Interview 

Liebe linksgrüne Bubble: Ihr macht das falsch mit der Politik!

Du schimpfst gerne über Trump oder die AfD und gehst ab und zu auf eine Demo? Dann verschwendest du höchstwahrscheinlich deine Zeit, meint der Politologe Eitan Hersh.

19. November 2020  18 Minuten

Der Tag nach den US-Wahlen hat sich ein bisschen angefühlt wie ein Katersonntag. Aber nicht, weil ich zu tief ins Glas geschaut, sondern weil ich mir die Nacht um die Ohren geschlagen habe. Und ich war bei Weitem nicht die Einzige.

In sehr, sehr vielen Wohnzimmern weltweit schauten Menschen dabei zu, wie CNN-Moderator John King wild gestikulierend seine »Magic Wall« analysierte, einen Bildschirm mit einer Landkarte Wie wichtig sind die USA für Deutschland und Europa? In diesem Artikel findest du Antworten der USA, die sich aus rot und blau eingefärbten Flächen zusammensetzte. Stunde um Stunde redete King, in Hochgeschwindigkeit, bis zur absoluten Erschöpfung – auch des Publikums. Dabei hätte dieses getrost weiterschlafen können. Am nächsten Morgen stand der Wahlausgang noch lange nicht fest. Woher kommt das Bedürfnis, bei einer Wahl »live« mitzufiebern, sich stundenlange Kommentare dazu anzuhören? »Ich bin eben ein politischer Mensch«, würden viele vielleicht antworten.

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Eitan Hersh nennt dieses Verhalten »politisches Hobbytum« und meint: Es schadet der Demokratie mehr, als dass es ihr nützt.

Eitan Hersh

Eitan Hersh lehrt Politikwissenschaft an der Tufts University in Massachusetts (USA). Seine Schwerpunkte sind US-amerikanische Politik, Wahlen, Wahlrecht und Partizipation. »Politics Is for Power« ist seine zweite Buchveröffentlichung. In »Hacking the Electorate« (2015) beschrieb Hersh, wie Wahlkampagnen Wissen über Wähler:innen generieren und auf welcher Datenbasis sie ihre Strategien entwerfen.

Bildquelle: privat

Hersh hat »Politics Is for Power« bei Simon & Schuster (englisch) ein Buch über das Phänomen der Amateur-Expert:innen geschrieben, die er »political hobbyists« nennt, Polithobbyist:innen, die lieber Nachrichten konsumieren, als sich im echten Leben zu engagieren. Dafür hat Eitan Hersh aber auch Menschen getroffen, die wirklich einen Unterschied machen – und gelernt, was das eigentlich heißt.

Katharina Wiegmann: Als ich dein Buch gelesen habe, war ich erst mal ein bisschen beleidigt; oder vielleicht habe ich mich auch nur ertappt gefühlt. Bevor wir also über die Gefahren des »politischen Hobbytums« sprechen und darüber, wie wir ihnen begegnen – können wir bitte klären, ob ich eine Polithobbyistin bin?
Eitan Hersh: Diese Bezeichnung kann sich tatsächlich zunächst herabwürdigend anfühlen: Wenn ich viel Zeit mit Politik verbringe, damit, mich über sie aufzuregen oder darüber zu sprechen – wie kann es jemand wagen, das als ein Hobby zu bezeichnen?

Ich will mit dem Buch niemanden an den Pranger stellen. Ich will Menschen einen Spiegel vor die Nase halten, mir inklusive. Zu Beginn des Buches gebe ich mich ja auch als Polithobbyist zu erkennen und frage mich: Wenn ich mir die Zeit vor Augen führe, in der ich mich mit Politik beschäftige – wie genau nutze ich diese Zeit? Nutze ich sie richtig? Und was wären die Alternativen?

In der Politik geht es um Machtbeziehungen, obwohl in der amerikanischen Politik, besonders bei der Linken, viele Menschen diesen Gedanken nicht mögen. Es ist komisch, davor zurückzuscheuen und so zu tun, als ginge es bei Politik um Lernerfahrungen oder darum, meiner Individualität Ausdruck zu verleihen. Es geht darum, Dinge anzupacken. Meine Definition von Politik ist es, mit anderen an Strategien zu arbeiten, um Regierungen zu beeinflussen. Wenn du das nicht tust, dann machst du keine Politik. Um deine Frage zu beantworten, musst du mir also zuerst verraten, was du machst!
Ich bin Journalistin und trage dazu bei, dass bestimmte Themen öffentlich diskutiert werden. Und ich würde gerne davon ausgehen, dass meine Art der Informationsvermittlung Menschen dazu ermutigt und befähigt, politisch zu handeln. Aber vielleicht produziere ich nur Futter für Polithobbyist:innen?
Eitan Hersh: Manche Medienorganisationen verdienen Geld damit, dass sie Politik wie Sport behandeln. Wenn es dein Job ist, über Wahlprognosen auf eine Art zu sprechen, die Menschen das Gefühl gibt, sie sollten Wetten abschließen, dann machst du Berichterstattung für Polithobbyisten. Es gibt in den USA Journalisten, die einen ganzen Tag lang darüber reden können, dass während einer TV-Debatte Falls es dich nun auch interessiert: Hier kannst du dir das Video ansehen (englisch) eine Fliege auf dem Kopf des Vizepräsidenten Mike Pence gelandet ist. Darüber wurden Artikel geschrieben. Das ist kein Journalismus, das ist Müll.
CNN-Moderator John King vor seiner »Magic Wall«. Wenn du das Gesicht dieses Mannes kennst, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass auch du ein:e Polithobbyist:in bist. – Quelle: CNN
Journalismus, der sich auf Drama und Tratsch fokussiert, auch wenn es gerade um Politik geht, spielt keine konstruktive Rolle in der Gesellschaft, sondern eine destruktive. Aber es gibt natürlich jede Menge Journalismus, der versucht, Menschen über Probleme zu informieren und ihnen dabei zu helfen, informierte Wahlentscheidungen treffen zu können.

Mit Illustrationen von Mirella Kahnert für Perspective Daily

von Katharina Wiegmann 
Als Politikwissenschaftlerin interessiert sich Katharina dafür, was Gesellschaften bewegt. Sie fragt sich: Wer bestimmt die Regeln? Welche Ideen stehen im Wettstreit miteinander? Wie werden aus Konflikten Kompromisse? Einer Sache ist sie sich allerdings sicher: Nichts muss bleiben, wie es ist.
Themen:  Aktivismus   USA   Politik  

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