PD Daily 

So werden Websites für alle zugänglich

Bestimmte Websites müssen in Deutschland barrierefrei sein. In Norwegen gilt diese Regel für (fast) alle Onlineangebote.

18. August 2020  4 Minuten

Hast du schon mal versucht, in der Sonne etwas auf deinem Handy zu erkennen, dunkelgraue Schrift auf hellgrauem Hintergrund zum Beispiel? Oder mit den Fingern 5-mal bei einem Link-Button immer wieder daneben geklickt? Du kannst den Grund dafür bei deinen schlechten Augen und riesigen Händen suchen – oder beim schlechten Design.

Für die meisten Menschen sind solche Erlebnisse lästige Einzelfälle, für andere sind sie ein tägliches Hindernis. Wer nicht sehen oder hören kann oder sich eingeschränkt bewegt, hat mit vielen Websites und Apps Probleme. Was alles zu einer barrierefreien Welt dazugehört, erklärt Stefan Boes in diesem Text Barrieren gibt es auch in der digitalen Welt.

Die EU hat deshalb EU-Richtlinie 2016/2102 über den barrierefreien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen (PDF) im Jahr 2016 beschlossen, dass öffentliche Stellen die Hürden im Internet abbauen müssen. Deutschland hat das in den Jahren darauf zum Gesetz gemacht. Festgehalten sind die Regelungen im Behindertengleichstellungsgesetz (PDF) und in der Barrierefreien-Informationstechnik-Verordnung (PDF) . Seitdem müssen Websites und Apps von Verwaltungen, Ministerien und anderen Behörden für alle zugänglich sein. Häufig sind sie das auch bereits. Um zu überprüfen, wie gut die Behörden die Regelung tatsächlich umsetzen, gibt es seit 2019 eine Überwachungsstelle, die 2021 erstmals einen Lagebericht veröffentlichen wird .

Doch während Behörden daran arbeiten, dass ihre Onlineangebote inklusiver werden, bestehen die Barrieren auf anderen Websites weiter, zum Beispiel bei Unternehmen und anderen Organisationen. In Norwegen klappt das besser. Malin Rygg von der Digitalisierungsdirektion erklärt, warum.

Auch in Norwegen war der Widerstand groß. Dann kam das Gesetz

In Norwegen steht die Umsetzung der EU-Regelung zwar noch aus, Norwegen ist Teil des europäischen Wirtschaftsraums (EWR), aber kein Mitglied der EU. das Land hat aber schon im Jahr 2013 ein eigenes Gesetz eingeführt, das fast die gleichen Forderungen stellt. Der Unterschied: In Norwegen müssen nicht nur Behörden, sondern auch Firmen und Organisationen Ausgenommen sind soziale Medien wie Blogs sowie Twitter und Facebook für nichtkommerzielle Zwecke. ihre Websites und Apps barrierefrei gestalten. Das heißt zum Beispiel, dass sie auch Menschen mit motorischen Einschränkungen nutzen können oder dass sie mit technischen Hilfsmitteln kompatibel sind. Das kann zum Beispiel ein automatisches Vorleseprogramm sein, das blinden Menschen beim Surfen hilft.

Es geht nicht nur um die Inhalte, sondern auch um die Gestaltung der Seiten.

Konkret geht es bei Barrierefreiheit für Websites und Apps um Inhalt und Design. Es sollte zum Beispiel der Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund groß genug sein (lieber schwarz auf weiß als grau auf grau). Verlinkte Wörter in einem Text sollten nicht nur farblich markiert sein, sondern auch durch einen Unterstrich, denn Menschen nehmen Farben unterschiedlich wahr. Videos sollten Untertext haben und Bilder einen hinterlegten Alternativtext, den Vorleseprogramme erkennen.

Auch bei der Programmierung einer Website kann man einiges richtig (oder falsch) machen: Gut ist zum Beispiel, wenn sich eine Website per Tastatur navigieren lässt, falls jemand keine Maus benutzen kann oder möchte.

Illustration: Mirella Kahnert

Barrierefreie Websites von Unternehmen sind oft wichtiger als Behördenwebsites

Dass die Politik in Norwegen diese Anforderungen auch an die Websites und Apps von Firmen stellt, hat mehrere Gründe, erklärt Malin Rygg, Verantwortliche bei Website der Behörde Digitaliseringsdirektoratet (englisch) der zuständigen Behörde Digitaliseringsdirektoratet.

Wenn ich morgen erblinden würde, ist es für mich als Einzelne genauso wichtig, meine Rechnungen online bezahlen oder Bahntickets kaufen zu können, wie die Website einer Behörde zu besuchen, vielleicht sogar noch wichtiger. – Malin Rygg, Digitaliseringsdirektoratet

Außerdem sei es für die IT-Branche einfacher, barrierefreie Lösungen zu entwickeln, wenn nicht nur der öffentliche Sektor sie brauche. So ist schlicht der Markt größer für Firmen, die solche Lösungen anbieten. Und dann stehe dahinter auch eine Haltungsfrage: »Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der alle die gleichen Möglichkeiten haben«, betont Rygg.

Malin Rygg ist Leiterin der Behörde Universal Design for ICT. – Quelle: Digitaliseringsdirektoratet copyright

Das würden wohl die meisten Firmen ohne großes Zögern unterschreiben, egal ob in Norwegen oder anderswo. Die Frage ist, wie viel man bereit ist, zur Erfüllung dieses Wunsches beizutragen. Bevor das Gesetz in Norwegen eingeführt wurde, habe es vonseiten der betroffenen Firmen viel Widerstand gegeben, besonders wegen der Angst vor hohen Kosten, sagt Malin Rygg. Der sei nach der Einführung dann aber schnell weniger geworden. Sie ist sich sicher, dass das Gesetz nötig war, um das Thema Barrierefreiheit auf die Agenda zu bringen. Das hängt auch damit zusammen, wie das Gesetz umgesetzt wird.

Um sicherzustellen, dass die Regeln eingehalten werden, führt das Digitaliseringsdirektoratet in Norwegen angekündigte Kontrollen bei Firmen und Organisationen durch. Werden nicht alle Anforderungen erfüllt, bekommt die Firma einige Wochen Zeit, um die Fehler auf der Website oder in der App auszubessern. Ist auch nach Ende der Frist nichts passiert, drohen Geldstrafen mit hohen Tagessätzen.

»Mit Geldstrafen drohen zu können sorgt dafür, dass das Thema Aufmerksamkeit bekommt«

Malin Rygg berichtet von einem Fall aus dem Jahr 2017, als einer Firma Tagesstrafen von 150.000 norwegischen Kronen pro Tag drohten, umgerechnet knapp 15.000 Euro. »Wir haben bisher noch nie Geld eingezogen. Aber allein damit drohen zu können sorgt dafür, dass das Thema Aufmerksamkeit in den Managementetagen bekommt«, meint sie.

In Deutschland muss das Bewusstsein für barrierefreies Internet erst entstehen.

Das heißt nicht, dass nun alle Websites in Norwegen völlig ohne Hindernisse sind. Viele Dinge, die online für Menschen zu Hürden werden, lassen sich nicht ein für alle Mal erledigen. Webredakteur:innen und andere, die Inhalte einstellen, müssen sie jeden Tag im Hinterkopf behalten. Voraussetzung dafür ist es zu wissen, wo überhaupt Hürden im Digitalen entstehen können. In Deutschland, wo Unternehmen noch nicht zur inklusiven Gestaltung ihrer Websites gezwungen sind, muss dieses Bewusstsein anders entstehen.

Wie das gelingen kann, hat die Aktion Mensch Website der Aktion Mensch mit Tipps zur digitalen Barrierefreiheit auf einer umfangreichen Website zusammengefasst. Weitere Inspiration liefert die Website von Digitaliseringsdirektoratet, Hier findest du die englischsprachige Version von Digitaliseringsdirektoratet die ihre Tipps auch auf Englisch veröffentlicht, unter dem Motto »necessary for some – good for everyone«, also: »nötig für manche, gut für alle«. Denn eine barrierefrei gestaltete App hilft eben auch, wenn im Park die Sonne scheint, die Finger zu dick erscheinen oder Papa seine Lesebrille vergessen hat.

Dieses Video erklärt in knapp 2 Minuten anschaulich, warum barrierefreies Internet so wichtig ist und wie Norwegen versucht, dieses Ziel zu erreichen:

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailies:

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Henrike Wiemker 

Henrike Wiemker hätte gut und gerne ewig weiter studieren können, beschloss dann aber doch, ihre Neugier lieber als Wissenschaftsjournalistin zu stillen. Meist geht es bei ihr um Umwelt, manchmal um Technik und immer wieder auch um anderes. Henrike Wiemker lebt in Uppsala und ist in schwedischen und deutschen Medien zu lesen und zu hören.

Themen:  Deutschland   Internet   Gesellschaft  

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich