14 Links
Interview 

»Viele Mütter sind einfach durch. Hier hat unsere Gesellschaft versagt«

Der Staat habe Frauen während der Pandemie im Stich gelassen, meint die Soziologin Jutta Allmendinger – und erklärt, wie wir dieses Jahr einer gerechten Gesellschaft näherkommen könnten.

15. März 2021 –  18 Minuten

Im Mai 2020 sitzt die Soziologin Jutta Allmendinger in der Talkshow von Anne Will. Olaf Scholz ist auch da, Robert Habeck, die Auto-Lobbyistin Hildegard Müller und natürlich Markus Söder. Zu diesem Zeitpunkt sind Schulen und Kindertagesstätten schon knapp 2 Monate geschlossen. Vieles steht still in Deutschland, doch die Familien rotieren, um den Alltag zwischen Beruf und Kinderbetreuung in den Griff zu bekommen.

In der Talkshow geht es auch um die Coronakrise: Was sie mit der Wirtschaft macht und wie die Politik darauf reagieren muss. Gegen Ende der Sendung richtet die Moderatorin das Wort an die Soziologin: »Frau Allmendinger, hat die Krise Frauen zurückgeworfen?« Die Antwort macht deutlich: Jutta Allmendinger ist wütend. »Frauen erleiden eine entsetzliche Re-Traditionalisierung«. Das Heimchen am Herd sei zurück.

Jutta Allmendinger

Jutta Allmendinger ist Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Sie promovierte in Harvard, war Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und leitete das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Sie trägt das Bundesverdienstkreuz und ist seit Januar 2021 Mitglied der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften.

Bildquelle: WZB/Valerie Schmidt

Jutta Allmendinger hat ein ganz gutes Gespür für Formulierungen, die der Gesellschaft schwer im Magen liegen. Dass der Heiratsmarkt Frauen besser bezahle als der Arbeitsmarkt, konstatierte sie schon vor vielen Jahren – als Titelzeile funktioniert das im Jahr 2021 immer noch, was auch zeigt, dass sich in dieser Hinsicht zu wenig getan hat.

Die Soziologin hat aber nicht nur pointierte Formulierungen, sie hat auch die Daten, die diese untermauern. Seit 3 Jahrzehnten untersucht sie, wie Gleichberechtigung erreicht werden kann, aktuell als Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Erkenntnisse ihrer Forschung zum Thema hat sie jüngst »Es geht nur gemeinsam!« beim Ullstein Verlagin einem Buch zusammengefasst, das der Verlag auf dem Klappentext als Streitschrift labelt.

Ein Gespräch über die Folgen der Pandemie für Frauen, falsche Verheißungen des Homeoffice – und darüber, warum sich die Lebensverläufe von Männern mehr denen der Frauen annähern müssen, statt umgekehrt.

Sollten in erster Linie Männer Ihr aktuelles Buch lesen?
Jutta Allmendinger: Mein Buch trägt den Titel »Es geht nur gemeinsam!«, es richtet sich also an Männer und Frauen. Es ist ein Buch für alle, in dem niemand runtergemacht wird. Männer-Bashing oder Gejammere werden Sie darin nicht finden. Mir war wichtig, ein konstruktives Buch vorzulegen, mit Fakten belegt, in klarer Sprache. Streitschrift und Handreichung in einem.
Sie fordern, dass sich auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit im Wesentlichen die Männer bewegen müssen. Inwiefern?
Jutta Allmendinger: Das Buch beschreibt anhand meiner eigenen Familiengeschichte die Entwicklung seit dem Jahr 1900. Wir sehen, dass die Lebensverläufe der Männer in dieser Zeit sehr stabil geblieben sind, während sich Frauen immer mehr den männlichen Biografien angepasst haben. Noch mehr Anpassung geht nun nicht mehr. Denn die Sorge für Kinder und um die Eltern, die Hausarbeit, das Engagement für unsere Gesellschaft brauchen schlicht Zeit.

Jetzt sind die Männer am Zug. Es geht darum, die unbezahlte Arbeit gerechter zwischen Männern und Frauen aufzuteilen. Dann wird sich auch im Erwerbsleben viel ändern. Ich bin davon überzeugt, dass dann der Unterschied in den Arbeitszeiten und der Was hilft gegen den Gender-Pay-Gap? Michaela Haas schreibt hier, was in Dänemark für mehr Gerechtigkeit sorgtGender-Pay-Gap geringer und auch die Rentenunterschiede abnehmen werden. Ich bin davon überzeugt, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen, wenn Arbeitgeber sich nicht immer auf Männer als die ununterbrochen Tätigen verlassen können.

Viele junge Männer teilen diese Ansicht. Fragt man sie, erhält man die Antwort: »Wir wollen eine partnerschaftliche Familie. Wir wollen nicht mehr das Leben unserer Väter. Wir wollen nicht verpassen, wie unsere Kinder heranwachsen. Wir wollen unseren eigenen Eltern zur Seite stehen, wenn sie krank sind.« Wir brauchen Strukturen, die Männern helfen, ihre Vorstellungen auch tatsächlich zu verwirklichen.