Inhalt

Wissenschaftler haben herausgefunden, warum da Stroh liegt

Links zum Artikel

Werde jetzt Mitglied und wir spenden für dich! Zur Weihnachtsaktion
Maren Urner

Wissenschaftler haben herausgefunden, warum da Stroh liegt

14. Februar 2017

Wissenschaft ist eine harte Sache, vor allem wenn es um Pornos geht: Wie macht man es richtig? Dieser Artikel verbindet das Geile mit dem Nützlichen.

Ich habe gelesen, dass So zu lesen in »The Sun« (englisch, 2011) junge Frauen 15 Minuten pro Woche Pornos im Internet schauen. Normalerweise würde ich keinen Artikel der englischen Zeitung »The Sun« als Quelle verlinken wollen. An dieser Stelle ist genau das aber Teil meiner Argumentation. Wenn ich mich noch als junge Frau bezeichnen darf, Beim zweiten Blick auf das Ergebnis muss ich feststellen, dass ich tatsächlich nicht mehr dazugehöre, da die Umfrage mit 18–24-Jährigen durchgeführt wurde. Ich muss also versuchen, mich an meinen Porno-Konsum von vor einigen Jahren zu erinnern. sollte das also auch für mich gelten. Im Durchschnitt versteht sich. Und wenn das nicht so ist? Folgt dann daraus, dass entweder die Studie oder mein Verhalten »falsch« ist?

In diesem Text geht es nicht um richtige oder fehlverstandene Romantik und nicht um Liebe, sondern um Pornografie und was wir darüber wissen (können). Bei einfachen Aussagen wie »Pornos machen aggressiv« ist Vorsicht geboten. Denn Verhütung fängt bei guter Wissenschaft an. Die ist nicht immer einfach. Darum zeigt dir dieser Text, worauf es wirklich ankommt.

Und natürlich geht es um die Frage: Warum liegt hier eigentlich Stroh? Die Frage stammt aus einem Pornofilm und erreichte aufgrund ihrer Banalität 2002 eine virale Reichweite.

Wie oft schaust du Pornos?

Menschen, die an Umfragen zum Thema Sex und Pornos teilnehmen, werden das häufig gefragt. Die vermeintlich einfache Frage »Wie oft guckst du Pornos?« offenbart jedoch bereits die erste Hürde auf dem Weg zu Wissen und Verständnis. Denn meine Antwort hängt davon ab, was ich unter »Pornos« verstehe.

»Sprachliche, bildliche Darstellung sexueller Akte unter einseitiger Betonung des genitalen Bereichs und unter Ausklammerung der psychischen und partnerschaftlichen Aspekte der Sexualität« – Duden

Gehört das Video einer Frau, die allein masturbiert, dazu? Und das Bild eines Mannes in Unterwäsche, der in eindeutig zweideutiger Haltung posiert?

Wie unterschiedlich wir das sehen, zeigen Diese Studie zeigt: Menschen definieren »Pornografie« unterschiedlich (englisch, 2016) die Ergebnisse einer US-amerikanischen Studie mit mehr als 2.000 Teilnehmern, die 20 Bilder und Videos vom leicht anzüglichen Bademodenkatalog bis zum Hardcore-Sex-Video beurteilen sollten.

Das Ergebnis: Die Teilnehmer waren durchschnittlich 31 Jahre alt, 64% waren männlich, 52% kamen aus den USA. Auf einer Skala von »0 = auf keinen Fall Porno« bis »10 = definitiv Porno« erhalten die »Top 5« einen hohen durchschnittlichen Wert – so zum Beispiel das Video der Frau, die sich selbst befriedigt. Aber eben nur im Durchschnitt: Für alle diese »Top 5« gilt, dass mindestens 13% sie als nicht pornografisch bewerten. Das heißt, sie geben dem Video höchstens eine 5. Die Ergebnisse zeigen also eine große Variabilität und kein einheitliches Bild. Wird nur ein Mittelwert angegeben, täuscht das ein zu einfaches Bild der Realität vor.

Noch bunter sind die Ergebnisse der »Bottom 5«, also der 5 Motive und Video-Sequenzen, die im Durchschnitt die wenigsten Punkte erhalten: Diese bewertet fast jeder Zweite dennoch mit mindestens 6 von 10 Punkten und ordnet sie so klar als Pornografie ein.

Wer sieht den leicht gekleideten Mann in eindeutig zweideutiger Pose eher als Porno-Material? Verheiratete Menschen, Weitere Studie unter Studenten: Religiösere Studenten schauen weniger Pornos (englisch, 2008) religiöse Menschen und Frauen. Bei allen gilt natürlich: Auch hier hängen die Aussagen von der eigenen Definition ab. Und von der Verlässlichkeit der Aussagen. Der wichtigste Faktor, der über den eigenen Pornokonsum entscheidet, scheint tatsächlich das Geschlecht zu sein. Eine Studie zum Pornokonsum online fand heraus, dass Männer mit 550% höherer Wahrscheinlichkeit online Pornos schauen als Frauen. Außerdem gilt: Wer häufiger Pornos schaut, dessen Schwelle für das, was er als Pornografie bezeichnet, steigt. Menschen mit geringem Pornokonsum haben generell höhere Durchschnittswerte. Besonders die Bilder und Videos mit niedrigen Werten, also die »Bottom 5«, bewerten sie eher als pornografisch. 2 Personen, die das gleiche Video mit nackter Haut anschauen, bewerten dies mit großer Wahrscheinlichkeit also sehr unterschiedlich – und beantworten damit auch die Frage »Wie oft schaust du Pornos?« ganz anders.

Viele Dinge, die wir über Pornografie zu wissen glauben, müssen wir also mit Vorsicht genießen – weil unklar ist, über welche Art Pornos wir gerade sprechen. Sehr wahrscheinlich wissen wir viel weniger über Pornografie und mögliche Effekte, die sie auf das Publikum hat, als uns so manche Berichterstattung zum Thema suggeriert.

Fazit Nummer 1: Bevor wir über etwas reden, müssen wir das »Etwas« genauer definieren – sonst wird jede Aussage womöglich auf Basis der eigenen Definition interpretiert.

Haben wir die Definition geklärt, können wir ein wenig tiefer bohren und nach methodischen Schwächen schauen. Ein Problem der genannten Studie beispielsweise ist der Faktor Kultur: Obwohl ziemlich genau die Hälfte der Teilnehmer nicht aus den USA kommt, wird dies nicht bei der Auswertung berücksichtigt. Und das, obwohl aus vorherigen Studien bekannt ist, dass die Kultur einen Einfluss auf die Wahrnehmung von Pornos hat.

Die zeigen nur einen Ausschnitt!

Als die britische Wissenschaftlerin Miranda Horvath untersuchen soll, welchen Einfluss Pornografie auf Kinder und Jugendliche hat, durchforstet sie mit ihren Kollegen mehr als 40.000 Studien und Berichte zum Thema. Ihrer harten Meta-Studie zu den Auswirkungen von Pornografie auf Kinder und Jugendliche (englisch, 2013) Überprüfung halten weniger als 300 stand. Alle anderen erfüllen grundlegende wissenschaftliche Standards nicht. Zahlreichen potenziellen Studien mangelt es nicht an scharfen Formulierungen, sondern an Substanz – sie basieren eher auf bestimmten Artikel bei der BCC zur Pornografie-Forschung (englisch, 2013) Meinungen statt auf wissenschaftlichen Arbeitsweisen. So wird zum Beispiel sehr selektiv über einzelne, häufig anekdotische Einzelereignisse berichtet.

Das Thema bietet Steilvorlagen für reißerische Überschriften à la »Süchtig nach Pornos: Zwang, Scham und Angst«. Porno-Abhängigkeit ist nicht als Krankheitsbild klassifiziert. Es gibt aber erste neurowissenschaftliche Studien, die dies in Frage stellen. Menschen, die bei sich selbst von einer Porno-Abhängigkeit sprechen, zeigen ähnliche neuronale Veränderungen und Aktivitätsmuster wie Menschen, die an anderen Abhängigkeiten leiden. Klar, dass methodische Einschränkungen einzelner Studien es nicht in die Überschrift schaffen. Häufig fallen sie jedoch komplett aus der medialen Berichterstattung raus und es bleiben Pauschalaussagen übrig, die wenig mit der eigentlichen Studie zu tun haben. Gerade im Bereich der medizinischen Forschung ist das häufig der Fall, besonders wenn es um »gesunde« und »ungesunde« Lebensmittel geht. Gerade weil das Thema Pornografie besonders heiß ist, zeichnen sich viele Studien methodisch nicht durch ihre Standhaftigkeit aus. Dennoch hat jede wissenschaftliche Arbeit ein eigenes Kapitel, das die methodischen Einschränkungen (»Limitations«) Einschränkungen müssen klar benannt werden. Ist dies nicht der Fall, sorgt der sogenannte »Peer-Review«-Prozess dafür, dass dies passiert. Dabei prüfen unabhängige Wissenschaftler das Manuskript, bevor die Studie veröffentlicht werden kann. In den meisten Fällen folgt dann mindestens eine Schleife zurück zu den Autoren der Studie, die zusätzliche Auswertungen und Erklärungen ergänzen müssen. Bei großen Mängeln wird das Manuskript direkt abgelehnt. entblößt, wie zum Beispiel die Größe der Stichprobe.

Auf diese 4 lohnt es sich zu achten:

  • Umfragen: Fragt dich die wunderschöne Wissenschaftlerin oder der fesche Forscher nach deinen sexuellen Vorlieben, antwortest du sicher anders, als wenn du die Antwort auf einer Tastatur am Computer eintippst. Umfrageergebnisse sind immer eine Momentaufnahme, die nicht zwangsläufig mit der Realität übereinstimmt. Dabei spielt auch die genaue Fragestellung eine wichtige Rolle. Die Ergebnisse unterscheiden sich möglicherweise, ob die Frage »Wie oft schaust du Pornos?« oder »Wie oft hast du letzten Monat Pornos geschaut?« lautet. Sogenannte Suggestivfragen, die bestimmte Tatsachen nahelegen (in diesem Fall, dass der Befragte Pornos geschaut hat), spielen auch bei Zeugenbefragungen und bei Placeboeffekten eine wichtige Rolle. Wissenschaftler müssen unseren Angaben vertrauen. Denn was wir sagen und was wir tun, sind häufig 2 verschiedene Paar Schuhe. Wie soll ein Wissenschaftler überprüfen, ob die Befragte in der letzten Woche tatsächlich 15 Minuten Pornos Mal ganz abgesehen davon, dass der Fragende zunächst ihre Definition von Pornos untersuchen oder darlegen müsste. geschaut hat?
  • Soziale Aspekte: Ganz abgesehen vom Aussehen des Wissenschaftlers ist jeder Studienteilnehmer auch immer in einer sozialen Situation, die Versuchsleiter und manchmal auch andere Probanden einschließt. Der eine will besonders mit seiner Leistung glänzen und legt sich extra ins Zeug, der nächste fragt sich vielleicht, ob seine Vorgängerin das Bild mit dem halbnackten Mann ebenfalls als »kein Porno« bewertet hat. Es gibt mittlerweile einen ganzen Forschungszweig dazu, wie die Anwesenheit Studie zum Einfluss von anderen Versuchsteilnehmern auf unsere Entscheidungen (englisch, 2016) von anderen Versuchsteilnehmern unser eigenes Verhalten und Entscheidungen beeinflusst.
  • Kontrollgruppen: Verhalten sich Männer, die Pornos geschaut haben, abwertender gegenüber Frauen als Männer aus einer Kontrollgruppe, die keine Pornos geschaut haben? Diese Frage soll eine Studie beantworten, die an einer einfachen methodischen Notwendigkeit scheitert: einer vergleichbaren Kontrollgruppe. Als die potenziellen Versuchsteilnehmer mittleren Alters erfahren, dass sie für die Studie Pornos schauen sollen, sagen sie ihre Teilnahme ab, so dass Die Studie beschreibt Avedon Carol im Buch »Nudes, prudes and attitudes« (Seite 69, englisch, 1994) am Ende 2 sehr unterschiedliche Gruppen übrigbleiben: Junge Universitätsstudenten, die Pornos schauen (Testgruppe), und ältere Männer, die keine Pornos schauen (Kontrollgruppe). Die Studie ist damit wissenschaftlich ausgedrückt »nicht kontrolliert«, da keine methodisch saubere Kontrollgruppe getestet wird. Jedes Ergebnis dieser Studie hat wahrscheinlich einfach was mit Unterschieden zwischen jungen und älteren Männern zu tun – statt mit möglichen Effekten von Pornos auf das Publikum.
  • Ethische Grenzen: Angenommen, Pornos können tatsächlich einen Einfluss auf das Verhalten Das schließt Änderungen im Denken ein. von (jungen) Menschen haben. Würdest du dann an einer Studie teilnehmen wollen, bei der du möglicherweise Bilder siehst, die dich nicht mehr loslassen? Oder sogar deine Kinder an der Studie teilnehmen lassen? Solche Risiken sorgen dafür, dass einige Effekte nicht erforscht werden können, weil entsprechende Studien vom Ethikkomitee Jede Studie muss vom Ethikkomitee zugelassen werden. Um den Aufwand zu minimieren, gibt es für bestimmte Forschungsprogramme, deren Studien alle bestimmte Grenzen einhalten, zum Beispiel sogenannte »minimal ethics«, so dass nicht jede neue Studie neu genehmigt werden muss. nicht zugelassen werden. Und wenn doch, sorgen entsprechende Risiken dafür, dass die Probanden vielleicht besondere Charakteristika mitbringen, zum Beispiel besonders risikobereit sind, einen bestimmten Fetisch haben, oder, oder, oder. Kulturelle Unterschiede und Menschen, die Pornografie generell als Tabuthema betrachten, sind dann automatisch unterrepräsentiert; die Ergebnisse bilden nur einen bestimmten Ausschnitt ab.

Fazit Nummer 2: Bei jeder Studie ist es wichtig, nach den Einschränkungen (»Limitations«) zu fragen. Diese helfen bei der Einordnung und verhindern, dass wir Ergebnisse überinterpretieren.

Nun hat das Vorspiel aber lange genug gedauert. Definitionen und Untersuchungsgegenstand sind geklärt – jetzt geht die Action richtig los.

Pornos verstärken ein altmodisches Frauenbild?

»Ich kann es nicht definieren, aber ich erkenne es, wenn ich es sehe.« – Potter Steward über Pornografie (Richter des Obersten Gerichtshof der USA, 1964)

Einige Studienergebnisse legen nahe, dass Pornos zu unrealistischen Ansichten über Sex führen können und zur Vorstellung, dass Frauen Sex-Objekte seien. Dass Kinder und Jugendliche, die Pornos schauten, eher altmodische Geschlechterrollen im Kopf hätten und Pornos sowieso dazu führten, dass die ganze Zeit an Sex gedacht werde.

Das Problem bei diesen Studien: Um den Zusammenhang zwischen Pornografie und einem bestimmten Verhalten zu untersuchen, werden häufig junge Menschen gefragt, ob und wie viele Pornos sie in der letzten Woche geschaut haben. Dann werden sie gefragt, was sie beispielsweise über Sex und die Rolle von Mann und Frau denken. Sie fragen also: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem einen Wert (wöchentlicher Porno-Konsum in Stunden) und dem anderen Wert (Vorstellung, dass Frauen an den Herd und ins Bett gehören)? Die Ergebnisse zu beiden Fragen werden miteinander verglichen. Ein mögliches Ergebnis: Je mehr Pornos jemand schaut, desto altmodischer ist sein Frauenbild. Es liegt also eine Korrelation zwischen den beiden Messwerten vor und das Ergebnis wird veröffentlicht.

Das ist an und für sich nicht verwerflich, allerdings fehleranfällig, weil Ein paar unterhaltsame Beispiele für »spurious correlations« (englisch) eine Korrelation nicht zwangsläufig eine Bedeutung hat. Zum Beispiel hat sich der Pro-Kopf-Käsekonsum in den USA über 10 Jahre fast identisch entwickelt wie die Anzahl der Menschen, die sich so im Bettzeug verhedderten, dass sie starben. Die wohl bekannteste Scheinkorrelation ist die zwischen der Geburtenrate und der Anzahl Störche in einigen europäischen Ländern.

Korrelationen, die mathematisch zwar messbar sind, aber keine Bedeutung haben, werden als Scheinkorrelationen bezeichnet.

Sowohl für die Käse-Bettlaken-Korrelation als auch für den Zusammenhang zwischen Pornokonsum und Frauenbild gilt: Um zu zeigen, dass keine Scheinkorrelation vorliegt, braucht es 2 Zutaten. Eine gute Theorie, die eine mögliche Korrelation begründet, und zusätzliche Studien, die genau das testen. Vielleicht führt ein übermäßiger Käsekonsum zu unruhigen feuchten Träumen …

Eine gute Theorie ist wichtig, weil eine Korrelation zunächst nichts über die mögliche Richtung des beobachteten Zusammenhangs aussagt. Bezogen auf die Korrelation zwischen Pornokonsum und Frauenbild ist es möglich, dass Menschen mit altmodischen Vorstellungen zur Rolle von Mann und Frau einfach mehr Pornos schauen.

Um das zu testen, haben Wissenschaftler die randomisierte Doppelblindstudie Randomisiert, weil die Vergleichsgruppen nach gesteuerten Zufallskriterien zugeordnet werden, sodass sie sich nicht aufgrund von Alter, Geschlecht und anderen kontrollierbaren Variablen unterscheiden. Doppelblind, weil weder Versuchsperson noch Versuchsleiter wissen, zu welcher Versuchsgruppe die Versuchspersonen gehören. entwickelt, der Goldstandard der empirischen Forschung im Labor. Problem dabei, wenn es um Pornos geht: Die Ethikkommissionen der Forschungseinrichtungen lehnen kontrollierte Studien häufig ab, weil sie einige der zu untersuchenden Effekte fürchten. Sie haben Angst, dass ein Versuchsteilnehmer im Anschluss an »täglich verordneten Pornokonsum« eine Frau schikanieren oder gar misshandeln würde und vor Gericht sein Handeln mit dem Studienprotokoll rechtfertigen könnte. Einen ursächlichen – also kausalen – Zusammenhang zu belegen, ist sehr viel schwieriger, als Korrelationen zu messen. In manchen Fällen ist es sogar unmöglich.

Alles in allem ist es also sehr unwahrscheinlich, dass Wissenschaftler jemals »belegen« Ein vollständiges Belegen ist generell nicht möglich, denn dafür müssten alle theoretisch möglichen Vorkommnisse (in diesem Fall immer dann, wenn jemand einem gewissen Pornokonsum frönt) untersucht werden, was praktisch unmöglich ist. Mehr zur sogenannten Falsifikation, also der Widerlegung einer Aussage. werden können, dass Pornografie zu bestimmten Verhaltensänderungen führt.

Fazit Nummer 3: Korrelation ist nicht gleich Kausalität. Nur weil 2 Dinge miteinander korrelieren, heißt das nicht, dass sie tatsächlich etwas miteinander zu tun haben, und wenn doch, bleibt zu klären, in welcher Richtung der Zusammenhang besteht.

Jetzt stecken wir richtig tief drin und wollen wissen: Wer besorgt es hier wem?

Illustration: Michael Szyszka

Pornos machen aggressiv?

Auch wenn Laborstudien an Grenzen stoßen, können sie uns zu wichtigen Erkenntnissen verhelfen. Vor allem, wenn es um das Verständnis komplexerer Zusammenhänge geht – und mehr als ein Messwert berücksichtig wird. Dabei geht es häufig um die Frage: Wie viel unseres Verhaltens bestimmt die Umwelt, also unsere Erfahrungen, Erziehung und Begegnungen, und wie viel die Natur, also unsere Genetik. Unter Wissenschaftlern wird diese Frage oft zu »Nature vs. Nurture«, also »Natur vs. Erziehung«, verkürzt.

1961 sorgte die Hier geht es zur ersten Bobo-Doll-Studie von Albert Bandura (englisch, 1961) sogenannte »Bobo-Doll-Studie« des kanadischen Psychologen Albert Bandura für Aufsehen. Dabei beobachten Kleinkinder, Die Versuchsteilnehmer waren 4–5 Jahre alt. wie Erwachsene Video zum Experiment mit Live-Aufnahmen und Interview (englisch, 4 min) eine aufblasbare Gummipuppe (»Bobo Doll«) drangsalieren. Das führt dazu, dass sich die Kinder im Anschluss selbst gewalttätig gegenüber der Puppe verhalten. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Kinder kopieren aggressives Verhalten.

»Pornokonsum ist nicht demografisch – er zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten.« – Paul Fishbein (Gründer von Adult Video News)

15 Jahre später untersucht der amerikanische Sozialwissenschaftler Neil Malamuth auf Grundlage dieser Ergebnisse die Frage, ob Eine der ersten Studien zum Zusammenhang von Pornos und Aggression von Neil Malamuth (englisch, 1986) aggressive Pornos den Zuschauer aggressiver zurücklassen – und schaut genauer hin. Er bezieht das Aggressionspotenzial In diesem Fall gemessen mit einem Fragebogen, der die Wahrscheinlichkeit für Vergewaltigungen (»likelihood of rape«) misst. seiner männlichen Versuchsteilnehmer mit in seine Auswertungen ein und kommt zu dem Schluss: Männer, die bereits einen Hang zu sexueller Aggression haben, reagieren auf Pornos mit Vergewaltigungs- und Sadomasochismus-Szenen mit erhöhter Aggression gegenüber Frauen.

Statt »Pornos machen aggressiv« muss die Aussage also eher lauten: Aggressive Männer interpretieren und Meta-Studie zum Zusammenhang zwischen Pornokonsum und aggressivem Verhalten (englisch, 2000) reagieren anders auf entsprechende Pornos als weniger aggressive Männer. Ähnliches gilt zum Beispiel auch für den Konsum von Alkohol – bei dessen Auswirkungen die Forschung bereits sehr viel weiter ist und die Ergebnisse meist auch differenzierter in der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Zugegebenermaßen sind es eben auch diese Ergebnisse, die dafür gesorgt haben, dass Ethikkomitees mittlerweile beim Thema Pornografie weitaus strenger sind.

Fazit Nummer 4: Pauschalaussagen à la »Pornos machen aggressiv« bieten allen Grund für Misstrauen, da genetische und Umwelt-Faktoren solch vereinfachte Schwarz-Weiß-Aussagen für gewöhnlich nicht zulassen.

Aber die lassen sich doch so gut verkaufen, vor allem, wenn es um nackte Haut geht, denn: Sex sells! Und positive Ergebnisse erst recht. Den ganzen unveröffentlichten Null-Ergebnissen zum Trotz …

Pst, darüber spricht man nicht!

Der Albtraum eines jeden Wissenschaftlers, gerade im psychologischen Bereich, Seit einigen Jahren setzen sich einige Wissenschaftler gezielt dafür ein, dies zu ändern, und fordern ihre Kollegen auf, Null-Ergebnisse und sogenannte »Replication studies« (die »nur« bereits veröffentlichte Ergebnisse bestätigen und es häufig schwer haben, veröffentlicht zu werden) auf bestimmten Websites zu veröffentlichen. ist ein nicht signifikantes Ergebnis, ein sogenanntes »Null finding«. Denn auch der Wissenschaftsbetrieb ist mittlerweile ein ökonomisches Unterfangen, bei dem es um Ruhm, Ehre und Veröffentlichungen geht. Veröffentlichungen beeinflussen Personalentscheidungen und die Vergabe von Forschungsgeldern. »Pornos machen nicht xxx« will niemand lesen und niemand veröffentlichen – es sei denn, dies widerlegt eine für wahr gehaltene Theorie.

Dieser Publikations-Bias wiederum ist problematisch, weil er nicht nur über Karrieren entscheidet, sondern auch den wissenschaftlichen Fortschritt bremst. Wenn nicht signifikante Ergebnisse in den Schubladen und auf den Schreibtischen der Wissenschaftler schlummern, statt veröffentlicht zu werden, bin ich vielleicht der siebte, der die gleiche Fragestellung »erfolglos« untersucht.

Bezogen auf die Frage nach einem Zusammenhang zwischen aggressivem Verhalten und dem Konsum von (gewalttätigen) Pornos, kritisieren zum Beispiel einige Wissenschaftler, dass negative Ergebnisse nicht veröffentlicht werden. Gegenseitige Anschuldigungen sind dabei keine Seltenheit. Einige plädieren unter Berücksichtigung aller wissenschaftlichen Daten dafür, dass es Meta-Studie zur Frage, ob Pornos aggressives Verhalten und Gewaltbereitschaft fördern (englisch, 2009) »an der Zeit sei, die Hypothese, dass Pornografie zu einem Anstieg an sexuellen Übergriffen führe, zu verwerfen«.

Pornografie hat viel mit gesellschaftlichen Tabus zu kämpfen. Das führt auch dazu, dass der Fokus veröffentlichter Studien auf Ergebnissen liegt, die negative statt möglicher positiver Effekte belegen, also eher: Pornos sorgen für »mehr Gewalt« und »falsche Vorstellungen von Sex« statt »weniger Vergewaltigungen« Ein ganzer Forschungszweig beschäftigt sich mit der Frage, ob die Legalisierung und großflächige Verfügbarkeit von Pornos zu weniger sexuellen Gewalttaten gegenüber Frauen führt. So korreliert beispielsweise die massiv wachsende Pornoindustrie in den USA 1975–1995 mit einem signifikanten Abfall an sexuellen Übergriffen pro Kopf. Ähnliches wurde in Japan beobachtet. Der Rückgang könnte aber auch auf verbesserte Aufklärungs- und Schulprogramme, Medienberichte und veränderte Strafverfolgung zurückzuführen sein. Ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität. oder »besseres Sexleben«.

Fazit Nummer 5: Wissenschaftler sind wie alle anderen Menschen Zwängen und Einschränkungen ausgesetzt. Das kann dazu führen, dass bestimmte Ergebnisse stärker und andere gar nicht berücksichtigt werden.

Genau deshalb ist es so wichtig, jede einzelne Studie als das zu sehen, was sie ist.

Das Internet ist voll mit Pornos

Jede Studie ist ein Puzzleteil im Gesamtbild, das den aktuellen Forschungsstand zu einem Thema ausmacht – nicht mehr und nicht weniger. Um sich einen Überblick zu verschaffen, helfen Review- und Meta-Studien. Review-Studien geben einen Überblick über bisherige Studien, sind aber nicht unbedingt quantitativ. Meta-Studien versuchen, bisherige Ergebnisse quantitativ einzuordnen, können dies natürlich auch nur auf Basis der Einzelstudien leisten. Ihr Ziel ist es, die Ergebnisse der zahlreichen Einzelstudien zu einem Thema einzuordnen und so ein Verständnis zu schaffen, das der Realität näherkommt, als es ein isoliertes Ergebnis jemals könnte.

Ein Beispiel für die Bandbreite Die wird in der Wissenschaft als »Varianz« bezeichnet und meint die Streuung der Daten. an Ergebnissen von Einzelstudien zeigen die Antworten auf die Frage: Wie groß ist der Anteil an Pornoszenen, die aggressives Verhalten gegenüber Frauen zeigen?

Die Antwort »2–36%« ist nicht besonders konkret – denn sie hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt den Definitionen von »Porno« und »aggressivem Verhalten«. Damit sind wir wieder beim Anfang.

Alles auf Anfang hieß es auch, als das Internet die Verbreitung von Pornos massiv veränderte. Auch hier kursieren die unterschiedlichsten Zahlen und Angaben zu Fragen wie: Wie viel des Internets ist pornografisch? Wie viele Suchanfragen enthalten das Wort »porn« und BBC-Artikel zur Frage, wie viel Online-Pornografie es gibt (englisch, 2013) wie viel davon ist gewalttätig?

Eine detailliertere Auswertung stammt von 2 Neurowissenschaftlern und Autoren, die 400 Millionen Suchanfragen über 12 Monate Von Juli 2009 bis Juli 2010. Die Ergebnisse haben Ogi Ogas und Sia Gaddam in ihrem Buch »A Billion Wicked Thoughts: What the World’s Largest Experiment Reveals About Human Desire« veröffentlicht. lang ausgewertet haben. Ihr Ergebnis: 13% aller Anfragen beziehen sich auf erotische Inhalte. Nur ein geringer Anteil davon enthält gewalttätige Aufnahmen. Sexuelle Interessen seien recht stabil, die meisten Nutzer suchten durchschnittlich nach 2 gleichbleibenden Begriffe. Die angesagtesten Suchbegriffe insgesamt sind »youth«, »gay«, »MILFs«, Das steht für »Mom/Mother I’d like to Fuck« (»Mama, die ich gern ficken würde«) und der Ausdruck wurde vor allem durch die amerikanische Komödie »American Pie« (1999) bekannt. »breasts« und »cheating wives«. Zur Verwunderung der beiden Autoren ist auch der Suchbegriff »granny porn« sehr populär. In Deutschland lagen 2016 auf der größten Online-Porno-Plattform »Pornhub« die Begriffe »german«, »teen« und »deutsch« ganz vorn, Das zeigt die jährliche Auswertung der weltweit größten Porno-Plattform »Pornhub« (englisch, 2017) gefolgt von »German mom« und »mom«.

Fazit Nummer 6: Eine Studie allein macht noch keine neue Erkenntnis. Meta- und Review-Studien geben einen Überblick über ein Forschungsfeld. Die Auswertung von riesigen Datensätzen (zum Beispiel online) kann ebenfalls hilfreich sein.

Und jetzt?

Puh, ein ganz schöner Ritt! Ein Ritt, der hoffentlich zeigt, wie spannend und verwirrend, wie einleuchtend und kompliziert, wie kreativ und strikt Wissenschaft sein kann. Und dass es (vielleicht) nur eines unterhaltsamen Themas bedarf, um mehr Menschen dafür zu begeistern.

Mit Illustrationen von Michael Szyszka für Perspective Daily

 

Die Diskussionen sind leider nur für Mitglieder verfügbar.

Werde jetzt Mitglied!

Für mehr Überblick in der Informationsflut. Verständlich, zukunftsorientiert und werbefrei!

Diesen Artikel schenkt dir das zahlende Mitglied Fabian Kursawe.

Jetzt Mitglied werden ›