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Wie eine kitschige Liebesgeschichte den Hass von Extremisten schürte

Heute bekommt der Premierminister Indiens Post von mir. Darin geht es um einen zensierten Werbespot, der Liebe und Frieden zwischen Religionen feiert – und um den Vergleich der aktuellen Situation in Indien mit Nazideutschland.

20. November 2020  4 Minuten

Religiöser Hass und Gewalt gegen Minderheiten sind in Indien ein großes gesellschaftliches Problem. Rund 80% der Bevölkerung gehören dem Hinduismus an, 15% sind Muslim:innen. Meist leben sie friedlich miteinander. Doch es gibt eine Riege nationalistischer Kräfte, die im Netz und im echten Leben gegen Menschen muslimischen Glaubens hetzen und das Land »bereinigen« wollen. Unsere Autorin ist außer sich, dass Narendra Modi, der Premierminister des Landes, einigen dieser Hassredner in sozialen Netzwerken folgt, und schreibt ihm einen Wutbrief.

Wir haben bereits Briefe aus dem Libanon, Jemen und Indien veröffentlicht. Dieses Format soll es dir leichter machen, komplexe Sachverhalte in anderen Ländern zu verstehen.

Sehr geehrter Herr Premierminister,

Namaste!

Ich möchte Ihnen zuerst eine Geschichte erzählen: Es war einmal eine Frau, die dem hinduistischen Glauben angehörte und einen Muslim zum Mann hatte. Sie war schwanger. Deshalb schmissen ihr die reichen Schwiegereltern eine pompöse Babyparty nach hinduistischer Tradition. Überrascht und gerührt rief die werdende Mutter ihrer muslimischen Schwiegermutter zu: »Aber diese Bräuche entsprechen nicht deinen Familientraditionen, Mutter!« Die Schwiegermutter antwortete: »Die Tochter glücklich zu machen, ist der Brauch jeder Familie.« Und sie feierten glücklich und zufrieden, bis sie der Hass traf. Was war passiert?

Gehen wir einen Schritt zurück: Diese herzerwärmende Geschichte spielte sich in einem Werbefilm der indischen Schmuckmarke Tanishq ab, der im Oktober 2020 veröffentlicht wurde. Damit sollte deren Kollektion »Ekatvam« beworben werden, was »Einheit« oder »Einigkeit« bedeutet. Hier schreibt die indische Finanzzeitung Mint darüber, warum der Werbespot zurückgenommen wurde (englisch) Doch nur ein paar Tage nach der Veröffentlichung musste der Werbespot zurückgezogen werden. In einem Statement heißt es, die Entscheidung sei gefallen, um Das Statement findest du zum Beispiel hier (englisch) »das Wohlbefinden der Mitarbeiter, Partner und Verkäufer« sicherzustellen.

Nun, was denken Sie, Modiji? Der volle Name des indischen Premierministers lautet Narendra Modi. Modiji ist eine Art Spitzname für ihn und heißt übersetzt so viel wie »Herr Modi«. Die Silbe »-ji« wird an den Namen einer Person gehängt, um Respekt ihr gegenüber auszudrücken. Was könnte an der Botschaft falsch gewesen sein, die 2 Familien, 2 Religionen in Frieden zusammenbringt?

Sie sollten die Antwort darauf kennen. Denn der Shitstorm und Hass, die sich online entluden, kam von Menschen, denen Sie in sozialen Medien folgen. Während die einen den Werbespot und dessen Botschaft befürworteten, sahen die anderen darin den »Liebesjihad« bestätigt – ein rechter Verschwörungsmythos, der besagt, dass muslimische Männer Hindufrauen heiraten, um sie zu bekehren und somit die muslimische Bevölkerung zu vergrößern. In 2 indischen Staaten – Der Indian Express über die Lage in Uttar Pradesh (englisch) Uttar Pradesh und Und über die Situation in Haryana (englisch) Haryana – wird bereits darüber diskutiert, den »Liebesjihad« zu unterbinden.

Der Skandal um den Werbespot ist ein vernichtender Kommentar zum soziopolitischen Klima in Indien. Er beweist, dass spaltende Kräfte völlig ungestraft daran arbeiten können, Minderheiten, insbesondere Muslimen, »ihren Platz zuzuweisen«. Obwohl Muslime auch in der Vergangenheit diskriminiert wurden, hat sich ihre Situation seit Ihrer Machtübernahme 2014, Modiji, verschlechtert. Was die zunehmende Gewalt über Modis zweite Amtszeit aussagt, schreibt die Times hier (englisch) Hassverbrechen und Gewalt haben zugenommen. Muslime wurden gelyncht – manche von ihnen aufgrund des Verdachts, dass sie The Diplomat über Bürgerwehren, die brutal gegen Kuhhandel vorgehen (englisch) Kühe handeln oder Die Menschenrechtsbewegung CJP berichtet über den grausamen Mord an Mohammed Akhlaq (englisch) Rindfleisch essen. Die grausamen Videos machten danach im Netz die Runde.

Medial werden oft Parallelen aufgezeigt zwischen Muslimen unter Ihrer Herrschaft und Juden in Nazideutschland.

Im Februar zog eine Gruppe bewaffneter Hindus, die dem politischen Konzept des Hindutva »Hindutva« ist der Begriff für eine politische Ideologie, deren Ziel es ist, Indien nach hinduistischen Regeln zu regieren. Diese Vermischung von Politik und Religion wird häufig auch als »hinduistischer Nationalismus« bezeichnet. Mit der Bharatiya Janata Party (BJP) ist seit 2014 eine Partei in der Regierung, die dem Konzept des Hindutva nahesteht. anhängen, in mehrheitlich muslimische Vororte von Delhi. Sie griffen Menschen an, zerstörten Häuser und Läden. Lies hier den Artikel des Independent (englisch) Die britische Onlinezeitung The Independent bezeichnete die Attacke als Indiens eigene Kristallnacht.

Die Lage ist so schlimm, dass es nicht einmal Platz für einen Werbefilm gibt, der Frieden, Liebe und Harmonie zwischen Hindus und Muslimen feiert.

Seit 2014 ist Narendra Modi Indiens amtierender Premierminister. – Quelle: Realpolotic CC BY

Nur 3 Tage nach der Veröffentlichung des Werbespots trendete das Hashtag #BoycottTanishq in Indien. Ein Tanishq-Verkaufsladen im indischen Bundesstaat Gujarat musste unter Polizeischutz gestellt werden, nachdem ein Mob das Personal bedroht und vor allem weibliche Angestellte beleidigt hatte. Die Situation nahm eine dramatische Wende, als ein Twitternutzer mit 122.000 Followern, der sich Hardik Bhavsar nennt, ein Bild des Tanishq-Produktmanagers Mansoor Khan mit der Aufforderung postete: »Ihr wisst, was zu tun ist.« Wie ein Aufruf zum Boykott zu einer lebensbedrohlichen Situation wurde, beschreibt News 18 hier (englisch) Khan, selbst Muslim, und seine Familie sollen danach Todesdrohungen erhalten haben.

Modiji, warum folgen Sie so jemandem wie Hardik Bhavsar auf Twitter? Auf Bhavsars Twitteraccount findet sich kaum etwas zu seiner Person Über den User ist nichts bekannt – außer seine Posts, die vor Bigotterie, Hass und Frauenfeindlichkeit triefen. In den meisten seiner Tweets bringt er entweder seine radikalen hinduistischen Ansichten zum Ausdruck oder greift Muslime an.

Warum folgt gerade ihm der Premierminister der größten Demokratie der Welt?

Aber Bhavsar ist nicht der Einzige. Herr Premierminister, Die Factchecking-Website Alt News veröffentlichte eine Liste problematischer Accounts, denen Modi auf Twitter folgt (englisch) Sie folgen einigen solcher Accounts, auf denen zu Gewalt aufgerufen wird, die Oppositionspolitiker und Journalisten schikanieren und Frauen mit dem Tod oder Vergewaltigung drohen. In ihren Profilen brüsten diese Nutzer sich mit der Beschreibung: »Gesegnet, dass @narendramodi mir folgt.« Über die Ermordung der Journalistin Gauri Lankesh schreibt The Wire hier (englisch, 2017) Erinnern Sie sich daran, als die mutige Journalistin Gauri Lankesh erschossen wurde, eine laute Kritikerin des hinduistischen Nationalismus? Ihr Mord schockierte viele, The Wire über den Zusammenhang zwischen Trollarmeen und Lankeshs Tod (englisch, 2017) aber für einen Teil des Twitteruniversums war er Anlass zur Freude – unter anderem auch für ein paar der besagten Accounts. Warum schwiegen Sie über das grausame Attentat und den Jubel darüber?

Die Trolle agieren wie Lynchmobs in den Straßen

In ihrem Buch »I am a Troll, Inside the Secret World of the BJP’s Digital Army« Das Buch ist auch auf Deutsch, unter dem Titel »Ich bin ein Troll – In der geheimen Welt der digitalen Armee der BJP«, erschienen. hat die Journalistin Swati Chaturvedi diese sogenannten Trolle als die »digitale Armee« der regierenden Bharatiya Janata Partei (BJP) und Trolling als »organisierte politische Aktivität« beschrieben. Diese Trolle agieren wie Lynchmobs in den Straßen: Sie sind bereit, es mit jedem aufzunehmen, der auch nur ansatzweise die Regierung kritisiert. Hier zeigt Quartz India, dass BJP-Anhänger häufiger Fake News teilen als der Durchschnitt auf Twitter Sie verbreiten Fake News und streuen Falschinformationen. Wie Modi durch Trolle auf Twitter bei der Wahl profitiert hat, liest du hier (englisch) Dass der Premierminister ihnen folgt, ist eine Art Ritterschlag für sie und eine Strategie, die sich ausgezahlt hat. Über die Aussagen des Innenministers berichtete beispielsweise Bloomberg (englisch, 2018) Der Innenminister Amit Shah gab 2018 offen zu, dass Ihre Regierungspartei von Fake News während des letzten Wahlkampfs profitiert habe, und er lobte die »Freiwilligen« für das Streuen falscher Nachrichten.

Aber die gute Nachricht ist, Modiji, dass Indien nicht nur aus Hashtags und Twittertrends besteht. Religiöser Pluralismus steht im Zentrum indischer Werte. Und die Inder werden früher oder später hinter den Schleier aus Hassreden blicken, der von Ihren digitalen Soldaten gewebt wurde. Bis dahin sollten Sie an die Würde Ihres Amtes denken – und den Trollen entfolgen.

Mit freundlichen Grüßen,

@NuraRadha

Stolz, dass @narendramodi mir nicht folgt.

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailys:

Titelbild: Perspective Daily - copyright

von Anuradha Sharma 
Anuradha Sharma ist freie Journalistin im indischen Siliguri. Sie schreibt über Politik, Kultur, soziale Gerechtigkeit und Medien. Außerdem ist sie Indien-Korrespondentin für Reporter ohne Grenzen.
Themen:  Populismus   Glaube   Gerechtigkeit  

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