Warum du nicht frei entscheidest, diesen Text zu lesen

Ist unser lieb gewonnenes Gefühl, frei entscheiden zu können, schlichtweg falsch? Wenn ja, wer ist dann für unsere Taten verantwortlich?

8. Juni 2017  9 Minuten
Der 96 Meter hohe Uhrenturm der Universität Texas, von dessen Aussichtsplattform aus Charles Whitman 11 Menschen erschoss. – Quelle: Larry D. Moore CC BY-SA

11:48 Uhr. Ein heißer Sommertag. Der junge Mann steht ca. 70 Meter über der Erde auf der Aussichtsplattform der Universität Texas und schießt. Die Kugel tötet einen ungeborenen Säugling im Bauch seiner Mutter. Das nächste Opfer ist der Vater des Babys, der sich schützend über seine Freundin beugt.

Ausführliche Darstellung der Ereignisse am 1. August 1966 in Texas Monthly (englisch, 2006) In den nächsten 96 Minuten des 1. August 1966 tötet der Scharfschütze Charles Whitman 11 Menschen, 31 werden verletzt. Er hat einige Stunden zuvor bereits seine Mutter und seine Frau im Schlaf erstochen. Auf dem Weg zur Aussichtsplattform hat er 3 weitere Menschen getötet. Das letzte Opfer starb 2001 an den Folgen der Schießerei. Insgesamt tötete Charles Whitman also 17 Menschen.

Was motiviert eine solche wahnsinnige Tat? Die Schlussfolgerung liegt nahe: Charles Whitman ist entweder geisteskrank, ein bösartiger Mensch – oder beides. Als die Polizei sein Haus durchsucht, findet sie Die gesammelten Briefe und Notizen von Charles Whitman (englisch, 1966) einige merkwürdige Briefe und Notizen.

Ich verstehe mich in letzter Zeit selbst nicht mehr. Ich sollte ein durchschnittlich vernünftiger und intelligenter junger Mann sein. Doch seit einiger Zeit (ich kann mich nicht erinnern, wann es begann) bin ich Opfer zahlreicher ungewöhnlicher und irrationaler Gedanken. Diese Gedanken kommen ständig wieder, und es benötigt einen ungeheuren mentalen Aufwand, um sich auf sinnvolle und zielführende Aufgaben zu konzentrieren. […] Ich wünsche mir, dass nach meinem Tod eine Autopsie vorgenommen wird, um zu überprüfen, ob es eine sichtbare körperliche Störung gibt. – Charles Whitman

Einen Tag nachdem der Polizist Ramiro Martinez die Schießerei mit einem tödlichen Schuss beendet hatte, erfolgte die Autopsie von Charles Whitmans Gehirn. Dabei finden die Ärzte einen kleinen Tumor. Dieser hat sehr Wie sehr einzelne Hirnregionen unsere Angst steuern, schreibt Maren Urner hier wahrscheinlich Gehirnregionen beeinflusst, die seine Emotionen, sein aggressives Verhalten und seine Hormonregulation steuern.

Der Fund wirft die Frage auf: Ist Charles Whitman verantwortlich für seine Taten? Hat er aus freien Stücken gehandelt? Oder ist der kleine, bösartige Zellklumpen in seinem Kopf für sein Verhalten verantwortlich?

Ist dein Wille »frei«?

Unser Alltagsverständnis sagt uns, dass wir weitestgehend selbst entscheiden, was wir tun. Wenn wir nicht gerade an einer psychischen Krankheit leiden oder unter vorgehaltener Pistole zu einer Handlung gezwungen werden. Mit anderen Worten: Wir haben einen Willen und der ist frei. Auf dieser Annahme fußen unsere Vorstellungen von Gut und Böse und damit auch unser Rechtssystem. Nach deutschem Strafrecht kann nur verurteilt werden, wenn der Beschuldigte Schuld hatte. Mit Schuld ist dabei die persönliche Vorwerfbarkeit der Tat gemeint. Wer zum Beispiel wegen Minderjährigkeit oder psychischer Krankheit nicht zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann, wird nicht bestraft. Dieses Verständnis von Schuld setzt einen freien Willen voraus. Denn nur so können wir zwischen Schuld und Unschuld unterscheiden.

Es tut mir aufrichtig leid, dass dies der einzige Weg ist, um ihr Leiden zu beenden. Aber ich denke, dass es das beste war. […] Falls es einen Gott gibt, lass ihn meine Taten verstehen und entsprechend über mich richten. – Charles Whitman

Was aber meinen wir genau, wenn wir vom »freien Willen« sprechen? Wenn wir in der Eisdiele zwischen Schokolade und Banane entscheiden, Selbst wenn wir wollten: Wir können nicht alles selbst entscheiden – schreiben wir hier ist es unsere Wahl. Nicht die eines anderen oder einer Stimme, die uns ins Ohr flüstert, welche Sorte wir heute wählen sollen. Eine Definition von freiem Willen könnte also sein: Wir treffen unabhängig von anderen Einflüssen aus mehreren Optionen unsere Wahl.

Diese einfache Vorstellung, dass zumindest einige menschliche Handlungen »frei« sind, führt uns jedoch schnell in eine Sackgasse.

Position 1: Ja, der Wille ist frei!

An der Theke angekommen, wählen wir Schokoeis, ganz einfach, weil wir daran gedacht haben. Nichts und niemand hat unsere Wahl verursacht, außer uns selbst. Diese Annahme – die in der Philosophie des Geistes als Libertarismus bezeichnet wird – widerspricht jedoch allem, was wir über die Physik wissen. Eine Sache wird immer durch eine andere verursacht, das altbekannte Prinzip von Ursache und Wirkung.

Vertreter des Libertarismus bringen beides unter einen Hut, indem sie zwischen Ereignissen und Handelnden unterscheiden. Sie erkennen also einerseits an, dass physikalische Ereignisse immer durch vorherige physikalische Ereignisse bedingt sind – so wie die Eiskugel, die auf dem Boden landet, weil sie aus der Kelle gefallen ist. Handelnde sind allerdings dennoch in der Lage, eine Kausalkette zu starten, die durch nichts anderes zuvor bedingt wurde. So haben sie die Möglichkeit, das Universum zu beeinflussen – sie können Dinge selbst ermöglichen.

Ganz so einfach lässt sich der freie Wille jedoch nicht verteidigen. Denn schließlich steht die Frage im Raum, woher diese neuen, freien Entscheidungen der Handelnden kommen: Sind sie zufällig? Was bringt einen Handelnden dann dazu, eine bestimmte Option statt einer anderen zu wählen?

Nach reiflicher Überlegung habe ich mich entschieden, meine Frau, Kathy, zu töten, heute Abend nachdem ich sie von der Arbeit beim Telefonunternehmen abgeholt habe. Ich liebe sie innig, und sie ist mir eine so feine Ehefrau gewesen, wie es sich ein jeder Mann nur wünschen kann. – Charles Whitman

»Killer hatte Hirntumor« – Dr. C. DeChenar, Pathologe aus Austin, der die Autopsie von Charles Whitman durchführte, zeigt auf einem Gehirnbild, wo der Tumor saß. – Quelle: rarenewspapers.com copyright

Charles Whitman hat also weder »zufällig« noch im Affekt gehandelt. Beginnst du gerade, Antworten auf die genannten Fragen zu suchen, ob Entscheidungen zufällig sind und was einen Handelnden zu einer bestimmten Wahl bringt? Wenn du nach solchen Erklärungen suchst, würdest du eingestehen, dass Handlungen eben nicht »frei« sind (sondern bedingt). Für den Verteidiger des Libertarismus bleibt das Gefühl, dass es sich so anfühlt, als seien wir frei – und wenn wir uns so frei fühlen, sollten wir doch ernsthaft die Möglichkeit betrachten, dass wir es auch sind.

Ein Gefühl allein reicht jedoch nicht für ein überzeugendes Argument – Wie gute Forschung aussieht, beschreibt Maren Urner hier anhand von Pornos dafür braucht es Beweise. Und die liefern Studien seit Jahrzehnten zuhauf – allerdings für eine andere Position.

Position 2: Alles hat eine Ursache!

Das erste Mal erschüttert wurde die Wunschvorstellung vom freien Willen durch die mittlerweile weltberühmten Experimente des amerikanischen Neurowissenschaftlers Benjamin Libet Die Libet-Experimente gelten als Standardreferenz bei der Frage, ob wir einen freien Willen haben oder nicht. Libet selbst betont, dass wir in jedem Fall eine Art »Veto« haben, das Handlungen stoppt (und das er ebenfalls experimentell untersucht hat). Die bekannte Libet-Studie zum freien Willen (englisch, 1985) im Jahr 1985. Stelle dir vor, du hast die Aufgabe, dein Handgelenk zu willkürlichen Zeitpunkten zu beugen, während du auf den rotierenden Zeiger einer Uhr schaust. Deine Aufgabe ist es, dir den Stand des Zeigers in dem Moment zu merken, wenn du dich entscheidest, dein Handgelenk zu bewegen.

Genau diese Aufgabe gab Benjamin Libet seinen Versuchsteilnehmern, während er gleichzeitig ihre Gehirnströme per EEG Bei der Elektroenzephalografie (EEG) wird die elektrische Aktivität des Gehirns über zahlreiche Elektroden an der Kopfoberfläche gemessen. Sie wird standardmäßig in der Diagnostik und der Forschung genutzt. Das erste EEG wurde 1924 vom deutschen Physiologen und Psychiater Hans Berger aufgezeichnet. maß. Das Ergebnis: Bis zu 1/2 Sekunde bevor die Teilnehmer ihre Entscheidungen fällten, das Handgelenk zu beugen, signalisierte ihr Gehirn die bevorstehende Entscheidung. Neben den philosophischen Diskussionen zu den Ergebnissen äußerten zahlreiche Wissenschaftler Bedenken zu methodischen Mängeln der Studie. Zum Beispiel ist fraglich, wie genau die Aufzeichnung der Entscheidung, die Hand zu bewegen, sein kann. Auch die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf komplexere Entscheidungen, die auf Gründen basieren, ist nicht möglich. Zahlreiche Folgeexperimente zeigten unter anderem, dass auch unsere Entscheidung, ob wir das linke oder rechte Handgelenk wählen, anhand unserer Gehirnaktivität vorhergesagt werden kann.

»Der Mensch hat keinen absoluten, oder freien, Willen. Seine Handlungen sind durch Ursachen bedingt, die wiederum durch Ursachen bedingt sind, […] bis ins Unendliche.« – Baruch Spinoza, Philosoph (1632–1677) Ausführliche Übersicht zur neurowissenschaftlichen Erforschung des »freien Willens« (englisch, 2016) Schockiert davon waren die meisten Neurowissenschaftler allerdings nicht: Was sonst, wenn nicht eine bestimmte Gehirnaktivität, sollte unseren Entscheidungen und Handlungen vorausgehen?

Basierend auf dem Konzept von Ursache und Wirkung vertreten die sogenannten Deterministen eine dem Libertarismus entgegengesetzte Position. Weil jedes Ereignis stets durch ein vorheriges bestimmt wird, gibt es keine Wahl. Dann stellt sich natürlich die Frage nach dem ersten Ereignis, das für die Ausprägung unseres Universums verantwortlich war. Ein Handelnder hätte also niemals anders handeln können, als er es tatsächlich getan hat. Denn mentale Zustände sind Gehirnzustände (oder sind zumindest direkt mit unserem Gehirn verknüpft). Die wiederum sind biologische Zustände, die physikalische Zustände sind. Und in der Physik ist – wie bereits erwähnt – alles ursächlich. Laut Quantenphysik sind die meisten Ereignisse zufällig. Inwieweit ein zufälliges Ereignis auf eine Ursache zurückgeführt werden kann, darüber haben sich bereits viele schlaue Menschen den Kopf zerbrochen. Kein Platz also für unsere intuitive Vorstellung, frei entscheiden zu können.

Stattdessen sorgen unsere Wünsche, Überzeugungen und Stimmungen für eine bestimmte Handlung. Weil wir Bananeneis nicht so lecker finden, fällt die Wahl leicht. Im Determinismus sind unsere Entscheidungen einfach die unvermeidlichen Ergebnisse einer Reihe mentaler Vorgänge, die sich in einer ganz bestimmten Reihenfolge miteinander verbinden und so genau zu dem einen Ergebnis führen. Deterministen argumentieren: Nur weil wir nicht in der Lage sind, die genauen Faktoren zu benennen, die zu einer Entscheidung führen, bedeutet das nicht, dass wir nicht theoretisch dazu fähig wären. Würden wir alle Wünsche, Überzeugungen und Stimmungen im Gehirn untersuchen können, wäre jede Handlung vorhersehbar. Und auch wenn sich unsere Wahl am Ende frei anfühlt – »Natürlich hätte ich auch eine andere Sorte wählen können!« – ist sie es nicht! Obwohl wir häufig stark an der Vorstellung festhalten, einen freien Willen zu haben, haben wir paradoxerweise gerade bei wichtigen Lebensentscheidungen häufig das Gefühl, nicht frei zu entscheiden. Spukt hinsichtlich des eigenen Partners häufiger der Gedanke durch den Kopf, auch jemand anderen gewählt haben zu können, lohnt es sich vielleicht tatsächlich, die Partnerwahl zu hinterfragen.

Ist die Idee eines freien Willens also reif für den Mülleimer?

Unangenehme Fragen

»Der Mensch kann tun, was er will; er kann aber nicht wollen, was er will.« – Arthur Schopenhauer, Philosoph (1788–1860)

Du könntest besonders clever sein und jemand anderen für dich zwischen Schoko und Banane entscheiden lassen. Oder noch besser, eine Münze werfen!

So einfach ist die Rettung des freien Willens nicht: Deine Entscheidung, jemand anderen oder die Münze wählen zu lassen, wäre ebenso bedingt (durch deine mentalen Zustände) wie alles andere auch. Solltest du jetzt einen Anflug von Ärger verspüren, weil wir schreiben, dass keine deiner Entscheidungen frei ist, wäre auch dieses Gefühl bedingt. Du bist verwirrt oder gar gelangweilt von der Debatte? Auch dafür gibt es eine unweigerliche Erklärung. Selbst wenn du dich jetzt entscheidest, diesen Artikel nicht weiterzulesen, wäre das bereits bestimmt. Deterministen gehen davon aus, dass wir nicht selbst bestimmen können, bestimmte Dinge zu fühlen und auf bestimmte Weise zu reagieren. Es lohnt sich jedoch auch nicht, sich Sorgen darüber zu machen, ob die Welt determiniert ist oder nicht, denn – egal wie sehr wir es uns wünschen – in die Zukunft schauen können wir nicht. 2 Minuten nachdem wir diesen Satz getippt haben, hören wir ein Gespräch zwischen Nachbarn, bei dem der eine sagt: »Wer kann schon in die Zukunft gucken!« (Es ging um die Wettervorhersage und einen drohenden Sturm am nächsten Tag.)

Das Titelbild der TIME vom 12. August 1966 zeigt Charles Whitman vor seinem Haus. Es geht um den Zusammenhang zwischen Psyche und Gesellschaft. So begann die Debatte zu Amokläufen und geistigen Krankheiten. – Quelle: Times copyright

Die Ärzte schlussfolgerten, dass der Tumor, den sie während der Autopsie im Gehirn von Charles Whitman fanden, sehr wahrscheinlich entscheidend dafür war, dass der junge Mann seine gewalttätigen Fantasien in die Realität umsetzte. Damit steht die Frage im Raum: Inwieweit ist er als Person selbst schuldig? Und wo ziehen wir dann die Grenze bei der Frage nach Verantwortung, Schuld und Unschuld? Charles Whitmans Gehirntumor ist nicht der einzige Fall, bei dem ein Tumor ein strafbares Verhalten hervorgerufen hat. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist der Fall eines 40-jährigen, glücklich verheirateten Mannes, der im Jahr 2000 plötzlich großes Interesse an Kinderpornographie bekam. Am Abend vor seiner Inhaftierung klagte er über starke Kopfschmerzen, und die nachfolgende Untersuchung fand einen Tumor im orbitofrontalen Kortex des Mannes. Dieser Bereich des Gehirns spielt bei der Regulierung sozialen Verhaltens eine wichtige Rolle. Der Tumor wurde entfernt und der Mann verlor sein Interesse an Kinderpornographie. Einige Monate später kehrte es jedoch zurück und ein zweiter Tumor an ähnlicher Stelle wurde entfernt. Seitdem ist das Problem nicht mehr aufgetreten. Sein Fall steht symbolisch für unangenehme Fragen, die unsere täglichen Entscheidungen und Urteile in Frage stellen.

Denn neue Erkenntnisse aus der Psychologie und den Neurowissenschaften zeigen uns nicht nur, dass unsere Gene, Die spielen zum Beispiel eine Rolle bei sogenannten Prädispositionen, also ausgeprägten Anfälligkeiten für bestimmte Krankheiten. So kann es sein, dass die 20 Zigaretten pro Tag beim einen Lungenkrebs auslösen, während ein anderer ohne Schaden davonkommt. unsere Umwelt und Wechselwirkungen zwischen beiden Das ist die klassische »Nature vs. Nurture«-Debatte. Also: Spielt die Natur oder die Umgebung und Erziehung die wichtigere Rolle? Mittlerweile ist klar, dass beide miteinander wechselwirken, und zahlreiche Interaktionen sind bereits gut wissenschaftlich untersucht, wie zum Beispiel epigenetische Einflüsse, bei denen Umweltfaktoren auf unsere Genetik einwirken. unsere Entscheidungen stark beeinflussen, sondern auch, wie sie das tun. Charles Whitman hat stark unter der Trennung seiner Eltern gelitten und wurde als Kind von seinem Vater misshandelt. In der Psychologie und Psychiatrie werden solche Ereignisse als »Life Stressors« bezeichnet. Kommen sie zusammen mit genetischen Prädispositionen, erhöht das die Wahrscheinlichkeit bestimmter psychischer Probleme, zum Beispiel einer Depression. Seine Kollegen und Freunde haben ihn häufiger seltsame Gedanken äußern gehört, inklusive Bemerkungen zu den »Erfolgschancen« eines Amokläufers, der vom Aussichtsturm der Universität schießen würde.

Wenn unser vollständiges Verhalten durch Umgebung und Biologie verursacht wird – nicht zwangsläufig durch einen Tumor, sondern durch gefährliches Gedankengut unserer Eltern, Kriegserfahrungen oder bestimmte Gene, die uns aggressiver machen – finden wir dann nicht in jedem von uns eine »Art Tumor«?

Um die Frage nach der Verantwortung klären zu können, brauchen wir eine andere Debatte …

Wer ist denn nun verantwortlich?

Statt zu fragen »Bin ich frei?«, sollten wir fragen: »Wie viel Kontrolle habe ich?«. Je mehr Kontrolle wir haben, desto größer ist unsere Verantwortung. Diese Position vertreten zum Beispiel die kanadische Philosophin Patricia Churchland und der amerikanische Philosoph und Kognitionswissenschaftler Daniel Dennett (der sich als erster Autor dieser Position sieht). Als soziale Tiere könnten wir uns einfach nicht helfen und hielten andere Menschen zwangsläufig für verantwortlich – sodass wir sie dann für ihre Handlungen loben oder beschuldigen können.

Nehmen wir an, Charles Whitman wäre festgenommen und nicht erschossen worden. Wäre dann der Tumor als Ursache für sein Verhalten bestätigt und dieser nicht entfernt worden, hätte der junge Mann mit großer Wahrscheinlichkeit nicht die Kontrolle über sein Leben zurückgewonnen.

Dieser massive, muskuläre Jüngling schien vor Feindlichkeit zu triefen, als er unser Gespräch mit der Aussage begann, dass etwas mit ihm passierte und dass er nicht er selbst zu sein schien. […] Wiederholte Versuche, seine genauen Erfahrungen zu analysieren, waren nicht sehr erfolgreich, mit Ausnahme seiner lebhaften Referenz sich »vorzustellen, den Turm mit einem Jagdgewehr zu besteigen und zu beginnen, Menschen zu erschießen. – Arztbericht zu Charles Whitman vom 29. März 1966 (4 Monate vor der Schießerei)

Wenn wir das Gefühl »sich frei fühlen« gleichsetzen mit »Kontrolle haben«, sieht die Frage nach der Verantwortung schon weniger undurchsichtig aus. Auch wenn wir keine Kontrolle darüber haben, ob wir niesen müssen, können wir kontrollieren, ob wir unseren Naseninhalt auf dem Mittagessen des Sitznachbarn verteilen. Auch wenn wir im angeheiterten Zustand weniger Kontrolle über unser Handeln haben, können wir in den meisten Fällen kontrollieren, ob wir (viel) Alkohol trinken oder nicht. Wir können Kontrolle sogar erlernen: Während wir als Kleinkinder unsere Blase nicht kontrollieren können, lernen wir schnell, es nicht immer und überall laufen zu lassen. Wie wir schlechte Gewohnheiten loswerden, erklärt Maren Urner hier Das Gleiche gilt für schlechte Gewohnheiten, die wir loswerden wollen.

Das Schöne an dieser Definition Dieser Standpunkt wird in der Philosophie des Geistes als eine Art von Kompatibilismus bezeichnet. ist, dass sie den deterministischen Charakter des Universums und das subjektive Gefühl von Freiheit vereint. Damit können wir uns ohne Angst, die Kontrolle zu verlieren, vom inkohärenten und mysteriösen Gefühl vom freien Willen verabschieden. Es bleibt das Gefühl, die Kontrolle zu haben – Unser Gefühl von Kontrolle ist noch größer, wenn wir unbewusst beeinflusst werden (englisch, 2012) besonders auch in Situationen, in denen das nicht der Fall ist.

Mehr davon? Dieser Text ist Teil unserer Reihe zum Kritischen Denken!

Mit Illustrationen von Robin Schüttert für Perspective Daily

von Han Langeslag 

Han geht es um Verantwortung, denn unser Handeln hat heute mehr Einfluss auf das globale Geschehen als je zuvor. Sind wir darauf vorbereitet? Wie können wir überhaupt noch eine Übersicht über die komplexen Zusammenhänge bekommen? Fachlich reicht seine Perspektive als Wirtschaftswissenschaftler, Psychologe und Neurowissenschaftler vom Individuum bis hin zum globalen Handelssystem.


von Maren Urner 

Maren hat in Neurowissenschaften promoviert, weil sie unser Denkapparat so fasziniert. Die schlechte Nachricht: Wir sind weit davon entfernt, unser Gehirn zu verstehen. Die gute Nachricht: Unser Gehirn ist veränderbar, und zwar ein Leben lang. Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Entscheidungen sind also offen für unsere (Lern)-Erfahrungen. Und damit auch für die Erkenntnis: Ich habe mich getäuscht!

Themen:  Gesundheit   Psychologie  

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