Reportage 

So gelangt der Impfstoff zu Menschen, die sonst übersehen werden

Während in Villenvierteln kaum jemand erkrankt, sind die Coronazahlen in armen Gegenden hoch. Ein Besuch bei einem Kölner Impfprojekt, das zum Vorbild für ganz Deutschland werden könnte

10. Mai 2021 –  12 Minuten

Das rot-weiße Absperrband flattert so wild und raumgreifend hin und her, dass man darüber hüpfen könnte wie über ein Springseil: An diesem Mittag peitscht ein Sturmtief mit pfeifenden Böen über den Liverpooler Platz in Köln-Chorweiler, die wohl Unser Autor Benjamin Fuchs hatte Corona und ist noch immer nicht gesund. Was los ist, berichtet er hierjede noch so ansteckende Aerosolwolke in Windeseile unschädlich machen würden.

Mal reißt die zerzauste Wolkendecke auf und gewährt einen flüchtigen Blick auf die Maisonne, im nächsten Moment hat der Wind wieder Regen und sogar Hagelkörner im Gepäck – und treibt sie fast waagerecht gegen die Mäntel der 30–40 Menschen, die hier gerade hintereinander in einer Warteschlange stehen: Sie alle warten geduldig auf die Impfung, die sie gegen die Aerosolwolken immunisieren soll, die Wie richtiges Lüften funktioniert, erklärt Lara Malberger hierin schlechter gelüfteten Ecken von Köln-Chorweiler zur Gefahr werden können. Aerosole sind winzig kleine Tröpfchen, die wir beim Sprechen und Ausatmen abgeben. Genauer gesagt geht die Gefahr nicht von ihnen aus, sondern von den Coronaviren, die in diesen Tröpfchen mitreisen und so von einer infizierten Person zu ihrem nächsten Wirt übertragen werden.

In Chorweiler zu leben gilt nun als Risikofaktor

Studie des Fraunhofer Instituts IAIS zur geografischen und sozialen Wanderung des Coronavirus in Köln (2021, PDF)In Köln ist überdurchschnittlich gut dokumentiert, wie das Coronavirus im vergangenen Jahr durch die Stadtteile und die verschiedenen sozialen Milieus gewandert ist: Waren anfangs die reicheren linksrheinischen Viertel besonders betroffen, stecken sich inzwischen eher die Bevölkerungsgruppen an, die auf engem Raum leben oder in häufig schlechter bezahlten Jobs vielen Kontakten ausgesetzt sind. Und die leben häufig in rechtsrheinischen Stadtteilen – oder eben in Chorweiler, der Hochhaussiedlung, die sich wie eine kleine Stadt im Norden Kölns erhebt.

Arme Menschen erkranken häufiger an Covid-19

Dass arme Menschen einem größeren Risiko ausgesetzt sind, an Covid-19 zu erkranken und auch daran zu sterben, ist schon lange bekannt. In den USA lag im ersten Jahr der Pandemie die Der »Covid Racial Data Tracker« des US-Magazins »The Atlantic«Todesrate für Schwarze Menschen 1,4-mal so hoch wie für »weiße« Menschen. Der Begriff »Schwarz« ist eine von Schwarzen Akademiker:innen gewählte sozialpolitische Selbstbezeichnung und wird als Adjektiv großgeschrieben. Die Großschreibung soll verdeutlichen, dass es keine biologischen Menschenrassen gibt, die sich durch Farbgebung unterscheiden. Deshalb wird auch die Zuschreibung »weiß« in diesem Text in Anführungzeichen gesetzt. Auch in Deutschland liegen längst RKI-Analyse zu sozialer Ungleichheit und Covid-19 (2020, PDF)Auswertungen über soziale Ungleichheit und Covid-19 vor – nur folgte daraus bisher keine große politische Debatte. Das änderte sich Ende April schlagartig, als die Stadt Köln die sehr unterschiedlichen Inzidenzwerte der verschiedenen Stadtteile veröffentlichte, die auffällig mit dem sozioökonomischen Status ihrer Bewohner:innen korrelierten.

Dashboard der Stadt Köln zur Infektionslage in den einzelnen StadtteilenEnde April 2021 lag die 7-Tage-Inzidenz für Chorweiler bei 543, während sie im direkt nebenan gelegenen, reicheren Fühlingen nur knapp 48 betrug. Also hat Oberbürgermeisterin Henriette Reker etwas initiiert, was sie als »Maßnahme zur Gefahrenabwehr« bezeichnet: Die Lebensumstände in Chorweiler gelten nun als Risikofaktor. So hat das Land Nordrhein-Westfalen per Erlass erlaubt, »Der Spiegel« über die Kölner Begründung für vorgezogene Impfungen (2021)dass die Stadt die dortige Bevölkerung zur Priorisierungsgruppe 3 hochstuft. Weitere Stadtteile sollen folgen. Darunter ist die Hochhaussiedlung »Am Kölnberg« im Kölner Süden sowie die rechtsrheinischen Stadtteile Mülheim und Finkenberg. Letzterer war in den 70er-Jahren ein Neubau-Modellprojekt des Bundes für »menschenfreundliches Wohnen« auf verdichtetem Raum bei »ausgewogener Sozialstruktur«. Diesem Anspruch konnte die Hochhaussiedlung jedoch nie gerecht werden.

Wissenschaftliche Argumente für die Impfaktion

Es gibt 2 Argumentationen für dieses Vorgehen – der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Bremer Leibniz-Institut Der volle Titel von Hajo Zeebs Arbeitsstätte heißt: Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS GmbH. schreibt auf Perspective-Daily-Anfrage: »Die Zahl der Kontakte ist tatsächlich entscheidend für die Infektion – und wenn insbesondere Personen mit vielen Kontakten durch die Impfung geschützt werden und auch ihr Umfeld schützen, ist in der Tat von einem größeren Effekt auszugehen.« Es sei nicht ganz sicher, man könne jedoch anhand der Daten aus Großbritannien und Israel erwarten, dass ab einer Impfquote von etwa 30% mit etwas Verzögerung auch die Infektionszahlen zurückgingen.

Neben diesem epidemiologischen Argument gebe es auch eines aus der Public-Health-Ethik: Es sei angebracht, »dort, wo besondere Risiken herrschen, auch vordringlich zu handeln. Das ist gut für die lokale Bevölkerung, aber auch für die Gesamtheit«, schreibt Hajo Zeeb.

Hotspots identifizieren und helfen

Auch andere Expert:innen stellten sich früh hinter die Idee: Der wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, forderte zum Beispiel, dass Städte ihre jeweiligen Corona-Hotspots identifizieren und den Bewohner:innen helfen, Christian Karagiannidis im Tagesschau-Interview (2021)»dass sie frühzeitig ein Impfangebot kriegen«. Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, Expert:innenanhörung vor dem Corona-Ausschuss des Bundestags (2021)riet in einer Bundestagsanhörung dazu, mobile Impfteams in entsprechende Stadtteile zu schicken.

Das mobile Impfzentrum im Kölner Stadtteil Chorweiler – Quelle: David Ehl copyright

In Chorweiler hat die Stadt Köln, 12 Kilometer entfernt vom eigentlichen Impfzentrum auf dem Messegelände, ein solches mobiles Impfzentrum aufgeschlagen: Geimpft wird in einem umgebauten Bus, vorgeschaltet ist ein Containerbüro für die Registrierung und Aufklärung der Impflinge. Die Mitarbeitenden sprechen insgesamt 12 verschiedene Sprachen, damit auch die Migrant:innen erreicht werden, die nur wenig Deutsch sprechen.

Manchen fehlen grundlegende Informationen zur Pandemie

»Viele wissen nicht, was Corona ist oder was das Impfen bringt, weil viele kein Deutsch verstehen«, sagt Franziska Weingarten, die die Essensausgabe der Tafel in Chorweiler leitet. Es werde immer noch zu wenig öffentlich erklärt und viele Menschen informierten sich nur über ihre Heimatkanäle – »und bekommen dort keine Informationen über Corona in NRW«, sagt Weingarten. »Wenn wir hier eine hohe Inzidenzzahl haben und in ihrem Land vielleicht gerade eine niedrige ist, dann verstehen sie nicht, warum hier auf einmal ein Impfbus steht.« Zu Beginn der Pandemie haben uns Menschen aus den sogenannten Risikogruppen erzählt, wie sie sich fühlenViele Vorerkrankte wüssten auch nicht, ob sie zu einer Priorisierungsgruppe gehören.

Franziska Weingarten wartet auf ihre Impfung – Quelle: David Ehl copyright

Franziska Weingarten wohnt im benachbarten Stadtteil Seeberg, der direkt hinter dem Liverpooler Platz anfängt und für den das Impfangebot ebenfalls gilt – Zwischenzeitlich war offenbar ungewiss, wer als impfberechtigt gilt: Nur die Bewohner:innen des Stadtteils Chorweiler, des gesamten gleichnamigen Stadtbezirks oder des Postleitzahlbereichs 50765, dem Teile des Stadtbezirks angehören? Franziska Weingarten erzählt, dass sie selbst an einem Tag abgewiesen wurde, am darauffolgenden Tag jedoch eine Impfung erhielt. deshalb steht sie gerade in der Schlange vor dem weißen Mietcontainer, um sich selbst immunisieren zu lassen. »Das wäre schon gut, alleine wegen der Arbeit«, sagt sie. Als 35-Jährige müsste sie ohne das Angebot wohl noch Monate warten – sodass sie sich noch keine Gedanken über die eigene Impfung gemacht hat: »Ich bin generell kein Freund von Impfen, ich lasse mich auch nicht gegen Grippe impfen, aber ich denke, dass das jetzt eine Zeit ist, in der wir zusammenhalten müssen«, sagt Franziska Weingarten. Der Wind peitscht weiter über den Platz und die Warteschlange rückt langsam voran. Damit kommt auch Weingarten ihrer Impfung immer näher.

»Die Impfbereitschaft war nie das Problem«

Das Chorweiler Impfprogramm sei eine »ganz tolle Sache«, findet Musa Deli. Der Leiter des Kölner Gesundheitszentrums für Migrantinnen und Migranten beklagt im Zoomcall, dass das öffentliche Gesundheitswesen ansonsten kaum auf die Lebensrealität von Migrant:innen eingeht. »Wenn man sich interkulturell öffnet, dann würde man sehr viel sparen«, erklärt Deli. Menschen mit Migrationserfahrung nähmen hierzulande seltener Vorsorgeangebote wahr, dafür seien sie in der akuten Versorgung überrepräsentiert.

Viele gehen erst zum Arzt, wenn es zu spät ist, das kostet viel Geld und Menschenleben und gefährdet uns alle. – Musa Deli, Sozialpsychologe

Deshalb sei es richtig, »dass wir dorthin gegangen sind und nicht gewartet haben, bis die Menschen zu uns kommen.« Die Impfbereitschaft sei dabei nie das Problem gewesen, sagt Deli. »Ich habe die Menschen wirklich sehr impfbereit erlebt, sie haben sich einfach nur schlecht informiert gefühlt.«

Musa Deli erklärt Autor David Ehl im Video-Interview, wieso es so wichtig sei, den Impfstoff zu den Menschen zu bringen:

Warum Behördendeutsch verboten werden sollte und wie Schweden es besser macht, schreibt Henrike Wiemker hierDas fängt bei der Informationsvermittlung an – und betrifft Corona wie auch andere Gesundheitsthemen: »Wir haben viele funktionelle Analphabet:innen, das wird immer noch unterschätzt«, sagt Deli. Stattdessen müsse man versuchen, Menschen in ihren Muttersprachen zu erreichen, auch mit Audio- und Videoclips. »Ich denke, mit Flyern kommen wir nicht weiter. Das landet in der nächsten Mülltonne, das lesen die Leute nicht«, sagt Deli. Ebenfalls hilfreich seien Piktogramme. Piktogramme sind kleine grafische Darstellungen, die bei der Informationsvermittlung helfen – zum Beispiel eine einfache Zeichnung einer Spritze auf dem Wegweiser zum Impfzentrum.

Aus Delis Sicht sind die folgenden Punkte besonders wichtig für die Angebote in Vierteln wie Chorweiler:

  • Verschiedene Sprachen: »In Chorweiler haben sie das gut gemacht. Die haben die Menschen sofort in ihrer Muttersprache aufgeklärt«, sagt Musa Deli. Wichtig sei neben Türkisch und Bulgarisch auch Italienisch, denn die Bedürfnisse von Zugewanderten aus dem EU-Land Italien würden häufig unterschätzt. Das geht aus der Kölner Einwohnerstatistik hervor (2020, PDF)Menschen mit italienischer Nationalität bilden nach Türk:innen nämlich die größte Gruppe in Köln. Darauf folgen Menschen aus Bulgarien und Rumänien.
  • Informationsangebote: Kommunen erreichen die betroffenen Bürger:innen besser, wenn sie Moschee- und Synagogengemeinden oder Kulturverbände mit einbeziehen. »Die haben einen direkten Zugang zu den Menschen und die werden auch gehört. Wenn ein Imam eine Predigt hält, wird er natürlich sehr ernst genommen.« Auch das hat Köln umgesetzt und schon in einigen Moscheen und Synagogen geimpft.
  • Niedrigschwelliger Zugang: »Wenn man sich alleine die Impfanmeldung anschaut, dann ist das sehr schwierig, sogar für einen Muttersprachler«, sagt Musa Deli. Beim Impfmobil in Köln-Chorweiler ist keine vorherige Anmeldung nötig – es genügt ein kurzer Blick auf den Personalausweis, um anhand der Adresse die Impfberechtigung nachzuweisen.

In 15 Minuten zur Impfung

Die Stadt Köln hat in Chorweiler also vieles richtig gemacht. Mit dafür verantwortlich ist Christian Miller, der Chef der Kölner Berufsfeuerwehr. Man muss für Coronaverhältnisse ungewohnt nah an ihn herantreten, damit sich seine Stimme vom vielsprachigen Rauschen im mobilen Impfzentrum abhebt: »Wir haben natürlich über die städtischen Kanäle, Social Media und so weiter auf dieses Impfangebot hingewiesen«, sagt Christian Miller. »Aber aus meiner Sicht sind die Schlüssel zum Erfolg tatsächlich die lokalen Netzwerke. Das heißt, wir haben über das Bürgeramt die Gemeinschaften, die Pfarreien, die Bürgerinitiativen, auch die kulturellen Vereine hier angesprochen und konnten damit wirklich eine hohe Mobilität der Menschen erzeugen.«

»Lokale Netzwerke sind der Schlüssel zum Erfolg«, betont Christian Miller, Chef der Kölner Berufsfeuerwehr – Quelle: David Ehl copyright

Über die Website der Stadt Köln hat Michaela, die lieber nur ihren Vornamen nennen will, von dem Impfangebot erfahren. Sie hat gerade gemeinsam mit ihrer Tochter Lara jeweils eine Impfung erhalten, dazu einen Zettel mit Informationen zur zweiten Dosis, die sie ebenfalls hier erhalten sollen. Kaum 15 Minuten habe der ganze Vorgang gedauert und das Personal sei sehr nett gewesen. »Einfacher gehts nicht«, sagt die Frau mit der grauen Wollmütze mit grellpinken Sternen: »Sonst haben wir immer so viel Bürokratie in Deutschland, aber das geht!«

Hinter den Kulissen lief nicht alles glatt

Hinter den Kulissen ist zum Start aber nicht alles glatt gelaufen: Eigentlich wollte das Land NRW für die Aktion 1.000 Dosen des Impfstoffs von Johnson & Johnson bereitstellen – der den beträchtlichen Vorteil hat, dass nur einmal geimpft werden muss. Das erleichtert nicht nur die Planungen, sondern umgeht auch das Risiko, dass Menschen möglicherweise ihre Zweitimpfung nicht mehr wahrnehmen.


Frisch geimpft: Michaela und Tochter Lara

Michaela wird geimpft.

Allerdings war der Impfstoff zum Start des Modellprojekts noch gar nicht ausgeliefert, sodass umdisponiert werden musste: Vorerst gab es 750 Dosen Moderna pro Tag aus den Notrationen der Stadt, erst später traf der Johnson-&-Johnson-Impfstoff ein. Doch die einmalige Lieferung von 1.000 Dosen war angesichts der großen Nachfrage nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Bereits am vergangenen Donnerstag drohte das vorläufige Aus für die Impfaktion, weil der Nachschub knapp wurde. Das konnte jedoch abgewendet werden – am Freitag starteten Impfungen auch in der Hochhaussiedlung »Am Kölnberg«.

Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann versprach daraufhin 100.000 zusätzliche Impfdosen für Der Anfang Mai vorgestellte weitere »Impf-Fahrplan« für Nordrhein-Westfalen (2021)»aufsuchende Impfangebote in sozial benachteiligten Stadtteilen mit besonders hohen Inzidenzen« – also auch über Köln hinaus. Der Impfaktion könnten jedoch neue Probleme drohen: Wie Der Spiegel berichtet, Der Spiegel über die möglichen Einschränkungen des Impfstoffes von Johnson & Johnson(2021)erwägt die Ständige Impfkommission, das Vakzin von Johnson & Johnson nur noch für Personen über 60 Jahren zu empfehlen.

Ein Konzept auch für andere Städte?

Von wackelnden Impfstoffmengen einmal abgesehen – die Idee, in sogenannten sozialen Brennpunkten Die Bezeichnung »sozialer Brennpunkt« wird seit 1979 ganz offiziell vom Deutschen Städtetag genutzt, und zwar für Wohngebiete, die die Lebensumstände und Entwicklungschancen ihrer Bewohner:innen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, häufig negativ beeinflussen.

An dieser Stelle des Textes ist der Begriff unausweichlich, weil er in der politischen Debatte häufig genutzt wird. Es ist aber kein Zufall, dass die Bezeichnung erst so spät im Text eingeführt wird, weil das Wort sehr negativ konnotiert ist und zur Stigmatisierung der Bewohner:innen solcher Wohngebiete beitragen kann. Wer mehr dazu wissen will, kann zum Beispiel beim Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache weiterlesen.
priorisiert und besonders niedrigschwellig zu impfen, hat bereits über Köln hinaus Zuspruch erfahren. Einige Beispiele:

  • Im Mannheimer Stadtteil Hochstätt haben mobile Impfteams nach dem Kölner Vorbild ein ähnliches Modellprojekt gestartet. Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha will ähnliche Aktionen im ganzen Land – dabei ist er aber auf die Mitwirkung der Kommunen angewiesen. Stuttgart wertet gerade die Infektionslage im Stadtgebiet aus, allerdings gibt es auch Städte wie Heilbronn, dessen Oberbürgermeister pauschal erklärte, es gebe keine Hotspots. Bericht der Heilbronner Stimme zu Sonderimpfungen in Mannheim und anderen StädtenDas Infektionsgeschehen sei über das ganze Stadtgebiet verteilt.
  • In Berlin hat der Senat bereits 10.000 Impfdosen für Impfaktionen in »sozialen Brennpunkten« freigegeben. Wie genau die Kampagne organisiert werden soll, ist jedoch noch umstritten. Ein Amtsarzt forderte zum Beispiel Bericht des RBB über die Berliner Impf-Pläne (2021)im RBB-Inforadio, dass es zunächst Informationen für die Betroffenen geben müsse.
  • Pressemitteilung des Saarländischen Gesundheitsministeriums (2021)Die Landesregierung im Saarland hat am Mittwoch bekanntgegeben, dass sie an einer eigenen Impfkampagne in sozialen Brennpunkten arbeite. Dort sollten laut Bericht des Saarländischen Rundfunks zur Impfkampagne für »soziale Brennpunkte«Saarländischem Rundfunk ab dieser Woche 4.800 Impfdosen von Johnson & Johnson eingesetzt werden – in Gefängnissen und einer Geflüchtetenunterkunft sowie für obdachlose Menschen und Bewohner:innen bestimmter Wohnviertel. Wie sich die mögliche Einschränkung des Impfstoffes auf das Vorhaben auswirken könnte, ist noch unklar.
  • In Nordrhein-Westfalen könnte das Kölner Modellprojekt bald ausgeweitet werden: Das Gesundheitsministerium wolle nach einem Zwischenbericht aus Köln darüber entscheiden, sagt ein Sprecher des Ministeriums auf Anfrage von Perspective Daily. Die Stadt Duisburg hat bereits Interesse bekundet, das Ministerium wolle laut einem Sprecher gegebenenfalls auch auf andere Städte und Kreise zugehen.

Welche Maßnahmen sind entscheidend, damit diese Projekte auch anderswo gelingen können? Darüber sind sich alle Fachmenschen, die für diesen Artikel befragt wurden, überraschend einig: Auf die Kommunikation komme es an. »Der Schlüssel zum Erfolg ist aus meiner Sicht, den Impfstoff zu den Menschen zu bringen, ein niedrigschwelliges Angebot zu machen und die lokalen Netzwerke mit einzubinden«, sagt Feuerwehrchef Christian Miller und schließt sich damit dem Rat des Sozialpsychologen Musa Deli an.

Mehrsprachig, barrierefrei, kostenlos: In Köln läuft vieles gut

Epidemiologe Hajo Zeeb unterstreicht, was in Köln aus seiner Sicht gut läuft: »Es gibt gute mehrsprachige Informationen, es ist barrierefrei, keine Kosten – das scheint es schon zu einem ganz guten Vorbild zu machen. Ich bin sehr dafür, in enger Zusammenarbeit mit Menschen vor Ort Derartiges auch an anderen sogenannten Brennpunkten zu machen.«


Zwischen den Hochhäusern stehen die Menschen Schlange.

Der mobile Impfbus steht mitten in Köln-Chorweiler.

Franziska Weingarten klingt 2 Tage nach ihrer Impfung am Telefon sehr zufrieden: »Ich bin schon froh, dass ich jetzt geimpft bin. Das hätte sonst viel länger gedauert.« Sie hatte nur leichte Schmerzen im Arm, das sei aber nicht so schlimm. Von ihrer Arbeitsstätte an der Chorweiler Tafel kann sie sehen, dass immer noch jeden Tag viele Menschen geduldig anstehen: »Man sieht, dass die Leute Interesse haben, sich impfen zu lassen«, sagt sie.

So ähnlich hat das auch Michaela bestätigt, die Frau mit der grau-pinken Wollmütze, die sich eine halbe Stunde vor Franziska Weingarten impfen ließ: »Wir hungern alle nach unserem Leben, das wir vorher hatten. Und das mit dem Impfen ist wirklich so eine kleine Sache für eine große Wirkung. Und zwar für alle, weltweit.«

Titelbild: David Ehl - copyright

von David Ehl 
Wenn Zugvögel im Schwarm fliegen, beeinflusst jedes einzelne Tier die Richtung aller - das hat David bei einer Recherche gelernt. Sonst berichtet er eher über Menschen, stellt sich dabei aber eine ganz ähnliche Frage: Welche Rolle spielt der einzelne Wähler und Verbraucher, welchen Einfluss hat jeder von uns auf die Gesellschaft? David recherchiert gerne unterwegs, studiert hat er Musikmanagement, Englisch und Journalismus.

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