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Unzufrieden mit dem Fernsehprogramm? Dann gründe doch deinen eigenen Sender!

In den Niederlanden bewirbt sich ein neuer Kanal um Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. »Omroep Zwart« soll denjenigen eine Plattform bieten, deren Stimmen bisher untergegangen sind. Wie ist das möglich?

7. Mai 2021 –  6 Minuten

Eine Sendung über Rassismus ohne Schwarze Menschen? Schwarz wird häufig als Adjektiv groß geschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um eine politische und soziale Konstruktion handelt und nicht etwa um eine tatsächliche Hautfarbe. Ich verwende den Begriff hier, um eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position zu beschreiben. »Schwarz« ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die Rassismus erfahren und die aus diesem Grund von vielen akzeptiert wird. Zugleich möchte ich betonen, dass ich als weiße Frau nicht von Rassismus betroffen bin. Der kursiv geschriebene Begriff weiß beschreibt – ebenso wie Schwarz – nicht etwa einen Hautton, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Mit Weißsein ist eine dominante und privilegierte Position innerhalb des rassistischen Systems verbunden: Hier erklärt Juliane Metzker, warum es Rassismus gegen Weiße nicht gibt. Als die ARD-Moderatorin Sandra Maischberger einen Monat nach dem »Dieses Urteil schafft noch keine Gerechtigkeit«, kommentiert Juliane Metzker den Prozess gegen George Floyds MörderMord von George Floyd im Mai 2020 eine Talkshow über »die Lage in den USA« ankündigte, waren ausschließlich weiße Gäste geladen. Erst nach heftiger Kritik durfte doch noch eine Schwarze Expertin aus den USA sprechen – Lies dazu eine TV-Kritik von Quentin Lichtblau in der Süddeutschen Zeitung (2020)allerdings nicht über Rassismus. Nur ein Versehen? Maischbergers Sendung ist kein Einzelfall. Der deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunk ist stark von strukturellem Rassismus und einem Mangel an Diversität und Inklusion geprägt. In 728 Talkshows, die im Jahr 2019 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wurden, waren 97% aller Gäste weiß. Herausgefunden hat das der Journalist Fabian Goldmann; seine Analyse findest du hier.

Wohl kaum, erklärt mir Gianni Grot. Der niederländische Regisseur ist nicht überrascht, als ich ihm bei unserem Gespräch in Rotterdam von den Versäumnissen deutscher Rundfunkgesellschaften berichte. Ähnliches kennt er aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen in den Niederlanden.

Es mangelt schlichtweg an Diversität und Repräsentation in den Reihen der Medienmacher:innen. Hier in den Niederlanden gibt es keine 5 asiatischen Fernsehmoderator:innen. Nicht einmal 3. – Gianni Grot, Filmregisseur und Intendant, Omroep Zwart

In vielen Fernsehredaktionen fehle es daher an Menschen, die marginalisierte, historisch ausgeschlossene Perspektiven erkennen und vertreten. Diese landen daher häufig nicht auf den Fernsehbildschirmen – oder sie werden aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft erzählt. Und das ist laut Grot ein Problem.

Zur Person: Gianni Grot

Gianni Grot ist visueller Geschichtenerzähler, Unternehmer und angehender Intendant von Omroep Zwart. Nach einem BWL-Studium zog ihn seine Leidenschaft für Film, Fotografie und Design in Richtung Kreativbranche. Er belegte einige Kurse in Storytelling und digitaler Videoproduktion und hat seitdem eigene Filme und weitere Medienformate produziert.

Bildquelle: Maurice van der Meijs

Schließlich trage das öffentlich-rechtliche Fernsehen eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Viele Menschen würden jedoch häufig ausgeschlossen und fühlten sich dem öffentlichen Leben daher oft weniger verbunden.

Genau das will Grot nun ändern – und gemeinsam mit seinem Partner, dem Rapper Akwasi, Akwasi Owusu-Ansah ist Mitbegründer von Omroep Zwart und Künstler. Nach einer Schauspielausbildung wirkte er bei einigen Theateraufführungen sowie Fernsehserien mit und arbeitete als Moderator. Seit 2013 macht Akwasi Rapmusik. Außerdem schreibt und veröffentlicht er Gedichte. das erste Schwarze Intendanten-Duo im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Niederlande bilden. Dazu hat sie niemand von offizieller Seite beauftragt – aber das ist auch gar nicht nötig. In unserem Nachbarland kann theoretisch jede:r eine öffentlich-rechtliche Rundfunkgesellschaft gründen. Wie kann das sein?

Verschiedene Weltanschauungen auf 3 nationalen Kanälen

Um das zu verstehen, bedürfe es eines Blickes in die Vergangenheit, erklärt mir Mark Boukes, Assistenzprofessor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Amsterdam. Ursprünglich beruhe die gesamte niederländische Gesellschaft auf dem sogenannten Versäulungsmodell (auf Niederländisch: verzuiling), das die Aufteilung der Gesellschaft in Gruppen nach Religionen und politischen Überzeugungen beschreibt.

»Wenn ich in der Gesellschaft funktionieren will, muss ich das Gefühl haben dazuzugehören.« – Gianni Grot, Filmregisseur und Intendant, Omroep Zwart

Anders als in Deutschland entsprangen die ersten Zeitungen, Radio- und TV-Sender Obwohl die ersten Zeitungen in den Niederlanden bereits im 17. Jahrhundert entstanden, nahm das Zeitungsgeschäft erst im 19. Jahrhundert richtig Fahrt auf, nachdem 1848 die Meinungsfreiheit in der Verfassung verankert, 1869 die Steuern erhöht und die Rotationsdruckmaschine eingeführt wurden. Die ersten Radiosender entstanden in den 20er-Jahren, das Fernsehen kam in den 50er-Jahren dazu. in den Niederlanden demnach nicht etwa dem Föderalismus, Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland liegt der Föderalismus zugrunde. Jedem Bundesland steht ein Sender zu. Diese Sender, die Landesrundfunkanstalten, bilden seit 1950 die ARD. 1963 schlossen sich die Länder zusätzlich zur Gründung des ZDF zusammen, das seit jeher zentral organisiert ist. Lies hier mehr über die Geschichte des ZDF. sondern entstanden als Sprachrohre der wichtigsten religiösen und politischen Gruppen der Gesellschaft. Zu den wichtigsten Gruppen gehörten zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts insbesondere Protestant:innen und Katholik:innen sowie Liberale und Sozialist:innen. Aufgrund begrenzter TV-Sendezeiten waren diese Gruppen gezwungen, zu kooperieren und ihre Programme über dieselben Kanäle zu verbreiten.

So existiert noch heute ein System, in dem sich verschiedene Rundfunkgesellschaften die Sendezeit auf den zur Verfügung stehenden TV-Kanälen teilen. 2020 lieferten 9 öffentlich-rechtliche Anbieter Inhalte für 3 nationale Kanäle. Im Laufe der Zeit haben einzelne Regionen und Gemeinden zusätzlich eigene öffentliche TV-Kanäle gegründet. Deren Programme werden jedoch nicht auf den nationalen Kanälen ausgestrahlt. Erfahre hier mehr über die Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den Niederlanden. Zwar haben sich die Sender im Laufe der Zeit professionalisiert und größtenteils entpolitisiert, doch vertreten sie nach wie vor bestimmte Weltanschauungen und Interessengruppen. So gibt es inzwischen konservative, liberale, protestantische und katholische Sender; einige richten sich an ältere Menschen, andere an Jugendliche. Der Anbieter BNNVARA richtet sich beispielsweise an jüngere Bürger:innen – mit einem Programm, das vorwiegend Themen wie Sexualität und Drogengebrauch behandelt. Eine der beliebtesten Sendungen ist Spuiten en Slikken (zu Deutsch: Schießen und Schlucken). Daneben gibt es die Sendeanstalt MAX, die Inhalte für ältere Menschen produziert; den Sender KRO NCRV, der sich auf die Themen persönliche Entwicklung, neue Perspektiven und Nachhaltigkeit fokussiert; den liberalen Anbieter VPRO, der von außergewöhnlichen Ideen berichtet; den christlichen Sender EO sowie AVROTROS, ein breit aufgestellter Anbieter, der »für jedermann zugänglich« ist. Die Logik: Hier erklären die Reporter ohne Grenzen, warum Medienpluralismus so wichtig für die Demokratie istinterner Medienpluralismus. Das niederländische öffentliche Fernsehen soll die soziale, kulturelle und politische Vielfalt in der Gesellschaft so repräsentieren, dass der Meinungsmacht einer Gruppe vorgebeugt wird.

So entstehen neue Rundfunkgesellschaften

Da sich die Gesellschaft stets verändere, wandelten sich auch das Angebot und die Zusammensetzung der Rundfunkgesellschaften. Während manche Anbieter auf Anweisung der Regierung hin fusionieren oder abgeschafft würden, Ein Beispiel: Der Sender BNNVARA setzt sich aus den ehemals getrennten Sendern BNN und VARA zusammen. Da die beiden Sender ähnliche Sichtweisen vertraten, fusionierten sie 2014 im Rahmen einer Rundfunkreform, die die Regierung durchführte, um die damals hohe Anzahl von etwa 20 Rundfunkanstalten zu reduzieren. Das hat neben dem Wunsch nach internem Pluralismus noch weitere Gründe. Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf zu vielen »Säulen« beruhe, entstünden laut Kommunikationswissenschaftler Boukes folgende Nachteile: Erstens leide die Qualität der einzelnen Programme. Zum Großteil finanzieren sich die Rundfunkanstalten nämlich aus einem Steuertopf und je mehr Sender daraus schöpfen, desto kleiner werden die jeweiligen Budgets. Diese reichen dann oft nicht mehr aus, um hochwertige Inhalte zu produzieren. Zweitens erhöhe eine hohe Anzahl unterschiedlicher Sender den Vorgang der selektiven Informationszuwendung. Das bedeutet, dass Menschen sich verstärkt den Inhalten widmen, die ihre eigenen Einstellungen bestärken – statt mit neuen, überraschenden oder gar umstrittenen Inhalten konfrontiert zu werden. entstünden durch Bürger:innen- oder Medieninitiativen auch immer wieder neue Sender, erklärt Boukes.

Wenn die Menschen feststellen, dass überwiegend linksgerichtete Inhalte im öffentlichen Fernsehen gezeigt werden, dann kommt sicher eine rechtsgesinnte Institution oder Gruppe und fordert mehr Sendezeit für sich. – Mark Boukes, Assistenzprofessor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Amsterdam

Dahinter steckt ein Rundfunksystem, das es allen Bürger:innen per Gesetz ermöglicht, die Gründung einer öffentlichen Rundfunkgesellschaft zu beantragen. Tatsächlich kann jede:r Niederländer:in die Gründung einer Rundfunkanstalt beantragen. Doch dazu bedarf es vieler Ressourcen und Kontakte. In der Realität sind es daher überwiegend bereits etablierte Medienmacher:nnen, existierende Medienhäuser oder andere Institutionen, die die Gründung eines neuen Senders vorantreiben. So auch bei Omroep Zwart: Sowohl Gianni Grot als auch sein Partner Akwasi haben Medienerfahrung. Akwasi ist in den Niederlanden vor allem als Rapper und Moderator bekannt. Doch solch eine Bekanntheit fordert einen Balanceakt, denn sie birgt neben Vorteilen wie einem großen Netzwerk und Reichweite auch Nachteile. Zum Beispiel dann, wenn Einzelpersonen anstatt der gesamten Rundfunkgesellschaft in den öffentlichen Fokus geraten. Für ihr Programm erhalten sie Geld vom Staat. Mehr Details zu den Bedingungen für die Gründung einer Rundfunkgesellschaft liefert die niederländische Regierung hier (niederländisch)Um von der Kommission für Medien, dem Commissariaat voor de Media, jedoch offiziell anerkannt zu werden und tatsächlich Programme produzieren zu dürfen, muss ein neuer Sender:

  1. von mindestens 50.000 Mitgliedern unterstützt werden, die einen Jahresbeitrag von rund 8,50 Euro zahlen sowie
  2. sich von bereits existierenden Anbietern unterscheiden, zum Beispiel durch Inhalte oder Zielgruppen.

Omroep Zwart: Für mehr Diversität und Inklusion

Zurück zu Gianni Grot. Er kennt diese Voraussetzungen für die Gründung einer neuen Rundfunkgesellschaft genau. Während der Demonstrant:innen prangerten neben Rassismus bei der Polizei auch die weitgehend unaufgearbeitete koloniale Vergangenheit der Niederlande an. In diesem arte-Film erfährst du mehrBlack-Lives-Matter-Proteste, die im Sommer 2020 auch in seiner Heimatstadt Amsterdam stattfanden, entwarf Grot gemeinsam mit seinem Partner Akwasi und Hunderten Freiwilligen das Konzept für einen neuen Sender: Hier geht es zur Website des SendersOmroep Zwart (zu Deutsch: Sender Schwarz). Die Idee?

Wir wollen denjenigen Menschen eine Plattform bieten, deren Stimmen in der niederländischen Medienwelt bisher untergegangen sind oder die dort nie einen Platz gefunden haben. – Gianni Grot, Filmregisseur und Intendant, Omroep Zwart

Grot bemerkt, dass der niederländische Rundfunk zwar auf dem Ideal des internen Pluralismus basiere, vielen Mitbürger:innen – darunter vor allem Schwarzen Menschen oder Menschen aus der LGBTQI+-Community – LGBTIQ+ ist die Abkürzung der englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual/Transgender, Intersexual und Queer. Dieser Begriff bezeichnet Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen – wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Geschlechtsidentität oder ihres Körpers. jedoch bisher nicht gerecht würde. Omroep Zwart soll nun zeigen, dass Veränderung möglich ist.

Wir wollen sicherstellen, dass der niederländische Rundfunk vielfältig ist – sowohl vor als auch hinter der Kamera. Wir wollen neue Talente fördern und Fernsehen machen, das verschiedene Perspektiven bietet. – Gianni Grot, Filmregisseur und Intendant, Omroep Zwart

Das Vorhaben trifft einen Nerv: So versammelten sich innerhalb von 58 Tagen nach dem Launch der Schaue dir hier das Kampagnenvideo anWerbekampagne für den Sender rund 58.000 zahlende Mitglieder um den angehenden Anbieter – mehr als von der Kommission für Medien verlangt wird. Der Kommission liegt seit Februar 2021 ein Geschäftsplan vor, der beweisen soll, welchen Mehrwert Omroep Zwart dem Rundfunk bieten kann.

Nun heißt es für Gianni Grot und sein Team: abwarten. Warten auf die Entscheidung der verantwortlichen Minister:innen darüber, ob Omroep Zwart eine Sendelizenz bekommen wird oder nicht. Falls diese Entscheidung positiv ausfällt, muss Omroep Zwart noch einige weitere Bedingungen erfüllen, um langfristig Programme senden zu dürfen. Unter anderem sind dann 150.000 zahlende Mitglieder notwendig. Der Beschluss soll bis August 2021 gefasst werden.

Gegenwind von rechts

Bisher existiert Omroep Zwart also nur als Idee. Und die Meinungen darüber, ob aus dieser Idee auch Realität wird, sind gespalten. Gegenwind kommt vor allem von rechts, wo ein weiterer Anwärter auf die Sendelizenz auch gerade die Marke von 50.000 Mitgliedern geknackt hat. Hier berichtet der Deutschlandfunk über Ongehoord NederlandOngehoord Nederland ist eine rechte Initiative, die – wie der Name schon sagt – eine vermeintlich ungehörte Gruppe der Gesellschaft zu Wort kommen lassen will.

Der Unterschied zwischen den beiden Aspiranten verdeutlicht die Nachteile des Versäulungsmodells, auf dem die niederländische Gesellschaft noch heute beruht: Zersplitterung und Spaltung. Ähnliche Strukturen spiegeln sich auch in der Parteienlandschaft wider. Michael Sommer analysiert im Cicero das zersplitterte niederländische ParteiensystemSo gelangten nach der Wahl im März dieses Jahres 17 Parteien ins Parlament – so viele wie noch nie.

Rassismus und andere Diskriminierungsformen wird Omroep Zwart auch mit einer Sendelizenz nicht beenden können. Jedenfalls nicht, solange die Unterdrückung noch Teil der niederländischen Gesellschaft ist. Wenn die Entscheidung der Minister:innen positiv ausfällt, besteht für Omroep Zwart jedoch die Chance, einen neuen öffentlichen Raum für Veränderung zu schaffen, Diversität und Inklusion zu fördern und Themen wie Antirassismus verstärkt in den Vordergrund zu rücken. Entscheiden sich die Minister:innen gegen den Sender, soll es privat weitergehen.

Redaktion: Katharina Wiegmann

Hier findest du die beiden anderen aktuellen Dailys:

Titelbild: Stephen Monterroso - CC0

von Lena Bäunker 
Lena interessiert sich dafür, wie Geschichten unsere Weltsicht und Handlungen prägen. Sie fragt: Nach welchen Geschichten leben wir heute? Inwiefern müssen wir diese verändern, um eine sozial und ökologisch gerechte, demokratische Zukunft zu gestalten? Antworten auf diese Fragen sucht Lena in ihrem Master-Studium der politischen Kommunikation und in ihrem Job bei einer NGO in Amsterdam.
Themen:  Demokratie   Gesellschaft   Journalismus  

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