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Unsere Gesellschaft ist gespalten? Diese Erkenntnisse sprechen für das Gegenteil

Oft ist davon die Rede, dass der Hass zugenommen habe. Doch aktuellen Studien zufolge ist der soziale Zusammenhalt in Deutschland stabil. Wie kommt es, dass wir unser Miteinander dennoch als bedroht erleben?

30. September 2020  14 Minuten

Wenn es darauf ankommt, dann sind wir Menschen erstaunlich freundliche und kooperative Wesen. Meine Welt jedenfalls besteht aus vielen guten Menschen. Dort, wo ich zu Hause bin, in einer westfälischen Kleinstadt, begegnen sich die Leute nicht mit überschwänglicher Herzlichkeit. Doch sie geben aufeinander acht. Sie schenken sich ein Lächeln, einen freundlichen Gruß, eine kleine Geste wie eine aufgehaltene Tür oder ein Nicken, das den anderen den Vortritt gewähren soll.

Überall dort, wo ich mich an einem ganz normalen Tag bewege, begegnen mir die Menschen in aller Regel freundlich. Ich erlebe keinen Hass. Ich sehe nicht, dass der Umgangston rauer und respektloser geworden ist. Ich sehe keine gespaltene Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft, in der Menschen wohlwollend miteinander umgehen.

Vielleicht liegt es an meiner Wahrnehmung, vielleicht bin ich naiv – aber dann bin ich zumindest nicht der Einzige. In einer aktuellen, repräsentativen Hier findest du die Zusammenhalt-Studie der Bertelsmann Stiftung (2020, PDF) Umfrage der Bertelsmann Stiftung geben 79% der Befragten an, dass die meisten Menschen ihnen mit Respekt begegneten. »Befragt nach ihrer eigenen, persönlichen Erfahrung und nicht nach dem allgemeinen gesellschaftlichen Eindruck berichten mehr Menschen in Deutschland heute von einem respektvollen Umgang als früher«, heißt es darin.

Ich weiß, dass Warum das so ist und wie wir die Gesprächskultur im Netz verbessern können, erklärt Dirk Walbrühl in diesem Text das Netz voller Hass ist. Dass es Gruppen in unserer Gesellschaft gibt, die Feindseligkeit erfahren. Dass Rettungskräften und Polizist:innen häufiger als früher Wut entgegenschlägt. Aber ich weiß auch, dass Menschen soziale Wesen sind, die aufeinander aufpassen, weil sie auf andere angewiesen sind.

Die Fähigkeit zur Zusammenarbeit ist in unseren Genen angelegt.

»Sie kooperieren, um etwas zu schaffen, das sie allein nicht schaffen können«, schreibt der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch »Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält«. »Indem wir uns mit anderen Menschen zusammentun, Wie sich Stärken und Schwächen durch Kooperation ergänzen, beschreibe ich in diesem Text können wir individuelle Mängel ausgleichen.« Bereits in den 70er-Jahren beschrieb der Psychoanalytiker Erik Erikson Kooperation als Grundlage der menschlichen Entwicklung – eine Fähigkeit, die bereits in den frühesten Kindheitsphasen wurzelt. Zusammenarbeit ist in unseren Genen angelegt.

Ohne gesellschaftlichen Zusammenhalt ist eine Krise wie die Coronapandemie nicht zu lösen

Auch der niederländische Journalist und Historiker Rutger Bregman beschäftigt sich in einem Hier findest du eine Rezension des Buchs »Im Grunde gut« von Chris Vielhaus neuen Buch mit der freundlichen Seite des Menschen. Er entwickelt die Idee, die, laut seiner Aussage, die Gesellschaft auf den Kopf stellen und eine Revolution anzetteln könne. »Wie viele Regalmeter sind in den zurückliegenden Jahren nicht über das Thema nachlassende Solidarität in der Gesellschaft zusammengeschrieben worden?«, fragt Bregman. Er habe eine völlig andere Vorstellung: »Dass die meisten Menschen im Grunde gut sind.«

Über lange Zeit hat sich unsere Art stets auf mehr freundschaftliches Umgehen miteinander, auf Zusammenarbeit hin entwickelt. Das ist gar nicht die Frage. Die Frage ist jedoch, warum glauben wir dies nicht? Warum sind so viele von uns überzeugt, dass – obwohl Kollegen, Freunde und das Umfeld sehr umgänglich und zur Zusammenarbeit bereit sind – eben doch die anderen, die Fremden, die wir im Fernsehen sehen oder von denen wir in den Romanen lesen, garstige Menschen sind, die dem nicht entsprechen? Warum glauben wir so etwas? Das Zitat stammt aus einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur Rutger Bregman, Journalist und Buchautor

Anfang März, in den Tagen, als sein Buch auf dem deutschen Markt erschien, zeichnete sich immer deutlicher ab, dass Bregmans Glaube an das Gute im Menschen vor einer Bewährungsprobe steht. Die WHO bezeichnete den Ausbruch des neuartigen Coronavirus als Pandemie. Die Zahl der bestätigten Neuinfektionen stieg weltweit immer schneller.

262 Fälle waren es in Deutschland am Das Robert Koch-Institut informiert hier über die Infektionszahlen vom 4. März 2020 4. März 2020, als sich Gesundheitsminister Jens Spahn in einer Regierungserklärung an die Bevölkerung wandte und dafür einen eindringlichen Ton wählte: Die nächsten Tage und Wochen würden herausfordernd sein. Es werde zu Einschränkungen im Alltag kommen. Das werde Stress auslösen. »Wir alle nehmen wahr, dass Wut, Misstrauen, teilweise auch Aggressionen zu oft unsere öffentlichen Debatten bestimmen«, fügte Spahn an. Es werde deshalb umso wichtiger sein, Hier findest du die Regierungserklärung des Gesundheitsministers Jens Spahn (2020) »dass wir besonnen bleiben, dass wir zusammenhalten und dass wir bereit sind, einander auch unter Stress zu vertrauen.«

Das Vertrauen der Menschen zueinander ist in der Coronakrise gewachsen.

Eine Pandemie fordert die menschliche Solidarität und Fähigkeit zur Kooperation heraus. Es ist eine Krise, die alle Menschen vor soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Herausforderungen stellt. Ohne gesellschaftlichen Zusammenhalt ist eine solche Krise nicht zu lösen. Viele Menschen haben das schnell und intuitiv verstanden. Als das Coronavirus nach Deutschland kam und sich immer rasanter ausbreitete, begannen sie gemeinsam, nach Lösungen zu suchen.

Bei Perspective Daily haben wir über Hier berichtet Dirk Walbrühl über Nachbarschaftsinitiativen während der Pandemie spontane Nachbarschaftshilfen berichtet, über In diesem Text kommentiere ich, dass Applaus zwar nett, aber nicht genug ist Applaus für Pflegekräfte, über Hier findest du den Text »Lagerkoller daheim? Lass dir kostenlos helfen« von Dirk Walbrühl und Christine Müller kostenlose Beratungsangebote für Menschen, die zu Hause Konflikte erleben – und über Menschen, denen es gelungen ist, durch gemeinsames Handeln auch andere Macht uns die Krise zu besseren Menschen? Das fragt Juliane Metzker in diesem Essay Katastrophen zu bekämpfen. Es scheint, als werde den Menschen der Wert gemeinsamen Handelns in einer Gefahrensituation stärker bewusst.

Hat die Krise also den gesellschaftlichen Zusammenhalt gestärkt? Oder ist Zusammenhalt etwas, was in einer Gesellschaft einfach vorhanden und sofort verfügbar ist, wenn es darauf ankommt?

Ist unsere Gesellschaft gespalten – oder hält sie weiter zusammen? – Illustration: Tobias Kaiser

Es gibt keinen Riss, der durch die Gesellschaft geht

Viele Forschungen sind dieser Frage inzwischen nachgegangen. Die Universität Bielefeld hat frühzeitig die Arbeit an der umfangreichen Hier findest du die Studie »Zusammenhalt in Corona-Zeiten« (2020, PDF) Studie »Zusammenhalt in Corona-Zeiten« aufgenommen, die zu dem Schluss kommt: »Auch wenn die zahlreichen Proteste anderes vermuten lassen: Die Zufriedenheit der Bürger:innen mit der Demokratie und auch das Vertrauen der Menschen untereinander nimmt in der Corona-Krise zu.« Die Pandemie, so das Autor:innenteam um den Konfliktforscher Andreas Zick, biete die Chance, den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft nachhaltig zu stärken. Um die Wirkung der Coronakrise auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu untersuchen, wurden Informationen aus der Langzeitbefragung Sozio-ökonomisches Panel (SOEP) und der SOEP-CoV-Studie berücksichtigt. Die Teilnehmer:innen an der SOEP-CoV-Studie werden unter anderem seit dem 1. April dieses Jahres befragt, wie zufrieden sie mit dem Krisenmanagement auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene sind. Dabei können sie jeweils auf einer 11-stufigen Skala antworten, wobei 0 für »ganz und gar unzufrieden« und 10 für »ganz und gar zufrieden« steht.

Auch die genannte Studie der Bertelsmann Stiftung kommt zu dem Ergebnis: »Das gemeinschaftliche Miteinander, ausgedrückt beispielsweise durch belastbare soziale Beziehungen und die Bereitschaft zu Engagement und Hilfsleistungen, ist und war in Deutschland stark ausgeprägt.« Demzufolge überraschen die Solidarität und Rücksichtnahme während der Coronapandemie wenig. Die wahrgenommene Gefährdung des Zusammenhalts habe mit dem zeitlichen Fortschreiten der Pandemie sogar abgenommen, heißt es in der im August 2020 veröffentlichten Studie.

Das sind gute Nachrichten. Sie zeigen, gestützt auf empirische Sozialforschung, dass die aufgeheizte Stimmung auf Demonstrationen, in sozialen Medien und Fernsehrunden nur einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft widerspiegelt. Das soll nicht heißen, dass Warum eine Fehleranalyse der Coronapolitik wichtig für die Demokratie ist, erklärt Katharina Wiegmann in diesem Text Kritik an der Coronapolitik unzulässig sei. Doch bei der pauschalen Ablehnung der politischen Maßnahmen handelt es sich um Meinungen von Randgruppen, die ihre Ansichten allzu häufig an der Seite von Rechtsradikalen vortragen und den wissenschaftlichen Forschungsstand außer Acht lassen.

Das zu betonen ist deshalb so wichtig, weil Medien und Politik gern das Bild einer gespaltenen Gesellschaft zeichnen, die immer weiter auseinanderdriftet. Doch diese Bilder trügen – zumindest mit Blick auf die deutsche Gesellschaft.

Extreme Ungleichheit gefährdet Zusammenhalt

»Es gibt keinen Riss, der durch die Gesellschaft geht«, sagt Kai Unzicker von der Bertelsmann Stiftung. Er hat die aktuelle Studie »Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland 2020« mitverfasst. Seit 1990 – bis zu dieser Zeit reichen die von der Bertelsmann Stiftung verwendeten Fragebögen zurück – befinde sich der Zusammenhalt auf einem stabilen Niveau, sagt er.

Doch wie lässt sich gesellschaftlicher Zusammenhalt überhaupt messen? Unzicker betont, dass »Zusammenhalt« kein klassischer soziologischer Begriff sei, wofür es festgelegte Messinstrumente gebe. Der Begriff stammt vielmehr aus der politischen und öffentlichen Debatte und hat von dort Eingang in die Forschung gefunden. Die Soziologie und Sozialpsychologie benutzen zur Beschreibung von Zusammenhalt häufig auch den Begriff der »Kohäsion«, der verschiedene Aspekte des Zusammenhalts meinen kann: zum Beispiel Vertrauen, Solidarität, gemeinsames Handeln und die Einhaltung gemeinsamer Normen und Werte. Die Bertelsmann Stiftung hat 2011 ein eigenes Modell mit Indikatoren für Zusammenhalt entwickelt:

  1. Soziale Beziehungen: Menschen haben stabile soziale Beziehungen über die Familie hinaus. Sie haben großes Vertrauen in ihre Mitmenschen. Sie akzeptieren Personen mit anderen Wertvorstellungen und Lebensweisen.
  2. Verbundenheit: Menschen identifizieren sich mit der Gesellschaft. Sie vertrauen gesellschaftlichen und politischen Institutionen. Sie fühlen sich gerecht behandelt und sind der Ansicht, dass die Güter in der Gesellschaft gerecht verteilt sind.
  3. Gemeinwohlorientierung: Dies ist die individuelle Verhaltensebene, die in die Messung des Zusammenhalts einfließt. Wenn Menschen hilfsbereit sind und sich für ihre Mitmenschen verantwortlich fühlen, sich an grundlegende soziale Regeln halten und sich aktiv am öffentlichen Leben beteiligen, spricht das für einen hohen Zusammenhalt.

In den repräsentativen Befragungen mit rund 3.000 Personen haben die Forscher:innen der Bertelsmann Stiftung genau diese Werte mithilfe eines Fragebogens ermittelt. Anschließend bildeten sie aus den Ergebnissen einen Index, der auf einer Skala (1–100) liegt. Die verschiedenen Dimensionen von Zusammenhalt wurden dabei zu einzelnen Indexwerten zusammengefasst, die jeweils vom Wert 0 (kein Zusammenhalt) bis zum Wert 100 (maximaler Zusammenhalt) reichen. Die Werte dieser Einzeldimensionen wurden dann zu einem Gesamtindex zusammengefasst, der ebenfalls die Werte 0–100 annehmen kann. Empirische Grundlage der Studie ist eine im Jahr 2020 durchgeführte repräsentative telefonische Befragung. Dafür wurden zunächst in der ersten Welle im Februar und März rund 3.000 Personen ab 16 Jahren befragt. In einer zweiten Welle wurden im Mai und Juni 1.000 Personen erneut befragt, die bereits an der ersten Befragung teilgenommen hatten. Für den langfristigen Zeitvergleich wurde auf die Daten der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2017 zurückgegriffen. Die Indexberechnung erfolgte gemeinsam für 2020 und 2017 mittels einer neuen, umfassenderen Gewichtung, um die Vergleichbarkeit der Werte sicherzustellen, wie es in der Studie heißt. So zeigt sich selbstverständlich keine volle Zustimmung zu allen Punkten. Doch einen Gesamtindex von 61 für Deutschland bewerten die Forscher:innen als hoch und stabil.

Der Abstand zwischen West- und Ostdeutschland ist 2020 leicht gewachsen. Trotzdem liegen die Werte relativ nah beieinander. – copyright

Das Zusammenhaltsgefühl bestimmen laut Bertelsmann Stiftung vor allem die persönliche Lebenssituation, die soziale und ökonomische Lage, die räumliche Lage, also die Region und die Wohngegend, und der politische Halt, also die Bindung an Parteien und das demokratische System. Nicht Konflikte und fehlender Konsens in wichtigen politischen Fragen schwächen demnach den Zusammenhalt, sondern Faktoren wie Wohlstand, die Arbeitssituation und soziale Teilhabe. »Wenn man unmittelbar etwas für den Zusammenhalt tun will, dann muss man dafür sorgen, dass die extreme Ungleichheit beseitigt wird«, sagt Kai Unzicker. Er betont, dass Armut eine Belastung für die gesamte Gesellschaft und deren Zusammenhalt sei, nicht nur für die Betroffenen.

Wer sich hauptsächlich um das eigene Auskommen Sorgen machen muss, dem fehlt die Zeit und möglicherweise auch das Interesse, sich für das Gemeinwesen einzusetzen. Wenn nennenswerte Teile der Gesellschaft das Gefühl haben, ihre Interessen würden nicht berücksichtigt und es gehe nicht gerecht zu, dann belastet das auch das politische Vertrauen. Chancengerechtigkeit herzustellen und Lebensperspektiven anzubieten, ist deshalb entscheidend. – aus der Studie »Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland 2020«

Doch auch wenn das Zusammenhaltsgefühl nicht in allen Gruppen der Gesellschaft gleich stark ausgeprägt sei, sei es falsch, von einem Auseinanderdriften der Gesellschaft zu sprechen, sagt Kai Unzicker. Hier findest du eine Studie der Bertelsmann Stiftung über Zusammenhalt im internationalen Vergleich (2013) Das zeige auch der internationale Vergleich. Dort liegt Deutschland immerhin im gehobenen Mittelfeld.

Dargestellt sind die Mittelwerte der Dimensionen von Zusammenhalt für die EU- und westlichen OECD-Länder. Die Farben markieren die Spitzengruppe, das obere Mittelfeld, die Mittelgruppe, das untere Mittelfeld und die Schlussgruppe. Der größte Zusammenhalt besteht demnach in den wohlhabenden skandinavischen Ländern. – copyright

Rechtspopulistische Einstellungen sind normaler geworden

Doch wie passen diese Befunde in eine Zeit, in der rechtspopulistische, rechtsextreme und antisemitische Positionen an Einfluss gewinnen? Handelt es sich dabei noch um die notwendige Reibung, die eine plurale Gesellschaft aushalten muss? Sind Rechtsextremismus und Antisemitismus überhaupt Meinungen? Schließlich haben diese Einstellungen längst unübersehbare, reale Folgen: rassistisch und antisemitisch motivierte Schmähungen, Drohungen und Morde. Politiker:innen, Journalist:innen und Wissenschaftler:innen werden immer wieder angefeindet und erhalten Morddrohungen, die neuerdings mit »NSU 2.0« unterzeichnet sind. Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde von einem Rechtsextremisten im eigenen Garten erschossen. Bei dem Anschlag in der Hanauer Innenstadt im Februar 2020 wurden 10 Menschen ermordet. Wenige Monate zuvor versuchte ein Attentäter, einen Massenmord in einer Synagoge in Halle an der Saale zu verüben, 2 Menschen starben. Beide Taten waren rassistisch und antisemitisch motiviert. Die Rhetorik der Täter erinnert auffallend an AfD-Narrative.

Welche Verantwortung rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppen, Parteien und Medien dafür tragen, lässt sich aktuell nur schwer juristisch und wissenschaftlich nachvollziehen. Doch es ist offensichtlich, dass zum Beispiel die AfD eine vielfältige Gesellschaft ablehnt, weil dies den Zusammenhalt angeblich zerstöre. Nur »gemeinsame Herkunft, Sprache, Geschichte, Mentalität, Bräuche oder auch Religion führen zu einem Wir-Gefühl«, meint der AfD-Politiker Hier findest du das AfD-Statement zu gesellschaftlichem Zusammenhalt (2020) Gottfried Curio, innenpolitischer Sprecher im Bundestag.

»Rechtspopulistische Einstellungen haben sich stabil verfestigt und das heißt, sie sind in der Mitte normaler geworden.« – aus der »Mitte«-Studie 2018/19

»Die Frage ist, welches Konzept von Zusammenhalt die Menschen haben«, sagt Beate Küpper, Sozialpsychologin und Professorin an der Hochschule Niederrhein. Sie ist Mitautorin der regelmäßig erscheinenden Hier findest du eine Übersicht der »Mitte«-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung »Mitte«-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung. Darin geht es unter anderem darum, wie weit antidemokratische und menschenfeindliche Einstellungen in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen sind sowie im Positiven um die Unterstützung von Demokratie. Die aktuelle »Mitte«-Studie 2018/19 wurde von Andreas Zick, Beate Küpper und Wilhelm Berghan verfasst.

Jede fünfte befragte Person (21%) neigt der Studie zufolge »ganz deutlich« zu rechtspopulistischen Einstellungen, bei 42% lasse sich eine Tendenz dazu feststellen. Über die Bevölkerung hinweg habe die Verbreitung rechtspopulistischer Einstellungen seit 2014 allerdings nicht zugenommen. Das bedeutet laut den Studienautor:innen aber zugleich: »Rechtspopulistische Einstellungen sind stabil verfestigt, auch in der gesellschaftlichen Mitte verbreitet und tragen so zu einer Normalisierung von Rechtspopulismus bei.« Rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit (8,9%), Antisemitismus (3,4%) und Sozialdarwinismus (2,2%) finden sich in der Bevölkerung seltener. Fast jede:r Zehnte stimmt der Aussage zu: »Es gibt wertvolles und unwertes Leben.«

2 unversöhnliche Positionen

Auch nach dem Zusammenhalt der Gesellschaft fragt die Studie. Eine überwältigende Mehrheit (86%) ist demnach der Ansicht, Hier findest du die aktuellen Ergebnisse der »Mitte«-Studie (PDF, 2019) der Zusammenhalt in der EU müsse gestärkt werden und verschiedene kulturelle Gruppen bereicherten die Gesellschaft (87%). Gleichzeitig ist rund jede:r fünfte Befragte der Ansicht, dass zu viele kulturelle Unterschiede dem Zusammenhalt der Bevölkerung schaden.

Hier scheinen sich 2 verschiedene Positionen unversöhnlich gegenüberzustehen: Die eine Gruppe sieht den Zusammenhalt der Bevölkerung durch eine vermeintliche »Überfremdung« bedroht. Sie möchte als ungleich und ungleichwertig betrachtete Gesellschaftsmitglieder ausgrenzen, um Wie schnell uns die Anderen egal sind, erklären Maren Urner und Han Langeslag in diesem Text den Zusammenhalt der imaginierten eigenen Gruppe zu stärken. »Es ist ein sozialpsychologisch gut erforschtes Phänomen, dass die Abwertung einer definierten Außengruppe den Zusammenhalt der eigenen Gruppe zumindest vordergründig stärkt und Differenzen innerhalb dieser Gruppe verwischt«, sagt Beate Küpper.

Die zweite Gruppe sieht den Zusammenhalt einer Gesellschaft gerade dann bedroht, wenn die gleichberechtigte Teilhabe von sozialen, religiösen und ethnischen Minderheiten nicht gewährleistet ist. Allen voran denjenigen, die selbst von Ausgrenzung oder gar rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Bedrohung und Gewalt betroffen sind, dürfte die Rede von gesellschaftlichem Zusammenhalt geradezu zynisch erscheinen. Ist Zusammenhalt also auch eine Frage der Perspektive und der Gruppe, der ich mich zugehörig fühle?

Das stimmt so auch nicht ganz, da der Zusammenhalt, der sich aus der Abwertung anderer ergibt, ein sehr brüchiger ist, wie Beate Küpper erklärt:

Wenn es eine hetzerische und potenziell bedrohliche Stimmung in einer Gruppe gibt, in der Menschen zum ›Anderen‹ deklariert und exkludiert werden, kommt es auch zu Verunsicherungen in der Wir-Gruppe. Der Fingerzeig auf einen jeweils Anderen führt zu Ängsten in der eigenen Gruppe. Man könnte ja der Nächste sein, auf den der Finger zeigt. – Beate Küpper, Sozialpsychologin an der Hochschule Niederrhein

Das führe psychologisch dazu, sich lieber an der Wir-Gruppe zu beteiligen und mit zu hetzen. »Aber gleichzeitig führt es dazu, dass man sich gegenseitig in ständiger Unsicherheit hält.« Das schade dem Zusammenhalt.

Das Wir-Gefühl, das der AfD-Politiker Curio beschwört, ist vordergründig nicht viel mehr als eine nostalgische, nationalistische Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit. Psychologisch gesehen sind die von ihm aufgerufenen Werte wie Mentalität und Bräuche aber Mittel zur Unterdrückung anderer, vielfältiger Denkweisen und damit Mittel zur Herstellung eines Klimas der Angst. Curio übersieht auch bereitwillig all die Gruppen, die in der Vergangenheit vielleicht sogar mehr noch als heute Ausgestoßene waren, darunter zum Beispiel Arme, Kranke, homosexuelle Personen, Mütter mit unehelichen Kindern, Jüdinnen und Juden. In einem solchen Klima hat Abweichung zwangsläufig die Exklusion zur Folge.

»Die Abwertung anderer Gruppen sorgt in einer pluralen Gesellschaft für Probleme.« – Gert Pickel, Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt

»Die Abwertung anderer Gruppen sorgt in einer pluralen Gesellschaft für Probleme«, sagt Gert Pickel, Religionssoziologe an der Universität Leipzig sowie am neu gegründeten Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt. »Wir gehen in einer Demokratie davon aus, dass sie Menschen individuelle Freiheiten garantiert. Die Akzeptanz demokratischer Spielregeln macht uns zu einer Gemeinschaft.« Die Ablehnung von Pluralität und die Ablehnung dieser Spielregeln gefährden daher den Zusammenhalt, sagt Pickel.

Andreas Zick, Konfliktforscher in Bielefeld und Mitautor der »Mitte«-Studien, sieht die größte Gefahr für die Mitte der Gesellschaft ebenfalls »in dem Ausmaß, in dem sie ihre demokratische Orientierung zur Disposition stellt.« Je stärker sich Mitglieder der Mitte in den Extremismus bewegen, desto stärker verschieben sich Normen, schreibt Zick. Minderwertigkeit von Gruppen schreibe sich auf diesem Wege in die Struktur der Mitte ein, der Zusammenhalt schwinde.

Konkret benennt die »Mitte«-Studie 2018/19 »7 mögliche Aushöhlungen des Zusammenhalts der Gesellschaft«:

  1. Befürwortung der Ungleichwertigkeit von Gruppen
  2. rechtspopulistische Einstellungen
  3. rechtsextreme Einstellungen
  4. neue rechte Mentalitäten
  5. Glaube an Warum sich Menschen in Verschwörungen flüchten, liest du in diesem Interview mit Katharina Nocun Verschwörungsmythen
  6. Misstrauen und Ablehnung von Demokratie
  7. Ost-West-Differenzen in demokratischen Einstellungen Laut der »Mitte«-Studie 2018/19 zeigt sich eine große Einheit in den demokratischen wie antidemokratischen Einstellungen. Andererseits zeigt sich eine größere Affinität im Osten zum Rechtspopulismus, die der Studie zufolge vor allem von Fremdenfeindlichkeit und einem Gefühl politischer Machtlosigkeit, kollektiver Wut und der Forderung von Widerstand gegen die aktuelle Politik getragen werde. Auch die wenig verbreitete Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur ist im Osten höher.

»Der Zusammenhalt der Mitte verliert sich, wenn in der Mitte einige Gruppen als höher- und andere als minderwertiger bewertet werden«, hält Andreas Zick fest. Vorurteile, antidemokratische Einstellungen und die Bereitschaft, andere zu diskriminieren, seien daher besonders sensible Messinstrumente des Zusammenhalts einer Gesellschaft, schreibt er in einem gemeinsamen »Die Abwertung der anderen« (2011, PDF) Aufsatz mit Beate Küpper.

Wie Empathie den Zusammenhalt stärkt

Zusammenhalt, das zeigen die bisherigen Erkenntnisse, ist ein komplexes soziales Phänomen. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen, die auch davon abhängen, wer innerhalb einer Gesellschaft oder Gruppe danach gefragt wird. Wer beispielsweise wirtschaftlich gut da steht und dadurch viele Möglichkeiten sozialer Teilhabe hat, bewertet den Zusammenhalt positiver als andere Gruppen, die benachteiligt sind oder Benachteiligung fürchten.

Es ist nicht immer leicht, etwas an der eigenen sozioökonomischen Situation zu ändern, zum Beispiel eine gut bezahlte Arbeit zu finden oder in sozialen Bereichen teilzuhaben, die traditionell Menschen mit bestimmter Herkunft, sexueller Orientierung, bestimmtem Geschlecht oder anderen Merkmalen vorbehalten waren. Solche Strukturen zu verändern, die Zusammenhalt erschweren, ist eine politische Aufgabe.

Eine Gesellschaft, die zusammenhalten soll, muss eine Gesellschaft sein, an der viele Menschen teilhaben.

Doch das bedeutet nicht, dass nicht jede:r Einzelne durch das eigene Handeln zum sozialen Zusammenhalt beitragen kann. Sich für andere Menschen verantwortlich zu fühlen, hilfsbereit zu sein, sich sozial zu engagieren und konstruktiv am öffentlichen Leben teilzunehmen, ist laut der Bertelsmann Stiftung eine zentrale Dimension sozialen Zusammenhalts.

Doch es ist schon eine einfache Fähigkeit, die helfen kann, den Zusammenhalt zu stärken. »Wir wissen aus der Forschung, dass Empathie ein ganz wichtiger Faktor ist, der vor gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit schützt. Wer empathischer ist, neigt weniger dazu, ganze Gruppen abzuwerten. Empathie ist auch wichtig für die alltägliche Hilfsbereitschaft«, sagt Beate Küpper. Darunter versteht sie, zu lernen, die Welt kognitiv aus dem Blickwinkel anderer Menschen zu sehen, aber auch emotional nachzufühlen.

»Es gibt aber auch eine Kultur der Empathie, in der es dazugehört, andere mitzudenken, von sich selbst zu abstrahieren und zu fragen: Wie geht es eigentlich denen, die wir gern übersehen?« Das sei nicht nur eine individuelle, trainierte Empathie, sondern eine strukturelle, institutionalisierte, sagt Küpper. »Es kann eine Strategie kleinerer Teams, aber auch großer gesellschaftlicher Gruppen sein, sich zu fragen: Habe ich wirklich alle nach ihren Interessen, Wünschen und Bedarfen gefragt, allen die Möglichkeit gegeben und sie dabei unterstützt, überhaupt Gehör zu finden?

Dies sei etwas, was zurzeit intensiv unter dem Begriff »Partizipation« diskutiert werde, sagt Beate Küpper. Eine Gesellschaft, die zusammenhalten soll, muss also eine Gesellschaft sein, an der möglichst viele Menschen teilhaben können. Dabei gilt es besonders diejenigen mitzudenken und zu fördern, die häufig übersehen werden oder denen Teilhabe und Teilnahme nicht so leichtfällt. An eine solche Selbstverständlichkeit erinnern zu müssen, zeigt, wo die Stärkung des Zusammenhalts vielleicht zuallererst ansetzen muss: Zusammenhalt beginnt im Denken.

Mit Illustrationen von Tobias Kaiser für Perspective Daily

von Stefan Boes 

Kennst du auch das Gefühl, 1.000 Dinge tun zu wollen – oder zu müssen? Wie nutzt du die Zeit, die du hast? Stefan geht aus soziologischer Perspektive der Frage nach, wie eine neue Zeitkultur aussehen kann – und wie wir Zeit gestalten können, ohne immer nur hinterherzurennen. Dazu gehört auch die Frage, wie die Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Privatleben gelingen kann.

Themen:  Gesellschaft   Deutschland   Demokratie  

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