Deshalb verschwinden in Europa Kinder

Mindestens 10.000 Flüchtlingskinder sollen in Europa spurlos verschollen sein. Was ist mit ihnen passiert? Und was kann die EU beitragen, damit nicht noch mehr Kinder auf der Flucht verschwinden?

4. Januar 2017  8 Minuten

»Wäre eines meiner Kinder verschwunden, hätte ich es wohl nie wiedergesehen. Ich kenne genug Geschichten von anderen Flüchtlingsfamilien, die getrennt wurden. Wir hatten einfach Glück«, sagt Omar Karimi. Name aus Sicherheitsgründen geändert. Er, seine Frau und seine 4 Kinder flüchteten vor einigen Monaten aus Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, und leben seit Oktober in Deutschland. Nun sitzt die sechsköpfige Familie in einem kleinen Zimmer in einem Flüchtlingsheim nahe Stuttgart. Obwohl ihr Raum eng und der neue Alltag nicht einfach ist, machen die Karimis einen erleichterten Eindruck. Die Kinder lachen und spielen.

Die Familie hat Glück, dass sie noch vollzählig ist. Viele andere wurden auf der Flucht getrennt und haben teils nicht wieder zusammengefunden. In Ungarn wurden die Karimis von den Behörden als Geflüchtete registriert. Laut der Dublin-Verordnung der EU Durch die Dublin-Verordnung wird bestimmt, welcher EU-Mitgliedsstaat für die Durchführung des jeweiligen Asylverfahrens zuständig ist. EU-Grenzstaaten wie Italien und Griechenland werden dadurch automatisch mehr belastet. hätte die Familie ab diesem Zeitpunkt die ungarischen Grenzen nicht mehr verlassen dürfen. Doch Verwandte in Deutschland halfen ihnen bei einem »Fluchtversuch« aus Ungarn. Laut den Karimis wurde dieser sogar von den ungarischen Behörden unterstützt. »Sie meinten, dass man uns nicht haben wolle und wir deshalb gehen könnten. Als ich erwiderte, was denn mit unseren Daten sei, hieß es, dass man diese löschen werde«, erinnert sich Familienvater Omar Karimi.

Titelbild: picture alliance / PIXSELL - copyright

von Emran Feroz 

Emran Feroz studierte Politik- und Islamwissenschaft in Tübingen und ist freischaffender Journalist. Seine Familie flüchtete vor dem sowjetischen Einmarsch aus Afghanistan nach Österreich. Er initiierte ein virtuelles Denkmal für die Opfer von amerikanischen Drohnenangriffen: das »Drone Memorial« .

Themen:  Flucht   Politik  

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