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»Die Gedanken sind frei«: Warum so viele Menschen auf eine antike Achtsamkeitslehre abfahren

Stoizismus verspricht einen gelasseneren Umgang mit Krisen und mehr Freude an den einfachen Dingen des Lebens. Dieser Artikel zeigt, worauf es ankommt.

3. Februar 2021 –  15 Minuten

Als der junge Händler Zenon auf dem Mittelmeer Schiffbruch erleidet, kann er noch nicht ahnen, dass er das Aus Donald Robertsons Geschichte »Der königliche Purpur des Stoizismus« (englisch)Denken von Sklav:innen, Philosoph:innen und Kaiser:innen für Jahrhunderte prägen wird. An die Küste des fremden Athens gespült, hat er alles verloren – bis auf sein Leben.

Als Phönizier handelt er mit Purpur, das zum Färben königlicher Gewänder verwendet wird. Für wenige Gramm dieses unvorstellbar wertvollen Farbstoffs waren Tausende verwester Meeresschnecken mühsam von Hand zerlegt worden. Diogenes Laertius: Leben bedeutender Philosophen (englisch)Zenon hatte gerade eine komplette Schiffsladung davon versenkt – und doch berichtet er später unbeschwert:

Ich unternahm eine erfolgreiche Reise, als ich Schiffbruch erlitt.

Das alles war vor 2.300 Jahren. Heute suchen Menschen inmitten einer Jahrhundertpandemie wieder Rat bei dieser alten Lehre von der Unbeschwertheit auch im Angesicht von Stress und Krisen. Ihr Name: Stoizismus. Und sie ist wie ihr Gründer, der Purpurhändler Zenon von Kition, so in wie noch nie.

Hier geht es zum »Stoischen Achtsamkeits- und Resilienztraining«Erst im Mai 2020 nahmen Tausende Menschen aus aller Welt an einem 4-wöchigen Stoizismus-Training teil. Sie wollten lernen, besser mit der Krisensituation umzugehen. Entworfen wurde es vom Verhaltenstherapeuten Donald Robertson, der sich mit Zenons Philosophie genauso gut auskennt wie mit moderner Verhaltenstherapie und als Wissenschaftler den Erfolg seines Trainings empirisch auswertete. Dafür stellte er einen Fragebogen zum Wohlbefinden der Teilnehmer:innen bereit, den knapp 1.000 von ihnen vor und nach dem 4-wöchigen Training ausfüllten.

Bericht über das Training im Mai 2020 (englisch, 2020, PDF)Im Durchschnitt …
  • … stieg die Resilienz der Teilnehmer:innen um 13%,
  • … sank das Empfinden negativer Emotionen um 15%,
  • … stieg die generelle Lebenszufriedenheit um 14%.

Wie schon Zenon lernen die Teilnehmer:innen eine neue Perspektive auf ihr Erleben kennen. Das betrifft nicht nur persönliche Krisen (wie ein Schiffsunglück oder wirtschaftliche Verluste wie bei Zenon), sondern auch Katastrophen wie die Coronapandemie oder sogar Sorgen und Nöte in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs.

Denn genau in einer solchen Zeit leben wir heute.

Ganz abgesehen davon, dass unser Leben seit einem Jahr von einer Pandemie fremdbestimmt wird und gesellschaftliche Unruhen zunehmen, erodiert die digitale Revolution unser bisheriges Verständnis von Arbeit, und obendrein nimmt die Erderwärmung an Fahrt auf.

All diese Veränderungen erzeugen verständlicherweise ein diffuses Gefühl der Unsicherheit: Wie soll es weitergehen? Während frühere Generationen mit solch existenziellen Fragen zu ihrem örtlichen Pfarrer, Rabbi oder Imam gehen konnten, fehlt vielen modernen Menschen heute eine Lebensphilosophie, die ihnen beim Umgang mit Krisen hilft. Daher verwundert es auch nicht, dass Zenons Philosophie der inneren Gelassenheit heutzutage eine gesellschaftliche Renaissance erlebt – zumal sie ohne allwissenden Gott auskommt, der in unserer säkularen Welt mehr und mehr an Bedeutung verliert.

Die Antwort des Stoizismus: Mit innerer Gelassenheit.

Du willst erst mal mehr über die Geschichte der Ursprünge des Stoizismus erfahren und warum Zenons Schiffbruch für ihn »erfolgreich« war? Dann klicke hier und springe mit uns zurück in die Zeit vor 2.300 Jahren.

Der erfolgreiche Schiffbruch

Zenon suchte der Legende nach, überliefert in Anekdoten des griechischen Philosophen Diogenes, nach seinem Schiffbruch das berühmte Orakel von Delphi auf, welches ihm eine mysteriöse Prophezeiung macht: Aus Donald Robertsons Geschichte »Der königliche Purpur des Stoizismus« (englisch)Statt in die Farbe toter Purpurschnecken solle sich Zenon in die Farbe toter Menschen hüllen. Verstört begibt er sich in einen Athener Buchladen, um die Bedeutung dieser Prophezeiung zu ergründen, und stößt dort auf ein Buch über den Philosophen Sokrates. Sokrates lebte im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung im antiken Athen und gilt als Vater der abendländischen Philosophie. »Xenophon’s Erinnerungen an Sokrates« bei buch7Darin spricht dieser seinen späteren Schüler auf der Straße an und fragt:

»Entschuldigen Sie. Können Sie mir sagen, wo man hier hingehen kann, um Waren zu kaufen?«

Verwirrt antwortet der Angesprochene, dass sie sich direkt neben einem Marktplatz befänden, wo man alles kaufen kann, was das Herz begehrt. Daraufhin lacht Sokrates, bedankt sich und fragt anschließend:

»Und wo würde man hingehen, wenn man ein guter Mensch werden will?«

Die Erzählung verdeutlicht: Sokrates war weder an feinen Kleidern noch an hohen politischen Ämtern interessiert. Für ihn zählte innerer Reichtum, wie ein tugendhaftes Leben und das Streben nach Weisheit. Selbst sein Todesurteil wegen angeblicher »Verderbnis der Jugend« nimmt Sokrates leicht und akzeptiert den Schierlingsbecher voller Gift, ohne an Flucht zu denken. Der Legende nach erkennt Zenon durch die Lektüre die Bedeutung der Prophezeiung des Orakels: Sein Schicksal ist es, die alten Philosophen zu studieren und seinen Geist mit ihren Lehren zu färben. Seinen ersten Lehrer findet er in Krates von Theben, einem Kyniker, Der Kynismus war eine Strömung der antiken Philosophie mit den Schwerpunkten auf ethischem Skeptizismus und Bedürfnislosigkeit. Der moderne Begriff Zynismus ist von dem ursprünglichen Wort abgeleitet, hat jedoch im heutigen Sprachgebrauch eine andere Bedeutung. der vollkommen asketisch lebt und allen Luxus ablehnt. Später studiert er in der Platonischen Akademie, die nur wenige Kilometer hinter Epikurs Philosophengarten liegt.

Die stoischen und epikureischen Philosophen: Die vollständigen erhaltenen Schriften von Epikur, Epiktet, Lukrez und Marc Aurel (englisch)Der Philosoph Epikur bringt auch das damalige Verständnis von Philosophie gut auf den Punkt, das sich wesentlich vom heutigen Philosophieunterricht an Schulen und Universitäten unterscheidet:

Wertlos ist das Wort eines Philosophen, das nicht das Leiden der Menschen heilt. Denn so wie die Medizin keinen Nutzen hat, wenn sie die Krankheiten des Körpers nicht heilt, so hat auch die Philosophie keinen Nutzen, wenn sie die Leiden des Geistes nicht heilt. – Epikur

Nach 11 Jahren Studium in unterschiedlichen Schulen beginnt Zenon selbst damit, Philosophie zu lehren. Und in Ermangelung einer Alternative treffen sich er und seine Schüler:innen in der »stoa poikilē«, der bemalten Säulenhalle der griechischen Agora. Der Stoizismus war geboren.

Knapp 500 Jahre später stirbt mit dem römischen Kaiser Marc Aurel Marc Aurel war in den Jahren 161–180 römischer Kaiser. Bekannt wurde er aber auch für seine Philosophie als letzter bedeutender Vertreter der sogenannten »jüngeren Stoa«. Politisch erleichterte er das Leben unterdrückter Gesellschaftsschichten, vor allem Sklaven und Frauen – geriet jedoch unter politischen Druck durch Naturkatastrophen und das aufkommende Christentum, das in seinem Reich vielerorts verfolgt wurde. der letzte berühmte Stoiker. Und auch er pflegte – in Gedenken an Zenon – zu sagen, dass es im Leben nicht darauf ankommt, wie wir unsere Kleidung, sondern wie wir unseren Geist färben.

Du hast »Die Gedanken sind frei« schonmal gehört? Dabei handelt es ich eigentlich um ein deutsches Volkslied über die Gedankenfreiheit. Die Formulierung passt aber auch zum Stoizismus. –

Was uns der Stoizismus heute beibringen kann

Stoizismus ist nicht »nur« eine Lebenshaltung. Er beruht viel eher, wie Forscher:innen heute herausfinden und betonen, auf einem tiefen Verständnis der menschlichen Psychologie und dem richtigen Umgang mit unserem Geist: etwa unserem Verhältnis von Glück und Reichtum.

Im Kern handelt es sich beim Stoizismus um die folgenden Überzeugungen:

  • Die Gedanken sind frei: Ähnlich wie heutige Determinist:innen glaubten die antiken Stoiker, dass vieles in der Welt vorherbestimmt und unveränderlich sei – vom Wetter bis zum eigenen Ruf. Allerdings nicht der menschliche Geist. Dort ist der Mensch frei zu entscheiden, wie er wahrnimmt und bewertet. Mit anderen Worten: Obwohl wir unsere äußeren Lebensumstände kaum beeinflussen können, besitzen wir die Kontrolle über unsere Perspektive auf diese Umstände. Hier findest du eine moderne Übersetzung der »Selbstbetrachtungen« von Marc Aurel (englisch, 2003, PDF)So schreibt der römische Kaiser und Stoiker Marc Aurel in seinen »Selbstbetrachtungen«: Wenn dich ein äußerer Umstand beunruhigt, ist es nicht der Umstand selbst, der dich beunruhigt, sondern nur dein Urteil darüber; und du hast die Macht, dies jederzeit zu widerrufen.
  • Wir sind keine Sklav:innen unserer Emotionen: Die antiken Stoiker fühlten sich weder ihren Lebensumständen noch ihren Emotionen gegenüber hilflos ausgeliefert. Martha Nussbaum: Emotionen als Urteile über Wert und Bedeutung (englisch, 2004, Paywall)Vielmehr sahen sie Emotionen als »wertende Urteile«. Und indem wir unsere Urteile über Dinge ändern, beeinflussen wir unsere Emotionen: Aus dem Ärger über ein verpatztes Gespräch wird dann eine Gelegenheit, die eigene Gelassenheit zu üben; aus der Unsicherheit der Pandemie eine Zeit, seine Prioritäten im Leben zu überdenken; und aus der Angst vor dem Tod eine stete Erinnerung daran, dass wir nur dieses eine Leben haben – und das Beste daraus machen sollten.
  • Innere Gelassenheit ist erreichbar und erstrebenswert: Den Stoikern ging es darum, mit der Übung des Neurahmens ihrer Emotionen innere Gelassenheit zu erreichen und zu bewahren. Insbesondere wollten sie unangenehme Situationen durch ihre Gedanken nicht noch schlimmer machen, als sie ohnehin sind. »Die Stoiker argumentierten nicht, dass Gelassenheit wertvoll sei«, schreibt William B. Irvine, Philosoph und William B. Irvine: »Eine Anleitung zum guten Leben – Wie Sie die alte Kunst des Stoizismus für Ihr Leben nutzen«Autor mehrerer Bücher über Stoizismus: »Vielmehr gingen sie davon aus, dass ihr Wert im Leben der meisten Menschen irgendwann offensichtlich würde.«

Die Psychologie kennt diese 3 Lehren des Stoizismus heute und nutzt sie etwa als »Reframing« (einen neuen Rahmen geben) in der Hintergründe zur kognitiven Verhaltenstherapiemodernen Psychotherapie oder kognitiven Verhaltenstherapie, um Menschen mit psychischen Problemen zu helfen. Studien zeigen, dass dieses Neubewerten der eigenen Perspektive sogar Auswirkungen auf unseren Körper haben kann, Subjektive, physiologische und verhaltensbezogene Auswirkungen der Bewertung von Bedrohung und Herausforderung (englisch, 1993, Paywall)etwa auf Blutdruck und Herzfrequenz Die Rolle von Leugnung bei der Genesung von koronarer Herzkrankheit (englisch, 1987, Paywall)oder den Erholungsprozess nach Herzerkrankungen.

Bewertete Kontrolle, Bewältigung und Stress in einer Gemeindestichprobe (englisch, 2001, Paywall)Auch legen wissenschaftliche Hypothesen heute die Vermutung nahe, dass Bewältigungsstrategien Bewältigungsstrategien, auch »Copingstrategien« genannt, bezeichnen die Art des Umgangs mit einer Situation, die als schwierig empfunden wird. für Krisen effektiver wirken, wenn wir sie unserem Level an Kontrolle anpassen. Demnach ist »emotionsfokussiertes« Coping geeigneter für unkontrollierbare Situationen, während »problemfokussiertes« Coping nützlicher in kontrollierbaren Situationen ist. Mit anderen Worten: Wir erleiden weniger Stress, wenn wir Umstände akzeptieren, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, und emotionsfokussiertes Coping einsetzen, um Stress zu reduzieren; »Goodness of fit«-Hypothese nach Lazarus und Folkman (englisch, 1984)und anderseits Ereignisse, die wir kontrollieren können, aktiv problemlösend bewältigen.

Die Forschung zeigt also, dass der alte Stoizismus nicht nur sehr aktuell ist, sondern uns vor allem in unkontrollierbaren Situationen helfen kann, mit Stress und negativen Emotionen umzugehen: wie Angst, Kummer oder Wut.

Dazu entwickelten die Stoiker verschiedene mentale Strategien – die wir alle erlernen können.

Stoizismus heißt auch: Übung. Nur so kriegt man die negativen Emotionen in den Griff. – Quelle: GoranH CC0

3 Strategien, wie du besser mit negativen Emotionen umgehen kannst

Die Stoiker kannten die Schattenseiten des Lebens: Der Politiker Seneca diente unter dem wahnsinnigen Kaiser Nero, der Kaiser Marc Aurel kämpfte sein Leben lang mit Magengeschwüren, und der Philosoph Epiktet hatte als Sklave nicht einmal seine körperliche Freiheit. Um das tägliche Leid auf ein Minimum zu reduzieren, entwickelten sie folgende Strategien – Hier geht es zur Website von William B. Irvine (englisch)die heute von Philosoph:innen und Autor:innen wie William B. Irvine wiederentdeckt und ausformuliert werden:

  1. »Schließe mit der Vergangenheit ab«: Allzu oft grübeln wir über vergangene Ereignisse nach und ärgern uns über »falsche« Entscheidungen, die unser Leben vermeintlich zum Schlechteren gewendet haben. Dabei gehen wir der kognitiven Verzerrung auf den Leim, damals schon unser heutiges Wissen besessen zu haben. Doch wie schon die alte Redensart besagt, sind wir im Nachhinein immer schlauer. Der Stoizismus rät daher, Epiktets »Handbüchlein der Stoischen Moral«sich an den Ereignissen der Gegenwart auszurichten anstatt an »Was wäre wenn?«- oder »Hätte ich nur!«-Gedanken hängenzubleiben – und zu leiden. Zwar können wir uns bemühen, unsere äußeren Umstände im Hier und Jetzt zu beeinflussen, doch sollten wir akzeptieren, dass manches außerhalb des Erreichbaren liegt, allem voran die Vergangenheit. Wir können diesen Moment entweder damit verbringen, uns zu wünschen, er könnte anders sein, oder wir können diesen Moment so annehmen, wie er ist. – William B. Irvine
  2. »Sieh schwierige Situationen als Gelegenheiten«: Der Schlüssel zum Stoizismus heißt Emotionsregulation. Das heißt aber nicht, dass du alle negativen Gefühle oder Gefühle an sich unterdrücken solltest. Wenn du negative Emotionen in dir aufsteigen spürst, halte im Sinne des Stoizismus kurz inne und bewerte Gefühle erst mal als körperliche Reaktion auf eine Situation. Dann kannst du sie als Gelegenheit nehmen, deinen Umgang damit zu üben. Frage dich: »Wie gut komme ich diesmal mit meinem Ärger zurecht?« und evaluiere im Anschluss deine Reaktion. Habe ich mich unnötigerweise aufgeregt? Habe ich mich gedanklich immer weiter in den Ärger hineingesteigert und ihn mit Bewertungen unterfüttert wie »Das hat der doch mit Absicht gemacht«? So simpel es klingt: Innerlich bis 10 zu zählen reicht oft schon, um sich von impulsiven Gefühlen weniger mitreißen zu lassen. Und indem wir die Situation zur inneren Übung machen, nehmen wir ihr den Ernst. Schließlich haben wir die meisten Dinge, worüber wir uns kurzfristig ärgern, bereits am Ende des Tages wieder vergessen. Wenn wir einen Rückschlag erleben … sollte es unsere erste Priorität sein, zu verhindern, dass wir von negativen Emotionen überflutet werden. Das Erleben solcher Emotionen macht es uns letztlich viel schwerer, die optimale Bewältigungsstrategie für den Rückschlag zu finden und umzusetzen. Außerdem können uns diese Emotionen, einmal ausgebrochen, mehr Schaden zufügen als der Rückschlag selbst. – William B. Irvine in »The Stoic Challenge: A Philosopher’s Guide to Becoming Tougher, Calmer, and More Resilient«
  3. »Mache eine Geschichte daraus«: Vielen unangenehmen Situationen wird der Stachel entrissen, wenn wir daran denken, sie als Geschichte zu verpacken. Wir können solche Situationen dann sogar als Ressource begreifen. So meint der spanische Schriftsteller Jorge Luis Borges: »Alles, was uns widerfährt, einschließlich unserer Erniedrigungen, unseres Unglücks, unserer Peinlichkeiten, alles ist uns als Rohmaterial, als Ton, gegeben, damit wir unsere Kunst gestalten können.« (Aus Vierundzwanzig Gespräche mit Borges: Interviews von Roberto Alifano, 1981–1983 (englisch)) Das geht selbst mit Situationen, die erst mal überwältigend wirken. Ein Beispiel? Der österreichische Psychotherapeut Viktor Frankl überlebte 3 Jahre in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten und verlor nie den Mut. Für ihn war es die Vorstellung, dass er in der Mehr über die Biografie des Psychotherapeuten Viktor Frankl findest du hierZukunft Vorlesungen über die Auswirkungen des Lagers auf die Psyche halten würde, die ihm die entscheidende Kraft zum Überleben gab. In seinem Buch Das Buch von Viktor Frankl bei buch7»… trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager« schreibt er: Wenn wir nicht länger in der Lage sind, eine Situation zu ändern, sind wir gefordert, uns selbst zu ändern. – Viktor Frankl

Frankls Worte fassen Stoizismus in gewisser Weise in einem Satz zusammen. Selbst unter inhumansten Bedingungen gelang es ihm, die Kontrolle über seinen Geist zu behalten und Unvorstellbares zu überstehen.

Zugegeben: Eine solche Geisteskontrolle zu erlangen wirkt übermenschlich. Doch es ist die Übung mit den eigenen Gedanken, die dies ermöglicht. Und wie jede Gewohnheit lassen sich auch unsere Denkmuster ändern. Längst weiß auch die moderne Psychologie um den starken Einfluss von Gewohnheiten auf unser Leben – warum sie also nicht nutzen?

Was die Forschung über Gewohnheiten weiß und wie wir sie verändern, beschreibt unsere Gründerin Maren Urner in diesem Text:

Der Stoiker Seneca nahm sich deswegen jeden Abend vor dem Einschlafen ein paar Minuten Zeit, um seinen Tag zu reflektieren und sich zu fragen: Was für Fehler habe ich heute begangen, und wie könnte ich sie in Zukunft vermeiden?

»Keine Seuche hat die Menschheit mehr gekostet.« – Senecas Buch »Über die Wut« (englisch, PDF)Seneca in seinem Buch »Über die Wut«

Der moderne Philosoph und Stoiker William B. Irvine ergänzt diese abendliche Gewohnheit Senecas mit Techniken aus der positiven Psychologie. In seinen Büchern rät er, auch Dinge zu reflektieren, die uns gelungen sind: Habe ich es geschafft, mich von meinem Ärger zu distanzieren und in einer Situation gelassen zu bleiben, die mich sonst rasend gemacht hätte? Ist es mir gelungen, mich nicht in negative Gedankenspiralen hineinziehen zu lassen? Habe ich mich heute »stoisch« verhalten?

Was ist positive Psychologie?

Geprägt in den 90er-Jahren vom US-Psychologen Martin Seligman, kümmert sich die positive Psychologie nicht um Krankheiten und Heilung der Psyche, sondern darum, die positiven Aspekte des Menschseins (wie Glück, Optimismus oder Vertrauen) zu stärken und damit negative Zustände präventiv zu vermeiden. Auch Perspective Daily und der konstruktive Journalismus wurden von dieser Idee beeinflusst.

Das wirke nicht nur gegen negative Gedanken, so Irvine, sondern helfe auch dabei, sich wieder den wesentlichen Dingen des Lebens zuzuwenden. So könnten stoische Übungen uns auch helfen, der »hedonistischen Tretmühle« zu entkommen, die dafür sorgt, dass selbst das Erreichen unserer kühnsten Träume unsere langfristige Zufriedenheit kaum berührt. Denn, so schreibt Irvine, »nachdem wir hart gearbeitet haben, um das zu bekommen, was wir wollen, verlieren wir routinemäßig das Interesse an dem Objekt unserer Begierde. Anstatt uns zufrieden zu fühlen, fühlen wir uns ein wenig gelangweilt, und als Reaktion auf diese Langeweile entwickeln wir neue, noch größere Verlangen.«

Die von Irvine beschriebene hedonistische Tretmühle »Hedonistisch« bezeichnet etwas, was mit Spaß, Lust oder Vergnügen zu tun hat. ist also mindestens eine genauso große Gefahr für unser Denken und Wohlbefinden wie aktuelle Krisen.

Wie du »hedonistische Tretmühlen« erkennst und ihnen entkommst

Hedonistische Adaption ist quasi das Gegenteil stoischen Denkens und heutzutage allgegenwärtig. Denn unsere werbefinanzierte Konsumgesellschaft nutzt sie, um Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen. Im Kern lässt sich die Idee so zusammenfassen:

Wir sind unglücklich, weil wir nicht das haben, was wir begehren.

Sei es das neue Auto, die großartige Reise, die neueste Konsolengeneration – oder abseits von Konsum der Lebensschritt vom neuen Job bis zum Umzug in eine andere Stadt: Wir glauben leicht, dass sich »das Glück einstellt«, sobald dieses nächste Verlangen gestillt ist.

Doch der Stoizismus lehrt uns, dass das immer ein Trugschluss ist. Probleme werden durch ein solches Verlangen und seine Befriedigung nur verdrängt, sie hören aber nicht auf zu existieren. So hat ein:e Manager:in weniger Geldsorgen als ein:e Wohnungslose:r, aber nicht zwingenderweise weniger Sorgen an sich.

»Das Schlimmste, was einem kapitalistischen Wirtschaftssystem passieren kann, sind Menschen, die mit wenigen Dingen dauerhaft zufrieden sind.« – Richard David Precht bei »Sternstunde Philosophie« vom 20.12.2020

Chris Vielhaus schreibt über die Lotterie, die die Armen noch ärmer machtDas lässt sich schon an jenen erkennen, die »großes Glück« hatten. Studien zeigen, dass selbst Lotteriegewinner:innen nach ein paar Monaten der Aufregung wieder am gleichen Punkt ihrer Zufriedenheit ankommen Lotteriegewinner und Unfallopfer: Ist Glück relativ? (englisch, 1978, PDF)wie vor der Geldausschüttung. Denn auch sie sind in der hedonistischen Tretmühle gefangen. Die gleiche Studie untersuchte auch Unfallopfer, die schwere Lähmungen davontrugen, und kam bei ihnen zum selben Ergebnis wie bei den Lottogewinner:innen: Nur wenige Monate nach dem Unfall hatten sie beinahe wieder ihr ursprüngliches »Glückslevel« erreicht. Während uns hedonistische Adaption also daran hindert, glückliche Veränderungen langfristig zu genießen, hilft sie uns gleichzeitig dabei, uns von Schicksalsschlägen zu erholen.

»Auf der Suche nach dem Glück: Die Architektur des nachhaltigen Wandels« (englisch, 2005, PDF)Forschung zum Thema Glück aus den letzten Jahrzehnten legt nahe, dass unsere äußeren Umstände gerade einmal 10% unseres gefühlten »Glückslevels« beeinflussen, während unsere Gedanken und unser Verhalten für 40% verantwortlich sind. Die übrigen 50% sind von vornherein genetisch festgelegt. Mehr dazu später.

»Ein Schlüssel zum Glück« sei es also, den Prozess der hedonistischen Adaption zu verhindern, William B. Irvines Buch bei buch7schreibt Philosoph William B. Irvine in seinem Buch »Eine Anleitung zum guten Leben – Wie Sie die alte Kunst des Stoizismus für Ihr Leben nutzen«. Damit meint er aber nicht (nur), sich den Mechaniken der Werbung und des kapitalistischen Dauerkonsums zu verweigern.

Unser Autor Chris Vielhaus erzählt, wie Edward Bernays die Psychologie dazu nutzte, dir buchstäblich alles zu verkaufen:

Das meint konkretes Umdenken im stoischen Sinn: »Wir müssen Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass wir die Dinge, wofür wir so hart gearbeitet haben, für selbstverständlich halten, sobald wir sie bekommen.« Folgende Strategien können uns dabei helfen:

  1. »Erlebe etwas mit der Vorstellung, dies sei das letzte Mal«: Die Stoiker waren sich der Kürze ihres Lebens bewusst, und mahnten uns, nicht erst auf unsere Henkersmahlzeit zu warten, um ein Essen, einen Spaziergang oder ein Gespräch bewusst zu genießen. Jede Erfahrung kann intensiv genossen werden. Sich vorzustellen, dieses sei das letzte Mal, verändert unsere Wahrnehmung und ruft uns in den Moment des Erlebens: Der letzte Stadtbummel vor einem Umzug, der letzte Kuss vor einer langen Reise oder das letzte Gespräch mit Kollegen auf einer Abschlussfeier – in all diesen Momenten ist unsere Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt, weil wir ahnen, dass dies für lange Zeit das letzte Mal sein wird, und es bewusst erleben wollen.

    Ein Weg aus der hedonistischen Tretmühle besteht also darin, die einfachen Dinge des Lebens immer wieder so zu erleben, als wäre dies das letzte Mal.
  2. »Stelle dir vor, du würdest alles verlieren«: Sokrates hatte wenig für Besitz übrig, denn der Philosoph verstand, dass alles Weltliche vergänglich ist. Daraus entwickelten Stoiker eine Übung. Sie stellten sich vor, wie es wäre, allen Besitz, ihren Ruf oder ihre Gesundheit zu verlieren: Wie wäre es beispielsweise, wenn deine Wohnung abbrennen sollte, du einen Tag lang nichts zu essen hättest oder dein Hörvermögen von heute auf morgen verschwinden würde? Das klingt erst mal beängstigend, kann aber im Gegenteil befreiende Wirkung haben. Denn bei dieser »negativen Visualisierung« geht es nicht darum, depressiven Gedanken nachzuhängen, sondern sich wieder der »Selbstverständlichkeiten« des Lebens bewusst zu werden.

    Klar, du musst vielleicht gerade im Homeoffice sitzen. Aber wie viele Leute würden sich wünschen, überhaupt ein Homeoffice zu besitzen? Für wie viele Menschen ist dein Leben ihr Traum?

»Ein Stoiker würde ein Glas nicht nur als halbvoll betrachten, sondern sich darüber freuen, überhaupt ein Glas zu besitzen.« – William B. Irvine

Die Ergebnisse der psychologischen Glücksforschung zeigen, wie viel mehr Einfluss unsere Gedanken auf unser Glück haben als unsere Umstände. Doch sie zeigen uns auch die Grenzen unseres Geistes auf. Denn wenn 10% unseres Glückslevels von äußeren Umständen bestimmt sind, und 40% von unserem Umgang damit, bleiben noch 50% übrig …

So setzt sich Zufriedenheit zusammen

Das Diagramm zeigt, welchen Anteil unsere Gene, unsere Umwelt und unser Verhalten an unserer Zufriedenheit haben.

Quelle: Studie »Pursuing Happiness: The Architecture of Sustainable Change«

Ist Stoizismus nur Selbstoptimierung im antiken Gewand?

»Auf der Suche nach dem Glück: Die Architektur des nachhaltigen Wandels« (englisch, 2005, PDF)Diese übrigen 50% sind, davon geht die Glücksforschung mittlerweile aus und unterfüttert dies mit Studien, genetisch veranlagt — also nicht zu beeinflussen.

Das hat auch für den Stoizismus Konsequenzen, und zeigt Fallstricke dieser Philosophie auf: Wer cholerisch ist, wird es nie schaffen, die Gemütsruhe des Dalai-Lama zu erlangen. In diesem Sinn ist Stoizismus kein Heilmittel für jede:n; er hat klare Grenzen. Wir sollten beim Anwenden stoischer Methoden also nicht in die Falle tappen, uns aus Frust darüber, nicht gelassen genug zu reagieren, noch mehr zu ärgern.

Versuchen wir dennoch absolute innere Gelassenheit zu erreichen (ohne gelassen veranlagt zu sein), kann dies zu einem eigenen Fallstrick werden, den Kritiker:innen des Stoizismus immer wieder anführen: Sich zu sehr auf die eigene Gelassenheit zu konzentrieren, kann das ganze Sein einnehmen und lähmen, wenn gesellschaftliche Probleme vielleicht gerade alles andere als Gelassenheit erfordern. So meint der deutsche Philosoph Richard David Precht: »Diese ausschließliche Konzentration auf sich selbst – also, nicht Gutes zu tun, um Gutes in die Welt zu bringen, sondern Gutes zu tun, um sich gut zu fühlen – das hat ganz viel wieder damit zu tun, was das Ziel der heutigen Selbstoptimierung ist. Richard David Precht spricht im Deutschlandfunk darüber, »was wir von den alten Griechen lernen können« (2015)Nämlich nicht die Gesellschaft zu verbessern, sondern das Ultimative aus sich selbst herauszuholen.«

Dazu passen die Ratschläge mancher selbsternannter »Ryan Holiday verkauft Stoizismus als Lifehack, ohne Entschuldigung«, titelt die New York Times (englisch, 2016)»Neo-Stoiker:innen« wie dem amerikanischen Autor Ryan Holiday, von dessen »Lifehacks« vor allem Führungskräfte Die New York Times fragt: »Warum ist das Silicon Valley so besessen von der Tugend des Leidens?« (englisch, 2019)von Google bis Apple fasziniert sind. Sein karrierebetonter »Neo-Stoizismus« erinnert stark an den Trend der Selbstoptimierung. Hier geht es nicht mehr um Gelassenheit, sondern plötzlich um geistiges Training, um »wirklich erfolgreich« zu sein.

Die antiken Stoiker wie Zenon hätten da sicher etwas zu sagen gehabt. Für sie wäre das Streben nach einem »besseren Ich« oder »Lebenserfolg« wohl nur eine weitere hedonistische Tretmühle und gedankliche Sackgasse. Die Stoiker verstanden nämlich sehr wohl, dass der Mensch ein soziales Wesen und auf andere angewiesen ist – und sich auch mit innerer Gelassenheit nicht nur um sich selbst kümmern sollte.

Der römische Kaiser und Stoiker Marc Aurel etwa betonte die Erfüllung gesellschaftlicher Pflichten. Im Gegensatz zu anderen Kaisern zog er sich nicht vornehm zurück, sondern führte seine Soldaten persönlich gegen die angreifenden Germanen an, setzte sich in Rom für die Rechte von Frauen und Sklav:innen ein und Hier schreibe ich ausführlicher über Marc Aurelverkaufte während der Antoninischen Pest die Wertgegenstände seiner eigenen Familie, um die einbrechenden Staatseinnahmen zu kompensieren.

Nur blieb er dabei eben gelassen.

Redaktion: Dirk Walbrühl

Titelbild: Jm3 - CC BY-SA

von Niklas Bub 
Nach 4 Jahren Medizinstudium kennt Niklas Bub sowohl die Stärken als auch die Schwächen des deutschen Gesundheitssystems. Er geht medizinischen Problemen auf den Grund und sucht nach wirkungsvollen Lösungen, die bisher nur wenig bekannt sind. Im Zeitraum März–Mai 2018 unterstützte er die Redaktion als Praktikant und arbeitet seitdem als Gastautor für »Perspective Daily«.
Themen:  Gesundheit   Glaube   Psychologie  

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