PD Daily 

Wer trägt die Kosten für die Pandemiebekämpfung?

Betreiber:innen von Clubs, Kneipen, Hotels und Kinos stehen vor dem finanziellen Ruin. Mehr als 900 ziehen jetzt vor Gericht und kämpfen stellvertretend für Zehntausende um Entschädigung. Mit Erfolg?

20. Oktober 2020  6 Minuten

Vermisst du es auch, einfach mal wieder ausgelassen tanzen zu gehen oder nachts sorglos durch die Bars zu streifen? Eines ist sicher: Mehr noch als du sie vermisst, vermissen die Club- und Kneipenbetreiber:innen dich. Denn dein Geld ist ihre Existenzgrundlage.

Um ihre Existenz kämpft gerade auch Familie Knoll. Normalerweise steht Janet Knoll, von ihren Gästen auch liebevoll »Mutti« genannt, hinter dem Tresen ihrer Magdeburger Musikkneipe »Flowerpower«. Sie verdient damit den Großteil des Einkommens für die 4 Familienmitglieder. Doch statt »Love, Peace & Rock’n’Roll«, Konzerten und Tanzmusik herrscht in der Kneipe bereits seit dem 18. März 2020 Stille. Niemand weiß, wann Musikkneipen und Diskotheken wieder öffnen dürfen.

Janet Knoll hinter dem Tresen im »Flowerpower« – Quelle: Chris Rößler copyright

Familie Knoll lebt jetzt hauptsächlich von Hartz IV. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich für sie nach eigener Aussage ein Schaden von rund 80.000 Euro ergeben. Einen großen Teil ihrer Altersvorsorge mussten sie auflösen. Vermieter:innen, Versicherung und Banken verlangen weiter die laufenden Zahlungen, der Staat ersetzt nur einen Teil Familie Knoll hat zunächst für März–Mai eine Soforthilfe von 15.000 Euro erhalten. Dem folgte eine Überbrückungshilfe von weiteren 15.000 Euro für Juni–August. Wie lange sie das Geschäft noch erhalten können, hängt von den weiteren möglichen Hilfszahlungen des Staates ab. Allerdings konnten Überbrückungshilfen immer erst Mitte bzw. Ende des jeweiligen Förderzeitraums beantragt und ausbezahlt werden. Daher muss Familie Knoll einen Teil der Kosten vorstrecken. Außerdem muss sie 20% der laufenden Betriebskosten selbst tragen – bei null Umsatz. Und da sie keine Kapitalgesellschaft (wie etwa eine GmbH) sind, zählt das monatliche Einkommen von Janet Knoll nicht zu den Betriebskosten, die der Staat teilweise übernimmt.

Titelbild: Benedikt Geyer

von Anne Herr 
Ja, manchmal ist das Recht ein lästiger Paragrafendschungel. Als Juristin hilft Anne euch deshalb dabei, eine Schneise durchs Gesetzdickicht des Alltags zu schlagen. Doch Recht und Gesetz sind für sie vor allem Werkzeuge, mit denen wir die Welt gerechter und freier machen können. Oft ist sie selbst überrascht, wie kreativ viele Menschen das für sich und andere nutzen. Glaubst du nicht? Dann lies ihre Texte!
Themen:  Gesellschaft   Gerechtigkeit  

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