Gastautorin: Eva Lindner / Reportage

»Wir wollen keine ungewollten Mädchen«

13. Juni 2017

In Indien nennen Eltern ihre Töchter »Nakusa« – »ungewollt« –, um den Göttern zu zeigen, dass sie sich einen Sohn wünschen. Eine Organisation stemmt sich gegen die Diskriminierung.

Ein paar Frauen gehen barfuß durch das indische Dorf Narafdev und balancieren Körbe aus Bast auf ihren Köpfen. Die bunten Saris Ein Sari ist ein traditionelles Kleidungsstück, das Frauen in Indien, aber auch auf Sri Lanka, in Pakistan und anderen asiatischen Ländern tragen. Es handelt sich dabei um ein meist farbiges, langes Tuch, das um Hüften und Schultern gewickelt wird. der Frauen wellen sich um ihre Beine, Armreifen klimpern an ihren Handgelenken, neugierig beobachten sie, was bei ihren Nachbarn los ist. Aishwarya Aishwaryar bedeutet Reichtum. breitet Bastmatten auf dem Lehmboden im kühlen, dunklen Haus aus. Ihre Mutter, orangefarbener Sari, Nasenpiercing, rotes Bindi – das dritte Auge – auf der Stirn, kocht für den Gast Tee über dem offenen Feuer. Sozialarbeiterin Samindra Bapusaheb Jadhav ist aus der Stadt zu Besuch in dem kleinen Bergdorf. Sie will nachsehen, wie es Aishwarya so geht.

Das Dorf Narafdev hat 509 Bewohner. Es liegt hoch auf einem Berg, 250 Kilometer von Mumbai, der Hauptstadt des Bundesstaates Maharashtra, entfernt. Aishwarya ist 13 Jahre alt, nervös fummelt sie an ihrem Schülerausweis. Sie zieht an seinem Band, das ihr um den Hals liegt, mal nach links, mal nach rechts. Barfuß, schwarze Hose, schwarzer Pferdeschwanz, pinkfarbene Kurta – die knielange traditionelle, indische Oberbekleidung – ein Schal liegt ihr lose über den Schultern.

»30 Millionen mehr Männer als Frauen«

Auf ihrem Ausweis steht ihr neuer Name. Aishwarya bedeutet ihr alles. Er ist nicht nur Teil ihrer Identität, er ist ihre Legitimation. Den Namen, den ihre Mutter ihr gab, als sie auf die Welt kam, hat sie nicht gemocht. Er zeigte ihr wieder und wieder, dass ihre Eltern sie nicht wollten. Dass sie es besser hätten, wenn sie nie geboren worden wäre. Dass sie sich einen Jungen wünschten und kein Mädchen. Deshalb nannten sie ihre Tochter »Nakusa« – »ungewollt«.

Weil indische Eltern männliche Nachkommen favorisieren, Mehr Informationen dazu liefert die Dokumentation »Das schwache Geschlecht – Frauen in Indien« leben in dem Land heute fast 30 Millionen mehr Männer als Frauen. Mädchen werden häufig abgetrieben, vernachlässigt oder sogar getötet. Der Name »Nakusa« ist eine der offensichtlichsten Diskriminierungen von Töchtern. Doch einige Organisationen haben den Kampf gegen die Ungerechtigkeit aufgenommen.

Die junge Aishwarya und die Sozialarbeiterin Samindra Bapusaheb Jadhav – Quelle: Eva Lindner copyright

»Alle Mädchen sollen willkommen sein«

Samindra Bapusaheb Jadhav hat ihre Sonnenbrille in die Haare gesteckt. Sie trägt einen gestreiften Sari, goldenen Schmuck und rosafarbenen Lippenstift. Sie hat geholfen, dass aus Nakusa Aishwarya wurde. Mit ihrer Die NGO arbeitet mit UNICEF zusammen für die Stärkung von Frauenrechten in Indien (englisch) Organisation »Swaymsiddha Mahila Vikas Sanstha« unterstützt sie seit ein paar Jahren junge Mädchen darin, ihre Geburtsurkunde, Zeugnisse und Ausweise umschreiben zu lassen.

280 Nakusas durften sich mit ihrer Hilfe schon einen neuen Namen aussuchen. Zusammen mit Aishwarya sieht sie sich das Foto an, auf dem die Schülerin mit einem roten Haarreif im Schneidersitz auf einem Tisch hockt und feierlich ihre neuen Dokumente überreicht bekommt. »Wir wollen keine ungewollten Mädchen mehr«, sagt Samindra Bapusaheb Jadhav, die selbst 2 Söhne hat. »Alle Mädchen sollen willkommen sein.«

»Genug Töchter, wir wollen einen Sohn.«

In Indien haben Namen ihren Ursprung häufig in der Mythologie und Religion. Der Name soll dem Kind seinen Weg in die Zukunft weisen, helfen, seine Persönlichkeit zu entwickeln. Beliebt sind für Mädchen Lakshmi, nach der Göttin des Wohlstandes, Sunita, »höflich«, oder Kavita, »Gedicht«. In der Region Satara im Staat Maharashtra im mittleren Indien vertrauen Eltern, die viele Mädchen haben, auf die Tradition, den Göttern mit dem Namen des Kindes ein Zeichen zu schicken. Nakusa soll klarmachen: »Genug Töchter, wir wollen einen Sohn.«

Fragt man Aishwaryas Mutter, warum sie ihrer Tochter den Namen Nakusa gegeben hat, sagt sie: »Wir haben schon 6 Mädchen gehabt, wir wollten einen Sohn.« Sie sieht ihre Tochter an, die mit gesenktem Kopf auf den Lehmboden starrt. Zwischen ihren Finger schiebt sie ihren Schülerausweis vor und zurück. »Wir wollten sie nicht, deshalb haben wir sie Nakusa genannt«, sagt ihre Mutter und dreht sich weg. Aishwarya sitzt reglos auf der Bastmatte, eine Träne fließt langsam ihre Wange hinunter.

T.V. Sekher forscht zu Genderdiskriminierung in Indien – Quelle: Cornell University copyright

Etwa 1.000 Mädchen mit dem Namen Nakusa leben in Satara, schätzt T.V. Sekher, Professor am Hier geht es zur Internetseite des Instituts in Mumbai (englisch) Internationalen Institut für Bevölkerungswissenschaft in Mumbai. Die Studie befasst sich mit Kultur, Genderbias und Aberglauben, die die Nakusa-Mädchen von Maharashtra umgeben (englisch, 2015) Er hat kürzlich eine Studie herausgegeben, in der er die psychischen Auswirkungen des Namens Nakusa auf die Mädchen erforscht hat. Die Times of India hat die wichtigsten Ergebnisse aus der Studie aufbereitet (englisch, 2016) Es kam heraus, dass 70% Demütigungen erleben und traumatisiert sind.

Wir blicken in Indien auf eine jahrhundertelange Diskriminierung von Mädchen zurück. Was wir hier im ländlichen Maharashtra erleben, ist die grausamste Form davon. – T.V. Sekher

Auch Aishwarya kann davon erzählen. »›Komm her, du Ungewollte‹, riefen die anderen Kinder mich«, sagt sie, und »Naku« oder »Nake«, schmähende Spitznamen für einen an sich schon erniedrigenden Eigennamen. »Oft durfte ich gar nicht bei den anderen Kindern mitmachen«. Wer nicht einmal von seinen eigenen Eltern gewollt ist, ist auch beim Spielen unerwünscht. Was Nakusa heißt, habe sie erst in der Schule erfahren, als alle Kinder die Bedeutung ihrer Namen erklären sollten. Als sie ihren nicht erklären konnte, hat der Lehrer die Kreide genommen und in der Landessprache Marathi an die Tafel geschrieben: »›nako aslely mulgi‹ bedeutet ungewolltes Mädchen«. »Ich habe mich so schmutzig gefühlt«, sagt Aishwarya leise und schaut auf den Boden.

Als Aishwaryas Lehrer ihre Eltern auf die Möglichkeit aufmerksam machte, ihren Namen zu ändern, hatten sie allerdings nichts dagegen. Samindra Bapusaheb Jadhavs Organisation half, die Dokumente zu beantragen, und kam für die Kosten in Höhe von 200 Rupien, knapp 3 Euro, auf. Geld, das die Familie dringend braucht, denn sie muss wie 65% der Nakusa-Familien mit einem Monatseinkommen von unter 30 Euro auskommen.

Die Familie lebt von der Landwirtschaft, neben ihnen sind 2 Ochsen, eine Kuh, ein Kälbchen und ein paar Ziegen angebunden. Was man im Westen als Krippenspiel zu Weihnachten kennt, ist im ländlichen Indien Alltag, Aishwarya lebt mit ihrer Familie in einem Stall. Auf dem Boden liegen Stroh und ein paar Kochtöpfe. Wasser und Strom fließen hier nicht.

Bäume pflanzen gegen die Stigmatisierung

Dass indische Paare oft Söhne den Töchtern vorziehen, hat meist finanzielle Gründe. Gerade für einfache Familien werden Mädchen schnell zur Armutsfalle. Ausbildung, Hochzeit und Mitgift Die Mitgift ist die Aussteuer, also das Vermögen und der Besitz, den die Braut mit in die Ehe bringt. Wegen Streitigkeiten bis hin zu Morden ist diese Praxis seit 1961 in Indien verboten, doch die Tradition wird vielerorts aufrechterhalten. Der Preis richtet sich nach Aussehen, Hautfarbe, Einkommen und Kaste, üblicherweise zwischen 5 und 20% des Familieneinkommens. – die zwar gesetzlich verboten, aber noch immer die Regel ist – kosten die Eltern viel Geld. Viele müssen Kredite aufnehmen, Depressionen und Selbstmorde sind bei den Vätern oder Müttern der Mädchen nicht selten.

Nach der Heirat geht die Tochter mit ihrem Besitz in das Eigentum der Familie des Bräutigams über, die Eltern bleiben beim Sohn. Weil es in Indien keine staatliche Rente gibt, sind sie im Alter finanziell von ihm abhängig. »Söhne werden in vielen Familien bevorzugt behandelt, sie erhalten mehr Bildung und als Erste am Tisch die Mahlzeiten. Wenn etwas übrig bleibt, bekommen es die Töchter«, sagt Wissenschaftler Sekher. Die Investition in die Mädchen zahlt sich für die Eltern oft nicht aus. Sekher zitiert ein indisches Sprichwort:

Eine Tochter großzuziehen ist so, wie die Blume im Garten des Nachbarn zu gießen. – Indisches Sprichwort

Bevölkerungsforscher T.V. Sekher sieht die Lösung in Finanzierungsprogrammen für Mädchen, damit ihr materieller und immaterieller Wert in der Gesellschaft wächst. Das Dorf hat viele verschiedene Umweltprojekte ins Leben gerufen (englisch) Mit einer solchen Idee experimentiert bereits das Dorf Piplantri in der Region Rajasthan. Darüber berichtete die indische Tageszeitung The Hindu (englisch, 2013) Jedes Mal, wenn im Ort ein Mädchen geboren wird, pflanzen die Einwohner 111 Bäume. Außerdem eröffnen sie einen Fonds, in den sie und die Eltern umgerechnet etwa 400 Euro einzahlen. Die werden dann für 20 Jahre als Festgeld für das Mädchen, seine Krankenversicherung, Hochzeit und Mitgift angelegt. Auf diesem Weg soll es nicht zur finanziellen Last für die Eltern werden. Sie verpflichten sich außerdem, dass sie ihre Tochter zur Schule schicken und sie nicht verheiraten, bevor sie volljährig ist.

Die indischen Mädchen in der Region Rajastahn stehen in einem Wald von Bäumen, der für sie gepflanzt wurde. – Quelle: Kiran Nidhi Sansthan copyright

Die Bäume dienen den Dorfbewohnern unterdessen als Einnahmequelle. Sie verkaufen ihre Früchte und das Holz. Seit 2006 haben die Bewohner bereits mehr als 250.000 gepflanzt. Das Dorf gleicht einer Oase. Die indische Zeitung The Hindu nannte das Projekt »Öko-Feminismus«. Den Einsatz für beides, Frauenrechte und Umweltschutz, braucht Indien dringend. Um die Früchte der Bäume vor Termiten zu schützen, haben die Einwohner außerdem Millionen Aloe-vera-Pflanzen zu deren Schutz gesät. Mittlerweile nutzen sie auch diese Pflanzen, um Gel und Säfte zu gewinnen, die sie anschließend verkaufen. Eine Gewinnkette für alle, die ihren Anfang in der Geburt eines Mädchens hat.

Warum Männer mehr wert sind

Doch noch immer sind es die Söhne, denen in der indischen Gesellschaft auch spirituell der größere Wert beigemessen wird. Sterben die Eltern, geben sie ihnen das letzte Geleit und zünden in der traditionellen Feuerbestattung den leblosen Körper an. »Das Seelenheil der Eltern liegt in der Hand ihrer Söhne«, sagt Professor Sekher. Sie sind es auch, die das Grundstück der Eltern erben; hat die Familie nur Töchter, verliert sie ihr Land. So manifestiert sich die männerdominierte Gesellschaft ökonomisch, sozial und kulturell.

Es gibt viele fragwürdige Methoden, die verzweifelte Eltern in Indien ergreifen, um endlich einen Sohn zu bekommen. Viele bestechen ihren Arzt, ihnen das Geschlecht des ungeborenen Kindes zu verraten. Wenn es ein Mädchen ist, lassen die Eltern es häufig abtreiben. Schon vor mehr als 20 Jahren hat Indien diese Praxis per Gesetz verboten.

Mädchennamen wie Grenze, Stein oder Eisen gelten als Stoppzeichen für die Götter

Aber auch nach der Geburt sind die Mädchen nicht sicher, oftmals verhungern sie, werden vernachlässigt, bis sie sterben, oder sogar getötet. Das Ungleichgewicht der Geschlechter hat absurde Auswirkungen in der Gesellschaft. Mancherorts teilen sich Brüder eine Ehefrau. Und aus dem bitterarmen Norden werden Frauen in den Süden verkauft. Dort fristen sie ein Leben als Haussklavinnen. Bei den eigenen Kindern gilt dann das erste als Gottesgeschenk, sein Geschlecht spielt meist noch keine große Rolle. Das zweite Kind soll dann aber ein Junge werden.

Nakusa heißen meist die Mädchen, die schon 2 oder 3 ältere Schwestern und noch keinen Bruder haben. »Indem Eltern ihre Tochter Nakusa nennen, flehen sie die Götter um Erbarmen. Sie haben den Glauben oder vielmehr den Aberglauben, dass sie dann einen Sohn bekommen«, sagt der Wissenschaftler. Auch Namen wie Grenze, Stein oder Eisen sollen eine Art Stoppzeichen für die Götter sein, Nakusa ist der wohl unbarmherzigste.

Neues Leben durch Bildung und Bollywood

Erst 2011 ist Sekher durch eine Umfrage des Gesundheitsministeriums auf den ungewöhnlichen Mädchennamen in der Satara-Region aufmerksam geworden. 400 Nakusas konnte er lokalisieren, die älteste ist 50 Jahre alt. »Das sagt uns, dass sich der Brauch wahrscheinlich schon seit Generationen hält.« Dass Aishwaryas Mutter keinerlei Scham oder Reue zeigt, ihre Tochter stigmatisiert zu haben, erstaunt Sekher nicht. »Der Glaube wiegt gerade bei armen, bildungsschwachen Familien viel schwerer als die Vernunft.«

Laut seiner Studie kann die Mehrheit der Nakusa-Mütter weder lesen noch schreiben, die Väter gehen, wenn überhaupt, oft nur wenige Jahre zur Schule. Meistens sind es die Großmütter zusammen mit den älteren Frauen im Dorf, die den Namen für die Enkelinnen wählen. Dass auch sie häufig über keinerlei Schulbildung verfügen, ist Teil des Problems.

NDR-Reportage über die Großmutterschule in Indien Die Stiftung »Motiram Dalal Charitable Trust« schickt deshalb im Bundesstaat Maharashtra Großmütter in die Schule. In Phangane, einem Ort 3 Autostunden entfernt von Mumbai, drücken die alten Frauen jeden Tag 2 Stunden die Schulbank, um lesen und schreiben zu lernen. Die jüngste ist 65 Jahre alt. Sie haben als Analphabetinnen ihr Leben lang mit ihrem Daumenabdruck unterschrieben. Das Projekt soll dafür sorgen, dass die Frauen unabhängiger werden und ihr Ansehen in den Familien steigt. Von ihrer Emanzipation und Bildung profitieren auch die jungen Mädchen in den Familien.

Die Schauspielerin Aishwarya Rai – Quelle: bollywoodhungama.com CC BY-SA

Organisationen wie die von Samindra Bapusaheb Jadhav besuchen die Nakusa-Familien auch, um zu prüfen, dass sich nicht nur auf dem Dokument etwas geändert hat, sondern die Familien ihre Töchter auch wirklich bei ihrem neuen Namen nennen. Viele Mädchen entscheiden sich bei der Wahl eines neuen Namens für Aishwarya. Die Bollywoodschauspielerin Aishwarya Rai ist ein großes Vorbild. Lange bevor die Mädchen geboren wurden, im Jahr 1994, wurde das Model zur Miss World gewählt.

Im besten Fall ändert die Familie den Namen, bevor die Mädchen in die Schule kommen. Dort lernt ein breites Umfeld den Namen kennen und kann sich später nur schwer umgewöhnen. – T.V. Sekher

Je älter die Nakusas werden, desto seltener stimmen sie einer Namensänderung zu. Deshalb gehen viele Projekte gegen die Stigmatisierung in jungen Jahren vor: »Wir müssen es schaffen, die Spirale der Diskriminierung zu durchbrechen«, sagt T.V. Sekher. »Denn wird ein Mädchen, das gedemütigt, erniedrigt und von seinen Eltern vernachlässigt wurde, selbst jemals eine Tochter haben wollen?«

Eva Lindner arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt u.a. für Die Zeit, Süddeutsche Zeitung und Die Welt, am liebsten Reportagen aus dem Ausland für die Ressorts Wissenschaft und Gesellschaft.

Titelbild: Eva Lindner - copyright

 

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