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Wie uns ein gutes Gewissen zu schlechten Taten verführt: Moralisches Lizenzieren

Unser Gewissen funktioniert wie ein Konto. Für gute Taten gibt es Pluspunkte, mit denen wir später kleine Sünden rechtfertigen. Das kann zu abstrusen Ergebnissen führen – und lässt sich doch leicht ändern.

8. April 2021 –  9 Minuten

Vegan leben, aber dann nach Thailand fliegen?

Ökostrom beziehen, aber dann den Fernseher auf Standby stehen lassen?

Den Leinenbeutel mitnehmen, aber dann in Plastik verpackte Lebensmittel kaufen und mit dem Auto zum nahe gelegenen Biomarkt fahren?

Solche scheinbar widersprüchlichen Verhaltensweisen finden wir wohl fast alle in unserem alltäglichen Verhalten – besonders wenn es um Nachhaltigkeit geht. Wir geben uns viel Mühe, Hier kannst du mit unserem Wert-O-Maten überprüfen, wie sehr dein Handeln mit deinen Werten übereinstimmtentsprechend unserer Werte zu handeln, und dann tun wir plötzlich etwas, was scheinbar gar nicht zu uns passt.

Auch ich kenne das. Um die Umwelt zu schonen, wickle ich meine Kinder mit waschbaren Stoffwindeln. Gleichzeitig verwende ich aber Wegwerftücher, die sich nicht recyceln lassen. In meinem Kopf klingt das Ganze allerdings etwas anders: Ich benutze Stoffwindeln und vermeide damit so viel Müll, dass ein paar Feuchttücher nicht ins Gewicht fallen.

Wie widersprüchlich mein Verhalten ist, habe ich nicht bemerkt

Diese Art von Ausrede kommt einigen vielleicht bekannt vor: Spart eine vegane Lebensweise nicht so viel CO2 ein, dass ein Flug nach Thailand nicht so sehr ins Gewicht fällt? Und ist der Leinenbeutel nicht so nachhaltig, dass es okay ist, das plastikverpackte Gemüse zu kaufen? Solange ich diese Argumentationsweise nicht hinterfragt habe, hat sie, zumindest für mich, wunderbar funktioniert – wie widersprüchlich mein Verhalten manchmal ist, ist mir dabei lange gar nicht aufgefallen.

Mittlerweile frage ich mich, warum ich so denke – und ob ich überhaupt etwas daran ändern kann? Um Antworten darauf zu finden, müssen wir verstehen, wie unser Gewissen funktioniert.

Das Problem mit dem Moralkonto

Im Prinzip arbeitet unser Gewissen wie ein Konto, bei dem wir genau darauf achten, ob es ausgeglichen ist. Steht das Konto im Minus, etwa weil wir etwas getan haben, was gegen unsere Grundsätze verstößt, haben wir ein schlechtes Gewissen.

Wir empfinden Schuld und möchten etwas tun, um diese wieder loszuwerden. Wenn wir dann etwas Gutes tun und so handeln, wie wir es für richtig halten, schnellt unser Moralkonto wieder ins Plus. Haben wir einen Überschuss guter Taten gesammelt, haben wir das Gefühl, eine Art moralisches Guthaben zu besitzen. Dann plagen uns nicht so schnell Gewissensbisse und wir können uns den einen oder anderen Ausrutscher erlauben – schließlich haben wir mit unseren vorherigen Taten gezeigt, dass wir gute Menschen sind.

Weil wir so denken, entstehen Widersprüchlichkeiten in unserem Verhalten. Wir nutzen unser gutes Gewissen, um (unserer Ansicht nach) weniger gute Entscheidungen oder Handlungen zu rechtfertigen. In der Psychologie wird das als moralisches Lizenzieren bezeichnet.

Moralisches Lizenzieren

Es gibt verschiedene Bereiche, in denen wir Moralpunkte sammeln oder ausgeben: etwa wenn es um Umweltbewusstsein, vorurteilsfreies Handeln oder verantwortungsbewusste Ernährung und Konsum geht. Einige Studien deuten darauf hin, dass es Verbindungen zwischen diesen Bereichen gibt. In einer Untersuchung der Psycholog:innen Nina Mazar and Chen-Bo Zhong schummelten Teilnehmende, die Bio-Produkte gekauft hatten, anschließend eher in einem Computerspiel, um mehr Geld zu bekommen, als Personen, die die herkömmlichen Produkte gewählt hatten. Die Befragten nutzten also die Punkte, die sie sich mit der Wahl der Bio-Produkte gerade auf ihr ökologisches Moralkonto gutgeschrieben hatten, um einen Regelbruch zu rechtfertigen. Das Feilschen mit dem eigenen Gewissen kann dabei vom eher harmlosen Abwägen zwischen Stoffwindeln und Feuchttüchern bis hin zur Rechtfertigung rassistischer Verhaltensweisen reichen. Hier wird klar: Es gibt verschiedene Dimensionen des moralischen Ablasshandels, die verschiedene Folgen haben.

Eine Studienreihe aus den USA legt nahe, wie solche Denkweisen sogar gesellschaftliche Auswirkungen haben können. In den Untersuchungen, die kurz vor der ersten Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten durchgeführt wurden, wurde ein Teil der Proband:innen An den Studien nahmen hauptsächlich Personen teil, die angaben, weiß oder Amerikaner:innen asiatischer Abstammung zu sein. direkt am Anfang gefragt, ob sie Obama wählen würden. Die übrigen Personen bekamen diese Frage erst am Ende der Befragung gestellt. Wer zu Beginn seine Unterstützung für Barack Obama kundtun konnte, bevorzugte anschließend eher weiße Bewerber:innen für eine Stelle (Studie 1) und verteilte mehr Geld an Hilfsorganisationen für weiße Menschen (Studie 2) als die anderen Teilnehmenden. Die Autor:innen der Studie erklären dieses Verhalten so: Mit der Zustimmung für Barack Obama konnten die Befragten nicht nur ihre politische Gesinnung zeigen, sondern auch, dass sie keine Vorurteile haben. Bei der folgenden Aufgabe zur Bewerberauswahl oder Geldaufteilung fiel es ihnen deshalb leichter, eine Wahl zu treffen, die Weiße bevorzugt und die als diskriminierend wahrgenommen werden könnte.

Moralisches Lizenzieren kann Fortschritte verhindern

Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen kann moralisches Lizenzieren zum Problem werden. Hier findest du die Studie zu den paradoxen Auswirkungen der Nachhaltigkeitskampagne (englisch, 2013, Paywall)Das zeigt zum Beispiel eine Studie von Verena Tiefenbeck, Juniorprofessorin für Digitale Transformation an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, und ihren Kolleg:innen zur Wirkung einer Nachhaltigkeitskampagne. Um Bewohner:innen eines Apartmentkomplexes bewusst zu machen, wie viel Wasser sie nutzten, bekamen sie wöchentlich Feedback zu ihrem Verbrauch.

Die Maßnahme wirkte und sie sparten 6% Wasser ein. Gleichzeitig verbrauchten sie aber 5,6% mehr Strom als Personen in Wohnungen, die keine Rückmeldung zu ihrem Wasserbedarf bekamen. Die Wissenschaftler:innen vermuten, dass die Freude über die Einsparung beim Wasser zu einem sorgloseren Umgang mit Strom führte. Damit war die positive Wirkung der Kampagne nicht nur hinfällig, sie hatte sogar einen höheren Energieverbrauch zur Folge.

In einer Studie führte die Freude über gespartes Wasser zu einem erhöhten Stromverbrauch und machte die Wirkung der Einsparung zunichte. – Illustration: Mirella Kahnert

Ein gutes Gewissen gibt es gratis dazu – Moral Labeling

Unser Wunsch nach Rechtfertigung und einem reinen Gewissen ist natürlich auch den Marketingabteilungen bekannt, deshalb liefern viele Produkte die moralische Lizenz gleich mit. Mit Aufdrucken wie »umweltfreundlich«, »conscious« Englisch: »bewusst«. oder »nachhaltig« animieren sie zum Kauf. Hier erklärt H&M die Conscious-Punkte (2021)Das schwedische Textilhandelsunternehmen H&M ermöglicht es seinen Kund:innen beispielsweise, Conscious-Punkte zu sammeln, damit sie »ihre nachhaltigen Entscheidungen einfacher verfolgen und noch bewusster einkaufen können«. Bringen die Käufer:innen etwa ihre eigene Einkaufstasche mit, erhalten sie 3 Conscious-Punkte.

Das Problem bei diesem Eine ausführliche Erklärung zu den negativen Folgen von Moral Labeling und eine Übersicht zu möglichen Gegenmaßnahmen findest du hier (englisch, 2019)Moral Labeling (englisch: moralisches Etikettieren): Es fördert die Auffassung, dass die Produkte gut für die Umwelt seien, obwohl sie eigentlich nur etwas weniger schlecht sind als herkömmliche Alternativen. Wir wählen die als »grün« gekennzeichneten Artikel, weil wir der Natur etwas Gutes tun wollen, und kaufen und verbrauchen somit mehr, als wir es vielleicht ohne den Aufdruck tun würden. Es ist trotzdem wichtig, nachhaltige und klimafreundliche Artikel als solche zu kennzeichnen. Dafür sind zertifizierte Bio-Siegel essenziell, denn sie zeigen auf den ersten Blick, dass die Produkte festen ökologischen Standards entsprechen. Mehr über Bio-Siegel erfährst du in diesem Text von Maria Stich. Ein nachhaltig produziertes T-Shirt zu kaufen ist sicher besser fürs Klima, aber am besten ist es immer noch, gar kein neues T-Shirt zu kaufen, wenn wir es nicht brauchen.

Die Beispiele machen deutlich, in welchen Bereichen unser Wunsch nach Rechtfertigung zum Problem werden kann. Moralpunkte gegeneinander abzuwägen funktioniert zwar wunderbar in unserem Kopf, hilft in der Realität aber oft nicht weiter. Wenn ich das ganze Jahr über mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren bin und jetzt nach Thailand fliege, ändert das nichts an den Emissionen, die mein Flug verursacht. In der Realität bestehen die Auswirkungen meines Handelns trotzdem. CO2 (oder Strom oder Müll), das ich an einer Stelle gespart habe, gleicht meinen Verbrauch an einer anderen Stelle nicht aus – auch so etwas wie Minus-Strom oder Minus-Müll gibt es nicht.

Moralische Trickkiste – Ich zaubere mir eine Rechtfertigung

Besonders gern greifen wir auf unser Moralkonto zurück, wenn wir mit Entscheidungen kämpfen, die uns einen Verzicht oder besonderen Einsatz abverlangen. Dabei ist es erstaunlich, wie leicht wir Wege finden, um ein paar zusätzliche Moralpunkte auf unser Konto zu laden. Selbst die guten Vorsätze von morgen nutzen wir, um uns heute schon gegen ein schlechtes Gewissen immun zu machen: »Ab der nächsten Woche fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit, da kann ich heute noch mal das Auto nehmen.«

Wie wir die guten Taten anderer für uns nutzen, zeigt diese Studie (englisch, 2011, Paywall)Manchmal rechnen wir sogar die guten Taten unserer Mitmenschen auf unser Moralkonto an. Das kann sich dann zum Beispiel so anhören: »Ich bin Mitglied bei den Grünen. Da ist es doch völlig klar, dass mir Naturschutz am Herzen liegt. Wenn ich ausnahmsweise nach Berlin fliege, statt den Zug zu nehmen, ist das auch mal okay.«

Dass diese Abwägungen nicht immer Sinn ergeben, ist offensichtlich – doch warum genau denken wir dann so?

Woher kommt das Kompensationsdenken?

Eine ausführliche Erklärung, wie sich das Ausgleichsdenken im moralischen Handeln entwickelt hat, findest du hier (englisch, 2019)Wissenschaftler:innen vermuten, dass der Wunsch nach Balance in unserem moralischen Handeln daher stammt, dass wir Heuristiken, Heuristiken sind Denkstrategien, die uns helfen, in komplexen Situationen schnell und auch ohne umfassendes Wissen Entscheidungen zu treffen. Sie bestehen aus Regeln, die sich im Laufe der Evolution durchgesetzt haben oder erlernt wurden. Auch wenn sie in den meisten Lebenssituationen hilfreich sind, sind sie doch anfällig für Fehler. also schnelle, einfache Faustregeln verwenden, die sich ursprünglich entwickelt haben, um die Kooperation mit anderen Menschen zu regeln. Reziprozität – ich gebe dir etwas, du gibst mir etwas – und Ausgeglichenheit sind die Grundregeln, nach denen Beziehungen und unser Zusammenleben funktionieren. Sie sind zentral für das Überleben der Menschheit.

»Ich gebe dir etwas, du gibst mir etwas«, diese Art zu denken ist zentral für das Überleben der Menschheit. – Illustration: Mirella Kahnert

Im Laufe der Evolution hat sich unser Gehirn deshalb darauf spezialisiert, die Balance in Interaktionen zu berechnen und zu erhalten. Tut uns jemand einen Gefallen, fühlen wir uns verpflichtet, uns dafür zu revanchieren. Auch wenn es manchmal Jahre dauern kann, bis wir die Gelegenheit dazu bekommen, vergessen wir nicht, dass wir eine Schuld zu begleichen haben. So bleiben Beziehungen auch über längere Zeiträume stabil. Weil das Ausgleichsdenken uns so gute Dienste erwiesen hat, wenden wir es auch in anderen Bereichen an, etwa bei moralischem Handeln oder in unserem Verhältnis zur Umwelt.

Solche Heuristiken unterstützen uns dabei, uns in der komplexen Welt zurechtzufinden, ohne überfordert zu sein. Wenn wir es einmal nicht schaffen, uns unseren Werten entsprechend zu verhalten, dann helfen sie, Stress und Schuldgefühle abzubauen und schnell damit abzuschließen. Würden wir uns wegen jedes (unvermeidlichen) Fehltritts mit Schuldgefühlen überladen, würde uns das eher lähmen als weiterbringen.

Was hilft?

Dass wir manchmal versuchen, unser Verhalten zu rechtfertigen, hat also einen guten Grund und ist auch nicht grundsätzlich schlecht. Es heißt aber nicht, dass wir nichts gegen Verhaltensweisen, die uns stören, unternehmen können.

Hast du beim Lesen vielleicht die eine oder andere Situation wiedererkannt, in der du einen Ablasshandel mit dir selbst eingegangen bist, über den du dich im Nachhinein ärgerst? Diese Erkenntnis kann dich dabei unterstützen, solche Denkmuster auch in Zukunft in deinem Verhalten zu bemerken. Dann kannst du bewusst entscheiden, was dir in dieser Situation wirklich wichtig ist.

Sich selbst zu durchschauen, kann helfen, mehr nach den eigenen Werten zu handeln. Dies jederzeit zu 100% zu tun, ist jedoch kaum möglich – auch das anzuerkennen, ist wichtig. Realistischer ist das Ziel, verantwortungsbewusst, nach bestem Wissen und vor allem nach den eigenen Möglichkeiten zu handeln. Was das für jede:n Einzelne:n bedeutet, ist dabei höchst individuell.

Für mich persönlich habe ich beschlossen, beim Wickeln zu Hause wieder auf Waschlappen umzusteigen und die Wegwerf-Feuchttücher eher unterwegs zu benutzen. Außerdem versuche ich, schon direkt beim Einkaufen besser auf meine Rechtfertigungsversuche zu achten – dabei bin ich nämlich besonders anfällig für moralisches Lizenzieren.

Redaktion: Lara Malberger

Dieser Artikel ist Teil des journalistischen Projekts »Tu, was du für richtig hältst!«, das dir helfen soll, dein Verhalten mit deinen Idealen in Einklang zu bringen. Um mehr darüber zu erfahren und herauszufinden, wie groß die Lücke zwischen deinen Idealen und deinem Verhalten ist, klicke hier! Das Projekt erfolgt in Kooperation mit dem Wuppertal Institut (WI) und wird gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).