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Interview 

Warum auch Männer profitieren, wenn Frauen mehr verdienen

Oxford-Ökonomin Linda Scott hat den aussichtsreichsten Schlüssel gegen Armut gefunden. Im Interview erzählt sie, warum Gleichstellung kein Luxusprojekt ist – und wie ein Konsumstreik zu Weihnachten die Sache voranbringen könnte.

14. Dezember 2020 –  16 Minuten

Eigentlich ist es gar nicht so schwer zu verstehen: Je mehr gut ausgebildete Frauen sich am Wirtschaftsleben beteiligen, desto besser für die Wirtschaft. Das Pro-Kopf-Einkommen wächst. Und obwohl sich das zunehmend durch Daten belegen lässt, haben Frauen überall auf der Welt mit struktureller ökonomischer Benachteiligung zu kämpfen. Diese Muster der Benachteiligung würden eine spezifische weibliche Schattenwirtschaft bilden, schreibt die Wirtschaftsprofessorin Linda Scott in ihrem Buch »Das weibliche Kapital«. Auf Linda Scotts Website findest du viele Ressourcen zum Thema (englisch)»XX-Ökonomie« nennt sie diese Wirtschaft der Frauen, die auf unbezahlte Sorgearbeit baut, schlechten oder gar keinen Zugang zu Kapital, Krediten und Besitztümern gewährt und von Gewalt aufrechterhalten wird. Zum Nachteil aller.

Entschiede sich die Weltgemeinschaft, die wirtschaftlichen Hindernisse für Frauen abzubauen, könnten wir in eine nie da gewesene Ära des Friedens und Wohlstands eintreten. – Linda Scott, Autorin »Das weibliche Kapital«

Linda Scott will zeigen, dass die Gleichstellung der Geschlechter kein Luxusprojekt reicher westlicher Länder ist, sondern vielmehr die Grundvoraussetzung, die vielversprechendste Waffe im Kampf gegen Armut.

Ein Gespräch über toxische Männlichkeit, Bonobos und Schimpansen – und darüber, was sich ändern könnte, wenn Frauen entscheiden, zu Weihnachten weniger zu konsumieren.

Katharina Wiegmann: Linda, welche Hindernisse stehen der wirtschaftlichen Gleichstellung von Frauen heute noch im Weg?
Linda Scott: Es gibt 2 große Hindernisse. Das erste ist der Zugang zu Kapital oder besser gesagt die Tatsache, dass Frauen kein Kapital kontrollieren. Dass Frauen weltweit kaum Land besitzen, schneidet sie von wirtschaftlichen Chancen und von Macht ab. Diese Unterdrückung ist keine Klassenfrage im marxistischen Sinne. Die marxistische Klassentheorie unterscheidet soziale Gruppen der Gesellschaft nach ihrem Zugang zu Eigentum in Form von Produktionsmitteln. Dadurch, dass die Arbeiter:innenklasse keinen Zugang dazu hat, sind sie der Ausbeutung durch Kapitalist:innen ausgeliefert. Die Klassen haben also unterschiedliche Interessen und befinden sich in einem ständigen Kampf miteinander. Frauen können oft nicht einmal dann über Kapital verfügen, wenn es in der Familie eigentlich vorhanden ist.