Maren Urner & Han Langeslag

Dieses »Syndrom« hat uns fest im Griff

16. Juni 2017

Teste, wie anfällig du bist. Und erfahre, welche 3 Wörter du jederzeit als Gegenmittel nutzen kannst.

Für eine erste Einschätzung beantworte zunächst folgende 4 Fragen:

  1. Du bestellst ein Bier und einen Schnaps und zahlst 1,10 Euro. Das Bier kostet einen Euro mehr als der Schnaps. Wie viel kostet der Schnaps?
  2. 5 Mainzelmännchen benötigen 5 Minuten, um 5 Tische abzuräumen. Wie lange brauchen 100 Mainzelmännchen, um 100 Tische abzuräumen?
  3. Alle Säugetiere können laufen. Ein Wal ist ein Säugetier. Also kann ein Wal laufen. Ist diese Aussage logisch korrekt?
  4. Wie viele der 3 Fragen glaubst du richtig beantwortet zu haben?

Die richtigen Antworten erfährst du mit einem Klick auf den kleinen Pfeil hier. 1. Der Schnaps kostet 5 Cent (und das Bier 1,05 Euro). 2. Sie benötigen 5 Minuten. 3. Ja, die Aussage ist logisch korrekt (auch wenn sie faktisch falsch ist.)

Und, wie hast du abgeschnitten? Hast du schnell aus dem Bauch heraus geantwortet und 10 Cent, 100 Minuten und »unlogisch« getippt? Wenn es dir schwerfiel, diese intuitiven Antworten zu unterdrücken, bist du anfälliger für das Syndrom. Du hattest alle 3 Fragen richtig? Prima, aber auch du bist nicht immun.

Jeder kennt das Syndrom von anderen, leidet aber gleichzeitig auch selbst darunter. Das Internet, die Dauerbeschallung durch Nachrichtensender und Talkshows rund um die Uhr bieten den perfekten Nährboden: Wer dort am lautesten schreit, zeigt vermutlich starke Symptome des Syndroms.

Wie schlimm es werden kann, wenn das Syndrom jahrzehntelang unbehandelt bleibt, demonstriert der zurzeit mächtigste Mann der Welt Tag für Tag aufs Neue. Statement von Donald Trump zur Nutzung von Dampftechnik für Flugzeuge (englisch, 2017) Im Mai 2017 verkündete er stolz, dass er der US-Marine empfohlen habe, für den Start von Flugzeugen von Flugzeugträgern wieder die gute alte Dampftechnik zu nutzen.

Es erschien mir schlecht. Digital. Sie haben digital. Was ist digital? Und es ist sehr kompliziert, man muss Albert Einstein sein, um es zu kapieren. – Donald Trump

Donald Trump zeigt kontinuierlich, dass er oftmals keine oder wenig Ahnung hat. Sein »Wissen« über die Technik von Flugzeugträgern ist da vermutlich keine Ausnahme. Dieser Artikel bei Bloomberg erklärt, wie stark Trump den Dunning-Kruger-Effekt zeigt (englisch, 2017) Seine Unkenntnis hat ihn – wie so oft – aber nicht daran gehindert, sein Urteil abzugeben.

Vielleicht hat er sich auf Wikipedia umgeschaut oder was bei Fox News gesehen und so erfahren, dass die zuvor gängige Technik tatsächlich Dampf war. Ein wenig vergleichbar mit deinem Verhalten, wenn du dich ein paar Tage oder Wochen mit einem Thema beschäftigst. Dazu im Internet oder der Bibliothek recherchierst, ein paar Sendungen und Videos schaust. Oder nach 3 Monaten Tennisunterricht das Gefühl hast, Serena Williams oder Roger Federer besiegen zu können. Das gilt nicht nur für Wissen und Sport, sondern auch für andere Tätigkeiten, sei es beim Computerspielen oder beim Erlernen eines Instruments. Spätestens bei der nächsten Diskussion zum Thema bringst du dich lautstark ein – schließlich bist du informierter als die meisten anderen. Wie einfach sich dieser Effekt bei sich selbst zeigt, belegen eine Reihe von Experimenten, bei denen die Versuchsteilenehmer zum Beispiel gefragt werden, wie gut sie über bestimmte Dinge wie Toiletten oder das Gesundheitssystem Bescheid wissen. Im Durchschnitt schätzen sie ihr Wissen vergleichsweise hoch ein. Werden sie dann aber gebeten, zu erklären, wie eine Toilette funktioniert, waren die meisten dazu nicht in der Lage.

Das ist der Moment, an dem du auf dem »Ignoranz-Gipfel« Im Englischen als »Mount Stupid« bezeichnet. angekommen bist.

Die wichtigsten Symptome

Klar, wenn wir am Fuße des Gipfels stehen und gar nichts wissen, ist uns das meistens auch bewusst. Wer keinen Führerschein hat, glaubt nicht, der nächste Formel-1-Weltmeister zu werden. Wer Physik in der Schule abgewählt hat, denkt nicht, schwarze Löcher erklären zu können.

Das Symptom der Selbstüberschätzung schlägt zu, wenn wir uns vom Novizen zum Amateur entwickeln. Das geht meist schnell: Egal ob es um die ersten Akkorde auf der Gitarre, das Grundwissen zu einem bestimmten Thema oder darum geht, beim Singen einen Ton zu halten. Die steile Lernkurve sorgt dafür, dass wir den Fortschritt genießen und glauben, keiner könne uns was vormachen.

»Der größte Feind des Wissens ist nicht die Ignoranz, sondern die Illusion, Wissen zu haben.« – Daniel J. Boorstin (amerikanischer Historiker)

Die Herausforderung besteht dann darin, vom »Ignoranz-Berg« wieder hinabzusteigen, aus der Gefahrenzone hinaus. Das fällt schwer, vielleicht weil die Aussicht dort oben so schön ist, aber ganz bestimmt weil es anstrengend ist. Denn dann geht es plötzlich nicht mehr so leicht mit den Verbesserungen: Vom Beatles-Song auf der Gitarre bis zum komplizierten Flamencostück braucht es viel länger. Nur wer den Abstieg wagt, erkennt, wie wenig er noch immer weiß.

Das Konzept des »Ignoranz-Gipfels« liefert eine mögliche Erklärung für das beschriebene Syndrom und damit einen mittlerweile weltberühmten Effekt: den Dunning-Kruger-Effekt. Ende der 90er-Jahre stellten die beiden amerikanischen Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger ihren Studenten nach einer Klausur eine einfache Frage: »Was glaubst du, wie gut du abgeschnitten hast?« Studie zur Selbsteinschätzung von Dunning und Kruger (englisch, 1999) Das Ergebnis überraschte nicht nur sie: Die Studenten mit den schlechtesten Noten schätzten sich selbst viel besser ein. Die Studenten mit den besten Noten lagen mit ihrer Einschätzung viel dichter am tatsächlichen Ergebnis und tendierten sogar zu einer leichten Unterschätzung.

Originalergebnisse aus der ersten Studie von David Dunning und Justin Kruger. Menschen im untersten Viertel (mit den schlechtesten Ergebnissen) zeigen die größte Diskrepanz zwischen tatsächlicher und geschätzter Leistung. Die Teilnehmer sind hier in 4 gleiche Gruppen unterteilt, aufsteigend von der schlechtesten zur besten erreichten Leistung.

Hier sind zum Beispiel weitere Studienergebnisse von Dunning und Kruger (englisch, 2003) Der ersten Studie folgten zahlreiche weitere rund um die Welt. Immer wieder zeigte sich das gleiche Ergebnis: Diejenigen mit geringem, aber doch vorhandenem Wissen überschätzen sich am stärksten – sie stehen auf dem »Ignoranz-Gipfel«.

Die beiden wichtigsten Folgen der eigenen Inkompetenz, Dabei sind wir nicht entweder kompetent oder inkompetent, sondern (in)kompetent in verschiedenen Bereichen wie dem Wissen über Flugzeugträger oder der Fähigkeit, Tennis zu spielen. die uns auf dem Gipfel verweilen lässt, sind wie ein doppelter Fluch:

  1. Wir machen Fehler und treffen schlechte Entscheidungen, weil uns die Expertise fehlt.
  2. Wir sind nicht in der Lage, unsere und die Kompetenz anderer richtig einzuschätzen. Das hat nichts mit Leugnung zu tun, sondern ist schlichtweg ein Zeichen fehlender Kompetenz.

Hier schreiben wir über einen anderen blinden Fleck: die Vorstellung, dass wir objektive Beobachter seien Dieser blinde Fleck in unserer Selbsteinschätzung hat das Weltgeschehen fest im Griff: Er führt nicht nur dazu, dass wir selbst Fehler machen, sondern dass vor allem in Zeiten des Internets die Siedler des »Ignoranz-Gipfels« überzeugt davon sind, es besser zu wissen als diejenigen, die den Gipfel schon lange verlassen haben. Das Problem: Sie schreien häufig am lautesten.

Die grundlegende Ursache der Unruhen ist, dass in der modernen Welt die Dummen sich todsicher sind, während die Intelligenten voller Zweifel sind. – Bertrand Russell im Jahr 1933 zum Aufstieg Hitlers (britischer Mathematiker und Philosoph, 1872–1970)

Die Verbreitung

Ein Beruf, in dem besonders laut und viel geschrien wird, ist der des Journalisten. Wir selbst, die Autoren dieses Textes, laufen also besonders große Gefahr, anschauliche Beispiele für den Dunning-Kruger-Effekt zu liefern. Vielleicht erklimmen wir bei der Recherche schnell den »Ignoranz-Gipfel«, ohne zu erkennen, dass wir uns gerade dort befinden. Um uns darunter zu schubsen, brauchen wir die anderen Autoren im Team und unsere Mitglieder, die unser Wissen auf die Probe stellen und hinterfragen. Welche Phasen unsere Texte durchlaufen, erfährst du hier.

Einen optimalen Nährboden für das Syndrom bieten fehlende Zeit und mangelndes Fachwissen bei der journalistischen Arbeit. Die festen Autoren von Perspective Daily verfügen alle über Fachwissen in ihrem Themenbereich. Das führt dazu, dass die betroffenen Journalisten auch nicht in der Lage sind, die Gesprächspartner mit der größten Expertise ins Studio und als Interviewpartner einzuladen (siehe den zweiten Teil des doppelten Fluchs: Wir können Kompetenz nicht einschätzen). Verschlimmert wird das Ganze dadurch, dass diejenigen, die den Gipfel schon auf der rechten Seite verlassen haben, sich meist eher leise verhalten und stärker am eigenen Wissen zweifeln. Sie wissen besser, was sie alles noch nicht wissen.

Sich selbst besonders sicher zu fühlen, ist nicht zwangsläufig ein guter Indikator für Kompetenz. Im Gegenteil: In manchen Fällen signalisiert die Überzeugung, besonders fähig zu sein, die eigene Unfähigkeit. Senioren hinterm Steuer sind eine größere Gefahr als Terroristen Ein Beispiel dafür sind Senioren hinterm Steuer, die sich als »überdurchschnittliche Fahrer« einschätzen. Für diese sollten auf der Polizeiwache die Alarmglocken klingeln, Studie zur Selbsteinschätzung und Kompetenz von älteren Autofahrern (englisch, 2005) denn sie sind im Durchschnitt die gefährlicheren Autofahrer im Vergleich zu ihren bescheidenen Altersgenossen.

»Ignoranz erzeugt häufiger hohes Vertrauen statt Wissen.« – Charles Darwin, englischer Biologe (1809 –1882)

Neben der Zugehörigkeit zu bestimmten Berufs- und Nutzergruppen gibt es auch einige psychologische Eigenschaften, die es dem Syndrom besonders leichtmachen. Hinzu kommen kulturelle Unterschiede. Während das Syndrom in Nordamerika und Europa allgegenwärtig ist, lässt sich diese Selbstüberschätzung in anderen Ländern wie Japan weniger beobachten. Der Dunning-Kruger-Effekt ist dort jedoch noch nicht untersucht worden. Deshalb greifen wir die unterschiedlichen Aspekte des Kritischen Denkens seit einigen Monaten hier auf Eine davon, die in Studien gut untersucht ist, und die wir hier mit den 3 Fragen zu Beginn aufgegriffen haben, ist die Fähigkeit, kritisch zu denken. Das heißt, Menschen, die häufig voreilige Schlüsse ziehen, Also »10 Cent«, »100 Mainzelmännchen« und »unlogisch« antworten. Ratschläge ignorieren und sich weigern, ihre Haltung zu überdenken, Diskussionsbeitrag von David Dunning in einer »Ask me anything«-Session (englisch, 2014) verharren besonders gern auf dem »Ignoranz-Gipfel«.

Liegt die Lösung also darin, sich einfach immer auf die besten Experten zu verlassen? Jein. Denn wie die kleine Übersicht der Verbreitung hier zeigt, hat das Syndrom verschiedene Einfallstore. Studie, die unter anderem zeigt, dass sich Professoren überschätzen (englisch, 1977) Eine Studie mit amerikanischen Universitätsprofessoren zeigte, dass 94% der Befragten ihre Arbeit für »überdurchschnittlich« halten – eine Tatsache, die mathematisch höchst unwahrscheinlich ist. Außerdem tendieren Experten dazu, ihr eigenes Feld der Expertise zu verlassen, und sie werden gleichzeitig von Journalisten gern als eine Art Universal-Experte Ein Grund, warum wir bei Perspective Daily den Begriff »Experte« vermeiden und stattdessen lieber die jeweilige Fachkompetenz erwähnen. genutzt. Ein Professor für Mathematik sollte jedoch nicht als politischer Analyst herangezogen werden. Als Neurowissenschaftler haben wir beide diese Erfahrung tatsächlich schon häufiger gemacht: Manche Menschen gehen davon aus, dass wir sie heilen oder zumindest therapieren können.

Egal wie du die Fragen zu Beginn beantwortet hast, dein Abstand zum »Ignoranz-Gipfel« lässt sich immer noch vergrößern. Dabei helfen ein paar Gegenmittel und die 3 versprochenen Worte.

Die Gegenmittel

  1. Frag andere nach ihrer Meinung: Generell sind wir nicht gut darin, uns selbst einzuschätzen. Der Austausch mit anderen kann uns auf 2 Wegen dabei helfen. Auch wenn es manchmal unangenehm ist, verbessert Feedback von außen unsere Selbsteinschätzung, und das Wissen des Gegenübers erleichtert das Lernen.
  2. Sei ehrlicher (und vergiss falsche Höflichkeiten): Die Einsichten anderer helfen nur, wenn sie ehrlich sind. Es ist schön, wenn Familie und Freunde dir sagen, wie toll du singen kannst. Wenn du dann aber einen höchstens mittelmäßigen Auftritt bei »Deutschland sucht den Superstar« Der Dunning-Kruger-Effekt sollte zunächst übrigens »American-Idol-Effekt« heißen. »American Idol« ist das amerikanische Original von »Deutschland sucht den Superstar«. hinlegst, freuen sich höchstens das hämisch lachende Publikum und die Jury. Genau wie du es schaffst, deine Oma davon zu überzeugen, der nächste Superstar zu sein, Die Aufnahme der ersten Kabinettsversammlung Trumps zeigt dies eindrücklich (englisch) ist Donald Trump ein Meister darin, Menschen um sich zu versammeln, die es ihm ermöglichen, auf dem »Ignoranz-Gipfel« zu bleiben.
  3. Akzeptiere Fehler: Wenn du dich getäuscht hast, such den Fehler bei dir. Wenn es neue Erkenntnisse gibt, zum Beispiel aus der Wissenschaft, dann sträube dich nicht dagegen, sie zu akzeptieren. Sei bereit, Fehler und Irrtümer zuzugeben, statt an der eigenen Überzeugung festzuhalten. Leider ist die Fehlerkultur – gerade in vielen Organisationen – sehr schlecht ausgeprägt. Sprich, statt die Einsicht eines Teilnehmers oder Mitarbeiters zu belohnen, werden Fehler bestraft oder bloßgestellt. Das Thema ist auf jeden Fall einen eigenen Artikel wert. Nur dann kannst du sehen, was du gelernt hast.

Ein erster Schritt Trumps zur Einsicht, sich getäuscht zu haben? (englisch) Es ist ein unglaublich kompliziertes Thema. Niemand wusste, dass das Gesundheitssystem so kompliziert sein könnte. – Donald Trump im Februar 2017

Wir haben häufig das Gefühl, uns selbst gut zu kennen, und überschätzen die eigene Kompetenz. Was dagegen vielleicht am besten hilft? Sich öfter mal trauen, zu sagen: »Ich weiß nicht!«


Mehr davon? Dieser Text ist Teil unserer Reihe zum Kritischen Denken!

Mit Illustrationen von Robin Schüttert für Perspective Daily

Mit Illustrationen von Robin Schüttert für Perspective Daily

 

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