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Diese 7 Dinge würden jedes Land besser machen

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PD Team

Diese 7 Dinge würden jedes Land besser machen

23. Mai 2017

Andere Länder, andere Menschen. Diese Eigenschaften haben uns anderswo besonders beeindruckt.

Das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner. Die Sonne Spaniens, das Essen in Italien, die Natur in Norwegen. Nach einer Reise kommen wir oft mit dem Gefühl wieder: »Ach, warum gibt’s das hier nicht.« Sonnenschein und Natur können wir nicht mitnehmen, alles andere schon.

Darum haben wir uns gefragt: Welche Eigenschaft eines Landes, in dem du mal gelebt hast, würdest du exportieren?

Katharina Wiegmann: Tschechien steht auf (Höflichkeit)

Für wen gibst du deinen Sitz in der Straßenbahn auf? Eine ältere Dame, eine Schwangere. Eine vollbepackte, erschöpft aussehende Frau oder Kinder, die eigentlich ganz fit aussehen?

Wer in Tschechien mit den Öffentlichen unterwegs ist, muss den Überblick behalten. Wer nicht schnell genug von seinem Platz aufspringt, sobald Vertreter der genannten Gruppen im Sichtfeld auftauchen, erntet zumindest kritische Blicke. Wenn die Mitreisenden besonders kritisch sind, gibt es vielleicht sogar einen mahnenden Kommentar oder einen Knuff in die Seite. Auch konzentrierte Lektüre geht nicht als Entschuldigung durch.

Tram, Bus und U-Bahn bilden in Tschechien Inseln der Rücksichtnahme und Höflichkeit. Natürlich bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel. Das Maß an konstanter Aufmerksamkeit gegenüber den Mitreisenden und die umgehende Hier erklärt Soziologe Erving Goffman seine Forschung zu Interaktion im öffentlichen Raum (englisch) soziale Sanktionierung waren neu für mich, als ich meinen Wohnsitz vor 4 Jahren nach Prag verlegte. Die überraschten Reaktionen von Touristen bestätigten meinen Eindruck immer wieder.

Richtig angekommen war ich wohl, als ich einen jungen Italiener für meine wenig gebrechlich aussehende Mutter vom Sitz scheuchte – zur Verwunderung beider. Aus der Reihe hinter ihnen nickte mir derweil eine tschechische Rentnerin mit einem Lächeln anerkennend zu.

Maren Urner: In Kanada gibt es offiziell 2 Sprachen

Wie viel Platz ist auf einem Verkehrsschild? In Kanada genug, um 2 Sprachen unterzubringen: »Stop« und »Arrêt« steht auf jedem achteckigen Schild, das zum Anhalten auffordert.

Auch wenn heute viele Menschen 2 oder mehr Sprachen sprechen, gehört Kanada weltweit zu den wenigen Staaten, die offiziell bilingual sind. Das bedeutet, dass die Regierung alle Leistungen zweisprachig zur Verfügung stellt und die jeweilige Minderheit ein Recht darauf hat, einen Zugang zu Bildung in ihrer Muttersprache zu erhalten. Auf Provinzebene (vergleichbar mit der Landesebene in Deutschland) ist New Brunswick die einzige Provinz, die offiziell bilingual ist; nur Quebec ist offiziell einsprachig (Französisch). In der Praxis bieten alle 10 Provinzen, einschließlich Quebec, viele Dienstleistungen und Schulbildung bis zum High-School-Level auf Englisch und auf Französisch an. Das bedeutet nicht, dass alle Kanadier fließend französisch und englisch sprechen. Häufig ist eher vom Im »bilingualen Gürtel« sprechen die meisten Menschen englisch und französisch (englisch) »blinigualen Gürtel« die Rede, der das Land von der Gürtelschnalle Montréal Die zweitgrößte Stadt Kanadas im frankophonen Quebec ist offiziell französischsprachig. Mit der englischsprachigen McGill-Universität beheimatet die Stadt aber auch die renommierteste Universität Kanadas; die Stadt hat anglophone und frankophone Viertel. Generell werden die Unterschiede zwischen dem Französisch, das in Quebec, und dem, das in Frankreich gesprochen wird, viel und heiß diskutiert. an der Ostküste aus entlang der Grenze zu den USA umspannt. Trotzdem sind fast alle Kanadier Übersichtsstudie zur Zweisprachigkeit in Kanada (englisch, 2004) stolz darauf, dass ihre Heimat offiziell zweisprachig ist. Sowohl frankophone als auch anglophone Kanadier sehen einen kulturellen und ökonomischen Wert darin, die jeweils andere offizielle Landessprache zu sprechen, und die Bilingualität als Teil der kanadischen Identität. Die Akzeptanz der Zweisprachigkeit war jedoch nicht immer so groß wie heute, und generell gilt: anglophone Kanadier haben im Durchschnitt weniger Interesse daran, die offizielle Rolle der Zweisprachigkeit ihres Landes zu vergrößern.

Während meines Auslandssemesters in Montréal 2006 habe ich gemeinsam mit 2 frankophonen Kanadierinnen, einem anglophonen Kanadier und einem anglophonen Inder zusammengewohnt. Die Zweisprachigkeit begegnete mir nicht nur im WG-Zimmer und auf Straßenschildern, sondern war die ganze Zeit präsent – sogar auf jeder Verpackung im Supermarkt.

Ich könnte nun über die Review-Studie zu den positiven Auswirkungen von Zweisprachigkeit auf unser Gehirn (englisch, 2012) gut erforschten Vorzüge von Mehrsprachigkeit für die geistige Fitness sprechen. Doch ein anderes Phänomen wurde mir in Montréal von Tag zu Tag bewusster: Mehrsprachigkeit erzeugt Akzeptanz und Demut. Akzeptanz der anderen Sprache, dem anderen Dialekt Jeder, der schon mal das Englisch eines Inders mit dem eines Briten verglichen hat, weiß, wovon die Rede ist. gegenüber, und Demut gegenüber der eigenen Sprache. An jeder Straßenecke steht: Meine Muttersprache ist nur eine von vielen.

Felix Austen: Südspanier leben auf der Straße

Ein Leben auf der Straße? Wie es deutschen Obdachlosen wirklich geht, zeigt David Ehl in dieser Reportage In Deutschland verbinden wir damit häufig Obdachlosigkeit und sozialen Absturz. In Sevilla im spanischen Andalusien ist das anders: Dort findet das Leben aller tatsächlich auf der Straße statt. So auch meins, als ich dort 2011 ein halbes Jahr studierte.

Wenn die Hitze des Tages verflogen ist, strömen die Menschen in die Gassen: Sie sitzen auf den warmen Steinplatten der vielen Plätze, stehen vor einer der unzähligen Bars oder sitzen im Außenbereich eines Restaurants. In der Rechten ein kaltes Getränk, in der Linken eine Olive. In vielen Bars in Südspanien gibt es zu jedem Getränk, die ohnehin sehr günstig sind, einen kleinen Happen kostenlos dazu: Ein Schälchen Oliven, ein paar Chips oder ein kleines Sandwich. Wer also ordentlich trinkt, wird so auch satt, ohne fürs Essen zu bezahlen. Das hat natürlich mit dem Klima zu tun: In Andalusien ist es das ganze Jahr lang warm und sonnig. Ich erinnere mich, wie ich im Januar im T-Shirt durch die Straßen spazierte, während die Nachrichten Bilder von eisbehangenen Straßenlaternen auf Mallorca zeigten.

Hinzu kommt die lange Mittagspause, die Siesta, aber auch die Rund 44% der 15–25-Jährigen in Spanien haben keinen festen Job hohe Arbeitslosigkeit. Warum also nicht schon am Mittag In Maßen natürlich! In diesem Text zeige ich, wie Biertrinken uns Deutschen auf Geldbeutel und Leber drückt ein Bier in der Sonne genießen? Warum auch immer: Für viele Spanier ist die Stadt das Wohnzimmer. Hier verbringen sie den Abend mit Freunden und Familie. Anstatt sich in kleine Wohnungen oder stickige Bars zu quetschen, gehen die Menschen einfach zu ihren angestammten Ecken, im Vertrauen darauf, ein paar Bekannte zu treffen. Die Straßen sind belebt, Kinder spielen bis spät in den Gassen, man fühlt sich sicher. Das Schönste an diesem besonderen Gefühl der gegenseitigen Verbundenheit: Jeder, der neu ist, muss nur den Fuß vor die Türe setzen, Wie sehr Gruppen unser Leben bestimmen, schreiben Maren Urner und Han Langeslag hier um ein Teil davon zu sein.

Peter Dörrie: Religiöse Toleranz in Burkina Faso

Kann ein bitterarmes Land, Armut lässt sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise messen. Am weitesten verbreitet ist das um die Kaufkraft bereinigte Einkommen pro Kopf (BIP per Capita) und der Human Development Index (HDI), der neben dem Einkommen auch die Lebenserwartung und das Bildungsniveau eines Landes berücksichtigt. Während Burkina Faso Rang 170 von 186 im Einkommensranking der Weltbank belegt, liegt es beim HDI auf Rang 146 von 151. in dem Statistiken zum Analphabetismus von der Weltbank (englisch) weniger als ⅓ der Erwachsenen Lesen und Schreiben können und Religionsstatistiken im CIA World Factbook (englisch) in dem 60% Muslime 30% Christen gegenüberstehen, der Welt vormachen, wie gelebte religiöse Toleranz aussieht? Ja! In Burkina Faso ist das möglich. Alles, was es dazu braucht, ist die richtige Einstellung.

Die meisten Burkinabé sind meiner Erfahrung nach Ich habe 2012–2013 etwa 1 Jahr in der Hauptstadt Ougaougou gelebt und bin seitdem mehrere Male für Recherchen nach Burkina Faso zurückgekehrt. deutlich gläubiger als der durchschnittliche Deutsche. Bierernst nehmen ihre Religion deshalb aber nur die wenigsten. Die hohen Feiertage beider Religionen sind staatlich anerkannt und arbeitsfrei. Meiner Meinung nach eine hervorragende Strategie, um gegenseitiges Wohlwollen zu schaffen. Übrigens: Feiertage, die auf einen Samstag oder Sonntag fallen, werden in Burkina Faso am nächsten Arbeitstag »nachgeholt«. Wenn an Tabaski, In den meisten muslimischen Ländern »Eid al-Adha« genannt, ist das Opferfest der heiligste Feiertag im Islam. Muslime erinnern so an die Bereitschaft von Abraham, dem Stammvater der 3 »Religionen des Buches«, seinen Sohn als Zeichen seiner Hingabe zu Gott zu opfern. dem Opferfest, Ziegen das Zeitliche segnen, sitzen die christlichen Verwandten und Freunde selbstverständlich mit am Tisch. Genauso wie die muslimischen Nachbarn zu Weihnachten. Der Glaube der Anderen wird hier nicht als Bedrohung der eigenen Identität wahrgenommen. »Man ist zuerst Mensch und Burkinabé, erst dann Christ oder Muslim«, ist ein häufiger Spruch.

Diese Überzeugung ist auch durch einen im Jahr 2016 verübten Anschlag einer islamistischen Terrorgruppe aus dem benachbarten Mali nicht erschüttert worden. Im Januar 2016 stürmten mindestens 4 Angreifer ein beliebtes Hotel und Café im Herzen der Hauptstadt. Der Angriff konnte erst Stunden später durch französische Spezialeinheiten beendet werden. Zum Angriff bekannte sich die Terrorgruppe Al Qaeda im Islamischen Maghreb. Zu tief reichen die persönlichen Beziehungen zwischen den Religionen. Praktisch jede Familie ist religiös gemischt, Die International Crisis Group hat einen detaillierten Bericht zur religiösen Toleranz in Burkina Faso veröffentlicht (englisch, 2016) Konversionen in beide Richtungen sind nicht unüblich. Die Burkinabé mögen gläubig und sozial konservativ Während Frauen und Mädchen in der burkinischen Gesellschaft immer noch systematisch benachteiligt sind, genießen etwa die ausschließlich männlichen traditionellen Herrscher und Könige hohes Ansehen. sein, religiöser Dogmatismus liegt ihnen aber fern. Am deutlichsten wird das in den vielen Kneipen, in denen auch Muslime den lokalen Favoriten unter den Biermarken »Brakina« und »So.B.Bra« zusprechen – alles andere als bierernst also.

David Ehl: Leben mit dem Terror in Israel

Neulich entdeckte ich in Köln ein Plakat mit Betonbarrieren; In den vergangenen 12 Monaten haben Terroristen in 3 größeren Fällen Lastwagen als Waffe missbraucht: Im Juli 2016 starben 84 Menschen, als ein Terrorist auf der Strandpromenade von Nizza in eine Menschenmenge raste, im Dezember starben bei einem Anschlag gleichen Musters 11 Menschen auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Zu beiden Anschlägen bekannte sich der sogenannte IS. Im Januar steuerte ein Palästinenser in Jerusalem einen Lastwagen in eine Gruppe Soldaten und tötete 4 von ihnen – ob dieser Anschlag von der Terrororganisation angeordnet oder nur inspiriert wurde, ist unklar.

Nach dem Berliner Anschlag wurden Weihnachtsmärkte in einigen deutschen Städten mit Betonbarrieren wie auf dem Plakat ausgerüstet, die Fahrzeugen den Weg versperren sollten. Ob das im Ernstfall viel bringt, zweifelte ein Test im April 2017 an. Wesentlich massivere Betonbarrieren kommen an einigen Bushaltestellen in Jerusalem bereits seit Jahren zum Einsatz.
darauf die Aufschrift »Zum Festplatz«. Darunter stand weiß auf hellblau »Wollen wir so leben?« und der Aufruf, eine bestimmte Partei zu wählen. Das Plakat, das sich in der großen Werbetafel mit 2 anderen Motiven abwechselte, stammte gar nicht von der Partei selbst, sondern vom »Verein Recht und Freiheit«, dessen Verantwortliche sich zwar »parteiunabhängig« nennen, aber trotzdem unverhohlen zur Wahl der AfD aufrufen. Der Verein war schon vor mehreren Landtagswahlen aufgefallen, weil seine Aktivitäten den Verdacht der illegalen Parteienfinanzierung aufwerfen. Die Message: »Terroristen rasen überall in LKWs umher, fürchte dich!«

Das ist statistisch betrachtet völliger Unsinn – auch nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz Am 19. Dezember 2016 raste der tunesische Islamist Anis Amri mit einem geklauten Sattelschlepper ungebremst in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz, direkt an der Gedächtniskirche. Dabei tötete er 11 Menschen und verletzte 55 weitere – das 12. Todesopfer war der Fahrer des polnischen LKW, den er zuvor erschossen hatte. Der Anschlag gilt als blutigste Tat des sogenannten Islamischen Staats in Deutschland.

Amri gelang die Flucht vom Tatort. 4 Tage später geriet er in Mailand in eine Ausweiskontrolle, wo er sofort eine Waffe aus seinem Rucksack zog und schließlich von den Polizisten erschossen wurde. Er war den deutschen Sicherheitsbehörden als Gefährder bekannt, wurde observiert und hätte nach Tunesien abgeschoben werden sollen. Im Mai 2017 wurde bekannt, dass Amri nach geltender Gesetzeslage hätte verhaftet werden können. Die Pannen und damit die Schuldfrage im Fall Amri beschäftigen einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss in NRW und die Justiz.
in Deutschland sind beispielsweise Senioren im Straßenverkehr 50 Mal Diese Rechnung schließt alle Terrortoten in Deutschland in den Jahren 2000–2017 ein. Vor dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt war der Straßenverkehr sogar 100 Mal so tödlich. Frederik v. Paepcke erklärt, warum Senioren gefährlicher sind als Terroristen tödlicher als Terroristen.

An das Leben mit dem Terror hat man sich in Israel schon längst gewöhnt. 2015/16 habe ich ein halbes Jahr in Jerusalem und Tel Aviv gelebt – zu einem Zeitpunkt, als dort gerade eine neue Welle der Gewalt losgebrochen war. Im Oktober 2015 hatte nach Zusammenstößen auf dem Jerusalemer Tempelberg eine Welle von kleinen Anschlägen im ganzen Land begonnen. Die palästinensischen Attentäter waren häufig noch im Teenager-Alter, die Waffen oft Gebrauchsgegenstände wie Küchenmesser. In der israelischen Presse war zwischenzeitlich die Rede von einer »Knife Intifada«. Zu Hochzeiten gab es täglich mehrere Anschläge. Häufig töteten israelische Einsatzkräfte oder im Wehrdienst ausgebildete Zivilisten die Angreifer.

Binnen eines Jahres wurden so 236 Palästinenser, 34 Israelis und 5 Ausländer getötet.
Diese Gewöhnung in der israelischen Gesellschaft hat weder mit Gleichgültigkeit noch mit Fatalismus zu tun, sondern vor allem mit der stoischen Feststellung: Die Attentate werden nicht weniger, wenn wir uns verkriechen. Also leben wir ganz normal weiter unser Leben.

In meinen 6 Monaten war ich 2–3 Mal relativ nahe dran – direkt in der ersten Woche Jerusalem stand unser Taxi plötzlich im Stau, An diesem Tag haben mich die Ereignisse noch etwas aufgewühlt, später setzte dann tatsächlich so etwas wie ein Gewöhnungseffekt ein. Damals habe ich die Ereignisse des Tages in einem Blogeintrag zusammengefasst. weil es ein paar hundert Meter weiter eine Schießerei gegeben hatte. Trotzdem habe ich nach ein paar Wochen kapiert, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, in den falschen 5 Minuten am falschen Ort zu sein. Die wichtigste Erkenntnis, die wir uns von Israel abschauen können, ist: Einen ähnlichen Rat erteilte auch der israelische Schriftsteller Assaf Gavron im August bei ntv.de Der Terror hat kein Mitspracherecht an unserem Lebensstil. Ob wir manche sicherheitspolitischen Schlussfolgerungen kopieren wollen, ist eine ganz andere Frage: Die israelische Regierung unterdrückt die Palästinenser strukturell, nimmt die Familien der Angreifer in Sippenhaft (indem sie ihre Wohngebäude zerstört) und kontrolliert Araber überdurchschnittlich stark. Assaf Gavron beschreibt in seinem etwas längeren Text die Spirale, in der sich Gewalt und rechtsgerichtete Regierungen mit ihren unterdrückerischen und rassistischen Sicherheitsmaßnahmen gegen die Palästinenser gegenseitig befeuern.

Dirk Walbrühl: Vorfahrt für Fahrräder in den Niederlanden

Die Niederländer fahren Rad. Das weiß jeder. Seit 5 Jahren lebe ich in einer Kleinstadt an der deutsch-niederländischen Grenze. Um Freunde zu besuchen, fahre ich häufig hinüber – auf 4 motorisierten Rädern überhole ich dabei die wenigen deutschen Fahrradfahrer, die sich auf Bürgersteigen oder einem schmalen Streifen am Fahrbahnrand zurechtfinden müssen.

Auf der anderen Seite steige ich selbstverständlich aufs Fahrrad um. Eins ist immer übrig – schließlich hat jeder Niederländer durchschnittlich 1,1 Fahrräder daheim. In Deutschland sind es nach den letzten Zahlen nur 0,8. Trotzdem liegt Deutschland beim Fahrradbesitz global gesehen weit vor Ländern wie den USA (0,6 pro Haushalt) oder Russland (0,4 pro Haushalt). Auf 2 Rädern unterwegs zu sein, ist vom Schulkind bis zur Geschäftsfrau im Business-Outfit für die Niederländer völlig normal – und das liegt nicht nur an der flachen Landschaft. Der höchste Berg der Niederlande ist der Vaalserberg mit 322 Metern. Zum Vergleich: Der höchste Berg Deutschlands ist die Zugspitze mit 2.962 Metern. Und war tatsächlich nicht immer so.

In den 1970er-Jahren Die BBC zur niederländischen Straßensicherheits-Kampagne der 80er-Jahre (englisch, 2013) gingen Eltern auf die Straße, um sicherere Straßen einzufordern. Was folgte, war eine intensive Förderpolitik, bei der immer galt: Fahrradfahrer haben Vorfahrt. Die haben sie seitdem etwa in Ortschaften generell. In niederländischen Städten haben Radfahrer Vorfahrt. Passiert ein Unfall, an dem Auto und Rad beteiligt sind, bekommt in den meisten Fällen der Autofahrer die Schuld. Außerdem dürfen Fahrradfahrer nebeneinander fahren. Parkgebühren für Autos sind extrem teuer, Parkplätze am Straßenrand selten und vor Ampeln gibt es Sammelbereiche, in denen sich Fahrradfahrer vor Autos platzieren können. Zweispurige, von der Straße getrennte Radwege gehören zur Grundausstattung. Der Guardian über die Fahrradstadt Groningen (englisch, 2016) Teilweise werden ganze Städte fahrradfreundlich umgestaltet, damit die Bewohner Wie »Nudging« die Welt retten kann, erklären Maren Urner und Han Langeslag in diesem Text durch »Nudging« noch mehr zum Radeln angeregt werden. Häufig sind Radwege durch Tunnel und Brücken vom restlichen Verkehr getrennt, sodass man mit Muskelkraft schneller ans Ziel kommt. Allein das motiviert! Das wurde sogar zum Exportschlager und Londons Cycling-Kampagne stand unter dem Namen »Go Dutch« (englisch, 2012) Vorbild für Städte wie London, Kopenhagen und Münster.

Doch die Begeisterung hat auch einen Preis. Während sich Autofahrer penibel an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, Durch harte Strafen bei Missachtung von Tempolimits und die ständige »Gefahr«, durch Radfahrer in einen Unfall verwickelt zu werden. nehmen es Radfahrer mit den Verkehrsregeln häufig nicht so genau und gehen dabei unnötige Risiken ein. Auch ich erwische mich dabei, wie ich auf niederländischen Radwegen Autos ausbremse und anschließend schimpfe: »Neem de fiets, idioot!« Also: »Nimm das Fahrrad, Blödmann!«

Han Langeslag: Britische, höfliche Ignoranz für ein friedliches Zusammenleben?

Knapp 37% aller Londoner Die Top 7 der Herkunftsländer sind Indien, Polen, Irland, Nigeria, Pakistan, Bangladesch und Jamaika. Bericht des »Migration Observatory« der Universität Oxford (englisch, 2017) sind nicht in Großbritannien geboren. Die mehr als 8 Millionen Einwohner In der Stadt London (Greater London) wohnen gemäß der letzten Volkszählung aus dem Jahr 2014 geschätzt 8,5 Millionen Menschen. sprechen The Evening Standard fasst die Ergebnisse der Volkszählung aus dem Jahr 2011 zusammen (englisch, 2011) 107 verschiedene Sprachen. 53 davon werden von mindestens 0,1% aller Einwohner gesprochen. Trotz dieser großen kulturellen Vielfalt schaffen es Londoner verhältnismäßig gut miteinander auszukommen. Ab der zweiten Generation sehen sich alle Einwanderer vor allem Zu mehr als 90%. als eins: britisch! Insbesondere Minderheiten aus »wirtschaftlich schwächeren« Ländern fühlen sich schnell dazugehörig: Westeuropäer – angeführt von den Neu-Londonern mit deutschen Wurzeln – halten hingegen hartnäckiger an der heimischen Identität fest. Große Studie zur britischen Identität mit Daten bis zum Jahr 2007 (englisch, 2007) Die große Mehrheit entwickelt bereits innerhalb einer Generation eine britische Identität.

Der Ort, an dem alle zusammenkommen, ist der einige Waggons lange und 2 Meter breite Raum unter der Erde: die Tube. Die U-Bahn nennen alle nur »Tube«, vom englischen Wort für Röhre. Hier sitzen und stehen jeden Tag Millionen Menschen dicht beieinander. Schweigend, mit Musik in den Ohren, stehend mit dem Kopf gegen die Tür gelehnt, zwischen 3 anderen eingequetscht ein Buch oder auf dem Smartphone lesend. London erinnert hier an einen Ameisenhaufen. Man hat ständig Menschen um sich herum, sodass es wichtig ist, Distanz zu halten.

Gesprochen wird in der Tube wenig. Es sei denn, man tritt ausversehen auf den Schuh eines Nachbarn. Dann kann man sich des fast reflexartigen »Sorry!« gewiss sein. Durchaus höflich. So lässt sich die Interaktion auch außerhalb der Tube beschreiben. Beim Einkauf lächelt der Inder, wenn er mir einen »Good day!« wünscht. Der Busfahrer aus Bangladesch nickt mir freundlich zu, wenn ich mit einem »Beep«-Geräusch für meine Fahrt mit dem roten Doppeldecker mit meiner Oyster-Karte zahle. Die Oyster-Karte ist ein berührungsloses Bezahlsystem der Londoner Verkehrsverwaltung. Während meiner Zeit in London war das System sehr populär. Mittlerweile ist die Technik schon wieder einen Schritt weiter: Jeder mit englischem Bankkonto nutzt jetzt seine Debit-Card, um kontaktlos zu zahlen. Kein Bangen mehr, wie viel Geld wohl noch auf der Oyster ist, wenn man in den Bus oder die Tube steigt – es sei denn, das Bankkonto ist leer. Auf meine winkende Bewegung zu den beiden heftig diskutierenden Sicherheitsbeamten ernte ich 2 schnelle »Hi!«, die eine davon Britin mit Cockney-Akzent, der andere ein Nigerianer mit afrikanischem Akzent.

Vielleicht ist genau das der »Trick«, warum es in London noch immer relativ gut funktioniert: sich höflich zu ignorieren. Gespräche bleiben oberflächlich – und das ist gut so. Alles andere ist privat, frei nach dem Motto »leben und leben lassen«.

Mit Illustrationen von Lucia Zamolo für Perspective Daily

 

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