Reportage — 14 Minuten

So fühlt sich ein Leben im Schaufenster an

21. Dezember 2016
Themen:

Meine 24 Stunden mit Kölner Wohnungslosen habe ich mir vorher anders vorgestellt.



Das war also der Dieb, der Peter im Schlaf den Rucksack geklaut hatte: Ein schmächtiger, blasser Typ, vielleicht Ende 20. Er hatte sich einfach zu den anderen gelegt. Einmal ging alles gut, beim 2. Mal klaute er Peters Rucksack und haute ab. Das ist erst 3 Nächte her. Und er ist so dreist, wundere ich mich, heute noch einmal hier aufzutauchen? Er führt sogar noch ein kurzes, belangloses Gespräch mit Peter, bevor er sich unter einem Vorwand davonmacht.

Dabei behält Peter seine großväterliche Milde. »Man muss normal miteinander umgehen können«, sagt der 66-Jährige in seiner sanften Bassstimme. Dann wendet er sich ab und breitet eine dicke Luftmatratze in einer Ecke des Vorraums aus. Peter schläft immer an derselben Stelle, im überdachten Eingangsbereich eines Schuhladens auf der Kölner Schildergasse, in Gesellschaft von Dieter, Erwin und dessen Hund. Eine eingeschworene WG von Männern in ihren Sechzigern, Skat-Turniere inklusive, nur halt ohne Wohnung. Aber immerhin ist ihre »Platte«, also ihr Schlafplatz, trocken und windgeschützt. Mit dabei ist noch ein Bulgare, aber der ist weniger gesellig als die anderen.

Ich bin für einen Abend dabei: Einen Tag und eine Nacht bin ich unterwegs – erst mit Frank, dann mit Peter – um die Lage der Menschen zu verstehen, die zwar mitten in unseren Städten leben, aber trotzdem nicht gerade in der Mitte der Gesellschaft stehen. Die Sache mit dem Rucksack lehrt mich: Auf der Straße liegen Vertrauen und Enttäuschung oft nah beieinander. Und das Leben ist verdammt gefährlich. Erst Mitte November hatte ein Mord die Kölner Wohnungslosen-Szene erschüttert: Ein Pärchen hatte einen einzelnen Mann zu Tode getreten und angezündet. (Mehr dazu beim Kölner Stadt-Anzeiger.)

Titelbild: David Ehl - copyright

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