keynesianismus in der MPG unter Hayeks Vorsitz nach und nach der Neoliberalismus heran.

Die Gesellschaft will den Begriff »Freiheit« in ihrem Sinne umdeuten. Dabei geht es ihnen weniger um die Freiheit der Menschen als um die Freiheit der Märkte. Und zwar um die Freiheit von staatlicher Kontrolle, sozialstaatlicher Belastung und Gewerkschaften. Dass Freiheit innerhalb dieser Denkschule nicht unbedingt mit Demokratie einhergehen muss, machte schon Hayeks Lehrer Ludwig von Mises klar, als er den Faschismus dafür lobte, die Marktwirtschaft in den 20er-Jahren in Europa gerettet zu haben. So schreibt er in seinem Werk »Liberalismus« von 1927: »Es kann nicht geleugnet werden, dass der Faschismus und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen voll von den besten Absichten sind und dass ihr Eingreifen für den Augenblick die europäische Gesittung gerettet hat. Das Verdienst, das sich der Faschismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben.«

Die Strategie, um dieses Ziel zu erreichen und noch mehr Einfluss zu gewinnen, Daniel Stedman Jones: »Masters of the Universe: Hayek, Friedman, and the Birth of Neoliberal Politics« (englisch, 2014) fasst Hayek selbst so zusammen:

Wir müssen in der Lage sein, ein neues liberales Konzept anzubieten, das die Fantasie anregt. Was uns fehlt, ist eine liberale Utopie, […] ein wahrhaft liberaler Radikalismus. Wir brauchen intellektuelle Führer, die bereit sind, für ein Ideal zu kämpfen. […] Es müssen Menschen sein, die bereit sind, an Prinzipien festzuhalten und für deren volle Verwirklichung zu kämpfen, so fern diese auch sein mag. – Hayek in »The Intellectuals and Socialism« (1949)

Sein Problem: Hayek und die Mitglieder der MPG sind gnadenlos in der Unterzahl. Die intellektuellen Anführer:innen, die sich für einen »radikalen Liberalismus« begeistern, gibt es bis auf wenige Ausnahmen zu dieser Zeit schlicht nicht. Zu schlecht waren die Erfahrungen mit dem »alten«, klassischen Liberalismus, der zur Weltwirtschaftskrise geführt hatte.

Doch auch davon lassen er und seine Mitstreiter sich nicht entmutigen. Sie wollen sich ihre intellektuellen Anführer:innen einfach selbst schaffen. Friedrich August von Hayek: »The Intellectuals and Socialism« (englisch, 1949, PDF) Hayek schreibt:

»Es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass bestimmte Annahmen allgemein akzeptiert werden, sobald die aktiveren Intellektuellen von diesen überzeugt worden sind. Der Prozess, in dem diese dann allgemeinhin akzeptiert werden, geschieht nahezu automatisch und unwiderruflich. […] [E]s sind ihre Überzeugungen und Meinungen [der Intellektuellen], die als Sieb fungieren, das alle neuen Konzepte passieren müssen, bevor sie die Massen erreichen können.«

Doch eben diese wissenschaftliche Rückendeckung fehlt Hayek.

Hier kommt der englische Geschäftsmann und MPG-Mitgründer Antony Fisher ins Spiel. Fisher, der Millionen mit Börsenspekulationen und der Einführung der Die Geschichte hinter den »Buxted Chickens« gibt es hier zu lesen (englisch) Käfigmassentierhaltung von Hühnern in England gemacht hatte, plante eigentlich, in die Politik zu gehen. Hayek überzeugte ihn jedoch davon, dass sein Geld zur Verbreitung ihrer gemeinsamen Sache wesentlich besser investiert wäre: Sie gründen den ersten neoliberalen Thinktank der Geschichte, Website des »Institute for Economic Affairs« (englisch) das Institute of Economic Affairs (IEA).

Was das Institut ab 1955 hervorbringen sollte, hat jedoch nur begrenzt mit unabhängiger Wissenschaft zu tun, wie aus einem Brief eines weiteren Geldgebers an Fisher hervorgeht. Es sei »geboten, dass wir keinen Hinweis in unserer Literatur dahingehend zulassen, dass wir uns um die Aufklärung der Öffentlichkeit in ganz bestimmte Richtungen bemühen. Um den Eindruck der politischen Voreingenommenheit zu vermeiden, ist der Entwurf der Ziele [des IEA] in eher Richard Cockett: »Thinking the unthinkable: Think-Tanks and the economic counter-revolution« (1994) unverfänglichen Begriffen formuliert«. Produziert werden Bücher und sogenannte »pamphlets«, die ab 1957 unter Titeln wie Pensions in a Free Society , Advertising in a Free Society oder Trade Unions in a Free Society erscheinen.

Das IEA stellte damit einen neuen Typ von Thinktank dar: eine pseudowissenschaftliche Denkfabrik mit akademischem Anstrich, die den Boden für eine neoliberale Revolution bereiten sollte – ohne Krach, ohne Kanonen, ohne blutigen Umsturz. Der britische Historiker und Autor Richard Cockett schrieb über das IEA : »Das IEA war kein traditioneller Thinktank wie das ›Royal Institute für International Affairs‹ in Großbritannien oder das ›Brookings Institute‹ in den USA, in dem Wortsinn, dass dort nach Ideen und Konzepten für Politik gesucht wurde. Am IEA glaubte man, wie sein Gründer Antony Fisher 1956 schrieb, ›die Wahrheit‹ zu kennen. Seine Aufgabe war es daher, diese Wahrheit zu predigen.«

Diesem Vorbild sollten in den kommenden Jahrzehnten Dutzende weitere folgen, auf der ganzen Welt.

John Maynard Keynes jedenfalls konnte nicht mehr dagegenhalten: Der bis dahin einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhunderts war bereits 1946 im Alter von 63 Jahren gestorben.

In der nächsten Woche liest du:

Wie genau werden Hayek und die Mont-Pèlerin-Gesellschaft ihren ideologischen Einfluss erweitern? Welche Figuren werden die Weltbühne noch betreten?

Und welche Lehren können wir aus den Geschehnissen für unser Heute und Morgen ziehen?

All das erfährst du hier in Teil 2 der Reihe!

In Teil 3 erfährst du dann:

Wie entwickelte sich der neoliberale Hegemonieapparat in den Folgejahren weiter? Wann bekam er erste Risse?

Und wo stehen wir heute, im Jahr 2020?

Mit Illustrationen von Doğu Kaya für Perspective Daily

von Chris Vielhaus 

Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit hat wenig Reibungspotenzial: Wer würde schon ernsthaft behaupten, für weniger Gerechtigkeit zu sein? Chris zeigt, wie das konkreter geht. Dafür hat er erst Politik und Geschichte studiert und dann als Berater gearbeitet. Er macht die Bremsklötze ausfindig, die bei der Gesundheitsversorgung, Chancengleichheit und Bildung im Weg liegen – und räumt sie aus dem Weg!

Themen:  Demokratie   Gerechtigkeit   Politik  

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