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Was kommt im Schlaraffenland auf unseren Tisch?

Jeder hat eine Meinung zur Zukunft der Landwirtschaft. Bevor wir darüber reden können, müssen wir mit einigen Mythen aufräumen.

25. Januar 2017  11 Minuten

Debatten über Landwirtschaft Frederik v. Paepcke beschreibt am Beispiel Flüchtlingspolitik, wie schwer es ist, Lagerdenken zu überwinden verlaufen schnell emotional. Das überrascht nicht, denn Landwirtschaft ist nicht bloß irgendein Wirtschaftszweig.

Landwirtschaftliche Produkte stellen wir uns nicht ins Regal. Wir sitzen nicht darauf. Sondern wir essen sie. Ein intimer Vorgang, der Vertrauen voraussetzt. Wo Vertrauen fehlt, kommen die Emotionen auf den Tisch.

Hinzu kommt, dass Landwirte einen großen Teil unserer Natur verwalten. Knapp 17 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche bearbeiten deutsche Bauern. Das ist etwa die Hälfte der Fläche Deutschlands. Das öffentliche Bewusstsein für Umweltschutz ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte viel ausgeprägter geworden. Als ich im Jahr 1984 geboren wurde, gab es zum Beispiel noch nicht einmal ein Bundesumweltministerium. Das wurde erst 2 Jahre später im Juni 1986 gegründet. Heute wird genauer hingeschaut: »Wer düngt zu viel?« »Hat da jemand Altöl verbrannt?« oder »Überall nur Monokulturen!«.

Das Thema Landwirtschaft betrifft uns alle – in Form von Essen und unserer Abhängigkeit von der Natur. Denn trotz des Schlachtrufs »Wir haben es satt!« »Agrarkonzerne: Finger weg von unserem Essen!« riefen vergangenen Samstag in Berlin etwa 18.000 Demonstranten anlässlich der Grünen Woche, die derzeit stattfindet. Die Warnung: »Die bäuerliche Landwirtschaft und das regionale Lebensmittelhandwerk sind in Gefahr. Denn Agrarkonzerne und die Bundesregierung treiben die Industrialisierung der Land- und Lebensmittelwirtschaft voran.« gilt: Gegessen wird immer.

Wir haben uns gefragt: Worum geht es beim Thema Landwirtschaft eigentlich? Zum einen um genug gesundes Essen – ein Thema, das jeden betrifft und das wir in Zukunft noch öfter aufgreifen wollen. Letzte Woche haben wir Felix Austen schreibt über Genossenschaften als Alternative zu klassischen landwirtschaftlichen Betrieben den ersten Artikel dazu veröffentlicht. Nicht nur in der Redaktion ging es heiß her, auch die Diskussionen mit unseren Mitgliedern verliefen emotional: Entsetzen, Ein Mitglied meinte: »Deine Behauptung aber, wir bräuchten günstige Lebensmittel, damit sich Arme Lebensmittel UND Handy leisten können, finde ich irgendwie schockierend. Armut und ungerechte Besitzverteilung werden ja nicht weniger schlimm und schon gar nicht gelöst, indem man eben für die Armen günstigere Lebensmittel produziert.« Missverständnisse, Felix Austen verteidigte sich: »All die Verallgemeinerungen ›So können wir nicht die Welt ernähren‹, ›alle Konventionellen sind böse‹ etc. mache ich nicht, die legt ihr in meine Worte.« eine Kündigungsandrohung. Ein Mitglied beschwerte sich: »Dein letzter Absatz zu Exporten, Fleischkonsum etc. zeigt dann noch einmal eindrucksvoll, dass es hier ausdrücklich nicht um Objektivität und Sachlichkeit geht, sondern um persönliche Auffassungen und eben doch politische Neigungen. Aus diesem Grund bin ich bei PD doch an falscher Stelle.« Ein Mitglied brachte eine zentrale Herausforderung auf den Punkt: »Ein Problem ist auch, dass die Diskussionen sehr schnell an inhaltlichem Umfang gewinnen.« Fortsetzung des Kommentars: »Du hast einen Artikel über Landgrabbing geschrieben und diesen schon mit konventionell vs. bio geimpft. Ich bin dann auf diesen (nebensächlichen) Punkt angesprungen. Daraus wurde eine Diskussion konventioneller vs. biologischer Landbau und damit kommen eine Vielzahl von Einzelthemen auf den Tisch: Monokulturen, Pestizideinsatz, Tierwohl bis Grünstreifen. Natürlich hängt alles zusammen, aber jedes Einzelthema für sich ist eine sachliche/fachliche Diskussion wert.«

Darum werden wir uns in jedem unserer Texte zum Thema einer ganz konkreten Frage widmen. Hier und heute: Die (teilweise von Mythen und Halbwahrheiten geprägte) Diskussion um Landwirtschaft aus der Perspektive der Landwirte.

High Tech und Digitalisierung machen im 21. Jahrhundert auch vor der Landwirtschaft nicht halt. Die Drillingsreifen verhindern eine übermäßige Bodenverdichtung. – Quelle: Elcajonfarms CC BY

Wo gibt’s die eierlegende Wollmilchsau?

Hier geht’s zum Agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung Etwa 90% der landwirtschaftlichen Betriebe sind Familienbetriebe. Zwischen 2013 und 2016 hat sich die Agrarstrukturerhebung 2016: Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland geht zurück Anzahl der Betriebe um 3% auf etwa 276.000 verringert. Etwa 9.000 Betriebe wurden also aufgegeben. Meist ein Resultat des gewaltigen Strukturwandels in der Landwirtschaft.

Wenig spricht dafür, dass die Zukunft rosiger wird. Denn nicht »nur« Umweltschutz und gesunde Ernährung stehen auf dem Forderungskatalog jener, die (bestimmte Formen von) Landwirtschaft kritisieren und weitere Reformen fordern.

Lassen sich die Anforderungen an Landwirte überhaupt unter einen Hut bringen? Ein paar Beispiele verdeutlichen die verzwickte Lage:

  • Versorgungssicherheit: Der gesellschaftlich elementarste Punkt ist selten Gegenstand erhitzter Debatten: Wer kann sich im 21. Jahrhundert (in Deutschland) ernsthaft leere Supermarktregale vorstellen? Doch egal, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen wird – ohne Versorgungssicherheit wird es nicht gehen.
  • Sozialverträgliche Preise: In kaum einem anderen Land zahlen die Verbraucher weniger fürs Essen als in Deutschland: Deutsche geben (relativ gesehen) etwa halb so viel wie der europäische Durchschnitt für Lebensmittel aus Gerade mal 12,8% gehen auf das Konto von Nahrungsmitteln. Die einen sind daher bereit, höhere Preise in Kauf zu nehmen. Andere betonen, dass Dem Weltkatastrophenbericht des Roten Kreuzes zufolge betreffen steigende Nahrungsmittelpreise vor allem die Ärmsten Preisanstiege auf dem Weltmarkt für Lebensmittel die Ärmsten am härtesten treffen.
  • Wettbewerbsfähigkeit: Die Landwirtschaft unterliegt zumindest im barrierefreien EU-Binnenmarkt einem europäischen Wettbewerb. Jede zusätzliche gesetzliche Auflage ist damit aus ökonomischer Sicht für den Landwirt ein potenzieller Standortnachteil.
  • Der Erhalt ländlicher Idylle: Bei diesem Stichwort ein paar Worte zu meinem Hintergrund: Ich bin auf dem Land groß geworden. Im Galopp über Stoppelfelder; die Gerüche von Rapsblüte, Gülle oder frisch gedroschenem Weizen symbolisierten den Wechsel der Jahreszeiten. Wohl kaum ein Beruf bietet diese Erfüllung, dem Produkt des eigenen Schaffens beim Wachsen zuzusehen. Der Natur so nah zu sein.
    Anlässlich der Argrarministerkonferenz im September 2016 machten Bürger auf die existenzbedrohende Lage für viele Landwirte aufmerksam »Stoppt das Höfesterben!« fordern jene, die möglichst viel Idylle konservieren und der Erosion dörflicher Strukturen Einhalt gebieten wollen. Der Appell in Richtung Landwirtschaft lautet häufig: kleinere Höfe, mehr Mitarbeiter.

Ländliche Idylle: Etwa 27% der landwirtschaftlichen Fläche Deutschlands werden – meist für Nutztiere – als Dauergrünland genutzt. – Quelle: Ales Krivec CC BY

Wie sieht er also aus, der perfekte Landwirt? Er emittiert kein CO2, verwendet weder Pflanzenschutzmittel noch Dünger, sorgt für möglichst viele Arbeitsplätze auf dem Lande (Ohne Überstunden! Und mehr als Mindestlohn wäre nett.) und produziert dabei große Mengen an optisch makellosen, gesunden und schmackhaften Lebensmitteln zu wettbewerbsfähigen Preisen. Falls er Tiere hat Der Vegetarierbund Deutschland über ethische Bedenken in der Tierhaltung (ob das ethisch vertretbar ist, ist umstritten), sollten sie außerdem The Guardian erörtert die Frage, ob Tiere glücklich sein können (englisch) glücklich sein.

Doch die eierlegende Wollmilchsau gibt es noch nicht einmal in der Landwirtschaft. Stattdessen gibt es zahlreiche Mythen, Gerüchte und viel Halbwissen, sobald es um Landwirtschaft in Deutschland geht. Ein paar davon möchte ich richtigstellen.

6 kleine Irrtümer zur heimischen Landwirtschaft

  1. »David gegen Goliath« oder: »Die großen konventionellen Betriebe verdrängen die kleinen ökologischen.«

    Richtig ist: Der durchschnittliche landwirtschaftliche Haupterwerbs-Betrieb in Deutschland hat Übersicht über die Größe von landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland (S. 89) eine Größe von 58,6 Hektar. Das entspricht gut 80 Fußballfeldern. Ökologische Betriebe, die mindestens die Anforderungen der EG-Ökorichtlinie Es gibt unterschiedliche Definitionen, was unter ökologischem Landbau zu verstehen ist. Diesem Artikel liegt die Definition der deutschen Bundesregierung zugrunde. erfüllen müssen, sind mit Übersicht über die Größe von ökologischen Landwirtschaftsbetrieben in Deutschland (S. 66) durchschnittlich 58,2 Hektar praktisch gleich groß.
    Richtig ist außerdem: Seit der Finanzkrise haben Investoren Boden als Investitionsgut entdeckt, der zwar jährlich nur eine magere Rendite von etwa 1–2% abwirft, dafür aber bei sehr geringem Risiko ein solides Potenzial für langfristige Wertsteigerung hat. Um Die Website weltagrarbericht.de erläutert Landgrabbing, das vorwiegend in armen Ländern ein Problem darstellt »Landgrabbing«, also die Übernahme von Landflächen durch Investoren im großen Stil, zu erschweren, ist es deswegen nur möglich, vom Staat ausgeschriebene Flächen zu erwerben, wenn man einen landwirtschaftlichen Abschluss hat.

  2. »Überall gibt es nur noch Monokulturen!«

    Zunächst: Was ist eigentlich eine Monokultur? »Bei Monokulturen handelt es sich um den Anbau einer einzigen Pflanzenart (Reinkultur) über mehrere Jahre hinweg auf derselben Fläche«, erläutert das Portal pflanzenforschung.de erklärt: Was ist eine Monokultur? pflanzenforschung.de. Nur Mais und Roggen eignen sich in Deutschland grundsätzlich für diese Form von Anbau. Echte Monokulturen gibt es auf heimischen Feldern nur selten.
    Richtig ist aber auch: Es gibt – gerade im Osten der Republik – riesige Felder mit teilweise weit über 100 Hektar, auf denen dieselbe Frucht angebaut wird. Laut Bundesamt für Naturschutz bedroht unter anderem die mangelnde Vernetzung von Lebensräumen die Artenvielfalt Ein empfindlicher Eingriff in tierische Lebensräume. Doch der Staat hat hier schon einiges getan. Grünstreifen, die Landwirte um die meisten ihrer Felder anlegen, sind eines der Resultate einer Agrarpolitik, die nach einem Interessenausgleich strebt. Sie bieten den Tieren zusätzliche Nahrung und vielfältigeren Lebensraum und tragen so zum Erhalt der Artenvielfalt bei. Und auch Betriebe mit Biogasanlagen dürfen nicht mehr auf 100% ihrer Flächen Mais anbauen, sondern auf maximal 75%.
    Große Felder mit nur einer Feldfrucht gibt es übrigens sowohl bei konventioneller als auch bei ökologischer Landwirtschaft. Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Fruchtfolge: Während konventionelle Betriebe meist mit einer Fruchtfolge von etwa 3 verschiedenen Feldfrüchten auskommen, haben ökologische Betriebe eine meist deutlich mehrgliedrige Fruchtfolge. Außerdem bauen ökologische Landwirte bestimmte Feldfrüchte teilweise in Kombination mit anderen Pflanzen an, zum Beispiel Klee, um die Stickstoffversorgung der Hauptpflanze zu gewährleisten.

  3. »Goldgrube Biogas«

    Von »satten Einspeisevergütungen« durch Biogas, mittels derer Großbetriebe Ortsansässige überbieten, war Felix Austen schreibt über Genossenschaften als Alternative zu klassischen landwirtschaftlichen Betrieben in unserem Artikel von letzter Woche die Rede. Tatsächlich war das Geschäftsmodell Biogas über Jahre sehr rentabel – und das bei sehr geringem Risiko. Doch die fetten Jahre für Biogas sind vorbei. Zahlen vom September 2015 zeigen: Welt.de berichtet über die schwierige wirtschaftliche Situation für Biogasanlagen Eine durchschnittliche Biogasanlage »erwirtschaftet« einen Verlust von 27.000 Euro.

    Auch, dass Ortsansässige beim Flächenerwerb zu kurz kommen, ist statistisch nicht korrekt: Die BVVG Die »Bodenverwertungs- und -verwaltungsgesellschaft mbH« soll durch den Verkauf staatlicher Flächen die Wende teilfinanzieren. Die Flächen stammen überwiegend aus LPGs, also landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, in denen zu Zeiten der DDR der größte Teil der Landwirtschaft organisiert war. Aktuell sind noch etwa 3% der landwirtschaftlichen Flächen in den neuen Bundesländern in der Hand der BVVG. (eine GmbH, die für den Verkauf staatlicher Flächen zuständig ist) hat Hier geht’s zur BVVG in Zahlen und Fakten im Jahr 2014 ca. 80% ihrer Flächen an Pächter vor Ort verkauft.

  4. »Vielen konventionellen Landwirten ist die Umwelt egal«

    Nicht, wenn ihnen ihre eigene Zukunft wichtig ist: Landwirte sind erstens von guter Bodenqualität abhängig. Lassen sie ihre Böden versauern, schaufeln sie sich ihr eigenes Grab – oder das ihrer Erben. Hinzu kommt, dass Umweltvergehen zu empfindlichen Strafen bzw. Verlusten des Anspruchs auf Agrarsubventionen führen. Die Sanktionierung richtet sich je nach Häufigkeit, Ausmaß, Schwere und Dauer des Verstoßes. So verliert ein Betrieb bei einem leichten, fahrlässigen Erstverstoß 1% der gesamten Zahlungen, während bei vorsätzlichem Verstoß bis zu 100% der EU-Agrarsubventionen einbehalten bzw. zurückgefordert werden können. Die machen bei konventionellen Betrieben etwa 50% des Gewinns aus (bei ökologischen Betrieben beträgt der Anteil über 90%). Jeder Verstoß gegen umweltrechtliche Auflagen ist aus finanzieller Sicht also ein gefährliches Spiel mit dem Feuer.
    Richtig ist aber auch: Es gibt Bereiche, in denen Landwirte Kreisläufen in der Umwelt Schäden zufügen, ohne dass sie Strafen oder schlechte Böden fürchten müssen. Die Stickstoff- bzw. Nitratbelastung ist zum Beispiel ein riesiges Problem. Stickstoff, der von Pflanzen nicht aufgenommen wird, gelangt teilweise in Wasserkreisläufe. Dort stimuliert er beispielsweise starkes Algenwachstum, was sich wiederum negativ auf die Artenvielfalt auswirkt. Hier gibt es weitere Informationen. Zwar wird heute immer weniger Stickstoff bei steigenden Erträgen eingesetzt. Laut Nitratbericht 2016 ist die Nitratbelastung leicht zurückgegangen Von einem intakten Stickstoffkreislauf kann aber keine Rede sein.

  5. »Der Staat muss mehr tun«

    Die meisten Belange werden an den Staat adressiert, also die Bundesregierung. Doch unsere Agrarpolitik findet heute zu einem großen Teil auf europäischer Ebene statt und ist das Ergebnis von Kompromissen, um die zäh gerungen wurde. Und unser Binnenmarkt ist barrierefrei: Legt also beispielsweise der deutsche Staat die Umweltschutz-Latte noch höher, bedeutet das für den deutschen Landwirt entweder höhere Kosten oder weniger Umsatz. Im Ergebnis ein Standortnachteil (ohne die Möglichkeit eines Standortwechsels). Das ist kein Totschlag-Argument gegen zusätzliche Auflagen, sondern lediglich der Hinweis auf den ökonomischen Druck, unter dem viele (nicht alle!) Landwirte stehen. Manch einer, der die Agrarrevolution fordert, vergisst dabei, dass landwirtschaftliche Betriebe auch in Zukunft Geld verdienen können müssen.

  6. »Ökologische Landwirtschaft ist ähnlich effizient und kostengünstig möglich«

    Dazu ein paar Zahlen:

    Der Ertrag ökologischer Landwirtschaft ist – je nach Produkt – erheblich geringer. Spiegelbildlich ist auch der Preis höher: Einige (!) Konsumenten sind bereit, für ökologische Lebensmittel mehr zu bezahlen. Doch wirtschaftlich rentabel ist der durchschnittliche ökologische Betrieb nur deswegen, weil er – im Vergleich zu konventionellen Betrieben – deutlich höhere EU-Agrarsubventionen erhält:

Ein weiteres Vorurteil: Lobbyismus und Parteipolitik verhageln am Ende doch sowieso jeden guten Kompromiss. Dieser Vorwurf ist – zumindest so pauschal – ungerechtfertigt.

Wer konstruktiv diskutiert, ist nicht interessant genug

Ein schönes Beispiel für Politik, die Inhalte über Wahlkampfgetöse stellt (und vermutlich deswegen von den meisten Medien nicht aufgegriffen wird), liefert eine aktuelle Debatte um das besonders emotionale Thema »Tierwohl«.

Vergangene Woche traten Parteiübergreifende Forderung nach nationaler Tierwohlstrategie in einer ungewöhnlichen Allianz Niedersachsens grüner Landwirtschaftsminister Christian Meyer zusammen mit seinen Amtsvorgängern Gert Lindemann (CDU) und dem früheren SPD-Politiker Uwe Bartels vor die Presse. Sie forderten eine parteiübergreifende Verständigung, die auf dem Abschlussbericht des Kompetenzkreises Tierwohl Abschlussbericht des »Kompetenzkreises Tierwohl« gründet, der von Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt (CSU) eingesetzt wurde. Der grüne Minister Meyer bot sogar an, die Diskussion um die Tierwohlstrategie aus den Wahlkämpfen des Jahres 2017 herauszuhalten.

Wie schwierig dabei ein guter Kompromiss sein kann, veranschaulicht eine etwas detailliertere Betrachtung des Problems der sogenannten »Kastenstände«, ein kleiner Mosaikstein im Steinschlag der Herausforderungen rund um die Themen Landwirtschaft und Ernährung.

Kastenstände sind Vorrichtungen, in die Säue nach dem Abferkeln gezwängt werden. So wird verhindert, dass die Säue sich auf ihre eigenen Ferkel legen und diese verletzen oder töten. Außerdem kommen Kastenstände zum Einsatz, wenn Säue künstlich befruchtet werden: Wenn Säue »rauschig«, also empfängnisbereit sind, bespringen sie sich oft gegenseitig und verletzen einander dabei teils schwer. Kastenstände verhindern dies.

70 cm Breite stehen einer Sau in diesen Kastenständen zur Verfügung. Das sei zu wenig und die Vorrichtung zumindest im Zusammenhang mit Befruchtung unzulässig, urteilte im November 2016 das Bundesverwaltungsgericht. Welche Regeln nun genau gelten, ist für Tierhalter unklar, weil dies oft von der Auffassung einzelner Behörden abhängig ist. Eine Rechtsunsicherheit, die Tierhalter vor Schwierigkeiten stellt: »Man hat erst die Praxis verprügelt. Und man kommt jetzt erst mit entsprechenden Recherchen, wie das künftig funktionieren soll«, beklagt sich Hans Georg Meyer, ein betroffener Landwirt, im Der MDR untersucht das Pro und Contra von Kastenständen MDR-Interview.

Derzeit wird auf Versuchsbetrieben mit einer größeren Breite experimentiert. Dabei zeichnet sich ab, dass mehr Breite zu mehr Verletzungen führt, wenn die Säue sich umdrehen.

Selbst bei solch einem überschaubaren Einzelproblem ist es also gar nicht so leicht, eine ideale Lösung zu finden.

Kastenstände beschützen Ferkel davor, von ihrer Mutter versehentlich zerquetscht zu werden. Eine umstrittene Vorrichtung. – Quelle: Maqi CC BY-SA

Moralisch fressen?

Die Liste von Mythen und Halbwissen rund um das Thema Landwirtschaft ließe sich natürlich weiter fortsetzen. Sie steht stellvertretend für die Frage: Wie gehen wir mit den Ansprüchen an die »eierlegende Wollmilchsau« um?

Es steht außer Frage, dass die konventionelle Landwirtschaft weiterentwickelt werden muss, zum Beispiel im Hinblick auf Stickstoff und CO2. Und es überrascht sicher niemanden, dass die diesbezüglichen Freudentänze unter konventionellen Landwirten ausbleiben. Doch pauschale Schuldzuweisungen oder vermeintliche »Lösungen«, die Teile der Komplexität einfach ausblenden, lösen kein Problem.

»Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral«, ließ einst Bertolt Brecht eine seiner Figuren in der Dreigroschenoper in der Ballade über die Frage »Wovon lebt der Mensch?« verkünden. Doch im 21. Jahrhundert geht es beim Thema »(fr)essen« zunehmend um Moral, Ethik, Nachhaltigkeit. Ohne Frage ein großer Fortschritt!

Doch um die vielen Themen rund um unser Essen konstruktiv zu diskutieren, sollten – zusammengefasst – ein paar Dinge berücksichtigt werden:

  1. Das komplexe Thema Landwirtschaft berührt zahlreiche berechtigte Interessen: Naturschutz, Versorgungssicherheit, Gesundheit, bezahlbare Preise, Tierwohl, Erhalt ländlicher Strukturen. Und daneben auch Wettbewerbsfähigkeit: Landwirte wollen nicht nur (derzeit bereits durch gewaltige Summen subventioniert) zu Marktpreisen produzieren, sondern auch etwas verdienen. Alle Interessen unter einen Hut zu bekommen, ist eine komplizierte Aufgabe und erfordert stets Kompromisse.
  2. Die deutsche Landwirtschaft hat (wie viele andere Wirtschaftszweige auch) binnen nur einer Generation die größte und schnellste Transformation ihrer Geschichte hinter sich. Als mein Vater in den 1960er-Jahren seinen Betrieb übernahm, verabschiedete er sich vom letzten Arbeitspferd im Stall. Heute fahren die 400-PS-Traktoren meines Bruders GPS-optimiert, ohne dass noch jemand lenken muss.
  3. Im Gegensatz zu den meisten anderen Wirtschaftszweigen sind Landwirte überwiegend Einzelunternehmer und schon heute teilweise überfordert angesichts der Diese Broschüre fasst auf über 100 Seiten verschiedene Anforderungen an die heutige Landwirtschaft zusammen Vielzahl an Bestimmungen, an die sie sich halten müssen. Das unterscheidet sie beispielsweise von Betreibern eines Atomreaktors, die ebenfalls viele Auflagen zu beachten haben, aber entsprechendes Personal einstellen können.

Auch in Zukunft wird sich Landwirtschaft weiter ändern müssen. Um im Rahmen der künftigen Transformation die zahlreichen Interessen sachgerecht abzuwägen, taugt der Ansatz vom niedersächsischen Minister Meyer: mit- statt gegeneinander. Kein Ideologiegetöse, sondern harte, inhaltliche Arbeit. Über Partei- und Ideologiegrenzen hinweg.

Titelbild: Fabian Ludwig - copyright

von Frederik v. Paepcke 

Frederik interessiert sich für etwas, das zunächst sperrig klingt: Systeme. Welchen Einfluss haben scheinbar unsichtbare Strukturen auf unseren Lebens-Alltag? Als Anwalt, Unternehmensberater, Gründer und Diplomat hat Frederik unterschiedlichste Perspektiven kennengelernt und ist überzeugt: Vom kleinen Startup bis hin zum großen Völkerrecht sollten wir weniger an das Gewissen des Einzelnen appellieren und stattdessen mehr an systematischen Veränderungen arbeiten.

Frederik war bis Juli 2017 Stammautor bei Perspective Daily und ist seitdem Gastautor.

Themen:  Klima   Gesellschaft  

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