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Warum stimmen Grenzfranzosen für die Abschotterin?

Frankreichs Landesteil Lothringen profitiert von der offenen Grenze – und trotzdem wollen hier viele am Sonntag für die Abschotterin Marine Le Pen stimmen. Was heißt das für die Grenzregion?

4. Mai 2017  9 Minuten

»Ich wähl’ es Le Pen, das sag’ ich direkt.« Der hünenhafte Mann um die 60, die wenigen weißen Haare kurz geschoren, steht an der deutsch-französischen Grenze im Grenzörtchen Naßweiler. Sein Auto, das er gerade absperrt, trägt ein französisches Nummernschild, er spricht Moselfränkisch wie viele in der Grenzregion, die so oft französisch war und so oft deutsch. Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 mussten die unterlegenen Franzosen Lothringen und das Elsass ans Deutsche Reich abtreten. Der Erste Weltkrieg machte diesen Machtwechsel 1918 wieder rückgängig, zusätzlich fiel auch noch das Saarland zeitweise an Frankreich. 1935 beschlossen die Saarländer per Volksentscheid den Anschluss an Hitler-Deutschland, 4 Jahre später eroberten wiederum die Nazis im Zweiten Weltkrieg die französischen Gebiete. Nach dem Sieg der Alliierten wurde das Saargebiet kurzzeitig zum souveränen Staat, der jedoch wirtschaftlich an Frankreich angeschlossen war. Die Grenze zwischen Saarland und Lothringen wurde erst wieder hochgezogen, als die Saarländer in einem Referendum 1955 abermals den Anschluss an Deutschland wählten. In Sichtweite dieser Grenze, auf einem Schiff auf der Mosel vor dem luxemburgischen Örtchen Schengen, beschlossen die damaligen EU-Mitglieder (ohne Großbritannien) 30 Jahre später, diese Grenzen untereinander zu öffnen. Frauen als »es« zu bezeichnen, ist hier eher eine sprachliche Eigenheit als Sexismus, und »es Le Pen hat ein bisschen weniger geklaut als alle anderen.« Weniger geklaut als der Republikaner François Fillon, auf den der Mann besonders wütend ist. AFP-Bericht bei der Rheinischen Post über die Fillon-Affäre Er soll mehr als 680.000 Euro aus der Staatskasse über eine Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau Penelope abgezwackt haben. Aus dieser Summe hat Marine Le Pen politisches Kapital schlagen können und im Gegensatz zu Fillon die Stichwahl um das französische Präsidentenamt erreicht. Gewinnt sie am 7. Mai gegen den linksliberalen Emmanuel Macron, will sie Frankreich abschotten, das Schengener Abkommen Das Schengen-Abkommen gilt als größter Meilenstein der Freizügigkeit innerhalb der EU: Auf seiner Grundlage wurden die beteiligten Staaten zu einem gemeinschaftlichen Raum, in dem Personen, Waren, Kapital und Dienstleistungen die Grenzen ungehindert überqueren. Die Ur-Version »Schengen I« wurde von Deutschland, Frankreich und den Beneluxstaaten im Juni 1985 an einem symbolträchtigen Ort beschlossen: auf dem Passagierschiff »Princesse Marie-Astrid«, das auf der Mosel am Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland und Luxemburg unterwegs war. Seinen Namen verdankt es dem luxemburgischen Örtchen Schengen am linken Flussufer. 5 Jahre später fielen zwischen den beteiligten Staaten die Schlagbäume; heute umfasst der Schengen-Raum fast alle EU-Mitglieder bis auf die Inselstaaten Großbritannien und Irland: In den zuletzt beigetretenen Ländern Kroatien, Bulgarien, Rumänien sowie Zypern sind noch nicht alle Punkte zur Umsetzung erfüllt. Außerdem sind die Nicht-EU-Staaten Norwegen, Island, Schweiz und Liechtenstein Teil des Schengen-Raums. Weitere Informationen zum Schengen-Abkommen gibt die Bundeszentrale für Politische Bildung. aussetzen und den Austritt aus Euro Das Vorhaben, aus dem Euro auszusteigen, hat Le Pen jüngst abgemildert: Neben dem Euro will sie eine landesweite Parallelwährung für Inlandsgeschäfte einführen. Kritiker sehen darin eine Wahlkampffinte der populistischen Politikerin. und Interview der Welt mit Marine Le Pen, kostenpflichtig EU durchsetzen.