Zurück zum Artikel

Links zum Artikel

Weshalb du deine Gefühle zur Klimakrise zulassen solltest

Wut zeigt uns, dass unsere Werte verletzt werden. Trauer heißt, zu würdigen, wie die Welt sich verändert. Diese Gefühle helfen uns, die Klimakrise wirklich wahrzunehmen und ins Handeln zu kommen.

29. März 2021 –  9 Minuten

Wenn Waldpädagogin Kathrin Düser mit Schulkindern über die Klimakrise spricht, dann fängt sie bei deren Gefühlen an. Die Kinder sammeln Gegenstände im Wald, die sie mit den Klimaveränderungen verbinden, und legen sie nach Gefühlen sortiert auf den Boden: Freude, Unsicherheit, Angst und »das ist mir egal«. Zum Beispiel einen vertrockneten Zweig, den sie mit Waldbrand verbinden, in das Feld für die Angst.

»Wenn wir am Ende des Tages noch einmal über die Übung sprechen, sagen viele Kinder, dass sie es toll fanden, dass sie einmal ausdrücken durften, was sie zur Klimakrise fühlen«, sagt Kathrin. »Wenn ich über Gefühle spreche, bleibe ich nicht bei Wissen hängen, hinter dem ich mich verstecken kann. Die Gefühle haben etwas mit mir zu tun.«

Es ist wichtig, unsere Gefühle zur Klimakrise zuzulassen. Sie zeigen uns: Gerade läuft etwas so richtig schief. Und sie können ein Kompass sein, der uns hilft, zu erkennen, in welche Richtung wir gehen wollen. Sie helfen uns, ins Handeln zu kommen und etwas zu verändern. Deshalb stelle ich 5 wichtige Gefühle im Zusammenhang mit der Klimakrise vor und wie diese helfen können.

1. Angst

Klimaangst, auf Englisch Maren Urner schreibt über ihre Angst, sich nicht nachhaltig genug zu verhalten»climate anxiety« oder »eco-anxiety« sind wahrscheinlich die ersten Kandidaten, die uns in der Diskussion um Gefühle im Zusammenhang mit der Klimakrise in den Sinn kommen. Aktivist:innen, Wissenschaftler:innen und Journalist:innen auf der ganzen Welt haben angefangen, öffentlich über ihre Angst vor den Folgen der Klimaveränderungen zu sprechen.

Es ist ein Privileg, die Angst noch wegschieben zu können.

Greta Thunbergs Rede auf dem Weltwirtschaftsforum (englisch, 2019)Greta Thunberg sagte Anfang 2019 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos den berühmten Satz »I want you to panic« und forderte die Menschen auf, die Situation ernst zu nehmen, die Angst zu spüren und entsprechend zu handeln. Die kenianische Klimaaktivistin Elizabeth Wathuti sagte vor etwa einem Jahr dem Guardian: Beitrag im Guardian über psychische Gesundheit und Klimawandel (englisch, 2020)»Menschen in afrikanischen Ländern erleben Klimaangst anders, weil wir die Folgen des Klimawandels jetzt schon spüren.« Diese Aussage zeigt, was für ein Privileg es ist, die Angst überhaupt noch wegschieben zu können, weil man selbst nicht unmittelbar von den Auswirkungen betroffen ist.

Doch mit diesem Privileg geht auch Verantwortung einher: Wenn wir die Angst zulassen, können wir wirklich etwas verändern. Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, Studie darüber, wie die Angst vor dem Klimawandel das Handeln beeinflusst (englisch, 2020)dass vor allem Furcht vor den Folgen der Erderwärmung mit klimafreundlicheren Werten und umweltfreundlicherem Handeln einhergeht.

Dazu befragten die Forschenden Menschen zu ihren Gefühlen zur Klimakrise und zu ihren Werten, ihrem Selbstverständnis sowie ihrem Handeln in Richtung Klimaschutz. Umweltfreundliche Werte waren zum Beispiel »Die Umwelt schützen: Natur und natürliche Ressourcen bewahren« oder »Die Erde respektieren: Harmonie mit der Natur und anderen Spezies«. Umweltfreundliches Handeln hieß zum Beispiel »Lokal produzierte Produkte kaufen« oder »An eine Umweltorganisation spenden«. Die Menschen, die sich immer wieder Sorgen wegen der Klimakrise machten, verhielten sich auch entsprechend.

Dinge, die der Klimakrise entgegenwirken, helfen auch gegen Klimaangst.

Vielleicht denkst du jetzt: Ihr braucht mir nicht sagen, ich soll meine Angst spüren, sie ist schon da – und belastet mich. Eines der besten Dinge, die du dagegen tun kannst: Dich mit anderen zusammentun, auf die Straße gehen, eine Initiative gründen, mit Menschen über die Klimakrise sprechen. Die Dinge, die uns helfen, die Klimakrise zu stoppen, sind auch die Dinge, die gegen die Klimaangst helfen. Dadurch, dass wir etwas tun, fühlen wir uns wieder Katharina Ehmann über Umweltschutz und Selbstwirksamkeitselbstwirksam.

»Die Energie, die durch negative Gefühle entsteht, wird somit in Handeln umgeleitet. Dies wirkt Hilflosigkeit entgegen und vermittelt das positive Gefühl, gemeinsam etwas bewirken zu können«, Blogbeitrag der Psychologists for Future zur Klimaangst (2020)schreiben die Psychologists for Future Die Psychologists (und Psychotherapists) for Future sind ein Zusammenschluss von Psychologen, Psychotherapeuten und Studierenden der Psychologie, die sich mit ihrer Expertise für die Anliegen der Fridays-for-Future-Bewegung einsetzen. auf ihrer Website.

Wichtig ist, sich nicht von der Angst überwältigen zu lassen: Die Rolle der Gefühle bei der Haltung zur Klimapolitik (englisch, 2013)Einige Studien haben gezeigt, dass sich das Sorgenmachen positiv auf unser Umweltverhalten auswirkt – tiefergreifende Angst hingegen nicht. Daraus könnten wir ableiten, dass es wichtig ist, die Sorgen wahrzunehmen und gleichzeitig darauf zu achten, dass uns diese nicht über den Kopf steigen – und zu Ängsten werden, die uns überfordern.

2. Wut

Greta Thunbergs ganze Rede beim Davoser Wirtschaftsforum (englisch, 2019)Wenn ich Greta Thunbergs »How dare you«-Rede ansehe, bekomme ich immer noch Gänsehaut. »Wir stehen am Beginn eines Massensterbens«, sagt sie, »und alles, worüber ihr sprechen könnt, ist Geld und das Märchen von ewigem Wirtschaftswachstum. Wie könnt ihr es wagen?« In dem Video hat Greta teilweise Tränen in den Augen, Tränen des Zorns. Sie sagt, dass sie traurig und wütend ist.

»Wut kann uns helfen, in Aktion zu kommen.«

»Wut zeigt uns, wo unsere Grenzen sind, wo Werte von uns verletzt werden. Wenn wir etwas ungerecht finden, werden wir wütend«, sagt Katharina van Bronswijk, Sprecherin der Psychologists for Future. »Und die Wut gibt uns die Energie, dagegen vorzugehen. Sie kann uns helfen, in Aktion zu kommen und etwas an den Umständen zu ändern.«

Studie über Klimagefühle und Umweltverhalten (englisch, 2021)Eine Studie von australischen Forschenden zeigte kürzlich, dass Wut in der Klimakrise dazu führt, dass sich Menschen mehr für Klimaschutz einsetzen – sowohl im individuellen Verhalten als auch auf kollektiver Ebene. Wer der Wut Raum gibt und sie für sich nutzt, hat also mehr Energie, auf die Straße zu gehen oder sich in Initiativen zu engagieren.

3. Trauer

In ihrem Buch »Unruhig bleiben« schreibt die Wissenschaftstheoretikerin und Feministin Donna Haraway: »Denkende Menschen [müssen] lernen, mitzutrauern. ›Trauern heißt, mit einem Verlust zu verweilen und damit zu würdigen, was er bedeutet, wie die Welt sich verändert hat und wie wir selbst uns verändern müssen, unsere Beziehungen verändern müssen, um von hier aus vorwärtszugehen.‹«

Wie können wir mitbekommen, was gerade passiert, ohne zu trauern?

Die Folgen der Klimakrise spüren wir schon jetzt: Immer mehr Menschen sterben durch Naturkatastrophen und durch Hitze, Menschen werden verletzt, verlieren ihr Zuhause, Tierarten sterben aus, Ökosysteme geraten aus dem Gleichgewicht. Wie können wir mitbekommen, was gerade passiert, ohne zu trauern?

Vielleicht spüren wir diese Trauer in uns, aber hören nicht zu, wollen gar nicht zuhören. Das glaubt zumindest die Ökonomin und Klimagerechtigkeitsaktivistin Tonny Nowshin. Sie sagt: »Je mehr Menschen aufhören, vor diesen Gefühlen und dieser Wahrheit wegzulaufen, desto schneller können wir einen Wandel herbeiführen.« Im englischen Original: »The more and more of us who try not to run away from these emotions and this truth, the faster we can bring about a change.«

Wenn du von Menschen liest, die ihr Zuhause durch Stürme oder Überschwemmungen verlieren, oder ein Video von einem Koala mit Verbrennungen siehst – halte einmal ganz bewusst inne und erlaube dir, Trauer zu spüren.

4. Schuld

Felix Austen zeigt, aus welchen Ländern die Treibhausgase vor allem stammen, die sich heute in der Atmosphäre tummelnSeit der industriellen Revolution haben die USA und Europa mehr als die Hälfte der weltweiten CO2-Emissionen verursachtDie genauen Zahlen zu den CO2-Emissionen nach Region gibt es zum Beispiel bei Our World in Dataganz Afrika und Südamerika zusammen gerade einmal 6%. Wer einmal von Berlin nach New York und zurück fliegt, verursacht mehr Emissionen, als ihr oder ihm für ein ganzes Jahr »zustehen«. Und auch wer regelmäßig Fleisch isst, in einer zu großen Wohnung wohnt, mit dem Auto zur Arbeit fährt, verursacht vielleicht mehr Emissionen, als notwendig wären. Wer sich als einigermaßen wohlhabender Mensch im Globalen Norden mit der Klimakrise beschäftigt, fühlt sich schnell schuldig.

Schuld kann dabei helfen, die Klimakrise zu bekämpfen. Hier kommst du zur Studie über Schuldgefühle und Umweltverhalten (englisch, 2010)Eine Studie im Journal of Environmental Psychology kommt zu dem Ergebnis, dass das Gefühl kollektiver Schuld bei der Klimakrise dazu führt, dass Menschen eher bereit sind, Energie zu sparen und zusätzliche Steuern zu zahlen. Die finnische Philosophin und Tierethikerin Elisa Aaltola schreibt im Journal of Agricultural and Environmental Ethics, Elisa Aaltola über Klimascham als Werkzeug gegen die Klimakrise (englisch, 2021)Klimaschuld könne dabei helfen, politische Veränderungen zu bewirken – sowohl wenn wir uns selbst schuldig fühlen als auch wenn wir Schuld bei anderen sehen.

Menschen im Globalen Norden vermeiden es oft, selbst Schuld zu fühlen.

Aaltola unterscheidet zwischen Schuld und Scham. Schuld fühlen wir, wenn wir uns falsch verhalten – in Bezug auf die Klimakrise also dann, wenn wir etwa viel fliegen oder Fleisch essen, aber auch dann, wenn wir an einer Wirtschaft und einem politischen System teilhaben, das die Klimakrise befeuert. Die Philosophin schreibt auch, dass es besonders Menschen im Globalen Norden oft vermeiden, selbst Schuld zu fühlen oder andere zu beschuldigen. Scham dagegen konzentriert sich auf die Person als Ganzes und nicht nur ihr Verhalten. Wir denken nicht, dass wir etwas Schlechtes getan haben, sondern dass wir schlecht sind. Wir schämen uns zum Beispiel, wenn andere uns kritisieren, und haben Angst, von anderen ausgeschlossen zu werden.

Den Beitrag von Klimaaktivistin und Autorin Mary Annaïse Heglar kannst du bei Vox nachlesen (englisch, 2019)In einem Essay argumentiert die Autorin Mary Annaïse Heglar, dass Scham im Kampf gegen die Klimakrise kontraproduktiv sei. Heglar schreibt über Klimagerechtigkeit und ist eine der Gastgeberinnen des amerikanischen Klimapodcasts Den englischen Podcast »Hot Take« kannst du unter anderem über Apple Podcast, Spotify oder Stitcher hören»Hot Take«. Sie schreibt: »Wenn wir in einer Gesellschaft funktionieren wollen, haben wir keine andere Wahl, als am System teilzuhaben. Uns dafür zu beschuldigen, heißt, unsere Existenz zur Schande zu machen.«

Heglar schreibt ebenfalls, dass Schuld hilfreich sein kann, weil uns das Gefühl zeigt, wenn wir uns entgegen unserer Werte verhalten, und uns so dabei hilft, das zu ändern. Insgesamt argumentiert sie dafür, sich weniger damit zu beschäftigen, ob wir selbst oder andere Menschen ihren Müll trennen oder Fleisch essen. Und unsere Energie darauf zu richten, auf die Straße zu gehen, politische Aktionen zu starten – alles zu tun, um die Industrie und die Politik zur Verantwortung zu ziehen. Heglar schreibt: »Es ist mir egal, wie ›grün‹ du dich verhältst. Liebe linksgrüne Bubble: Ihr macht das falsch mit der Politik!Ich will dich bei der Klimagerechtigkeitsbewegung dabei haben.«

5. Freude

Freude im Zusammenhang mit der Klimakrise? Das Gefühl liegt vielleicht am wenigsten nahe – aber auch positive Emotionen sind wichtig, wenn wir über Veränderungen hin zu mehr Klimaschutz nachdenken.

Das Gefühl, etwas zu bewegen, erfüllt uns und gibt uns Sinn im Leben.

Wie sich verschiedene Gefühle auf das Engagement in der Klimapolitik auswirken (englisch, 2013)In einer Studie aus dem Jahr 2013 untersuchten Forschende in den USA, wie sich verschiedene Gefühle auf die Unterstützung von oder den Widerstand gegen Klimapolitik auswirken. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Sorge am stärksten mit der Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen zusammenhing, gefolgt von Hoffnung und Interesse. Auch Hoffnung auf Veränderung und Interesse an neuen Ideen können also unsere Zustimmung für Klimapolitik stärken – genauso wie Freude über autofreie Straßen oder die Solaranlage auf dem eigenen Dach.

Auch wenn wir sehen, was wir in Gruppen bewegen können, freuen wir uns. Durch das gemeinsame Engagement finden wir Freund:innen und bauen nährende Beziehungen auf. Das Gefühl, etwas zu bewegen, erfüllt uns und gibt uns Sinn im Leben. Das alles sind Erfahrungen, die dazu beitragen, dass wir uns über Veränderungen freuen, statt Angst zu haben, dass uns etwas weggenommen wird.

Gefühle da sein lassen

Wenn Kathrin Düser im Wald ihre Übung mit den Kindern macht, liegen die meisten Gegenstände am Ende oft beim Gefühl der Unsicherheit. Im Bereich »das ist mir egal« liegt fast nie etwas. Auch wenn wir unangenehme Gefühle gerne mal unterdrücken oder uns ablenken – wenn wir wirklich ehrlich mit uns sind, löst der Gedanke an die Klimakrise bei ganz vielen Gefühle aus.

Sobald wir diese Gefühle zulassen, ist die Klimakrise ganz nah bei uns. Sie macht uns Angst, sie macht uns wütend – sie betrifft uns ganz direkt. Die Gefühle da sein zu lassen, ist gar nicht so einfach. Aber wer sich traut, hat schon ganz viel erreicht. Die Umweltaktivistin und Autorin Joanna Macy hat das einmal so ausgedrückt: »Das Radikalste, was jeder von uns derzeit tun kann, ist, sich mit vollem Bewusstsein dem auszusetzen, was in der Welt passiert.«

Redaktion: Felix Austen

Dieser Artikel ist Teil des journalistischen Projekts »Tu, was du für richtig hältst!«, das dir helfen soll, dein Verhalten mit deinen Idealen in Einklang zu bringen. Um mehr darüber zu erfahren und herauszufinden, wie groß die Lücke zwischen deinen Idealen und deinem Verhalten ist, klicke hier! Das Projekt erfolgt in Kooperation mit dem Wuppertal Institut (WI) und wird gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

Titelbild: Denis Sazhin - CC BY

von Katharina Mau 
Katharina Mau dachte einmal, sie sei zu introvertiert, um Journalistin zu werden. Inzwischen telefoniert sie im Großraumbüro. Die Volkswirtin hat an der Deutschen Journalistenschule gelernt und arbeitet als freie Journalistin für diverse Medien. Sie verzichtet auf Plastiktüten und kauft Hafermilch, isst aber manchmal Avocados aus Chile.
Themen:  Psychologie   Klima  

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Weitere Artikel für dich