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Der Weg zum Frieden ist lang und glanzlos

Auf der Oranienburger Straße in Berlin gibt es eine Bar, in der man für etwa 15 Euro einen »Weltfrieden« kaufen kann. Er wirkt ein paar Stunden. Mit dem echten Weltfrieden ist es eine etwas kompliziertere Sache.

7. Dezember 2016  16 Minuten

»Was ist das Wichtigste, das unsere Gesellschaft braucht?«, fragt Stan, dessen rot leuchtendes Jackett im Farbenmeer der Cocktailkleider kaum auffällt.

»Härtere Strafen bei Verstößen gegen Bewährungsauflagen«, antwortet Sandra Bullock in der Rolle der FBI-Agentin Gracie Hart. Betretenes Schweigen. Bis »Gracie« es den anderen Bewerberinnen um das »Amt« der Miss America gleichtut und sich zu folgenden Worten durchringt:

»Und Weltfrieden.«

Frenetischer Applaus der Zuschauer auf der Leinwand. Gelächter bei den Zuschauern im Kinosaal: Wie naiv!

»Miss Undercover« heißt die mittelmäßige und gänzlich unpolitische Komödie mit Sandra Bullock in der Hauptrolle, die im Jahr 2000 in den Kinos lief. Erkenntnisgewinn: Auch vor dem 11. September 2001 war der Traum von Weltfrieden blauäugigen Randgruppen vorbehalten. So scheint es.

Inmitten gutgemeinter »Make-love-not-war«-Utopien gerät jedoch schnell in Vergessenheit, dass über den Weltfrieden nicht nur in benebelten Sitzkreisen am Lagerfeuer gefachsimpelt oder gesungen wird. Der folgende Bandwurmsatz etwa ist zwar kein Musterbeispiel für sprachliche Klarheit, hat es aber historisch in sich:

WIR, [SIND] FEST ENTSCHLOSSEN,
künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat,
[…]
UND FÜR DIESE ZWECKE
Duldsamkeit zu üben und als gute Nachbarn in Frieden miteinander zu leben, unsere Kräfte zu vereinen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren,
[…]
[UND] HABEN BESCHLOSSEN, IN UNSEREM BEMÜHEN UM DIE ERREICHUNG DIESER ZIELE ZUSAMMENZUWIRKEN.
Dementsprechend errichten [wir] hiermit eine internationale Organisation, die den Namen ›Vereinte Nationen‹ führen soll.« Der vollständige Text der Präambel der UN-Charta lautet:

»WIR, DIE VÖLKER DER VEREINTEN NATIONEN – FEST ENTSCHLOSSEN,

künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat, unseren Glauben an die Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie von allen Nationen, ob groß oder klein, erneut zu bekräftigen, Bedingungen zu schaffen, unter denen Gerechtigkeit und die Achtung vor den Verpflichtungen aus Verträgen und anderen Quellen des Völkerrechts gewahrt werden können, den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern,

UND FÜR DIESE ZWECKE

Duldsamkeit zu üben und als gute Nachbarn in Frieden miteinander zu leben, unsere Kräfte zu vereinen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren, Grundsätze anzunehmen und Verfahren einzuführen, die gewährleisten, dass Waffengewalt nur noch im gemeinsamen Interesse angewandt wird, und internationale Einrichtungen in Anspruch zu nehmen, um den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt aller Völker zu fördern –

HABEN BESCHLOSSEN, IN UNSEREM BEMÜHEN UM DIE ERREICHUNG DIESER ZIELE ZUSAMMENZUWIRKEN.

Dementsprechend haben unsere Regierungen durch ihre in der Stadt San Francisco versammelten Vertreter, deren Vollmachten vorgelegt und in guter und gehöriger Form befunden wurden, diese Charta der Vereinten Nationen angenommen und errichten hiermit eine internationale Organisation, die den Namen ›Vereinte Nationen‹ führen soll.

Titelbild: UN Photo/Marco Dormino - copyright

von Frederik v. Paepcke 

Frederik interessiert sich für etwas, das zunächst sperrig klingt: Systeme. Welchen Einfluss haben scheinbar unsichtbare Strukturen auf unseren Lebens-Alltag? Als Anwalt, Unternehmensberater, Gründer und Diplomat hat Frederik unterschiedlichste Perspektiven kennengelernt und ist überzeugt: Vom kleinen Startup bis hin zum großen Völkerrecht sollten wir weniger an das Gewissen des Einzelnen appellieren und stattdessen mehr an systematischen Veränderungen arbeiten.

Frederik war bis Juli 2017 Stammautor bei Perspective Daily und ist seitdem Gastautor.

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