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Felix Austen

Warum zu viele E-Autos eine dumme Idee sind

2. Juni 2017

Wenn wir nur über Millionen selbstfahrende E-Autos sprechen, vergessen wir etwas: Sie rauben uns den Platz zum Leben. So erobern wir ihn zurück.

Stell dir vor, wir schreiben das Jahr 2027. Du hast dir gerade den neuen Tesla gekauft: Er lädt flott auf, die Reichweite ist kein Thema mehr, auch weil es inzwischen überall Ladesäulen gibt, und der Wagen kostet gerade mal so viel wie ein VW Golf. Du steigst am Morgen ein, nippst an deinem Kaffee, breitest deine Zeitung aus und gibst die Anweisung: »Ab zur Arbeit!« Der Wagen gleitet los, du vertiefst dich in deine Lektüre.

Nach einer Weile blickst du auf: Du und dein IQ-Bolide stehen wenige Kilometer entfernt von deinem Zuhause. Um euch herum: andere schlaue Elektroautos. Zusammen steht ihr im Stau.

So stellen sich die wenigsten die schöne neue Welt der Mobilität vor. Aber genau so könnte es kommen, wenn wir die Verkehrswende weiterhin sich selbst überlassen; wenn wir nach wie vor nur über elektrische und selbstfahrende Autos sprechen – und nicht über das Teilen von Autos.

3 Revolutionen in 3 Szenarien

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Hier geht es zur Studie (englisch, 2017) Studie des amerikanischen Institute for Transportation & Development Policy und der Universität von Kalifornien. Ihre Kernaussage: Das Klima- und Abgasproblem bekommen wir mit intelligenten Elektroautos ganz gut in den Griff. Den Verkehrsinfarkt verhindern diese Technologien allerdings nicht; um ihn zu vermeiden, müssen wir unseren Untersatz mit anderen teilen.

Die Studie untersucht erstmals genauer, wie sich die 3 großen Verkehrs-Revolutionen, die uns bevorstehen, gegenseitig beeinflussen:

  1. Elektrischer Antrieb: Elektromotoren ersetzen bisherige Han Langeslag und ich haben beschrieben, warum der Elektromotor den Verbrennungsmotor früher oder später ausstechen wird Verbrennungsmotoren. Anstatt Benzin in den Tank zu schütten, stöpseln wir den Akku ans Netz, und anstatt nach Öl zu bohren, stellen wir Windräder ins Meer.
  2. Selbstfahrende Autos: Prozessoren und das Internet übernehmen das Steuer, lenken, bremsen und suchen den schnellsten Weg zum Ziel. Wir legen die Beine hoch.
  3. Carsharing: Anstatt ein eigenes Auto zu besitzen, bedienen wir uns am großen Fuhrpark eines Carsharing-Anbieters. Im sogenannten Free-Floating stehen die Autos über die ganze Stadt verteilt, wir können sie per App finden, überall einsteigen und sie direkt am Ziel wieder abstellen. Bei anderen Modellen sind die Wagen an bestimmte Stationen gebunden. In Kombination mit selbstfahrenden Autos können wir künftig einen Wagen bestellen, wenn wir ihn brauchen: Gastautor David Fleschen hat das Zusammenspiel der Verkehrsmittel beschrieben Er holt uns in wenigen Minuten daheim ab und schmeißt uns raus, wo es uns passt.

Menschen in verschiedenen Regionen und Märkten der Welt verhalten sich sehr unterschiedlich, wenn sie mobil sind. Darüber gibt es viele Studien. Auf diese greifen die Macher der neuen Untersuchung zurück und entwerfen 3 globale Szenarien für den Verkehr im Jahr 2050:

  • Weiter so (WS): Wir machen weiter wie bisher: Wir bauen und verkaufen überwiegend Verbrennungsmotoren, auch an Milliarden Menschen in Schwellenländern, die in naher Zukunft mobil sein wollen.
  • 2 Revolutionen (2R): Wir satteln schnell auf intelligente und elektrisch angetrieben Autos um. Die weltweiten Verkäufe von E-Autos steigen von derzeit Es könnte auch noch viel schneller gehen, haben Han Langeslag und ich in einem vorherigen Text gezeigt 750.000 Stück pro Jahr auf 5 Millionen im Jahr 2020. Auch danach steigt der Verkauf weiter an. Unsere Stromerzeugung wird gleichzeitig immer umweltfreundlicher, die Energiewende schreitet voran. Allerdings: Weiterhin hat jeder seinen eigenen Wagen in der Garage stehen, zur Arbeit fahren wir alleine. Immer mehr Menschen in den Schwellenländern machen es genauso. Gerade Städte in Schwellenländern sind von extremen Staus betroffen: Besonders schlimm ist es in Istanbul, Bangkok und Mexiko-Stadt. Hier ist im Schnitt auf mindestens der Hälfte aller Straßen Stau.
  • 3 Revolutionen (3R): Wir satteln schnell auf intelligente und saubere, elektrisch angetrieben Autos um, bauen Radwege und den öffentlichen Nahverkehr aus und teilen uns wann immer möglich das Auto mit anderen. Finanzielle Anreize und die Gestaltung unserer Städte sorgen dafür, dass immer weniger Menschen ihre eigenen Autos besitzen.

Natürlich wird keines der Szenarien exakt so eintreten. Wie sich die Technologie weiterentwickelt und wie sich Menschen verhalten, ist nicht exakt vorhersehbar. Sie zeigen lediglich die Tendenzen und die Bandbreite auf, in die sich unsere Mobilität entwickeln kann. Welchen Weg wir gehen, haben wir selbst in der Hand.

Intelligente E-Autos nutzen dem Klima

Die erste wichtige Erkenntnis: Szenario 2 (2R) spart im Vergleich zum Weiter so vor allem große Mengen CO2. Bis zum Jahr 2050 würden Autos so jährlich nur noch rund 1,7 Gigatonnen des Treibhausgases in die Atmosphäre blasen. Setzen wir weiterhin auf Verbrennungsmotoren, werden hingegen rund 4,6 Gigatonnen CO2 pro Jahr freigesetzt. Ein Unterschied von 2,9 Gigatonnen. Derzeit emittiert die gesamte Welt pro Jahr rund 38 Gigatonnen. Durch diese Maßnahme könnten wir unsere Emissionen also direkt um rund 8% reduzieren. Und das, obwohl sich zeitgleich die Zahl der Autos auf 2,1 Milliarden fast verdoppelt.

Warum das funktioniert, ist klar: Die E-Autos verbrennen kein Benzin mehr, sondern tanken sauberen Solar- und Windstrom. Weil dieser Strom immer günstiger wird, wird auch das Autofahren schon bald günstiger, schätzen die Wissenschaftler, und somit attraktiver. Gleichzeitig lässt sich auf der Autofahrt nun lesen, arbeiten oder eine Serie auf Netflix sehen, was nochmals mehr Menschen Lust darauf macht: Der Verkehr nimmt um 10–15% zu.

Und genau hier liegt das Problem: Schon heute sind Autos gerade in den Städten in vielen Industrieländern rund 1 Stunde am Tag unterwegs. Das heißt 23 Stunden stehen sie auf dem Parkplatz – und nehmen den Menschen den Platz weg. Auch auf den Straßen verbrauchen sie ein Vielfaches der Fläche im Vergleich zu Bus, Bahn und Rad. So verstopfen sie die Verkehrswege, verlangsamen den Verkehr für alle Teilnehmer dramatisch, machen die Straßen unsicher für Radfahrer sowie Fußgänger und verpesten die Luft. 2015 sind laut einer Studie (englisch) 38.000 Menschen weltweit durch Atemwegserkrankungen ums Leben gekommen, weil die Autohersteller seit Jahren bei den Grenzwerten für Rußpartikel und Stickoxide geschummelt haben.

Probleme, die Stadtplaner und Verkehrsexperten seit Jahrzehnten bemängeln. Denn die negativen Auswirkungen auf die Städte sind längst bekannt: Straßen zerschneiden Wohnviertel, Lärmbelastung drückt vielen Städtern aufs Gemüt. Ein gemütlicher Spaziergang durch die Nachbarschaft wird für viele Großstädter wegen roter Ampeln, zu schnellen und lauten Autos und schlechter Luft zum Hindernislauf. Wo der Straßenverkehr einzieht, zieht sich das öffentliche Leben zurück. Auch die Sicherheit steht auf dem Spiel: Eine gute Rettungsgasse ist ein Anfang: So geht’s! Müssen Polizei, Krankenwagen oder Feuerwehr schnell zu Einsatzorten gelangen, müssen sie sich mühsam durch Blechlawinen schlängeln.

Carsharing nutzt den Städten

Szenario 3 (3R), in dem die Menschen auf den Privatbesitz von Autos verzichten und sie miteinander teilen, Dabei muss man zwischen 2 Arten des Carsharings unterscheiden: Beim reinen Carsharing, also dem Teilen eines Autos, können verschiedene Fahrer dasselbe Auto hintereinander für ihren jeweiligen Zweck benutzen. Bei der Fahrgemeinschaft (ride-sharing) fahren verschiedene Menschen, die zufällig in eine ähnliche Richtung wollen, gleichzeitig mit demselben Auto. Das entlastet die Straßen und Verkehrsknoten vor allem in den Stoßzeiten. Heute ist dieses Prinzip vor allem auf Langstrecken in Form von Mitfahrgelegenheiten bekannt. Dank intelligenter Vernetzung wird das in Zukunft aber auch in Städten auf kurzen Strecken sehr effizient möglich sein. hat so vor allem den Effekt, dass es statt rund 2,1 Milliarden nur etwa 0,5 Milliarden Autos gibt. In den Städten entsteht dringend benötigter David Ehl über kreative, städtische Wohnraumkonzepte Platz für Wohnraum, Fußgänger und Radfahrer, vor allem aber für Frei- und Grünflächen, die die Lebensqualität der Menschen erhöhen. Dass das gut funktioniert, machen Städte wie Brüssel, Amsterdam, Madrid oder auch Kopenhagen längst vor.

Die Dauer, die jedes Auto in diesem Szenario in Benutzung ist, steigt rasant; die meiste Zeit befördern die smarten Wagen Menschen von A nach B, Parkraum ist kaum mehr nötig. Ein intelligentes »Ökosystem« aus Fahrtangeboten greift nahtlos ineinander: Wenn wir es wünschen, holt uns ein Wagen ab, in dem bereits 3 Menschen sitzen, die in dieselbe Richtung wollen Die Studie unterscheidet explizit zwischen Carsharing, bei dem wir gemeinsam mit anderen im selben Auto in dieselbe Richtung fahren, und Carsharing, bei dem wir alleine im Auto sitzen. Ersteres ist aus Verkehrssicht optimal, da so ein Minimum an Autos und Platz auf der Straße nötig ist, um viele Menschen an ihr Ziel zu bringen. Einige haben vielleicht ein Problem damit, mit Fremden im Auto zu sitzen, die könnten ja essen, rauchen oder laut sein. Wer also einmal seine Ruhe haben möchte, kann Carsharing nutzen, bei dem er alleine im Auto eines Carsharing-Anbieters sitzt. Das spart ordentlich Parkraum, da die Autos den ganzen Tag im Einsatz sein können. Andererseits entlastet es kaum die Straßen, die zu Stoßzeiten ohnehin überfüllt sind. – WiFi und Entertainment inklusive. Überlegen wir es uns spontan anders, lässt er uns an einer Ecke raus, an der wir entweder direkt in den Bus oder auf ein öffentliches Fahrrad steigen können. Der Fantasie sind für die Vielfalt dieser Vernetzung kaum Grenzen gesetzt – und dem Internet vermutlich ebensowenig.

Positiver Nebeneffekt: Im Vergleich zum 2R-Szenario wird eine weitere Gigatonne CO2-Emissionen im Jahr eingespart.

Das dritte R kommt nicht von allein

Während die Elektrifizierung und die Automatisierung vor allem durch den technischen Fortschritt vorangetrieben werden, hängt das dritte R, die Revolution unserer Maren Urner erklärt, wie wir Gewohnheiten ändern können Gewohnheiten, vor allem von der Politik ab. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass es vieler Maßnahmen und Anreize bedarf, um uns zum Teilen eines Autos zu bewegen. Sie beschreiben eine Handvoll möglicher Maßnahmen, die die Autofahrer hinter ihrem Steuer hervor- und rauf auf den Sattel oder in den Bus lockt:

  • Erforschung und Weiterentwicklung intelligenter und elektrischer Autos vorantreiben
  • Städtische Auflagen, die den Privatbesitz und leere Fahrten von Elektroautos unattraktiv machen
  • Unterstützung für Mitfahrgelegenheiten und die Nutzung öffentlicher Transportmittel
  • Ausbau des Angebots im öffentlichen Personenverkehr; Mittel, um die Qualität und Zuverlässigkeit aufrechtzuerhalten
  • Gestaltung der Verkehrsflächen und des öffentlichen Raums, sodass sich verschiedene Verkehrsmittel besser ergänzen lassen und alternative Transportmittel (Fahrräder, E-Bikes) sicherer und einfacher zu verwenden sind
  • Entwicklungsbanken und Financiers ermutigen, in Schwellen- und Entwicklungsländern nachhaltigen Verkehr als Kriterium zu berücksichtigen

Können wir uns diese Transformation leisten? Die Wissenschaftler schätzen, dass Szenario 3 (3R) nicht nur die Lebensqualität in den Städten hebt und den Verkehrsfluss wieder in Gang bringt, sondern auch 5 Billionen US-Dollar spart im Vergleich zum business as usual.

All diese Vorteile treten unabhängig davon ein, ob die Verkehrsinfrastruktur in einer Region bereits stark ausgebaut ist, ob sie eher auf öffentlichen oder individuellen motorisierten Verkehr setzt. Ob Bangkok, Los Angeles oder Amsterdam, die Tendenz bleibt dieselbe. Die bessere Frage ist also, ob wir es uns leisten können, uns diese Chance entgehen zu lassen.

So konkret stellt sich die Frage für Stadtplaner aber nur selten, denn ein solcher Wandel läuft langsam und schrittweise ab. Kurzfristige Interessen können die nachhaltige Planung erschweren. Auf den ersten Blick mag es zudem schwer erscheinen, alte Gewohnheiten des Reisens zu verändern – das Auto zu verkaufen und einem Roboter das Steuer zu überlassen.

Die Chance, morgens um 8:30 Uhr in Berlin, Stuttgart und Köln freie Straßen zu haben, ist da: Losfahren, Kaffee trinken, Zeitung lesen und pünktlich und entspannt das Büro betreten.

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