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Interview 

»Unsere Gesellschaft braucht Arbeitslose«

Arbeitslose gelten als Fehler im System – und sind zugleich von zentraler Bedeutung. Das sagt Anna Mayr, die in ihrem Buch »Die Elenden« ein erstaunlich naheliegendes Mittel gegen Armut beschreibt.

30. November 2020  19 Minuten

Wer arbeitslos ist, wird schon etwas dazu beigetragen haben. Und wer fleißig ist, aus dem wird auch was. Plattitüden wie diese sind seit Jahrzehnten, egal wie abgedroschen sie sein mögen, fester Bestandteil unserer Arbeitsgesellschaft. Und sie wirken.

Die Journalistin und Buchautorin Anna Mayr kennt Aussagen dieser Art, denn sie schlugen ihr von Kindesbeinen an entgegen, mal offen, mal versteckt. Mayr wuchs als Tochter langzeitarbeitsloser Eltern auf. Groß werden mit Hartz IV in Deutschland – das verheißt eigentlich wenig Gutes für die eigene Zukunft.

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) dauert es durchschnittlich Hier findest du eine Zusammenfassung der Ergebnisse für Deutschland (2018, PDF) 6 Generationen, bis sich ein Mensch hierzulande aus der Armut ins gesicherte Mittelfeld vorgearbeitet hat. Anna Mayr verbucht ihren Werdegang deswegen auch nicht als das alleinige Ergebnis harter Arbeit, sondern auch als Produkt des Zufalls.

Sie hat ein Buch darüber geschrieben, warum es in Deutschland so schwer ist, der Armut zu entkommen. Im Interview spricht sie davon, wie das Sozialsystem schon Kinder als kleine Arbeitslose behandelt und dass sie überhaupt kein Fan des bedingungslosen Grundeinkommens ist. Ihre Hoffnung ruht auf einer anderen Lösung.

»Arbeitslose sind ein Schreckgespenst«

Benjamin Fuchs: Hier findest du »Die Elenden« im Buchhandel, als Hörbuch ist es unter anderem bei Spotify streambar In deinem Buch »Die Elenden« heißt es, dass du eigentlich keine Milieubeschreibung abliefern, sondern auf der Basis eigener Erfahrung darüber schreiben wolltest, wie wir als Gesellschaft Arme und Arbeitslose behandeln. Viele Interviewer:innen sind aber sehr stark an dieser persönlichen Ebene interessiert. Warum meinst du, ist das so?
Anna Mayr: Einerseits ist das, glaube ich, Faulheit der Interviewer, weil es viel leichter ist, über persönliche Sachen zu sprechen. Es ist schwieriger, tatsächlich das Buch zu lesen und sich dann über die darin beschriebenen Themen zu unterhalten, als nur den Klappentext und das erste Kapitel zu lesen.