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Frederik v. Paepcke

Richtig versichert?

22. März 2017

Die Deutschen sind überversichert. Dabei reichen 2½ Fragen oft schon aus, um zigtausend Euro zu sparen.

Wer früher arm und schwer krank war, starb. Heute sind hierzulande auch die Ärmsten krankenversichert. Die gesetzliche Krankenkasse wurde in Deutschland 1883 vom damaligen Reichskanzler Otto von Bismarck eingeführt. Dank des Solidaritätsprinzips Das Solidaritätsprinzip bedeutet, dass alle Versicherten gleichbehandelt werden. Bei der gesetzlichen Krankenversicherung ist dies überwiegend der Fall – im Gegensatz zur privaten Krankenversicherung mit unterschiedlichen Tarifen je nach Risikostufe. Alle Versicherungen beruhen aber auf dem Prinzip der gegenseitigen Risikoabsicherung. erhält jeder eine ärztliche Behandlung. Toll!

Die Kehrseite der Medaille: Versicherungen – ob gegen Krankheit, Glasbruch oder den Rücktritt von einer Hochzeit Ja, diese Versicherungen gibt es wirklich. Schon aus Prinzip verlinke ich sie hier nicht. – kosten Geld. Ob sich diese Kosten wirklich lohnen, hängt vom Risiko ab. Das Einschätzen von Risiken gehört allerdings nicht zu den Frederik v. Paepcke erklärt, warum Senioren gefährlicher sind als Terroristen menschlichen Stärken. ZEIT ONLINE berichtet, dass die Deutschen die ängstlichsten Europäer sind Für die sicherheitsbedachten Deutschen gilt das besonders. Die Bilanz: Allein in Deutschland verschwenden Millionen Menschen durch unsinnige Versicherungen zig Milliarden Euro Die etwa 40 Millionen Haushalte zahlen jedes Jahr etwa 400 bis 500 Euro zu viel, das sind insgesamt 16 bis 20 Milliarden Euro. und Jahrtausende an menschlicher Lebenszeit. Wenn jeder zweite Deutsche sich im Laufe eines Jahres insgesamt nur eine einzige Stunde mit überflüssigen Versicherungen herumschlägt, führt dies zu 40 Millionen sinnlos vergeudeten Stunden Lebenszeit. Das sind umgerechnet etwa 4½ verschwendete Jahrtausende – pro Jahr. Jedes Jahr.

»Mehr vom Leben« – Hamburg Mannheimer

Den meisten ist klar: Wer eine Versicherung abschließt, zahlt statistisch gesehen im Durchschnitt drauf. Wie viel, hängt sehr von der jeweiligen Versicherung ab. In seltenen Fällen, zum Beispiel bei einigen Kfz-Versicherern, erhält der durchschnittliche Versicherte sogar mehr Geld, als er einzahlt. Das ist für Versicherer natürlich kein nachhaltiges Geschäftskonzept. Sie betreiben es trotzdem, zum Beispiel, weil sie auf weitere Versicherungen in der Kundenbeziehung hoffen oder Marktanteile gewinnen oder verteidigen wollen. Warum entscheiden sich Menschen dennoch dafür? 2 Argumente sind möglich: Das wirtschaftliche Argument, dass es trotzdem sinnvoll ist, sich gegen bestimmte Risiken abzusichern – und gegen andere nicht. Oder eher emotional: »Ich fühle mich besser, wenn ich weiß, dass ich mir keine Sorgen machen muss.«

Dieser Text ist nichts für jene, für die der Abschluss einer Versicherung eine emotionale Entscheidung ist und bleiben soll. Das ist in Ordnung. It’s a free world. Für alle, die einen ökonomisch motivierten Entscheidungsfindungsprozess bevorzugen, ist die Sache eigentlich gar nicht so schwer.

In 2½ Fragen zur wirklich passenden Versicherung

½. Bin ich gesetzlich dazu verpflichtet, die Versicherung abzuschließen?

Zum Aufwärmen: Zur Übersicht, welche Pflichtversicherungen es gibt, geht es hier Pflichtversicherungen »braucht«, wie der Name schon sagt, jeder, für den die Pflicht gilt. Das gilt zum Beispiel für die Krankenversicherung. Rechtsanwälte, Frederik v. Paepcke beschreibt, warum die Jagd besser ist als ihr Ruf Jäger, Fahrzeug- oder Hundehalter schließen eine Berufs-, Jagd-, Kfz- beziehungsweise Hundehalter-Haftpflichtversicherung ab. So weit, so klar. Für alle anderen Versicherungen gilt Frage Nummer 1½.

1½. Sichert mich die Versicherung gegen existenzielle wirtschaftliche Risiken ab? Mit anderen Worten: Droht ein wirtschaftlicher Schaden, von dem eine Erholung kaum oder nur sehr schwer möglich ist, zum Beispiel Konkurs?

»Sagen Sie Ihren Sorgen zweifach tschüss« – Gothaer

Falls die Antwort ja ist: abschließen. Das gilt auf jeden Fall für die Die Verbraucherzentrale informiert über die private Haftpflichtversicherung private Haftpflichtversicherung. Der Blumentopf auf dem Fensterbrett kann reichen, um einem Mitmenschen versehentlich schwere, bleibende Schäden zuzufügen. Neben Schuldgefühlen können daraus resultierende Schadenersatzansprüche den finanziellen Ruin bedeuten. Etwa Laut Focus.de steht Umfragen zufolge jeder dritte Haushalt ohne private Haftpflichtversicherung da jeder dritte Haushalt in Deutschland hat keine private Haftpflichtversicherung und riskiert so sein komplettes Vermögen. Kinder sind über ihre Eltern mitversichert. Wie lange, hängt davon ab, ob sie zum Beispiel studieren oder arbeiten. Zwischen 18 und 25 Jahren sollte sich jeder einmal über seinen Versicherungsstatus informieren. Dabei reichen für eine Person schon jährlich Haftpflichtversicherungen im Vergleich gibt es zum Beispiel hier etwa 30 Euro, um dieses Risiko zu vermeiden.

Je nach individuellem Lebenszuschnitt gibt es einige andere Versicherungen, die regelmäßig ratsam sind, um existenzielle (finanzielle) Risiken abzusichern. Die Klassiker:

  1. Wer mit seinem Gehalt eine Familie ernährt, sollte sich in der Regel gegen Berufsunfähigkeit versichern. Und auch für die meisten Erwerbstätigen, die nur sich selbst ernähren, empfiehlt sich diese Versicherung. Diese Versicherungen sind zwar – vor allem für riskantere Berufe – ziemlich teuer. Schließt zum Beispiel ein rauchender 45-jähriger Dachdecker eine solche Versicherung ab, die ihm im Fall der Fälle eine monatliche Rente von 2.000 Euro garantiert, so zahlt er schnell rund 5.000 Euro pro Jahr. Doch im Schadensfall bleibt ohne Versicherung sonst nur Sozialhilfe. Und der Schaden ist nicht unwahrscheinlich: Für einen 20-jährigen Mann liegt die Wahrscheinlichkeit, vor Renteneintritt berufsunfähig zu werden, bei 43%. Das Portal Statista schlüsselt die Wahrscheinlichkeit, berufsunfähig zu werden, nach Altersgruppen auf Bei 50-jährigen Frauen beträgt die Wahrscheinlichkeit 29%.
  2. Hauseigentümer werden sich meistens für eine Brandschutzversicherung entscheiden, erst recht beim privaten Eigenheim. Diese Versicherung schützt neben der Bausubstanz alles, was fest mit dem Gebäude verbunden ist, zum Beispiel die Badewanne oder den Teppichboden.
  3. Wer außerdem die Inneneinrichtung seiner Wohnung gegen Feuer, Wasser oder Diebstahl versichern möchte, entscheidet sich für eine Hausratversicherung. Für jene, die sehr viel zu verlieren haben, empfehlenswert. Für den studentischen Haushalt meist überflüssig. Es gibt keine genaue Grenze, ab wann eine Hausratversicherung sinnvoll ist. Ausschlaggebend ist vor allem die Frage nach dem wirtschaftlichen Totalschaden – und der kann individuell aus vielen Gründen variieren. Hat die Studentin 90% ihres Vermögens in die Inneneinrichtung im Wert von 15.000 Euro investiert, könnte eine Hausratversicherung sinnvoll sein. Hat sie aber zum Beispiel vermögende Eltern, die im Notfall einspringen können, braucht sie die Versicherung aus wirtschaftlichen Gründen nicht.

Berufsunfähigkeit, Feuer oder Diebstahl sind klassische Risiken des Alltags. Steht im Schadensfall »(fast) alles« auf dem Spiel, hilft eine Versicherung.

Knapp 200.000 Mal brennt es in Deutschland jedes Jahr. Meine Familie hat es im letzten Jahrzehnt zum Beispiel gleich 2-mal erwischt. Ein solches Pech haben allerdings die allerwenigsten. – Quelle: Michael Held CC0

Für fortgeschrittene Statistiker und Lesefaule war’s das schon fast. Mehr Versicherungen braucht man eigentlich nicht. Glasbruch, Reiserücktritt, Vollkasko, Handy, Zahnzusatz, Rechtsschutz – unter dem Strich aus ökonomischer Sicht alles Mist. Es sei denn, die Antwort auf die folgende Frage lautet »Ja«:

2½. Ist mein Leben besonders »riskant«?

»Da bin ich mir sicher« – HUK Coburg

Du verklagst alles, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist? Dann freut sich dein Anwalt über eine Rechtschutzversicherung. Du findest Zähne putzen so was von 20. Jahrhundert? Eine Zahnzusatzversicherung kann nicht schaden.

Wer von sich weiß, dass er (mit Hinblick auf ein bestimmtes Risiko) besonders riskant lebt, für den kann eine Versicherung statistisch auch dann sinnvoll sein, wenn sie gegen nicht existenzielle Risiken absichert. Aber was bedeutet »statistisch sinnvoll«? Das genaue Verständnis mag individuell variieren. Sinnvoll ist eine Versicherung aber jedenfalls dann, wenn du davon ausgehen kannst, wahrscheinlich mehr Geld von der Versicherung zu bekommen, als du einzahlst. Wer weiß, dass er in den nächsten Jahren (wahrscheinlich) Tausende Euro an seinen Kieferorthopäden wird zahlen müssen, für den empfiehlt sich also eine Zahnzusatzversicherung.

Zahnzusatzversicherungen locken mit dem Versprechen, lebenslang gesunde Zähne zu finanzieren. Eine private Finanzierung ist jedoch für die meisten günstiger. – Quelle: Peter Kasprzyk CC0

Ein solches Vorgehen passt allerdings nicht so recht zum Geschäftsmodell der Versicherungen: Grundidee ist ja, dass viele Menschen möglichst gleichberechtigt Risiken absichern. Wem es also gelingt, ein hohes Risiko zu einem durchschnittlichen Tarif zu versichern, der tut dies zulasten aller anderen Versicherten, für die die Prämien steigen. Das wiederum führt zu einem Wettbewerbsnachteil für den Versicherer.

Dieses Problem ist natürlich auch Allianz und Co. bestens bekannt. Und so haben sie verschiedene Werkzeuge, um (aus ihrer Sicht) wirtschaftlich unattraktive Kundenbeziehungen zu vermeiden:

  • Risiko einstufen (zum Beispiel Staffelung der Tarife nach Risikostufen): In deinem Stadtteil wird besonders häufig eingebrochen? Dein Haus steht auf der falschen Seite des Deichs? Versicherer sind Statistiker und rechnen in Wahrscheinlichkeiten. Nicht für alle Fälle gibt es Daten, um bestimmte Risiken einschätzen zu können. Aber in Zeiten von Big Data für immer mehr. Apropos Big Data: Seit meiner Recherche für diesen Artikel bewerben mich auf Facebook fast ausschließlich Versicherer. Wenn die wüssten ... Je teurer es im Schadensfall für Versicherer wird (zum Beispiel beim Brandschutz), desto intensiver werden sie vorher das Risiko prüfen. Für noch nicht Versicherte kann das schwere Folgen haben. Wer beispielsweise einmal an Depressionen erkrankt war, erhält kaum mehr eine Möglichkeit, Hier gibt es Rat, wie sich an Depressionen Erkrankte gegen Berufsunfähigkeit versichern können sich zu ökonomisch attraktiven Bedingungen gegen Berufsunfähigkeit zu versichern. Für Versicherer nichts weiter als eine Risikoberechnung, für Betroffene nicht selten eine mittelgroße Tragödie.
    Depressionen kosten die Volkswirtschaft laut Allianz jährlich bis zu 22 Milliarden Euro – vor allem weil Erkrankte weiter zur Arbeit gehen, anstatt sich behandeln zu lassen. – Quelle: Milada Vigerova CC0
  • Risiko untersuchen (Beispiel: ärztliche Voruntersuchung): Ein 52-jähriger Familienvater, Raucher und Sportverächter, möchte seine Familie für den Fall absichern, dass er in den nächsten 13 Jahren stirbt. Vor 10 Jahren wurde bei ihm Speiseröhrenkrebs im Frühstadium diagnostiziert und erfolgreich behandelt. In diesen und ähnlichen Fällen wird die Versicherung ein Gutachten einholen, um das tatsächliche Risiko möglichst genau einschätzen zu können. Für den Familienvater dürfte der Tarif teuer werden.
  • Risiken abfragen (meist per Formular): Ist eine Untersuchung zu teuer oder nicht möglich, fragen Versicherungen bestimmte Risiken ab: »Sind Sie Raucher?«, »Wurden Sie schon mal wegen Drogenproblemen behandelt?« Wer auf solche Fragen wahrheitswidrig antwortet, droht, doppelt zu verlieren: Er zahlt die Versicherungsprämien, erhält aber wegen der Täuschung womöglich im Schadensfall nichts. Teuer werden kann es auch, wenn bei der Musterung für die Bundeswehr Krankheiten vorgetäuscht wurden. Auf diese Angaben haben auch Versicherer Zugriff. Wer also wegen (vorgetäuschter) chronischer Kniebeschwerden ausgemustert wird, beim Formular zur Berufsunfähigkeitsversicherung aber »keine Vorerkrankungen« angekreuzt hat, verliert womöglich seinen Anspruch auf Berufsunfähigkeits-Rente.
  • Risiko ausschließen (also die Zahlung unter Bedingungen stellen): Wer in Dresden beim Autovermieter seines Vertrauens einen BMW X6 Das Modell »BMW X6 Xdrive 40d« lag auf der Liste der meistgestohlenen Autos 2014 auf Platz 2. ausleiht, wird damit vermutlich nicht über die tschechische Grenze fahren dürfen. Beziehungsweise nur auf eigene Gefahr: Anbieter, die Mietautos gegen Fahrzeugdiebstahl versichern, schließen teilweise bestimmte Länder aus, in denen das Diebstahlrisiko besonders hoch ist. Hier erklärt beispielsweise der Autovermieter Sixt seinen Kunden, mit welchen Mietwagen sie nach Tschechien fahren dürfen. Hoher Risiken entledigen sich Versicherer (nicht nur beim Mietwagen) teilweise schlicht dadurch, dass sie sie nicht mitversichern.

Wem es trotz dieser Maßnahmen der Versicherer gelingt, ein hohes Risiko zum Normaltarif zu versichern, der hat sich zumindest aus wirtschaftlicher Sicht richtig entschieden. Solche Fälle dürften allerdings eher die Ausnahme sein.

Alle anderen Versicherungen sind wirtschaftlich fast nie sinnvoll. Trotzdem werfen gerade die Deutschen Zeit und Geld aus dem Fenster, indem sie ihr Reisegepäck oder ihre Fensterscheiben versichern. Warum?

Vielleicht helfen 2 fiktive Personen, das Risikobewusstsein zu schärfen: der ängstliche Angus und die Risiko-Optimiererin Tina.

Mit Sicherheit draufzahlen

»Für uns ist Ihr Leben keine Statistik. Es ist einzigartig.« – AXA

Angus und Tina sind identisch – bis auf ihr Geschlecht und ihre Einstellung zu Risiken. Angus geht stets »auf Nummer sicher« – meint er zumindest. Sein Auto ist vollkaskoversichert, auf seiner jährlichen Reise versichert er sein Gepäck; sich selbst versichert er für den Fall eines Reiserücktritts. Laptop, Handy, die neuen Kopfhörer: Damit er sich nicht ärgert, wenn etwas kaputt geht oder gestohlen wird, hat er pünktlich zu seinem 18. Geburtstag jeweils eine eigene Versicherung abgeschlossen. Zahnzusatz-, Unfall- und Rechtsschutzversicherung gehören für ihn seitdem ebenfalls zum guten Ton. Jedes Jahr zahlt Angus etwa 1.600 Euro für diese Versicherungen. Die Summe setzt sich aus folgenden gerundeten Prämien zusammen (Grundlage: Angaben gemäß Vergleichsrechner):
Vollkasko: 600
Reisegepäck: 50
Reiserücktritt: 30
Handy: 30
Laptop: 40
Kopfhörer: 40
Zahnzusatz: 180
Rechtsschutz: 300
Krankenhaustagegeld: 90
Unfall: 240
Gesamt: 1600

Reiserücktritts- und -gepäckversicherungen bieten für vergleichsweise hohe Kosten einen recht geringen Schutz und sind daher eine besonders beliebte Profitquelle für Reiseanbieter und Versicherer. – Quelle: Luis Llerena CC0

Tinas Leben ist völlig identisch – mit der Ausnahme, dass sie all diese Versicherung nicht abgeschlossen hat. Stattdessen überweist sie jeden Monat 133 Euro auf ein separates Konto, seit sie 18 ist. Macht jährlich ebenfalls 1.600 Euro. Durchschnittlich 2% Zinsen erhält sie dort ein Leben lang. »2% Zinsen? Wow, was ist das für eine Bank?!« Das war einer der Kommentare aus der Redaktion. Doch noch im Jahr 2008 waren 4,5% Zinsen nicht unüblich. Die Berechnung in diesem Artikel betrachtet einen Zeitraum von 67 Jahren. In den vergangen 67 Jahren lag das Zinsniveau im Schnitt deutlich über 2%. Vor diesem Hintergrund dürften durchschnittlich 2% eher zu niedrig angesetzt sein als zu hoch.

Was Tina und Angus nicht wissen: Beide werden tragischerweise zeitgleich an ihrem 85. Geburtstag sterben. Interessant ist die Ökonomie ihres fast identischen Lebens. Und zwar in 3 (vereinfachten) Varianten:

  1. Variante »Glückspilz«: Beiden passiert nichts. Kein Autounfall, die Zähne stets gesund, kein Rechtsstreit. Die Bilanz: Angus hat etwa 107.000 Euro für Versicherungsprämien ausgegeben. Tina hat die gleiche Summe auf ihr Sparkonto »investiert« und dank 2% (Zinses-)Zinsen nach 67 Jahren Laufzeit insgesamt 223.000 Euro angespart. Ergebnis: Tina hat 223.000 Euro mehr als Angus zu vererben.

  2. Variante »Normalo«: Angus und Tina führen durchschnittlich viele rechtliche Auseinandersetzungen, verursachen eine durchschnittliche Anzahl an Autounfällen, ihr Reisegepäck geht durchschnittlich oft verloren und so weiter. Da der durchschnittliche Versicherungsnehmer draufzahlt, gilt dies auch für Angus. Wie viel er verliert, hängt von der sogenannten »Schadenquote« ab. Liegt die zum Beispiel bei 90%, bedeutet dies, dass 90% der Versicherungsprämien als Leistungen zurück an die Versicherten fließen. Die restlichen 10% fließen dann in den Verwaltungsaufwand der Versicherung und ihren Gewinn. Je nach Versicherungsart und -anbieter unterscheiden sich diese Quoten erheblich. Bei privaten Unfallversicherungen beträgt diese schon mal nur 50–60%, für manch einen Rechtsschutzversicherer ist eine Schadenquote von nahezu 100% nicht mehr kostendeckend.

    Legen wir im Fall von Angus und Tina eine vereinfachte Schadenquote von 75% zugrunde, Die Schadenquoten unterscheiden sich je nach Versicherungsart und -anbieter erheblich. Im Bereich Schaden- und Unfallversicherung standen auf dem deutschen Markt im Jahr 2015 Versicherungsleistungen in Höhe von 49,5 Milliarden Euro Einnahmen in Höhe von 66,2 Milliarden Euro gegenüber. Das entspricht einer Schadenquote von 69%. erhält Angus seine Schäden in Höhe von insgesamt rund 80.000 Euro von der Versicherung ersetzt. Er hat also netto rund 27.000 Euro durch seine Versicherungen »verloren«.

    Tina hat ebenfalls Schäden in Höhe von insgesamt 80.000 Euro, die sie von ihrem Sparkonto aus eigener Tasche beglichen hat. Zu den 27.000 Euro, die an ihrem Lebensende noch auf ihrem Konto sind, kommen Gewinne durch Zinsen. Die Höhe der Zinsgewinne hängt vom Zeitpunkt der Schäden ab. Gehen wir vereinfacht davon aus, dass sich auch ihr Zinsgewinn um 75% reduziert hat, kommen etwa 30.000 Euro hinzu. Ergebnis: Tina steht (vor Steuern) mit knapp 60.000 Euro mehr da als Angus.

  3. Variante »Pech gehabt«: Angus und Tina sind lebenslang vom Pech verfolgt. Egal ob es um Leistungen vom Kieferorthopäden, krankheitsbedingten Reiserücktritt oder Autounfälle geht: Die beiden erwischt es in jeder Hinsicht 2-mal so oft wie den Durchschnittsbürger. Für Angus bedeutet das, dass sich seine vielen Versicherungen gelohnt haben: Statt der circa 80.000 im Szenario »Normalo« erhält er von seinen Versicherungen rund 160.000 Euro. Und Tina? Hat ihre angesparten 107.000 Euro komplett ausgeben müssen und – falls sie keine Zinsgewinne hat – sogar noch 53.000 Euro draufgezahlt – also fast 800 Euro pro Jahr. Ergebnis: Verglichen mit Tina hat Angus über 50.000 Euro mehr »erwirtschaftet«. Hinzu kommt, dass Tina entweder Zinsgewinne entgangen sind oder sie Zinsen auf Kredite hat zahlen müssen. Der Wert hängt von vielen Variablen ab und ist daher schwer zu berechnen.

Unter Risikogesichtspunkten hat sich Tina richtig entschieden. Denn als Angus und sie 18 waren, konnten sie noch nicht wissen, wie ihr Leben verlaufen würde. Deswegen hat Tina der Statistik vertraut – während Angus sich von seiner Angst hat leiten lassen.

Die Popsängerin Jennifer Lopez hat eine Versicherungspolice auf ihr Hinterteil abgeschlossen. Es ist jetzt 27 Millionen Dollar wert. Ihre wohl berühmteste Songzeile will dazu nicht so recht passen: »Don’t be fooled by the rocks that I got, I’m still Jenny from the block.« – Quelle: Firdaus Latif CC BY-SA

Gelungenes Risikomanagement bedeutet nicht, möglichst viele Risiken zu vermeiden. Es geht vielmehr darum, sachgerecht auszuwählen, welche Risiken jeder Einzelne eingehen sollte. Da unsere Intuition da ein denkbar schlechter Indikator ist, hilft Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Warum Tinas Vertrauen auf Statistik richtig ist, belegt ein Gedankenspiel: Stellen wir uns vor, dass es nur diese 3 Varianten gibt, wie ein Leben verläuft. Die Wahrscheinlichkeit, dass man ein »Normalo«-Leben führt, beträgt dabei 50%, die Varianten »Glückspilz« und »Pech gehabt« sind mit jeweils 25% halb so wahrscheinlich.

Im Durchschnitt führt dann die Strategie von Angus dazu, dass er im Leben rund 27.000 Euro draufzahlt. Tina hingegen verdient mit ihrer Strategie im Schnitt stattliche 70.000 Euro. In 1 von 4 Fällen erwirtschaftet Tina 223.000 Euro mehr als Angus. In 2 von 4 Fällen (Szenario »Normalo«) liegt sie knapp 60.000 Euro vorne. Nur in 1 von 4 Fällen führt die Strategie von Angus zu einem Kostenvorteil von etwa 50.000 Euro. Macht im Durchschnitt gut 100.000 Euro zugunsten der »Strategie Tina«. Eine durchschnittliche Tina steht damit am Ende ihres Lebens mit knapp 100.000 Euro mehr da als der Durchschnitts-Angus.

Wer es ganz genau wissen will (zum Beispiel Versicherungsmathematiker), wird sich mit dieser Rechnung nicht zufriedengeben. Um einschätzen zu können, ob sich eine Versicherung wirklich nicht rentiert, müssen wir die jeweilige Schadenquote berücksichtigen. Auf ihre Zinsgewinne muss Tina außerdem – bei einem jährlichen Freibetrag von etwa 800 Euro – 25% Kapitalertragssteuer zahlen. Außerdem sind die Varianten »Glückspilz« und »Pech gehabt« viel unwahrscheinlicher als 25%. Besonders unwahrscheinlich ist es, bei mehreren Versicherungen zu den Pechvögeln zu gehören. Ein Beispiel: Beträgt bei 5 Versicherungen das Risiko jeweils 25%, einen mindestens doppelt so hohen Schaden wie der durchschnittliche Versicherte zu erleiden, so beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass dies bei allen 5 Versicherungen passiert, ungefähr 1 zu 1.000 oder 0,1%.

Jetzt kündigen!

Dennoch illustriert das Gedankenspiel unsere Schwäche bei der Risikoabwägung: Wir sind zu unverhältnismäßig hohen Investitionen bereit, um unser Hab und Gut zu schützen. Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat darüber ein ganzes Buch geschrieben. Viel zu wenig beschäftigen wir uns mit »Opportunitäten«, also der Frage, ob wir mit dem Geld ebenfalls risikobewusst, aber wirtschaftlich sinnvoller arbeiten könnten. Zum Beispiel bei äußerst geringem Risiko zusätzliches Geld zu erwirtschaften. Eine Chance zu nutzen.

Wer sich prinzipiell dazu entscheidet, nur wirtschaftlich existenzielle Risiken abzusichern und die übrigen Beträge stattdessen auf ein separates Konto zu überweisen, der …

  1. … wird sehr wahrscheinlich besser wirtschaften – auf das gesamte Leben betrachtet. Das gilt umso mehr, wenn er sich gegen Versicherungen mit niedriger Schadenquote entscheidet (die jeder beim Abschluss einer Versicherung unbedingt erfragen sollte).
  2. ... wird sich manchmal furchtbar ärgern. Kaffee über den Laptop gekippt? Ärgerlich – den Schaden zahlt keine Versicherung. Im besten Fall lehren solche Erfahrungen einen vorsichtigeren Umgang mit dem eigenen Hab und Gut.
  3. … spart Zeit und Nerven. Und zwar auf das Leben betrachtet nicht zu knapp. Weniger Post und Buchhaltung, weniger Stress durch die Frage »Habe ich wirklich den besten Versicherer?« Vor allem aber spart »Modell Tina« viel Zeit und Ärger, wenn es tatsächlich zum Schaden kommt und die anstrengende Korrespondenz mit der Versicherung beginnt. Der Aufwand reicht von »langes, unverständliches Formular ausfüllen« über Gutachterverfahren bis hin zum Gerichtsprozess durch mehrere Instanzen. Ein Tipp für jene, die sich trotzdem versichern wollen: Die Prozessquote gibt Aufschluss darüber, in wie vielen Fällen die jeweilige Versicherung sich im (behaupteten) Schadensfall mit dem Versicherten über die Leistung streitet. Es lohnt sich daher, nach dieser Quote zu fragen, bevor man eine Versicherung abschließt. Bei Berufsunfähigkeitsversicherungen beträgt die Prozessquote zum Beispiel im Durchschnitt 2,5%. Der »Jahresbericht Ombudsmann für Versicherungen« informiert darüber, bei welchen Versicherungsarten es zu besonders vielen Streitigkeiten kommt.

Aus der Sicht von Tina gibt es damit an ihrem Modell eigentlich nur 2 Nachteile:

  1. Ein potenzielles Liquiditätsproblem: Vielleicht treten große Schäden auf, bevor Tina genug angespart hat. Dafür gibt es zum einen gleich 2 Lösungen. Entweder Tina und ein paar gute Freunde eröffnen ein gemeinsames Konto und gründen eine private Versicherungsgemeinschaft. So streuen sie ihr Risiko untereinander, ohne für Verwaltungskosten und Gewinnmarge einer Versicherung draufzahlen zu müssen. Ein solches Modell hat allerdings auch einige Nachteile. Dazu zählt zum Beispiel die komplizierte Frage, unter welchen Bedingungen ein- und ausgezahlt werden soll. Im schlimmsten Fall droht ein Gerichtsprozess mit Freunden. Sobald außerdem einer der Freunde für die Verwaltung des Geldes bezahlt wird, sind sie rechtlich schnell ein sogenannter »Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit« und damit selbst eine Versicherungsgesellschaft. Oder Tina nimmt im Fall der Fälle einen Kredit auf. Die 5% Zinsen, die sie dann zahlen muss, sind ein besserer Deal, als eine Versicherung abzuschließen. Zum anderen ist ein Liquiditätsproblem für Angus zwar unwahrscheinlicher, aber nicht ausgeschlossen. Selbst wenn Angus es anstreben würde, könnten alle Versicherungen dieser Welt ihm kein völlig sicheres Leben garantieren (was auch immer das bedeutet).
  2. Das Pechvogel-Szenario: Mit etwas Pech zahlt Tina drauf. Davor fürchten sich viele und schließen lieber lauter Versicherungen ab. Doch in Wirklichkeit ist dies gar kein Nachteil gegenüber dem Modell Angus: Denn Angus zahlt – im Vergleich zu Tina – mit hoher Wahrscheinlichkeit drauf. Und für die wirklich großen Risiken hat sich Tina ja abgesichert.

»Aah! Ein Hai!« Geht es um unsere Sicherheit, vertrauen wir unseren Instinkten und Emotionen intuitiv deutlich eher als trockenen Statistiken: 9 Menschen starben 2016 weltweit durch einen Haiangriff. Hunde töten jedes Jahr etwa 25.000 Menschen. – Quelle: Malkusch Markus (Hai) CC BY-SA

In unserem eigenen finanziellen Interesse sollten wir also alle ein bisschen mehr Tina werden. Ein guter Anlass, endlich meine überflüssige Zahnzusatzversicherung zu kündigen.

Nicht alle werden die Argumentation in diesem Artikel überzeugend finden. Zu groß der Schmerz für manch einen, wenn etwas plötzlich ersatzlos einfach weg ist. »Ich erinnere mich noch genau daran, wie 1997 mein Gepäck gestohlen wurde – zum Glück war ich damals versichert!«

»Das Leben passiert. Wir versichern es.« – Provinzial

Für 2 Gruppen ist es gut, wenn möglichst viele eine Versicherung abschließen, obwohl sie sie nicht brauchen: Die Versicherer, denn die Kehrseite eines wirtschaftlich sinnlosen Versicherungsvertrages ist aus der Sicht des Vertragspartners ein Schnäppchen mit hoher Marge. Und alle anderen Versicherten profitieren: Je mehr Leute sich zu unattraktiven Konditionen versichern, desto mehr Spielraum haben die Versicherer, um im harten Ringen um Marktanteile günstigere Konditionen anzubieten.

Wer also mit dem Ratschlag aus diesem Artikel nichts anfangen kann, darf immerhin das gute Gefühl für sich reklamieren, etwas für die Gemeinschaft getan zu haben.

Titelbild: Jocelyn Augusitno/FEMA - CC0

 

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