Was bringt Grundeinkommen wirklich? Mit diesen Experimenten wurde es getestet

Zufriedener, gesünder, weniger arm? Das sind die Ergebnisse von 5 Testläufen aus den letzten 50 Jahren.

18. Januar 2021 –  10 Minuten

Als Jesta erfährt, dass sie ein Grundeinkommen gewonnen hat, wandert sie gerade in Brandenburg. Sie macht Rast, doch auch die Stille des Waldes kann ihre Emotionen kaum bändigen. Es ist, als würde plötzlich eine Last von ihr abfallen: Bisher arbeitete sie als selbstständige Beraterin und bezog dazu einen Hartz-IV-Zuschuss. Sie fühlte sich vom Jobcenter oft gegängelt und musste nicht selten um ihre Existenz bangen. Jetzt ist sie sich sicher, dass bessere Zeiten anbrechen werden. Davon berichtet sie später im Buch Zusammen mit Claudia Cornelsen hat Mein-Grundeinkommen-Gründer Michael Bohmeyer 2019 das Buch »Was würdest du tun?« veröffentlicht. Auch Jesta meldet sich darin zu Wort»Was würdest du tun?«

Es macht einen riesengroßen Unterschied, ob ich mir theoretisch wünsche, dass die Existenzangst raus ist aus unserem Leben, oder es mal erlebt habe, wie es ist ohne Existenzangst. – Jesta, Gewinnerin eines Grundeinkommens

Ein Jahr lang erhält Jesta 1.000 Euro pro Monat, ganz ohne Bedingungen. Zu verdanken hat sie den Geldsegen dem Verein Hier kommst du zur Website des Vereins Mein GrundeinkommenMein Grundeinkommen, der per Crowdfunding Spenden sammelt und diese als Gratisgeld an registrierte Menschen verlost, sobald der Spendentopf gefüllt ist.

Mein Grundeinkommen

Ins Leben gerufen vom Berliner Start-up-Gründer Michael Bohmeyer ist das Ziel des Vereins, die Idee von einem bedingungslosen Grundeinkommen zu testen. Bereits im Oktober 2014 wurden die ersten 12.000 Euro unter registrierten Teilnehmenden verlost, im Januar 2021 sammelt der Verein bereits Geld für das 710. Grundeinkommen.

Seit 2014 hat Mein Grundeinkommen an zufällig ausgeloste Menschen Geld verteilt. Aber jetzt soll das Experiment auf die nächste, wissenschaftlich begleitete Stufe gehoben werden.

Zusammen mit Forschenden vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung startet der Verein Anfang dieses Jahres das Hier gelangst du zur Website des Pilotprojekts GrundeinkommenPilotprojekt Grundeinkommen – es soll 120 Menschen 1.200 Euro pro Monat garantieren.

Wieder werden die Gewinner:innen per Los gezogen, diesmal erhalten sie aber über 3 Jahre ein Grundeinkommen, um längerfristige Effekte messen zu können. Wie das funktionieren soll? Die Teilnehmenden Insgesamt nehmen 1.500 Personen an der Studie teil. Von ihnen erhalten 120 ein Grundeinkommen, die restlichen 1.380 Teilnehmenden gehören zur Vergleichsgruppe. Wer das Gratisgeld bekommt, wird durch eine wissenschaftlich gestützte Stichprobenziehung bestimmt. füllen alle 6 Monate einen Fragebogen aus. Ihre Antworten sollen einen Einblick geben, was ein Grundeinkommen mit der gesamten Gesellschaft machen würde – so die Initiator:innen der Langzeitstudie, die nur die erste von insgesamt 3 Studien des Projektes sein soll. 2022 soll eine zweite Studie und 2023 mehrere weitere Studien starten, die zum einen untersuchen sollen, ob sich die Höhe des Grundeinkommens auf die Effekte auswirkt, und zum anderen, wie ein Finanzierungskonzept aussehen könnte.

Was würde Gratisgeld für alle bedeuten – das gute Leben oder finanziertes Faulenzen? Am Ende könnte eine Empfehlung stehen, ob sich diese große Idee in die Praxis übersetzen ließe und eine von vielen Lösungen für die Probleme unserer Zeit sein kann.

Doch ein Blick in die Geschichte kann schon heute erahnen lassen, welche Ergebnisse möglicherweise erzielt werden, denn das nun startende Projekt ist nicht die erste Studie zum Gratisgeld. Rund um den Globus experimentieren verschiedene Staaten und Organisationen seit den späten 60er-Jahren mit ähnlichen Ansätzen.

5 dieser Versuche liefern schon jetzt Ergebnisse – und zeigen auch die Grenzen der Idee auf. Grund genug, die Experimente einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

1. Nixons kühne Idee (und wie sie versandete)

Reisen wir zurück ins Jahr 1969. Während die Mondlandung und der Vietnamkrieg die Schlagzeilen dominieren, sieht sich die US-Regierung mit sozialen Problemen konfrontiert. Die lahmende Wirtschaft sorgt dafür, dass mehr und mehr Menschen auf Sozialhilfe angewiesen sind. Der republikanische Präsident Richard Nixon antwortet darauf mit einer nie da gewesenen Lösung: Der »Family Assistance Plan« soll arbeitende Familien mit einer negativen Einkommensteuer entlasten. Eine negative Einkommensteuer ist eine Steuergutschrift, die mit jedem zusätzlichen Einkommen abschmilzt. Wer kein Einkommen hat, bezieht bis zu einem Freibetrag die volle negative Einkommensteuer, danach nimmt der Betrag ab. Ab einer Transfergrenze werden die zusätzlichen Einkommen versteuert. Der Charme daran: Das Sozial- und das Steuersystem werden zusammengelegt. Gerade Neoliberale finden Gefallen an der negativen Einkommensteuer.

Ganz freiwillig war Nixons Family Assistance Plan wohl nicht. Der 37. US-Präsident folgte auf Lyndon B. Johnson, der einen »Krieg gegen Armut« geführt hatte. Nixon brauchte neue Ideen für einen modernen Sozialstaat, um seine konservativen Wähler:innen zu beschwichtigen, ohne die Stimmen von Arbeiter:innen zu verlieren. – Quelle: US National Archives public domain

Die auch für Nixons Zeit eher unamerikanische sozialpolitische Idee stammt eigentlich von der britischen Politikerin Juliet Rhys-Williams und schon aus den 50er-Jahren: Jeder Mensch hat eine Steuergutschrift sicher. Berufstätige zahlen bis zu einer bestimmten Grenze weniger Einkommensteuer an den Staat. Wer kaum etwas oder gar nichts verdient, bekommt sogar Geld ausgezahlt, statt Steuern zu zahlen.

Obwohl Expert:innen, denen auch die US-Demokraten vertrauen, an dem Plan arbeiten und der Kongress für die Umsetzung in den ganzen USA stimmt, scheitert das Projekt letztlich im Senat. »Zu teuer«, urteilen die Kritiker:innen. Sie einigen sich erst mal auf Zahlungen für Ältere oder Menschen mit Behinderungen und darüberhinausgehend auf lokal begrenzte Experimente. Das größte findet in Seattle und Denver statt. Beide hätten bis in die 90er-Jahre andauern sollen. Doch so weit kommt es nicht: Die Prioritäten in Washington verschieben sich, das Projekt endet 1980.

Und die Ergebnisse?

Die spätere Auswertung des Die Studie kannst du hier nachlesen (englisch, 2005)Grundeinkommensforschers Karl Widerquist zeigt, dass sich für bedürftige Familien und Alleinerziehende aus dieser Zeit manches zum Guten gewendet hat. Die Gesundheit und die Wohnsituation der Teilnehmenden verbesserte sich während des Testzeitraumes; auch Kinder profitierten: Sie steigerten ihre schulischen Leistungen und Babys kamen seltener mit Untergewicht zur Welt.

In den USA sorgte ein Grundeinkommen für bessere Gesundheit und Wohnsituationen.

2. Dauphin, die Stadt ohne Armut

Trotz des vorzeitigen Abbruchs in den USA schwappt Mitte der 70er-Jahre die Experimentierfreude ins Nachbarland Kanada über. Das sogenannte »Mincome-Experiment« startet 1974 als aufwendigster Versuch seiner Zeit: 10.000 Einwohner:innen in der Provinz Manitoba beziehen ein jährlich ausgezahltes Grundeinkommen von 1.255 kanadischen Dollar, die knapp an der damaligen Armutsgrenze vorbeischrammten, Die Inflation einberechnet, wären dies heute rund 300 Euro monatlich. das wie in den USA als negative Einkommensteuer ausgezahlt wird. Im Mincome-Experiment erhalten alle Einwohner:innen von Dauphin ein Grundeinkommen. So lässt sich anhand der entlegenen Kleinstadt beobachten, was ein Grundeinkommen in einer geschlossenen Gemeinschaft auslöst.

Es ist wahrscheinlich, dass Menschen trotz Grundeinkommen weiterarbeiten.

Doch erst Jahrzehnte später wertete die VWL-Professorin Evelyn Forget das Mincome-Experiment in ihrer Studie Hier findest du die ganze Studie (englisch, 2011, PDF)»The Town With No Poverty« aus. Ihre Ergebnisse: Die Menschen in Dauphin arbeiteten nahezu unverändert weiter und reduzierten ihre Arbeitszeit nur, um Angehörige zu pflegen, Kinder zu betreuen oder sich weiterzubilden. Junge Menschen heirateten später, erzielten einen besseren Schulerfolg und studierten länger. Mehr noch: Weniger Menschen wurden im Testzeitraum wegen eines Arbeitsunfalles oder psychischer Probleme in Krankenhäuser aufgenommen, sodass die Kosten im Gesundheitssektor sanken. Ob das eine Konsequenz des Experiments oder nur Zufall war, bleibt aber offen.

Die Ölpreiskrise in den 70er-Jahren läutet das Ende von Mincome ein. Steigende Arbeitslosenzahlen in Kanada sorgen für Finanzierungsschwierigkeiten und lassen die Regierung den Geldhahn zudrehen. Mincome wird ad acta gelegt und gerät für lange Zeit in Vergessenheit.

Was von Nixons Idee und den beiden Testläufen bleibt, lässt erahnen, an welchen gesellschaftlichen Stellschrauben ein groß angelegtes Grundeinkommen etwas verändert: Gesundheit, Bildung, Beziehung – nichts, was auf den ersten Blick mit dem Gratisgeld zusammenzuhängen scheint. Durch den Geldsegen wurden die Menschen weder fauler noch fleißiger. Allerdings zeigen die Testläufe auch, dass Grundeinkommen ein plötzliches Ende finden können, wenn Politik oder Wirtschaft nicht mehr mitspielen.

Die finnische Flagge steht bei Grundeinkommensbefürwortern für das bisher gewagteste Experiment. – Quelle: Tapio Haaj CC0

3. Der optimistische Testlauf in Finnland

Springen wir nach Finnland ins Jahr 2017. Die Eurokrise, die Russlandsanktionen und dann auch noch der Absturz des einstigen Elektronikriesen Nokia – für Finnland verläuft das erste Jahrzehnt im neuen Millennium alles andere als reibungslos. Da macht die wirtschaftlich gebeutelte Republik erneut Schlagzeilen: Mit dem ersten Grundeinkommenstest Europas – die Finn:innen schenken 2.000 Arbeitslosen jeden Monat 560 Euro Gratisgeld.

In diesem Artikel von Chris Vielhaus erfährst du mehr über das finnische Projekt:

Unbürokratisches Gratisgeld macht Menschen zufriedener sowie optimistischer und steigert das Vertrauen in den Staat.

Keine Sanktionen, keine Bewerbungspflicht, kein Druck von der Sozialbehörde Kela – all das führt dazu, dass sich die Teilnehmenden deutlich zufriedener fühlen und optimistischer in die Zukunft blicken als die Kontrollgruppe. Interessant ist dabei, dass die Grundeinkommensbeziehenden den staatlichen Institutionen in Finnland mehr vertrauen. Ein Ergebnis des viel beachteten Testlaufs, das auch Forscher:innen und Politiker:innen in den Niederlanden inspiriert. Das finnische Experiment selbst wurde 2019 nicht verlängert. Forscher:innen kritisierten seitdem zu wenig Zeit, zu knappe Mittel und eine unklar definierte Prämisse. Doch da hatten die Niederlande längst mit eigenen Testläufen begonnen … mit klaren Zielsetzungen.

4. Das (misslungene) Grundeinkommen light in den Niederlanden

In den Niederlanden ist die geltende Sozialhilfe derart bürokratisch und kompliziert, dass sie ihre Wirkung verfehlt, arbeitslosen Menschen zu helfen. Das Problem ist der Regierung bekannt – beflügelt vom Start des finnischen Experiments liebäugeln 2016 mehrere Kommunen mit einem Grundeinkommen als Lösung. Sie hoffen, dass sich die Lebenswirklichkeiten der Jobsuchenden stabilisieren und diese so besser zurück ins Berufsleben finden – ein Punkt, den manche Verfechter des Grundeinkommens heute immer wieder anführen.

Doch Den Haag stellt Bedingungen. Arbeitslose von »Mitwirkungspflichten« zu befreien, etwa sich regelmäßig zu melden oder ihre Jobsuche kontrollieren zu lassen – das geht der Regierung auch für Experimente zu weit. Letztlich starten immerhin 6 von ursprünglich 9 niederländischen Städten ein »Vertrauensexperiment«, das über eine Art »Grundeinkommen light« das Vertrauen der Arbeitslosen in die Sozialämter steigern soll. Dieses Gratisgeld wird an ein Mindestmaß von Mitwirkungspflichten gekoppelt und ähnelt damit eher einer erweiterten Sozialhilfe mit weniger Bedingungen.

Aber bringt das Gratisgeld diese Menschen wirklich besser in Arbeit?

Eines dieser Vertrauensexperimente findet in der Stadt Utrecht statt. Ein 2020 veröffentlichter Bericht unter dem Slogan »Wissen, was wirkt« vergleicht 3 unterschiedliche Gruppen und eine Vergleichsgruppe, für die sich nichts ändert. Dabei zeigt sich, wie viele Stellschrauben ein Grundeinkommen light hat.

  1. Selbstverantwortung: Diese Gruppe ist von der Bewerbungs- und Wiedereingliederungspflicht befreit. Die Teilnehmenden dürfen selbst entscheiden, ob die Stadtverwaltungen ihnen bei der Jobsuche beistehen sollen. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten gelingt es vielen in dieser Gruppe, eine Stelle zu finden, vor allem auch Geringqualifizierten. Allerdings fällt auf: Mehr Teilnehmende als in der Vergleichsgruppe unterschreiben einen unbefristeten Arbeitsvertrag.
  2. Extra Hilfe: Bei dieser Gruppe ist das Gegenteil der Fall. Die Fallmanager:innen im Sozialamt pflegen einen engen Kontakt zu den Teilnehmenden und haben mehr Handlungsspielraum. Es zeigt sich nach Abschluss der Studie, dass so die Chance auf einen Job mit mehr als 12 Wochenstunden höher liegt als in den anderen Gruppen. Zudem können die Fallmanager:innen gerade diejenigen aktivieren, die lange aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind oder andere Vermittlungshindernisse aufweisen.
  3. Arbeit lohnt sich: Für diese Gruppe gelten zusätzlich Steuererleichterungen auf Nebenjobs. Wer sich in den Niederlanden neben der Sozialhilfe etwas dazuverdient, muss 80–100% Steuern darauf zahlen. Wenig überraschend finden viele in der dieser Gruppe einen kleinen Job mit mehr als 8 Wochenstunden. Indes fällt es ihnen schwer, sich komplett aus der Sozialhilfe zu verabschieden.

Eines stellen die Wissenschaftler:innen, die das Experiment in Utrecht begleitet haben, aber klar: Dass das Grundeinkommen überhaupt Wirkung entfaltet, lässt sich erst gegen Ende des Experiments feststellen. Unklar bleibt, ob die Ergebnisse auf den letzten Metern Zufall gewesen sein könnten und ob die Teilnehmenden es auch ohne das Gratisgeld aus der Arbeitslosigkeit geschafft hätten. Gerade die Steuervorteile haben erst so spät ihre Wirkung entfaltet, dass die Forscher:innen nicht ausmachen können, ob sie überhaupt etwas gebracht haben. Was die Studienautor:innen aber mit Sicherheit sagen können, ist, dass es im Laufe des Experiments für die Teilnehmenden wahrscheinlicher geworden ist, Minijobs anzunehmen – nicht gerade das erhoffte Ergebnis.

Auch die Experimente in den übrigen Städten fallen eher mau aus: So meldet das Centraal Planbureau, das größte Wirtschaftsforschungsinstitut der Niederlande, Hier kannst du den gesamten Abschlussbericht nachlesen (niederländisch, 2020, PDF)dass die regelarme Sozialhilfe kaum etwas im Kampf gegen Arbeitslosigkeit bringt.

Im Jahr 2013 kippten Aktivist:innen 8 Millionen 5-Cent-Stücke auf dem Bundesplatz in Bern aus und wollten damit für ein Referendum über ein Grundeinkommen werben. 2016 wurde die Initiative von einer Mehrheit der Bürger:innen abgelehnt. – Quelle: Stanjourdan public domain

Für ein Grundeinkommen zeigen diese Versuche wenig statistisch belastbare Ergebnisse – ein Grundeinkommen light für Arbeitslose hat sich zu weit von der eigentlichen Idee entfernt. Allerdings liefern die Niederlande Hinweise darauf, wie ein solches Grundeinkommen die Arbeitsbereitschaft anregen könnte.

Für belastbarere Ergebnisse fehlt aber vor allem eins: mehr Zeit. Doch es gibt noch ein weiteres Experiment, das schon seit fast 40 Jahren läuft.

5. Der große Wurf des Alaska Permanent Fund

Zurück in die USA, genau genommen in den hintersten Winkel des Riesenstaates, ins erdölreiche Alaska. Dort mündet die sozialpolitische Experimentierlaune der 80er-Jahre in nichts Geringeres So urteilen zumindest die Grundeinkommensforscher Philipp Van Parijs und Yannick Vanderborghtals in das »einzig wirkliche, derzeit bestehende System eines allgemeinen Grundeinkommens«. Aber alles der Reihe nach.

Die Rede ist vom Alaska Permanent Fund (APF), einem Fonds, der sich aus den Erträgen der staatlichen Erdölindustrie speist. Per Volksentscheid wird er im Jahr 1976 in der Verfassung des US-Bundesstaates verankert. Der Grund? Die Bevölkerung Alaskas sieht den Ölboom im eigenen Land mit Skepsis. So schreibt es die Aktionsgruppe Permanent Fund Defenders auf ihrer Website (englisch)Zu groß ist die Sorge, die Regierung des Bundesstaates könne die Einnahmen aus der Ölförderung und den Wohlstand für die kommenden Generationen verschludern.

Die Idee hinter dem APF: Genau so ist es auch beim »Commoning«, das Katharina Wiegmann hier erklärtDas Öl gehört allen Bürger:innen Alaskas, also sollen sie auch die Profite aus der Erdölindustrie erhalten. Seit der Fonds existiert, fließen mindestens 25% der Erträge in den APF, der wiederum jedes Jahr im Oktober an alle Bürger:innen verteilt wird. Ob jung oder alt, ob arm oder reich, ob alteingesessen oder zugezogen: Jede:r Bewohner:in Alaskas ist berechtigt, eine Dividende Hier zeigt sich: Die Logik dieser Sozialdividende ist genau umgekehrt zur negativen Einkommensteuer. Erst wird die Dividende ausgezahlt, dann werden die Steuern abgezogen. Auf diese Weise soll sich das Grundeinkommen zumindest zum Teil selbst finanzieren. zu beantragen.

Die erste Dividende wurde 1982 ausgeschüttet, damals erhielten die Antragsteller:innen glatte 1.000 US-Dollar pro Kopf. Im Laufe der Zeit schwankte die Höhe der Dividende immer wieder. So erhielten die Bezieher:innen im Folgejahr jeweils weniger als 390 US-Dollar APF-Grundeinkommen. Ein Allzeithoch erreichte die Dividende 2015 mit 2.072 US-Dollar pro Person.

Woran liegen die Unterschiede? Zum einen lassen die Ölpreise die Höhe des Fonds schwanken, zum anderen aber auch die Finanzmärkte. Der APF speist sich aus einem breiten Börsenportfolio, wozu auch Aktien von Immobilienkonzernen gehören. Durch die Wirtschaftskrise, die das Coronavirus ausgelöst hat, müssen sich Das meldet die US-Presseagentur Associated Press (englisch)Alaskas Bewohner:innen 2020 übrigens mit 992 US-Dollar Grundeinkommen begnügen.

Dass in Alaska seit fast 40 Jahren ein Grundeinkommen gezahlt wird, hinterlässt Spuren in der Gesellschaft des Bundesstaates. Wissenschaftler:innen der University of Alaska gelangen zu dem Schluss, dass ohne die APF-Dividende 25% mehr Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben müssten. Lies hier die ganze Studie (englisch, 2016, PDF)Trotzdem bleibt das Leben auf dem Lande und die Situation der Indigenen in Alaska prekär.

Gratisgeld hilft dabei, Menschen über der Armutsgrenze zu halten. Ein Allheilmittel für Armut ist es aber nicht.

Streng genommen ist der APF kein Experiment, sondern ein Langzeitprojekt – mit einem weiteren Vorteil: Der Fonds funktioniert wie eine Finanzspritze von außen, die Frage einer nachhaltigen Refinanzierung erledigt sich damit, weil das Grundeinkommen nicht aus dem Wachstum oder dem bundesstaatlichen Haushalt bezahlt werden muss. Ob die APF-Dividende aber überhaupt als Grundeinkommen gelten kann, ist strittig. Denn die nötige Beantragung widerspricht eigentlich der Idee.

Ein Luftsprung und dann? Was würdest du mit einem Grundeinkommen tun? – Quelle: Andre Hunter CC0

Was die Experimente zeigen – und was nicht

Denver, Kanada, Finnland, Niederlande, Alaska – die 5 Experimente zeigen in gewisser Weise alle, wie ein regelarmes Sozialsystem wirken kann. Auch wenn die Teilnehmer:innen meist nicht mehr arbeiteten, verbesserten sich die »weichen« Faktoren wie Optimismus, Vertrauen oder Gesundheit. Entscheidend ist immer, wie die Projekte zugeschnitten sind und welche Ziele sie verfolgen, In diesem Text beschreibe ich die Konzepte, die die Parteien zum Grundeinkommen ausgearbeitet habendenn das eine Grundeinkommen gibt es nicht.

Dennoch entspricht keines der Experimente der eigentlichen Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, das nachhaltig, bezahlbar und unbürokratisch für alle sein soll. Das hat etwas mit Experimenten an sich zu tun, die an die Realbedingungen der jeweiligen Zeit und des Landes geknüpft sind. Das perfekte Experiment wird es nie geben, meint etwa der Ökonom und Philosoph Philipp Kovce, der sich mit dem Grundeinkommen beschäftigt. Lies hier den ganzen Text von Philipp Kovce auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung (2020)Mit 3 Punkten tut er sich besonders schwer:

  1. Alle Grundeinkommensexperimente sind zeitlich und auf eine Gruppe beschränkt, sollen aber immer gültige Antworten für die Gesamtgesellschaft liefern. Das geht aber nicht: Denn wer würde schon mit dem Wissen den Job kündigen, dass der Geldfluss zeitlich beschränkt ist?
  2. Das Grundeinkommen ist eine Radikalreform, es müsste in beinah allen politischen Entscheidungen einkalkuliert werden. Den Sozialstaat, so wie wir ihn kennen, gäbe es mit einem Grundeinkommen wohl nicht mehr. Die Experimente können aber keine Grundeinkommensgesellschaft simulieren.
  3. Die Ergebnisse der Grundeinkommensexperimente sind nicht eindeutig interpretierbar. Ist es gut oder schlecht, dass die Einwohner:innen von Dauphin später geheiratet haben? Ist es gut oder schlecht, dass Angehörige der Versuchsgruppe in Utrecht eher Minijobs gefunden haben? Und ist es überhaupt sinnvoll, dass das Grundeinkommen in Alaska auf den Erträgen einer fossilen Industrie basiert? Das alles ist eine Frage der Bewertung.

Philipp Kovce findet eine radikale Antwort: Das Grundeinkommen kann man nicht testen – man kann es nur einführen. Vielleicht ist das Pilotprojekt Grundeinkommen der erste Schritt dorthin. Als private Initiative kann es immerhin kein Spielball der Politik werden.

Titelbild: Alexander Mils - CC0

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