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Essay 

Das System ist am Ende. Das Leben geht weiter

Autor und Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel reflektiert im Essay aus seinem neuen Buch darüber, wie es weitergehen kann, wenn die Coronapandemie vorbei ist. »Etwas Neues entsteht, und dieses Neue kann besser sein als das nunmehr Vergehende.«

15. Oktober 2020  16 Minuten

Wie geht es weiter, wenn COVID-19 abgeebbt sein wird? Die Meinungen sind geteilt. Die einen fürchten, dass dann eine lange Durststrecke komme mit vielen Firmenpleiten und Arbeitslosen, gesellschaftlichen Verwerfungen und politischen Umbrüchen, kurz: Sie fürchten eine schlechtere Welt. Andere hoffen, dass diese Erfahrung viele läutern werde, weil viele begriffen, was wirklich zählt im Leben. Die Welt werde so eine bessere. Und wieder andere gehen davon aus, dass nach einer Zeit des Übergangs im Großen und Ganzen alles weitergehen werde wie bisher.

Wer recht behält, wird die Zukunft weisen. Historische Erfahrungen legen jedoch nahe, dass es Letztere sein werden. Denn weder Einzelne noch Völker lassen sich durch singuläre Ereignisse wie Pandemien und selbst Kriege dauerhaft aus der Bahn werfen. Wer hätte gedacht, dass nach dem epochalen Zusammenbruch des »Dritten Reiches« die Deutschen so schnell wieder Tritt fassen würden. Sie selbst wohl am allerwenigsten. Doch sie krochen aus ihren Schützengräben und Luftschutzbunkern und wandten sich dem Nächstliegenden zu: etwas zu essen, Kleidung, eine Behausung und verblüffend schnell auch wieder Unterhaltung, Kunst und Kultur.

Die Monstrosität des Nationalsozialismus war abgeschüttelt. Doch die darunter befindlichen wirtschaftlichen, sozialen und in Teilen sogar politischen Strukturen bestanden fort. Im Grunde gilt das bis heute, wenn auch mit immer deutlicher werdenden Einschränkungen. Denn das System, nach dem zunächst die sogenannten westlichen Gesellschaften und schließlich der größte Teil der Menschheit angetreten sind, weist unübersehbare Mängel auf, die mit den erprobten Methoden nicht mehr zu beheben sind.

Es sind solche schleichenden, oft lange Zeit kaum wahrnehmbaren Veränderungen, die zu den eigentlichen Bruch- und Wendepunkten in der Menschheitsentwicklung führen. So wurde das Römische Reich – wie andere Reiche vor ihm – nicht durch Seuchen oder Kriege zerstört. Vielmehr hörte es auf zu sein, als seine geistige Substanz verbraucht war und alle Reformbemühungen ergebnislos blieben. Das Reich war am Ende, aber das Leben ging weiter und ließ eine neue Epoche entstehen.

Titelbild: Cover: oekom Verlag/ Illu:Mirella Kahnert

von Meinhard Miegel 

Meinhard Miegel ist Autor zahlreicher Bücher, von denen »Die deformierte Gesellschaft« (2002), »Epochenwende« (2005) sowie »Exit« (2010) und »Hybris« (2014) zu Bestsellern avancierten. Er ist Vorstandsvorsitzender der »Stiftung kulturelle Erneuerung«, Beiratsmitglied zahlreicher wissenschaftlicher Einrichtungen und ständiger Berater von Politik und Wirtschaft.

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