David Ehl / Reportage

So fühlt sich ein Leben im Schaufenster an

21. Dezember 2016

Meine 24 Stunden mit Kölner Wohnungslosen habe ich mir vorher anders vorgestellt.

Das war also der Dieb, der Peter im Schlaf den Rucksack geklaut hatte: Ein schmächtiger, blasser Typ, vielleicht Ende 20. Er hatte sich einfach zu den anderen gelegt. Einmal ging alles gut, beim 2. Mal klaute er Peters Rucksack und haute ab. Das ist erst 3 Nächte her. Und er ist so dreist, wundere ich mich, heute noch einmal hier aufzutauchen? Er führt sogar noch ein kurzes, belangloses Gespräch mit Peter, bevor er sich unter einem Vorwand davonmacht.

Dabei behält Peter seine großväterliche Milde. »Man muss normal miteinander umgehen können«, sagt der 66-Jährige in seiner sanften Bassstimme. Dann wendet er sich ab und breitet eine dicke Luftmatratze in einer Ecke des Vorraums aus. Peter schläft immer an derselben Stelle, im überdachten Eingangsbereich eines Schuhladens auf der Kölner Schildergasse, in Gesellschaft von Dieter, Erwin und dessen Hund. Eine eingeschworene WG von Männern in ihren Sechzigern, Skat-Turniere inklusive, nur halt ohne Wohnung. Aber immerhin ist ihre »Platte«, also ihr Schlafplatz, trocken und windgeschützt. Mit dabei ist noch ein Bulgare, aber der ist weniger gesellig als die anderen.

Ich bin für einen Abend dabei: Einen Tag und eine Nacht bin ich unterwegs – erst mit Frank, dann mit Peter – um die Lage der Menschen zu verstehen, die zwar mitten in unseren Städten leben, aber trotzdem nicht gerade in der Mitte der Gesellschaft stehen. Die Sache mit dem Rucksack lehrt mich: Auf der Straße liegen Vertrauen und Enttäuschung oft nah beieinander. Und das Leben ist verdammt gefährlich. Erst Mitte November hatte ein Mord die Kölner Wohnungslosen-Szene erschüttert: Ein Pärchen hatte einen einzelnen Mann zu Tode getreten und angezündet. (Mehr dazu beim Kölner Stadt-Anzeiger.)

Wie viele Menschen in Deutschland haben kein Zuhause?

Allein in Köln leben laut Statistik rund Wohnungslosenstatistik NRW, 2015 4.700 Wohnungslose, ein Streetworker schätzt, dass davon 500–600 auf der Straße leben. Bundesweit gibt es Bericht der taz über die fehlende Wohnungslosenstatistik und über den Bedarf im sozialen Wohnungsbau keine gesicherten Zahlen, aber die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) rechnet mit aktuell 412.000 wohnungslosen Menschen in ganz Deutschland. Die Zahlen der BAG W bedürfen einer näheren Erläuterung: Da auf Bundesebene keine Statistik erhoben wird, erstellt die BAG W eine Schätzung auf Grundlage verschiedener Quellen wie Daten einzelner Hilfswerke. Die Genauigkeit gibt sie bei +/− 10% an. Auf Basis dieser Schätzungen (bis 2014) hat die BAG W eine Prognose für die Jahre 2016–2018 erstellt. Alle Zahlen sind mittlerweile ein gutes Jahr alt – in diesem Jahr habe man die Schätzungen aufgrund der vielen mit den Geflüchteten zusammenhängenden Unwägbarkeiten nicht aktualisiert, erklärte mir BAG-W-Sprecherin Werena Rosenke am Telefon. Hauptsächlich in den Städten, aber auch auf dem Land. Köln ist mit 45 Wohnungslosen pro 1.000 Einwohner nicht zufällig Spitzenreiter in Nordrhein-Westfalen: In einer Metropole ist die Infrastruktur der Hilfsangebote einfach viel besser ausgebaut als in Kleinstädten. Das bedeutet umgekehrt aber auch, dass Wohnungslosigkeit in ländlichen Gegenden viel weniger offensichtlich ist, weil die Menschen eher bei Freunden auf dem Sofa Unterschlupf suchen und finden. (Für Correctiv.org habe ich im Frühjahr eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe im ländlichen Raum, im Oberbergischen Kreis, besucht.) Der Verband erwartet einen steilen Anstieg auf bis zu 536.000 im Jahr 2018 – zum einen, weil die Mieten in den Großstädten immer weiter steigen und das Angebot an kleinen, bezahlbaren Wohnungen schrumpft; zum anderen, weil immer mehr Menschen um eben diese Wohnungen konkurrieren. Die größere Nachfrage kommt zum Beispiel von Arbeitsmigranten aus osteuropäischen EU-Ländern, Geflüchteten – aber auch vom Allzeit-Hoch an Studenten in Deutschland.

Der angespannte Wohnungsmarkt ist natürlich nicht der einzige Faktor, der zum aktuellen Ausmaß der Wohnungslosigkeit in Deutschland führt; eine Vielzahl von weiteren sozialen Indikatoren spielt ebenso eine Rolle. Aber ein wesentlich größeres Angebot würde einigen Menschen die Möglichkeit auf eine eigene Wohnung eröffnen, die heute gegen andere Bewerber praktisch chancenlos sind.

Was kann die Politik tun? Ein Instrument, zumindest um den Trend umzukehren, liegt auf der Hand: In diesem Jahr sind einige Projekte im sozialen Wohnungsbau initiiert worden – ob die Brisanz der Thematik in alle Amtsstuben durchgedrungen ist, ist jedoch fraglich. In der vergangenen Woche hat ein Bericht der Süddeutschen Zeitung Irritationen ausgelöst: Das Kanzleramt habe brisantere Passagen aus dem Armutsbericht von Sozialministerin Nahles entschärft. Mein Text »Citylofts für alle« über kreative kurzfristige Lösungen auf dem Wohnungsmarkt Mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen. Und die Gesellschaft? Der erste Schritt ist, ein differenziertes Bild davon zu bekommen, was es bedeutet, auf der Straße zu leben. Deshalb habe ich mit Peter »Platte gemacht«, zuvor war ich jedoch ein paar Stunden mit Frank unterwegs.

Was bedeutet es, draußen zu leben?

Am Morgen nimmt mich Frank mit auf seine Route. Eigentlich sammelt er vormittags Flaschen, an einem regnerischen Dezembertag wie diesem ist die Ausbeute ziemlich mager. »Du hast dir genau den richtigen Tag ausgesucht«, grinst er. Auch in den aufgeweichten Pappbechern der Bettler auf der Domplatte ist Ebbe, zwei 20-Cent-Münzen, ein bisschen Kupfergeld. Ein Mann unter einem schwarzen Schirm liest mit starkem russischen Akzent aus der Bibel vor. Zwischen Bettler und Prophet hasten grimmig blickende Passanten auf dem Weg ins Warme, Trockene.

Der Rundgang mit Frank beginnt auf dem Bahnhofsvorplatz, in Sichtweite des Kölner Doms. – Quelle: David Ehl copyright

Frank ist erkältet, er hat mit Freunden deshalb die letzte Nacht in einer Notschlafstelle Die Kommunen sind gesetzlich verpflichtet, Notschlafstellen für Wohnungslose bereitzuhalten. Das sind meist rudimentär eingerichtete Mehrbettzimmer, die in keinem besonders guten Ruf stehen: Sie seien dreckig, abgerockt, man habe keine Privatsphäre (oft nicht einmal Türen zu den Zimmern) und wenn man Pech habe, treffe man auf unbequeme Zimmergenossen, die klauen, pöbeln und keine Körperhygiene betreiben würden. Sämtliche Wohnungslose, mit denen ich gesprochen habe (auch für frühere Recherchen) sehen die Notschlafstellen wirklich nur in allergrößter Not als Option. verbracht. Normalerweise, erklärt er mir, schläft der 40-Jährige in einem Winkel beim Das Kölner Museum Ludwig für moderne Kunst Museum Ludwig. Geschützt vor der Witterung, aber nicht zu dicht an der Wand: An Franks Schlafstelle ist immer viel los, Partygänger auf dem Rückweg zum Bahnhof werden auch schon mal laut. Aber wenn die Passanten ihn sehen, werfen einige etwas Kleingeld in seine Mütze. »An meinem besten Tag hatte ich 30 Euro, normal sind so 3–4 Euro«, sagt Frank. Er kennt das Klischee, Obdachlose würden ihr geschnorrtes Geld eh nur in Alkohol und Drogen investieren Ja, es gibt auch Wohnungslose, die mit den Jahren dem Alkohol oder schlimmeren Drogen verfallen sind – gerade in Köln sind mehrere Plätze in der Innenstadt für ihre Heroinszene berüchtigt; Stadt und Hilfsdienste versuchen sie in so genannten Fixer-Räumen aufzufangen, wo man sich in hygienischerem Umfeld und unter ärztlicher Aufsicht den Schuss setzen kann. Diverse Studien zeigen: Menschen in Armut geben Geld(-spenden) in der Regel vernünftig aus (englisch) das weithin nicht stimmt. »Klar, ich trinke auch mal ein Bier, aber ich bin absolut kein Alkoholiker«, sagt Frank. Und das Geld braucht er für die nötigsten Ausgaben.

Jede Geschichte ist anders

Frank bezieht absichtlich keine Leistungen vom Staat – »das würde ich eh direkt zum Spielautomaten bringen.« Im kommenden Jahr will er eine Therapie wegen der Spielsucht beginnen. In Rostock geboren, hat Frank lange in der Gastronomie gejobbt, schon einmal in London auf der Straße gelebt und dann dort für eine internationale Nichtregierungsorganisation gearbeitet, die sich gegen Obdachlosigkeit und Armut einsetzt. Für dieselbe Organisation ist er nach Köln gewechselt, bevor das Glücksspiel überhand nahm. Seit August lebt er auf der Straße.

Jetzt zeigt mir Frank eine enge Gasse vom Heumarkt zum Eisenmarkt, einen ruhigen und geschützten Platz. »Den kennen sogar die Hardcore-Flaschensammler nicht«, sagt Frank und prüft mit routiniertem Blick die Müllkörbe. Warum er hier nicht übernachtet? »Hier ist es zu ruhig, das hat auch was mit Sicherheit zu tun.«

»Nur, weil ich auf der Straße lebe, muss ich mich nicht so aufführen.«Die Solidarität unter Wohnungslosen ist endlich, auch Frank hat schon davon erfahren, wie Peter im Schlaf der Rucksack geklaut wurde. »Es gibt welche, oft sind es Junkies, die sich nicht benehmen können und das Image von Obdachlosen durch den Dreck ziehen«, sagt Frank. »Nur, weil ich auf der Straße lebe, muss ich mich nicht so aufführen.« Diese Aussage begegnet mir öfter: Die Junkies stehen ganz unten in der Hackordnung, viele Wohnungslose wollen auf keinen Fall etwas mit ihnen zu tun haben.

Mehr Migranten, mehr Wohnungslose?

Nach ein paar Kilometern durch den Nieselregen sind Frank und ich bereit für etwas Heizungswärme, also sitzen wir in der Bahnhofsmission. Frank trinkt Tee für 30 Cent, Kaffee gibt’s für 50. Es ist wenig los, außer uns sind noch 3 Rumänen da, die offenbar gerade erst in Köln angekommen sind. »For work«, aber Arbeit ist auf die Schnelle nicht zu finden, Geld haben sie keins, und so erklärt die Mitarbeiterin der Bahnhofsmission den jungen Männern ihre wichtigsten Anlaufstellen in Köln. Sie drückt ihnen Gutscheine für ein Frühstück in die Hand und erklärt auf Englisch den Weg zur Notschlafstelle in der Thieboldsgasse. Auf einer Karte verzeichnet sie die Punkte, wo den Männern geholfen wird.

»Ich bin selbst für meine Situation verantwortlich, nicht Merkel oder die Flüchtlinge.«Frank und ich verlassen die Bahnhofsmission, auf der Straße kommen wir an der Platte eines Polen vorbei. »Mal ehrlich, ich bin auch lieber in Köln obdachlos als in Warschau oder Lublin«, sagt Frank. Ich habe großen Respekt davor, wie reflektiert er das betrachtet; von Neid und Verteilungsängsten keine Spur. »Ich bin selbst für meine Situation verantwortlich, nicht Merkel oder die Flüchtlinge«, sagt Frank. Das hätten nur einige andere noch nicht begriffen.

Essen, duschen, waschen: Permanente logistische Herausforderungen

Keine 50 Meter Luftlinie von der Bahnhofsmission öffnet um Punkt 12 der Kontaktstelle des SKM am Kölner Hauptbahnhof Sozialdienst Katholischer Männer (SKM). Hier gibt es kostenlose Lebensberatung, einfache medizinische Versorgung (Frank besorgt sich Taschentücher und Tabletten gegen seine Erkältung), Waschmaschinen und Duschen für kleines Geld. Mit meinem Rucksack, in dem ich meine Schlafsachen umhertrage, falle ich nicht weiter auf unter den Männern, die hierher kommen.

Man trifft sich zum warmen Mittagessen für 1,50 Euro, heute Prager Schinken mit Reis und Karotten. Danach, beim Mau-Mau mit Frank und Marco, kommt wieder das Geflüchtetenthema auf den Tisch. »Ich bin weiß Gott kein Rechter«, sagt Marco, Marco, Anfang 40, war selbstständiger Handwerker, bis sein Betrieb insolvent ging. Wie Frank ist er seit August auf der Straße. Ab Januar 2017, so erzählt er, wird er Arbeitslosengeld II beziehen – dann wird er sein restliches Vermögen so weit aufgebraucht haben, dass er unter dem Freibetrag liegt und bezugsberechtigt ist. Damit hat er dann auch wieder Chancen auf eine Wohnung: Eine Kostenzusage vom Amt ist für viele Vermieter eine ähnliche Sicherheit wie ein Arbeitsvertrag. »aber manchmal hat man den Eindruck, dass die Flüchtlinge ganz einfach eine Wohnung bekommen, während unsereins auf der Straße ist.« Klar, das liege auch daran, dass es vor allem zu wenig bezahlbare Kleinwohnungen und mehr leerstehende größere Wohnungen für Familien gebe. Ein anderer sagt: »Es kann doch nicht sein, dass die sofort eine Wohnung kriegen, während uns nur so eine Box bleibt.« Er bezieht sich auf die Bericht des Kölner Stadtanzeigers über einen Freizeitbastler, der Wohnboxen an Obdachlose verschenkt Initiative eines Kölners, der ehrenamtlich Hütten für Wohnungslose zimmert. »Ich will gleichbehandelt werden, ich gehe nicht in einen Holzverschlag.«

Was macht man den ganzen Tag auf der Straße?

Während ich beim Mau-Mau haushoch verliere, schlägt sich Peter in seiner Skat-Runde am Nebentisch ganz ordentlich. Bis die Sozialarbeiter und Küchenhilfen die Stühle hochstellen und durchfegen – um 15 Uhr endet das Angebot des SKM. Peter nimmt mich mit zum Einrichtung »Gulliver« des Kölner Arbeitslosenzentrums Gulliver, einer »Überlebensstation für Obdachlose« direkt unter dem ersten Bogen der Hohenzollernbrücke. Von innen ist das Gemäuer mit einer Zwischenetage ausgebaut und gemütlich geheizt; oben rumpeln die Züge über die Brücke. Unten gibt es Klos und Duschen, die an ältere Jugendherbergen erinnern, im Vorraum mietet Peter ein Schrankfach für sein Hab und Gut. Ich erkenne ein paar Gesichter vom SKM – Peter und ich sitzen an einem kleinen Bistrotisch, er spendiert mir einen Filterkaffee. »Man muss sich irgendwie den Tag strukturieren«, sagt der 66-Jährige, der mich mit Glatze und Brille ein wenig an den verstorbenen SPD-Politiker Peter Struck erinnert, nur ohne Schnurrbart.

Unterwegs mit Peter: Sein Gesicht und sein Nachname sollen in dieser Reportage nicht auftauchen. – Quelle: David Ehl copyright

Tagesstruktur bedeutet für Peter: Aufstehen, Frühstück im Gulliver, Bahnhofsmission, Mittagessen und Skat beim SKM, dann zurück ins Gulliver und gegen halb 9 abends auf die Platte.

Peter hat sein Leben lang stets gearbeitet, ein paar Jahre war er für eine große deutsche Firma auf der arabischen Halbinsel tätig. Fühlt er sich nicht unproduktiv und unterfordert? »Wenn man mit der Situation klarkommen will, muss man gewissermaßen ausblenden, welche Annehmlichkeiten man vorher hatte.« Ein paar Mal im Jahr macht Peter Fahrgastzählungen für die Kölner Verkehrsbetriebe. Außerdem besucht er gelegentlich seine Töchter und Enkeltöchter. »Ich genieße ganz besonders, wenn ich ganz normal Opa sein kann.« Auf dem Smartphone zeigt er stolz die Fotos und Videos, die gelegentlich per WhatsApp ankommen. Die jüngste Enkelin, 7, turnt, gerade hat sie ein Turnier gewonnen. »Die Familie ist ein großer Rückhalt, das haben in der Form nicht viele.«

Kein Zuhause = keine Familie?

Als Peter mir zum ersten Mal von seiner Familie erzählt, versuche ich, mein Erstaunen zu verbergen: Wie funktioniert Familie, wenn einer kein Zuhause hat? Kontakt halten – mindestens die Hälfte der Wohnungslosen, die ich in Köln getroffen habe, besitzt Smartphones – geht noch irgendwie, aber lebt man sich nicht auseinander? Peter wirkt auf mich wie der lebende Beweis, dass eine starke Beziehung auch das überwindet.

»Die Familie ist ein großer Rückhalt, das haben in der Form nicht viele.«Besonders wichtig, erzählt Peter, sind ihm die täglichen Telefonate mit seiner Frau, einer aus Russland stammenden Germanistin, mit der er gerne über die deutsche Sprache redet. Wie er obdachlos wurde, darüber redet er weniger gern, nur so viel: Es geht um Steuerhinterziehung, das Land NRW unterstellt ihm, Schwarzgeldkonten zu besitzen, was er bestreitet. Das gemeinsame Haus in einer Kleinstadt zwischen Köln und Bonn ist als Sicherheit gepfändet – Peter rechnet damit, dass der Rechtsstreit in weniger als einem Jahr beigelegt ist und er wieder mit seiner Frau zusammenwohnen kann. »Den 21. Januar 2014 werde ich nie vergessen«, sagt Peter – an dem Tag war seine Frau zur Tochter gezogen und er auf die Straße. Zur Miete zu wohnen, war für ihn nicht infrage gekommen; ebenfalls bei der Tochter einzuziehen, auch nicht. »Das würde ein paar Wochen gut gehen, aber ich will das Familienleben nicht beeinflussen«, sagt er. Deshalb sieht er seine Frau nur selten – wenn er sie besucht oder beide für ein paar Wochen eine Wohnung über AirBnB beziehen. »Bist du verheiratet?«, fragt mich Peter. »Warum?« – »Mit einigem Abstand betrachtet war unsere Hochzeit das Schönste, was in meinem Leben passiert ist.« Ich nippe an meinem Kaffee und will wissen, was auf dem Platz dahinter folgt.

Peter dreht sich routiniert eine Zigarette. Beim Rauchen, sagt er, geht es ihm rein um den Genuss, er könnte auch gut ohne auskommen. – Quelle: David Ehl copyright

Das Zweitschönste waren die Olympischen Spiele 1972 in München, wo der damalige Wehrdienstleistende als Funker abkommandiert und letztlich wenig gebraucht wurde – also viel Zeit hatte, um die Spiele live zu erleben. Sport ist auch heute auf der Platte regelmäßig Thema: »Der Erwin und ich, wir tippen manchmal Fußball-Ergebnisse«, sagt Peter. »Der Erwin hört dann immer die Ergebnisse mit seinem Radio ab. Aber da geht es eher drum, ob man mit einem guten Gefühl einschläft oder mit einem schlechten Gefühl.« Als das Gulliver um 16 Uhr schließt, gehen wir los zu einem Sport-Wettbüro am Eigelstein, einem vergleichsweise preiswerten Stadtteil etwas nördlich des Hauptbahnhofs. Peter dreht sich eine Zigarette, der Tabak riecht schwer und süßlich. Er raucht sie ohne Filter, bis zum Ende, und zieht die Tür zum Wettbüro auf.

Was kostet die Welt?

Peter scannt den Spielplan nach interessanten Partien, dann studiert er die Daten im Detail. – Quelle: David Ehl copyright
»Da drin wirst du vermutlich ein paar kennen«, sagt Peter, aber gerade ist wenig los, die wenigsten Plätze sind besetzt. Er kommt 1–2 Mal die Woche hierher. Wir setzen uns gegenüber, umringt von riesigen Fernsehern, auf denen live Fußballspiele gezeigt werden, zwischen Mannschaften, deren Namen ich noch nie gehört habe. »Ich tippe grundsätzlich nur Fußball und immer nur 2 Euro«, sagt Peter. Bisher habe er mehr gewonnen als eingesetzt. Konzentriert arbeitet er sich durch Ligatabellen, wägt Auswärtsstärke gegen Heimschwäche ab, bewertet aus ein paar Ziffern die Form von Teams wie dem FC Homburg und Waldhof Mannheim. »Homburg ist im Kommen, das sollte für ein Unentschieden reichen.« Am Ende tippt Peter 7 Spiele als Kombiwette, vor allem englische Liga. Wenn er Recht behält, gewinnt er fast 5.700 Euro. »Dann lade ich dich zum Essen ein«, schlägt er vor.

Wetten, dass Homburg und Mannheim unentschieden spielen: 5.683 Euro bekommt Peter, wenn er alle 7 Partien richtig getippt hat. – Quelle: David Ehl copyright

Bis es so weit ist, gehen wir zum Hauptbahnhof, wo der aus der Flüchtlingshilfe hervorgegangene Verein Reportage des ARD Morgenmagazins über »City of Hope« unter dem Eindruck der Kölner Silvesternacht, Januar 2016 »City of Hope« mehrmals in der Woche Gratis-Essen verteilt: Heiße Gemüsesuppe, Brötchen, Frikadellen, Tee, Joghurt, Schokolade, … Das lockt einige bekannte Gesichter, ich sehe zum Beispiel Frank und Marco, die später zum Nacht-Café Über die Wintermonate bietet an jedem Wochentag eine andere Kölner Gemeinde oder Hilfsorganisation einen Raum mit Schlafplätzen für meist 10–15 Menschen an. In der Regel gilt das Prinzip »Wer zuerst kommt, …«, sodass Wohnungslose gut beraten sind, mindestens eine Stunde vor Öffnung vor Ort zu sein. Die Orte für den Winter 2016/17 sind hier vermerkt. einer evangelischen Gemeinde wollen. Schnell bildet sich eine Schlange bei den Frauen und Männern in den weißen Warnwesten, aber es ist reichlich für alle da. An anderen Wochentagen sind Abendessen die teuersten Mahlzeiten für Wohnungslose, weil Einrichtungen wie SKM und Gulliver zu dieser Uhrzeit bereits geschlossen sind. »Dienstags ist besonders gut, da kommen später oft noch 2 Studentinnen mit Gulaschsuppe in ihrem Bollerwagen auf die Platte«, sagt Peter. »Da bekommen wir noch ein zweites warmes Abendessen.« Während die leckere Gemüsesuppe von »City of Hope« meinen Bauch wärmt, fällt mir erst auf, wie kalt meine Füße sind. Da würde auch mir später noch etwas Warmes gut in den Kram passen.

In Deutschland muss keiner auf der Straße leben. Oder?

»Also, Abmarsch!« – Peter, Dieter und ich schultern die Rucksäcke und machen uns auf den Weg. Vorbei am Luxushotel Excelsior (»So, hier pflegen wir zu nächtigen!«, scherzt Dieter) und Peters altem Schlafplatz im Eingang eines Bettengeschäfts, wo die ganze Nacht eine grelle Lampe leuchtet. Einmal hatte sich hier mitten in der Nacht ein Betrunkener einen Streich erlaubt und Peter aus dem Schlaf gebrüllt. Daraus entspann sich ein Gespräch, mit dem Vorwurf: »In Deutschland gibt es doch soziale Sicherungssysteme, da muss keiner auf der Straße landen.« – »Stimmt«, hatte Peter geantwortet, »wenn beide Seiten, also Obdachloser und Behörden hartnäckig sind und sich sehr bemühen.« Aber allzu oft scheiterten solche Ambitionen und manche wollten auch gar keine Unterstützung vom Amt, weil sie dann »kontrollierbar« seien. Was gerade bei Menschen, die mit Behörden nicht nur gute Erfahrungen gemacht haben, ein gewichtiges Argument sein kann. Entscheidend ist, denke ich, ob man eine Perspektive hat, Rückhalt, eine Vision, wie das Leben weitergeht.

Ein Leben im Schaufenster: Dass alle Passanten ihn in seinem Nachtlager sehen können, vergleicht Peter mittlerweile eher mit einer Bühne. – Quelle: David Ehl copyright

Als wir an der »Platte«, dem Schuhgeschäft mitten in der Einkaufsstraße, ankommen, ist Erwin mit seinem Hund schon da, in der anderen Ecke sitzt rauchend der Bulgare. Die Schuhe hinter dem Schaufenster, solide Qualitätsarbeit aus Leder, kosten so viel wie 70 bis 100 Essen im SKM. An einer anderen Scheibe lehnt der schmächtige, blasse Typ, der Peters Rucksack geklaut hat. Nach einem kurzen, belanglosen Wortwechsel verschwindet er. Wie gesagt, auf der Straße muss man normal miteinander umgehen können. Wir breiten unsere Schlafsäcke aus. Dieter isst ein Jo­ghurt von den »City of Hope«-Helfern, als er ein Tröpfchen auf die Fliesen kleckert, wischt er es mit einem Taschentuch auf. Die Männer hinterlassen ihre Platte immer blitzsauber. »Einmal ist der Manager vom Schuhladen zu uns gekommen«, erzählt Peter. »Er hat gesagt, dass er froh ist, dass wir dort übernachten – seitdem ist nicht mehr eingebrochen worden.«

Gut behütet: Der Schlafplatz am Schuhgeschäft ist geschützt, und die Nachtwache scheint sogar dem Geschäft zu nützen. – Quelle: David Ehl copyright

Auf der Schildergasse herrscht noch vorweihnachtliche Hektik. Die meisten Passanten wenden sich betreten ab, wenn sie aus Versehen in unsere Ecke schauen. »Joa, so kann man’s auch machen«, zischt eine junge Frau abfällig. »Alter, da schlafen Leute!«, ruft ein anderer. »Campen die da?«, fragt ein Kind. (Ich bin erstaunt, wie vorhersehbar die Passanten reagieren. Ernsthaft, das alles kriegt man schon nach ein paar Stunden auf der Platte zu hören?) Ein Pärchen schaut sich die Schuhe im Schaufenster an. »Willkommen im Paradies!«, sagt der eine zu seinem Partner – ob er die Schuhe oder das Nachtlager meint, bleibt offen. Peter erzählt, zu Beginn fühlte er sich auf Platte begafft wie in einem Schaufenster. »Mittlerweile vergleiche ich es mit einer Bühne.«

Kriegt man auf Platte ein Auge zu?

Um 22 Uhr löscht die Zeitschaltuhr das große Licht im Vorraum. Jetzt kehrt Ruhe ein, Schlafenszeit naht. »Wir haben eine Abmachung mit der Gaststätte gegenüber, falls du nochmal aufs Klo musst«, sagt Peter. Er kontrolliert die Spielstände in der Kicker-App: Spielbericht Regionalliga Südwest: Homburg gegen Mannheim Mannheim hatte das Spiel gegen Homburg gewonnen, und am Ende lag Peters Tippschein auch noch bei einem zweiten Spiel daneben. Die Studentinnen mit der Gulaschsuppe waren heute schon früher dran, sagt Erwin.

Gute Nacht: Eine Kehrmaschine säubert die Schildergasse, und auf der Platte kehrt Ruhe ein. – Quelle: David Ehl copyright

Um 23 Uhr schalten sich auch die Spots in den Schaufenstern ab. Wir liegen auf unseren Isomatten, nach der Geschichte mit Peters Rucksack habe ich meine Kamera mit in den Schlafsack genommen. Mittlerweile sind nur noch vereinzelt Menschen auf der Straße, eine Kehrmaschine beseitigt die Überbleibsel eines langen Einkaufstages. Links von mir schnarcht der Bulgare, rechts von mir Peter. Ich tue mich mit dem Einschlafen etwas schwerer, ständig lässt ein Geräusch mich hochschrecken, ein Auto, Gesprächsfetzen oder ein fernes Martinshorn. Kein Problem, wenn man hinter doppelt verglasten Fenstern lebt. Wenn man vor der Scheibe liegt, schon. Ich bekomme kaum ein Auge zu – ich denke an Frank, dem es auf Platte jede Nacht so geht. Und ich kann mein Glück kaum fassen, dass ich einen Wohnungsschlüssel in der Hosentasche habe.

Um 7 Uhr geht die Beleuchtung des Schuhgeschäfts wieder an. 15 Minuten später steigt Peter in voller Montur aus dem Schlafsack, zieht Socken und Schuhe an und verstaut Schlafsack und Isomatte. Dann bricht er mit den anderen zum Gulliver auf, startet in einen neuen Tag.

David Ehl - copyright

 

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