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Durch Deutschland muss wieder ein Ruck gehen

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Durch Deutschland muss wieder ein Ruck gehen

16. Januar 2017
Themen:

»Wir gefallen uns in Angstszenarien«, sagte Roman Herzog – vor 20 Jahren. Seine Rede klingt sehr nach Deutschland 2017.



Ich weiß nicht, in welchem Alter ich gelernt habe, was Politik bedeutet. Aber ich weiß noch: Der erste Bundespräsident, an den ich mich erinnern kann, war Roman Herzog. Als ich 8 war, hielt er eine viel beachtete Rede im Hotel Adlon. (Zugegeben, damals ging das an mir vorbei.)

20 Jahre später, nach Roman Herzogs Tod, habe ich den Text zum ersten Mal komplett gelesen. Er adressiert zwar Themen der 1990er-Jahre, aber mit einer Weisheit, die uns 2017 sehr viel bringen kann. Ein Großteil seiner »Ruck-Rede« ist aktueller denn je. Ich habe seinen Appell zum Aufbruch ins Jahr 2017 »übersetzt«.

Der folgende Text ist eine gekürzte Fassung der Rede, die Bundespräsident Roman Herzog am 26. April 1997 im Hotel Adlon, Berlin hielt. Originaltext der Rede auf der Seite des Bundespräsidialamtes Originaltext mit freundlicher Genehmigung des Bundespräsidialamtes. In kursiv stehen meine Anmerkungen.

Unsere ängstliche Gesellschaft

(…)

Wer heute in unsere Medien schaut, der gewinnt den Eindruck, dass Pessimismus das allgemeine Lebensgefühl bei uns geworden ist.

Bingo, Herr Herzog. Irgendwie beruhigend, dass es Ihnen vor 20 Jahren auch schon so ging. Starten wir einen neuen Ruck in der Medienlandschaft.

Das ist ungeheuer gefährlich, denn nur zu leicht verführt Angst zu dem Reflex, alles Bestehende erhalten zu wollen, koste es was es wolle. Eine von Ängsten erfüllte Gesellschaft wird unfähig zu Reformen und damit zur Gestaltung der Zukunft. Angst lähmt den Erfindergeist, den Mut zur Selbständigkeit, die Hoffnung, mit den Problemen fertigzuwerden. Unser deutsches Wort »Angst« ist bereits als Symbol unserer Befindlichkeit in den Sprachschatz der Amerikaner und Franzosen eingeflossen. »Mut« oder »Selbstvertrauen« scheinen dagegen aus der Mode gekommen zu sein.

Maren Urner über Angst und was dagegen hilft Angst war vielleicht die Emotion, Angst gilt als eine der grundlegenden Emotionen und einige Wissenschaftler und Philosophen bezeichnen sie als wichtigste Emotion. Fest steht, dass sie vor allem mit Blick auf die Evolution eine wichtige Rolle beim Überleben spielt: Wer Angst hat, sorgt sich um sein Überleben. die das Jahr 2016 mal wieder am stärksten geprägt hat. Zum Teil war sie Mein Text über Angst in der Gesellschaft in der Gesellschaft greifbar, zum Teil wurde sie jedoch auch überhöht und unnötig geschürt. Nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz berichteten viele Journalisten reflexhaft über eine Der Branchendienst Meedia über die »Angst«-Ausgabe der Bild Angstreaktion in der Gesellschaft, die andere Kommentar bei Spiegel Online: »Ich kann keine Angst spüren« überhaupt nicht wahrnahmen.

(…)

Führen wir angesichts dieser Probleme überhaupt noch die richtigen Debatten? Ich will ganz unten ansetzen: Die Welt um uns herum ist hochkompliziert geworden, der Bedarf an differenzierten Antworten wird infolgedessen immer größer. Aber gerade bei den Themen, die am heftigsten diskutiert werden, ist der Informationsstand des Bürgers erschreckend gering. Umfragen belegen, dass nur eine Minderheit weiß, um was es bei den großen Reformen derzeit eigentlich geht. Das ist ein Armutszeugnis für alle Beteiligten: die Politiker, die sich allzu leicht an Detailfragen festhaken und die großen Linien nicht aufzeigen, die Medien, denen billige Schlagzeilen oft wichtiger sind als saubere Information, die Fachleute, die sich oft zu gut dafür sind, in klaren Sätzen zu sagen, »was Sache ist«.

Heute sind es zwar auch noch manche Medien, aber vor allem einzelne Politiker, denen billige Schlagzeilen wichtiger sind als saubere Information. Die billigen Schlagzeilen sind mittlerweile auch auf der politischen Bühne angekommen: Politiker wie die Meinungsführer bei der AfD bedienen sich am Instrumentarium des Mein Text über das Werkzeug Populismus Populismus, um ihre Vorstellungen unters Volk zu bringen. Neben Medien und Politikern hat dank des Internets theoretisch jeder Bürger publizistische Macht. Und einige reklamieren für sich, überhaupt als einzige auszusprechen, »was Sache ist«, ohne dass es fachlich fundiert wäre. Wie Sie schon sagten: »Der Bedarf an differenzierten Antworten wird immer größer.«

Stattdessen gefallen wir uns in Angstszenarien. Kaum eine neue Entdeckung, bei der nicht zuerst nach den Risiken und Gefahren, keineswegs aber nach den Chancen gefragt wird. Kaum eine Anstrengung zur Reform, die nicht sofort als »Anschlag auf den Sozialstaat« unter Verdacht gerät.

Die Chancen neuer Gegebenheiten passen nicht so gut ins bekannte Narrativ: Früher war alles besser! Das gilt übrigens nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt, wie Schaubilder bei Vox.com veranschaulichen. Immerhin steht der Staat als Financier der Sozialleistungen Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar über verschiedene Deutschland-Bilder so gut da wie nie zuvor – trotzdem entstehen hitzige Diskussionen, wenn er mehr Menschen unterstützen will. Kaum ein Thema hat die Gemüter mehr erhitzt als die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel. In der Debatte überwiegen oft Emotionen über Fakten.

(…)

Von Eliten und Ehrlichkeit

Können unsere Eliten über die dogmatischen Schützengräben hinweg überhaupt noch Entscheidungen treffen? Wer bestimmt überhaupt noch den Gang der Gesellschaft: Diejenigen, die die demokratische Legitimation dazu haben, oder jene, denen es gelingt, die Öffentlichkeit für ihr Thema am besten zu mobilisieren? Interessenvertretung ist sicher legitim. Aber erleben wir nicht immer wieder, dass einzelne Gruppen durch die kompromisslose Verteidigung ihrer Sonderinteressen längst überfällige Entscheidungen blockieren können? Ich mahne zu mehr Verantwortung!

Den Diskurs oder zumindest seine Tonalität bestimmen 2017 jene, die die Öffentlichkeit am besten mobilisieren. In Ihrer rhetorischen Frage, Herr Herzog, schwingt mit, dass das 1997 wenig anders war. Die Frederik v. Paepcke über die dogmatischen Schützengräben im Gespräch mit einem Freund dogmatischen Schützengräben ziehen sich heute vor allem durch das Themenfeld der Migration, des Asyls und der Integration: Zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung hat jeder eine Meinung – entsprechend emotional fallen die Debatten zwischen Befürwortern und Gegnern aus. Es ist an der Zeit, Ihre Mahnung zu mehr Verantwortung zu erneuern, solange diese Themen aus machtpolitischem Kalkül missbraucht werden. Aber auch als Medien herauszuarbeiten, dass sich bei Weitem nicht alle für populistische Ideen begeistern lassen.

(…)

Eliten müssen sich durch Leistung, Entscheidungswillen und ihre Rolle als Vorbild rechtfertigen. Ich erwarte auch eine klare Sprache! Wer – wo auch immer – führt, muss den Menschen, die ihm anvertraut sind, reinen Wein einschenken, auch wenn das unangenehm ist.

Der Begriff »Eliten« ist heute negativer konnotiert als vor 20 Jahren – AfD, Pegida und Co. sprechen noch lieber vom Establishment –; grundsätzlich ist es aber dabei geblieben. Dem politischen Diskurs tut es nicht gut, wenn ein designierter US-Präsident bei seiner Pressekonferenz einen CNN-Reporter als SPON zu Donald Trumps Pressekonferenz »Fake News« bezeichnet oder eine in Deutschland aufstrebende Partei wie die AfD mit vermeintlich einfachen Antworten auf komplexe Fragen lockt.

(…)

Das Problempanorama ließe sich beliebig vervollständigen. Aber ich habe vorhin gesagt, es fehlt uns nicht an Analysen, sondern am Handeln. Deshalb will ich mich jetzt der Frage zuwenden: Was muss geschehen?

Genau, lasst uns konstruktiv über Vorschläge diskutieren! Dabei sollen die möglichen Einschränkungen uns nicht den Blick auf die Chancen verstellen.

Wir brauchen eine Vision für morgen

Ich meine, wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag zugunsten der Zukunft. Alle, wirklich alle Besitzstände müssen auf den Prüfstand. Alle müssen sich bewegen. Wer nur etwas vom anderen fordert – je nach Standort von den Arbeitgebern, den Gewerkschaften, dem Staat, den Parteien, der Regierung, der Opposition –, der bewegt gar nichts.

Das passt perfekt zum vielleicht wichtigsten globalen Thema des Jahrhunderts: Wir müssen alle Frederik v. Paepcke über einen globalen Emissionshandel an einem Strang ziehen, um die Erderwärmung einzudämmen. Wie kompliziert das bereits in Deutschland ist, David Ehl über die deutschen Streitigkeiten zum Klimaschutzplan 2050 hat sich im vergangenen Herbst bestätigt, als jeder Akteur eine Ausrede fand, warum ausgerechnet er vom CO2-Fasten ausgenommen werden sollte. Und dann kommen noch 192 andere Staaten hinzu. Langsam bewegt sich was – aber wenn die Staatengemeinschaft nicht schneller wird, Maren Urner und Felix Austen rufen den Klima-Notstand aus bleibt irgendwann nur noch der Notstand. Um sich also so universalen Herausforderungen wie dem Klimawandel, aber auch der Sicherheit anzunehmen, braucht es die im Grunde von Ihnen, Herr Herzog, geforderte Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren, sich zu informieren und nicht nur über die Köpfe der anderen hinweg zu fordern.

Zuerst müssen wir uns darüber klar werden, in welcher Gesellschaft wir im 21. Jahrhundert leben wollen. Wir brauchen wieder eine Vision. Visionen sind nichts anderes als Strategien des Handelns. Das ist es, was sie von Dirk Walbrühl über Utopien Utopien unterscheidet.

Visionen können ungeahnte Kräfte mobilisieren: Ich erinnere nur an die Vitalität des »American Dream«, an die Vision der Perestroika, an die Kraft der Freiheitsidee im Herbst 1989 in Deutschland.

Auch die Westdeutschen hatten einmal eine Vision, die sie aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges emporführte: die Vision der sozialen Marktwirtschaft, die Wohlstand für alle versprach und dieses Versprechen gehalten hat. Die Vision, das im Krieg geschlagene und moralisch diskreditierte Deutschland in die Gemeinschaft demokratischer Staaten und nach Europa zurückzuführen. Und schließlich die Vision der Vereinigung des geteilten Deutschlands.

Diese Vision ist ein bisschen in den Hintergrund geraten Mein Essay über die Mauern in den Köpfen auch, weil viele glauben, sie sei bereits Realität. Also: Auf zu einer neuen Vision! Wir sollten die Chance nutzen, dass Mein Text über Christen in der AfD außer der AfD kaum jemand Spiegel Online über die Leugner des Klimawandels die menschengemachte Erderwärmung kategorisch in Frage stellt. In Deutschland läuft ein Großprojekt, das anders als BER und Stuttgart 21 wirklich gut voranschreitet: die Energiewende. Wir könnten dieses Projekt gemeinsam vertiefen; Bürger, Politiker, alle miteinander. Das wäre zumindest ein Thema, das unsere Gesellschaft der Zukunft stärken kann.

In welchem Deutschland leben wir 2020?

Niemand darf von mir Patentrezepte erwarten. Aber wenn ich versuche, mir Deutschland im Jahr 2020 vorzustellen, dann denke ich an ein Land, das sich von dem heutigen doch wesentlich unterscheidet.

Jetzt steht 2020 schon fast vor der Tür – also wir haben noch 3 Jahre Zeit.

Erstens: Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft der Selbständigkeit anzustreben, in der der Einzelne mehr Verantwortung für sich und andere trägt, und in der er das nicht als Last, sondern als Chance begreift? Eine Gesellschaft, in der nicht alles vorgegeben ist, die Spielräume öffnet, in der auch dem, der Fehler macht, eine zweite Chance eingeräumt wird. Eine Gesellschaft, in der Freiheit der zentrale Wert ist und in der Freiheit sich nicht nur durch die Chance auf materielle Zuwächse begründet.

Heute, Anfang 2017, geht es Deutschland, vor allem aber den Deutschen so gut wie selten – die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren, … davon profitieren jedoch nicht alle und in der Gesellschaft existiert nicht allzu viel Vertrauen in die Der Stern über soziale Gerechtigkeit Chancengleichheit. Der soziale Aufstieg bleibt schwierig und auch die Frage, Juliane Metzker über Fremdbilder wem überhaupt Chancen eingeräumt werden sollen, ist strittig. So weit hat sich unsere Welt also nicht gedreht: Eine Gesellschaft der Selbstständigkeit ist weiterhin eher ein Ziel als ein Erfolg.

Zweitens: Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft anzustreben, die nicht mehr wie heute strikt in Arbeitsplatzbesitzer und Menschen ohne Arbeit geteilt ist? Arbeit wird in Zukunft anders sein als heute: Neue, wissensgestützte Berufe werden unqualifizierte Jobs verdrängen und es wird mehr Dienstleistungen als industrielle Arbeit geben. Statt Lebensarbeitsplätzen wird es mehr Mobilität und mehr Flexibilität geben, auch zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Arbeit dient nicht nur dem Lebensunterhalt, Arbeit kann und soll auch Freude machen und Stolz vermitteln. Niemandem, der sich mit voller Kraft engagiert, darf deswegen ein schlechtes Gewissen eingeredet werden.

In diesem Feld geht die Arbeit erst richtig los: Konzepte zur Ordnung der Arbeit wie das Peter Dörrie über einen BGE-Feldversuch in Kenia Bedingungslose Grundeinkommen kommen so langsam in die heiße Testphase. Und auch von innen heraus wandelt sich die Arbeitswelt: Immer mehr Menschen wollen ihren Arbeitstag damit verbringen, Maren Urner über sinnvolle Arbeit etwas Sinnvolles zu tun.

Drittens: Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft der Solidarität anzustreben – nicht im Sinne der Maximierung von Sozialtransfers, sondern im Vertrauen auf das verantwortliche Handeln jedes Einzelnen für sich selbst und die Gemeinschaft? Solidarität ist Hilfe für den, dem die Kraft fehlt, für sich selbst einzustehen. Solidarität heißt aber auch Rücksicht auf die kommenden Generationen.

Hier haben wir Stand Januar 2017 Nachholbedarf: Die Zahl der David Ehl war 24 Stunden mit Wohnungslosen unterwegs Wohnungslosen steigt und für die Rentenpolitik muss in absehbarer Zeit ein neues Konzept her. Allerdings sei auch gesagt, dass viele Menschen viel Kraft, Zeit und Geld für andere aufwenden. Als im Spätsommer 2015 besonders viele Geflüchtete ankamen, engagierten sich unzählige Menschen, wo gerade Hilfe gebraucht wurde. Zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe oder Solidaritätskundgebungen für Menschen in Kriegsregionen weltweit. Denn gerade Juliane Metzker über einen Friedensmarsch Richtung Aleppo eine Solidarität, die sich auch nach außen richtet, kann im Inneren wirken. Die Deutschen handeln Han Langeslag über Effektiven Altruismus altruistischer als noch vor einigen Jahren.

Viertens: Ich erwarte eine Informations- und Wissensgesellschaft. Das ist die Vision einer Gesellschaft, die jedem die Chance einräumt, an der Wissensrevolution unserer Zeit teilzuhaben. Das heißt: bereit zum lebenslangen Lernen zu sein, den Willen zu haben, im weltweiten Wettbewerb um Wissen in der ersten Liga mitzuspielen. Dazu gehört vor allem auch ein aufgeklärter Umgang mit Technik.

Die zahlreichen Informationen stellen uns vor eine völlig neue Herausforderung: Jeder Bürger muss gewichten, welche Informationen und Quellen vertrauenswürdig sind. Medienkompetenz ist nicht nur Sache der Schulen. Dirk Walbrühl über die Modernisierung des Bildungssystems Im Bereich der Bildung hätten wir seit 1997 sicher mehr tun können. Hier existiert, besonders im Umgang mit neuen Medien, noch ein gewisses Maß an Ratlosigkeit. Deshalb ist wichtig, dass jetzt über Nicolas Rose fordert Informatik als Pflichtfach Informatik als Pflicht-Schulfach debattiert wird.

(…)

Eine Reform an der Gesellschaft

Wir brauchen aber nicht nur den Mut zu solchen Visionen, wir brauchen auch die Kraft und die Bereitschaft, sie zu verwirklichen. Ich rufe auf zur inneren Erneuerung! Vor uns liegt ein langer Weg der Reformen. Wir müssen heute mit dem ersten Schritt beginnen.

Damit meinen Sie vor allem politische Reformen – der Reformbedarf von heute ist eher gesellschaftlicher Natur. Nachdem 2016 schon Frederik v. Paepcke über die Schwarzmalerei nach der US-Präsidentschaftswahl der Weltuntergang herbeigeschrieben wurde, ist 2017 ein erstklassiger Zeitpunkt, »out of the box«, also grundsätzlich neu zu denken und neue Perspektiven einzunehmen. Wir müssen uns darüber klar werden, welche Welt wir durch unsere Taten und unsere Äußerungen mit erschaffen. Online ist die Gesellschaft räumlich näher zusammengerückt, in ihren Lebensrealitäten ist sie vielleicht verstreuter denn je – jeder baut um sich herum (in unterschiedlichem Ausmaß) seine eigene Dirk Walbrühl über Echokammern Meinungs-Blase. Wir müssen einander mehr zuhören und brauchen mehr Empathie für unsere Übernächsten.

(…)

Der Weg in die von mir skizzierte Gesellschaft beginnt mit dem Nachholen all der Reformen, die bislang liegen geblieben sind. Wir müssen endlich die Reformhausaufgaben machen, über die wir schon so lange reden.

Das sind vor allem Hausaufgaben im Bereich der Steuer- und Lohnpolitik, die ein weiteres Aufspreizen der Einkommensschere verhindern.

Wir müssen aber ebenso schon heute den Blick darüber hinaus richten. Die angesprochenen Reformen werden für sich allein genommen nicht ausreichen, die Zukunft zu gewinnen.

Ich möchte dazu etwas grundsätzlicher werden.

Wir erleben heute, dass dem Menschen ein Zuwachs an Sicherheit durch staatliche Vorsorge oft wichtiger ist als der damit einhergehende Verlust an Freiheit. Wir fordern Freiheit – aber was ist, wenn die Bürger ihre Freiheit als kalt empfinden und stattdessen auf die Geborgenheit staatlicher Für- und Vorsorge setzen?

Bei aller gefühlten Staatsferne vieler Bürger stieg zuletzt das Ansehen der Polizei – aber auch die Die F.A.Z. über gestiegene Erwartungen, aber auch mehr Gewalt gegenüber der Polizei Zahl der Gewalttaten gegen Polizisten. Und es existiert ein wildes Durcheinander an Vorschlägen, Der Deutschlandfunk über die unterschiedlichen Forderungen in der Sicherheitsdebatte Anfang 2017 wie Deutschland sicherer werden kann. Einige Maßnahmen mögen sinnvoll sein oder zumindest dem Zeitgeist entsprechen, andere dürften kaum einen Einfluss auf die tatsächliche Sicherheitslage besitzen. Han Langeslag über Autoritarismus Wollen wir für einen überschätzten Sicherheitszuwachs einen Teil unserer Freiheit opfern?

Sicherheit oder Freiheit?

Diese Frage lässt sich nicht mit dem Federstrich eines Gesetzestextes beantworten. Wir müssen also tiefer ansetzen: bei unserer Jugend, bei dem, was wir mit unserem Erziehungs- und Bildungssystem vermitteln. Wir müssen unsere Jugend auf die Freiheit vorbereiten, sie fähig machen, mit ihr umzugehen. Ich ermutige zur Selbstverantwortung, damit unsere jungen Menschen Freiheit als Gewinn und nicht als Last empfinden. Freiheit ist das Schwungrad für Dynamik und Veränderung. Wenn es uns gelingt, das zu vermitteln, haben wir den Schlüssel der Zukunft in der Hand. Ich bin überzeugt, dass die Idee der Freiheit die Kraftquelle ist, nach der wir suchen und die uns helfen wird, den Modernisierungsstau zu überwinden und unsere Wirtschaft und Gesellschaft zu dynamisieren.

Wir brauchen anno 2017 ein neues Bewusstsein dafür, dass unsere Freiheiten uns nicht zugeflogen sind, sondern dass Generationen dafür hart gekämpft haben und wir sie jetzt verteidigen müssen. Der Verdruss, der der EU aus einigen Wohnzimmern, aber auch Parteizentralen der Mitgliedsstaaten entgegenschlägt, setzt viele Freiheiten aufs Spiel. Reisefreiheit, Verbraucherschutz, Niederlassungsfreiheit in Europa – wir teilen viele Vorzüge mit unseren Nachbarn. Ob die scharfen Kritiker der EU überhaupt noch überblicken, Perspective Daily über die Vorzüge der EU welche Errungenschaften wir der europäischen Staatengemeinschaft verdanken?

(…)

Verantwortung und Eigenständigkeit

Mit dem Tempo der Informationsexplosion kann der Einzelne sowieso nicht mehr Schritt halten. Also müssen wir die Menschen lehren, mit diesem Wissen umzugehen. Wissen vermehrt sich immer schneller, zugleich veraltet es in noch nie dagewesenem Tempo. Wir kommen gar nicht darum herum, lebenslang zu lernen.

Heute Google-CEO Eric Schmidt über die Menge der weltweit produzierten Daten produzieren wir alle 2 Tage so viele Daten und Informationen wie im gesamten Jahr 2003.

(…)

Wenn ich von der Zukunft unserer Gesellschaft rede, spreche ich – wie schon gesagt – zwangsläufig von der Jugend. Unsere Jugend ist das größte Kapital, das wir haben. Wir müssen ihr nur Perspektiven geben. Dazu gehört nicht nur, dass wir keine Schuldenpolitik zu ihren Lasten betreiben, mit der wir ihr alle Spielräume verbauen.

Diese Forderung erfüllt Wolfgang Schäubles »Schwarze Null«. Zu den Perspektiven der Jugend gehört heute vielmehr, ein Konzept der Altersvorsorge zu entwickeln, das der alternden Gesellschaft Rechnung trägt und der heutigen Arbeitswelt gerecht wird.

(…)

Wir müssen unserer Jugend zu mehr Selbständigkeit, zu mehr Bindungsfähigkeit, zu mehr Unternehmensgeist und mehr Verantwortungsbereitschaft Mut machen. Wir sollten ihr sagen: Ihr müsst etwas leisten, sonst fallt ihr zurück. Aber: Ihr könnt auch etwas leisten. Es gibt genug Aufgaben in unserer Gesellschaft, an denen junge Menschen ihre Verantwortung für sich und das Ganze beweisen können.

Wir Älteren aber müssen uns die Frage stellen: Was leben wir den jungen Menschen vor? Welche Leitbilder geben wir ihnen? Das Leitbild des ewig irritierten, ewig verzweifelten Versorgungsbürgers kann es doch wahrhaftig nicht sein! Die Jungen beobachten uns Alte sehr genau. Wirklich überzeugen werden wir sie nur, wenn wir ihnen unsere eigene Verantwortung glaubhaft vorleben.

Seit Ihrer Rede ist eine neue Generation herangewachsen, zu der auch ich gehöre. Sicher braucht sie vorgelebtes Verantwortungsgefühl, wird sich aber auch zunehmend ihrer eigenen Verantwortung bewusst. Wir müssen angesichts globaler Herausforderungen größer denken als noch vor 20 Jahren. Einigen Vertretern der älteren Generationen, an die auch Sie damals appelliert haben, fehlt heute dieses Bewusstsein für die eigene Verantwortung. Sind sich die Politiker, Kommentatoren und Krakeeler, die argumentieren, dass wir die Herausforderungen unserer Zeit nicht schaffen können, über die Wirkung ihrer Botschaften im Klaren?

(…)

Die Aufgaben, vor denen wir stehen, sind gewaltig. Die Menschen fühlen sich durch die Fülle der gleichzeitig notwendigen Veränderungen überlastet. Das ist verständlich, denn der Nachholbedarf an Reformen hat sich bei uns geradezu aufgestaut. Es wird Kraft und Anstrengung kosten, die Erneuerung voranzutreiben, und es ist bereits viel Zeit verloren gegangen. Niemand darf aber vergessen: In hochtechnisierten Gesellschaften ist permanente Innovation eine Daueraufgabe! Die Welt ist im Aufbruch, sie wartet nicht auf Deutschland.

Immerhin ist das Internet auch hierzulande über den »Neuland«-Status hinaus. Trotzdem ist die Digitalisierung eine große Herausforderung dieser Zeit, genau wie die Klimapolitik und die gesellschaftlichen Umbrüche einer Zeit, in der Millionen Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Heimat aufgeben.

Durch Deutschland muss ein Ruck gehen

Aber es ist auch noch nicht zu spät. Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen: (…)

  • ######## die Skeptiker, indem sie aus berechtigten Bedenken alle zermürbenden, aufwiegelnden und unsachgemäßen Aspekte herausfiltern,
  • ######## die vom Wandel überzeugten, indem sie sich auf die sachlichen Argumente der Skeptiker einlassen,
  • ######## alle Bürger, indem sie sich am Diskurs beteiligen, Meinungen artikulieren und gleichzeitig bereit sind, diese angesichts neuer Argumente zu überdenken,
  • ######## Bundestag und Bundesrat, indem sie rasch und ohne taktisches Kalkül den Boden bereiten, auf dem Lösungen für die genannten Herausforderungen gedeihen können,

  • ######## die Interessengruppen in unserem Land, indem sie eine universelle Kultur einfordern, in der für Intoleranz und Hetze kein Raum ist.

Die Bürger erwarten, dass jetzt gehandelt wird. Wenn alle die vor uns liegenden Aufgaben als große, gemeinschaftliche Herausforderung begreifen, werden wir es schaffen. Am Ende profitieren wir alle davon.

Vor uns liegen herausfordernde Jahre – aber vielleicht die besten

Gewiss: Vor uns liegen einige schwere Jahre. (Lassen Sie uns heute lieber von herausfordernden Jahren sprechen.) Aber wir haben auch gewaltige Chancen: Wir haben mit die beste Infrastruktur in der Welt, wir haben gut ausgebildete Menschen. Wir haben Knowhow, wir haben Kapital, wir haben einen großen Markt. Wir haben im weltweiten Vergleich immer noch ein nahezu einmaliges Maß an sozialer Sicherheit, an Freiheit und Gerechtigkeit. Unsere Rechtsordnung, unsere soziale Marktwirtschaft haben sich andere Länder als »Modell Deutschland« zum Vorbild genommen. Und vor allem: Überall in der Welt – nur nicht bei uns selbst – ist man überzeugt, dass »die Deutschen« es schaffen werden.

Sogar der bloße Satz »Wir schaffen das« kann schon hitzige Diskussionen darüber auslösen.

John F. Kennedy hat einmal gesagt: »Unsere Probleme sind von Menschen gemacht, darum können sie auch von Menschen gelöst werden.« Ich sage: Das gilt auch für uns Deutsche. Und ich glaube daran, dass die Deutschen ihre Probleme werden lösen können. Ich glaube an ihre Tatkraft, ihren Gemeinschaftsgeist, ihre Fähigkeit, Visionen zu verwirklichen. Wir haben es in unserer Geschichte immer wieder gesehen: Die Deutschen haben die Kraft und den Leistungswillen, sich am eigenen Schopf aus der Krise herauszuziehen – wenn sie es sich nur zutrauen.

Und wieder glaube ich an die jungen Leute. Natürlich kenne auch ich die Umfragen, die uns sagen, dass Teile unserer Jugend beginnen, an der Lebens- und Reformfähigkeit unseres »Systems« zu zweifeln. Ich sage ihnen aber: Wenn ihr schon »dem System« nicht mehr traut, dann traut euch doch wenigstens selbst etwas zu!

(…)

Wir müssen jetzt an die Arbeit gehen. Ich rufe auf zu mehr Selbstverantwortung. Ich setze auf erneuerten Mut. Und ich vertraue auf unsere Gestaltungskraft. Glauben wir wieder an uns selber. Die besten Jahre liegen noch vor uns.

Titelbild: Robin Schüttert (Original: Bertrand Freiesleben) - CC BY-SA

 

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